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Arbeitstreffen des DFG-Netzwerks "Zeitenwelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Netzwerk „ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter“
Datum, Ort:12.04.2013–13.04.2013, Göttingen

Bericht von:
Petra Waffner / Uta Kleine, Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas, FernUniversität in Hagen
E-Mail: <Petra.WaffnerFernUni-Hagen.de>; <Uta.KleineFernuni-Hagen.de>

Im Anschluss an einen vorangegangenen Workshop in Berlin [1], in dem es um theoretische und philosophische Aspekte mittelalterlicher Zeitvorstellungen ging, standen beim dritten Arbeitstreffen der Mitglieder des DFG-Netzwerks ZeitenWelten in Göttingen dieses Mal die "Praxen der Zeitlichkeit" im Mittelpunkt: Es ging um Techniken der Zeitmessung und ebenso um konkrete Handlungsvollzüge, in denen Zeitkonzepte zum Ausdruck gebracht wurden. Verbunden waren die beiden aufeinanderfolgenden Treffen durch die Frage nach dem Verhältnis zwischen theoretischen Deutungsmustern und praktischer Gestaltung der Zeit, nämlich wie mit Hilfe von Bildern, Texten und Gesten Dynamik bzw. Stillstand von Zeit verdeutlicht werden.

Zunächst stellten drei Mitglieder des Netzwerkes ihre Forschungsprojekte vor. Im Beitrag PATRIZIA CARMASSIs (Göttingen/Wolfenbüttel) geht es um eine Analyse der "Zeit-Dimensionen in liturgischen Quellen aus Halberstadt". Er basiert auf einem Corpus von mittelalterlichen Handschriften aus Halberstadt. Die Halberstädter Buch- und Kirchengeschichte kann auf geradezu ideale Weise rekonstruiert werden, wenn ihre heute zerstreuten Bestände zusammen und interdisziplinär analysiert werden. Insbesondere wurden zur Fragestellung des Netzwerkes Texte aus der Liturgie der Priester- und Kirchweihe, Formulare für die Hauptfeste des Kirchenjahres in Missalen und Lektionaren, Heiligenlegenden, Kalendarien und narrativen Quellen wie den Gesta episcoporum verwendet. Dabei können drei Aspekte herauskristallisiert und dargestellt werden: die Erwähnung und Reflexion über die Zeit in heilsgeschichtlicher Perspektive, unter besonderer Berücksichtigung der Zeitimplikationen im sakramentalen Geschehen; die Ordnung und Gestaltung der kirchlichen Zeit durch den liturgischen Kalender, in synchronischer und diachronischer Perspektive (Einführung neuer Feste); sowie die Bedeutung der Zeit im Spannungsfeld zwischen liturgischer Kontinuität und Liturgiereform.

Im Zentrum des Projektes von ANJA RATHMANN-LUTZ (Basel) steht die Königsabtei St. Denis. Ihre Analyse von Regeltexten aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts hat sie unter den Titel „Monastische Zeit – höfische Zeit - Wie lang ist der Weg von Saint Denis nach Paris und Reims?“ gestellt. Ihr geht es um eine Untersuchung unterschiedlicher "Zeitregimes" an Kloster und Hof. Die funktionale Mehrschichtigkeit von Saint-Denis als kontemplativer Ort, als königliche Grablege und caput regni sowie als Pilgerstätte, eignet sich in besonderer Weise dazu, unterschiedliche Modi der Zeitorganisation und -repräsentation offen zu legen. Rathmann-Lutz unterscheidet idealtypisch fünf solcher Modi (die sich in unterschiedlicher Weise überlagern können: 1. die heilige/biblische Zeit, 2. die historische Zeit (beide vergangen, aber liturgisch aktualisierbar), 3. die liturgische Zeit (präsent, momentan), 4. die anthropologische oder somatische Zeit (präsent, körperlich, messbar), und schließlich 5. die geheiligte Zeit. Über diesen Zeitebenen liegt dabei die eschatologische Zeit. Vergleicht man die Repräsentation von Zeit im klösterlichen und im höfischen Milieu, zeigen sich zwei gegensätzliche Zeitregimes: der stabilitas des Klosters steht der durch körperliche Präsenz, kontinuierliche Bewegung und hohe Geschwindigkeit gekennzeichnete Alltag des Hofes gegenüber.

EVA MARIA BUTZ (Dortmund) untersucht „Zeit- und Raumstrukturen in frühmittelalterlichen libri memoriales“ aus den Abteien Remiremont, Reichenau, Pfäfers, Salzburg, St. Gallen und Brescia (alle 9. Jahrhundert). Obwohl sie zeitlich und teilweise auch räumlich nahe beieinanderliegen, verwenden diese Verbrüderungs- oder besser: Gedenkbücher bei der Organisation der Inhalte (ursprünglich: Namenslisten) doch ganz unterschiedliche Techniken. Hieraus ergeben sich jeweils auch ganz unterschiedliche Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Zeitebenen. So werden beispielsweise im Salzburger Zeugnis Personen der Heilsgeschichte (Patriarchen, Propheten und Apostel), noch lebende Gönner und Vorsteher (Bischöfe, Abt, regionaler Adel, Karolingerkönige) und die verbrüderten Verstorbenen, nach ordines gestaffelt, vergegenwärtigt. Andernorts (St. Gallen) hingegen wird gar nicht zwischen Lebenden und Toten unterschieden. Gemeinsam ist allen Büchern, die als das irdische Gegenstück zum himmlischen liber vitae gesehen werden, die Ausrichtung auf das Jüngste Gericht (Ewigkeit). Auswahl und Anordnung der Namenslisten steht fast überall im Dienste der Sinnstiftung und Legitimation der eigenen Gegenwart. Durch erkennbare Rasuren in einigen Nekrologen (Remiremont) wird zudem deutlich, dass es mit der fortschreitenden Gegenwart zu einer ständigen Umgruppierung der Namen und damit zu einer Neujustierung von Vergangenheit kam.

Durchbrochen wurde die Reihe der Referate durch den öffentlichen Abendvortrag von MICHAEL OBERWEIS (Mainz) zum Thema: "Hora nona – alta nona – high noon. Zum Bedeutungswandel einer mittelalterlichen Zeitangabe“. Oberweis präsentierte eine neue These zur Erklärung der sog. "Nonverschiebung", d.h., der Verschiebung der neunten Hore vom frühen Nachmittag auf die Mittagsstunde, die sich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert vollzog. Gustav Bilfinger hatte im 19. Jahrhundert diese Verschiebung als Reaktion auf die strengen benediktinischen Fastenregeln gedeutet, die im Winterhalbjahr keine Nahrungsaufnahme vor der neunten Stunde gestatteten. Gegen Bilfingers These von der "Gewalt des Hungers" hatte Jacques Le Goff seine These vom städtischen Entstehungskontext (mit der Non wurde die Pause der Arbeiter eingeläutet) gestellt. Beide wurden nun von Oberweis mit guten Argumenten zurückgewiesen: Ihm zufolge konnte die Nonverschiebung nur im monastischen Kontext entstanden sein; hier aber spricht die monastische Reformbewegung des 11. Jahrhundert gegen eine Tendenz zur Aufweichung der Benediktsregel. Oberweis hingegen brachte die Nonverschiebung in einen Zusammenhang mit einer Ausweitung der Sonntagsruhe (Beginn zur Non des Samstages) in der Zeit der Gottesfriedensbewegung. Fast alle gesellschaftlichen Bereiche hatten dabei ein offensichtliches Interesse an der Verlegung der Tageszäsur von der Vesper zur Non und damit einer Ausweitung der Friedenszeit. So ergibt sich eine Kontrolle der Zeit bei gleichzeitiger Kontrolle der Gesellschaft durch die Zeit.

Im Mittelpunkt des abschließenden, von ANDREAS THIER (Zürich) geleiteten Workshops stand der Zusammenhang von rechtlicher Normativität, Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit in der Lex Baiuvariorum und im Sachsenspiegel. Es wurde die Frage untersucht, wie Zeit und Geschichte als Sinndimensionen der Weltdeutung zu verstehen sind und diese Deutungsmuster in den vorliegenden Rechtstexten Abbildung fanden. So bindet sich die Lex Baiuvariorum in die (von Isidor übernommene) Gesetzeschronologie ein. Sie geht von einem Verfall der Gesetzgebungsentwicklung seit Konstantin und einer Bemühung um Ordnung bei Theodosius aus. So ist das Recht Teil der Gestaltung von Herrschaft, welche sich jedoch in ständiger Bewegung befinden muss, um legitim zu bleiben. Gleichermaßen betont wird dabei die Verbindung des Rechts mit dem göttlichen Heilsplan. Ihre Genese folgt der göttlich geordneten Entwicklung und legitimiert sich hierdurch.

Im Vordergrund des Treffens stand die liturgische Konstruktion von Zeithorizonten; vergleichend wurden aber auch andere Formen der Zeitorganisation hinzugezogen. Insgesamt wurde deutlich, dass in vielen der behandelten Texte jeweils unterschiedliche Verständnisse von ‚Zeit’ sichtbar werden. Besonders die Parallelen zwischen bewegter Zeit und stillstehender Zeit kamen deutlich zum Vorschein. Ebenso stand auch der praktische Ansatz von Zeitorganisationen im Vordergrund. Die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, bei gleichzeitiger ständiger Präsenz der übergeordneten eschatologischen Perspektive dient der Legitimation der eigenen Zeit/des eigenen Raumes, wie auch der Neustrukturierung der Vergangenheit. Hieraus ergibt sich weiter die Frage, ob bestimmte Zeitstrukturen bestimmten ‚Milieus’ zugeordnet werden können. Ein Aspekt, der in den folgenden Netzwerktreffen wiederaufgenommen wird.[2]

Konferenzübersicht

Patrizia Carmassi (Göttingen/Wolfenbüttel): Zeit-Dimensionen in liturgischen Quellen aus Halberstadt

Anja Rathmann-Lutz (Basel): Monastische Zeit – höfische Zeit

Öffentlicher Vortrag
Michael Oberweis (Mainz): Hora nona – alta nona – high noon. Zum Bedeutungswandel einer mittelalterlichen Zeitangabe

Eva Maria Butz (Dortmund): Zeit- und Raumstrukturen in frühmittelalterlichen libri memoriales

Workshop mit Prof. Dr. Andreas Thier (Zürich): Weltalter und Recht in der Lex Baiuvariorum und im Sachsenspiegel

Anmerkung:
[1] Tagungsbericht unter: hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4843
[2] Das nächste Netzwerktreffen findet am 08./09. November 2013 in Wien statt und wird sich mit der Verbindung von Raum und Zeit beschäftigen.

ZitierweiseTagungsbericht Arbeitstreffen des DFG-Netzwerks "Zeitenwelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter". 12.04.2013–13.04.2013, Göttingen, in: H-Soz-u-Kult, 24.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4936>.

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