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Genozid und Literatur. Franz Werfel in armenisch-jüdisch-türkisch-deutscher Perspektive

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Lepsiushaus Potsdam; Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam
Datum, Ort:10.03.2013-12.03.2012, Potsdam

Bericht von:
Sebastian Kunze, Berlin
E-Mail: <seb.kunzegmail.com>

Die Konferenz „Genozid und Literatur. Franz Werfel in armenisch-jüdisch-türkisch-deutscher Perspektive“ fand vom 10. bis 12. März 2013 in Potsdam statt. Konzipiert wurde die Konferenz von Rolf Hosfeld (Potsdam), Werner Tress (Berlin/ Potsdam) und Roy Knocke (Potsdam). Eine aktuelle, interdisziplinäre Bestandsaufnahme der Biografie und Werke des Schriftstellers Franz Werfel (1890-1945) unter dem Gesichtspunkt des Völkermords an den Armeniern war das Ziel der Tagung. Grundlegende Fragen waren: Was veranlasste Werfel zu seinem literarischen Engagement für die Armenier in „Die vierzig Tage des Musa Dagh“? Welche Rolle spielten christliche und jüdische Anschauungen in seinem Werk? Welche Rezeptionslinien lassen sich aus armenisch-jüdisch-türkisch-deutscher Perspektive ziehen?

Julius H. Schoeps (Potsdam) eröffnete mit seinem Grußwort die Tagung. Seine Ausführungen beschäftigten sich unter anderem mit der Frage nach der Reichweite und Bedeutung der Werfel-Forschung für eine komplexe armenisch-jüdisch-türkisch-deutsche Perspektive auf den Völkermord an den Armeniern. Anschließend dankte Martin Gorholt, Staatssekretär des brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, für die Konzeption einer solchen Tagung. Er hob die Bedeutung Werfels für die Thematisierung des Genozids an den Armeniern hervor. Nach dem letzten Grußwort durch Rolf Hosfeld, der die positive Kooperation des Lepsiushauses Potsdam und des Moses Mendelssohn Zentrums für das Zustandekommen der Tagung herausstellte, konnte die Konferenz inhaltlich beginnen.

Die thematische Einführung übernahm PETER STEPHAN JUNGK (Paris) in seinem Eröffnungsvortrag „Ein Freund zwischen den Welten“. Darin thematisierte er die spannungsreiche Lebensgeschichte Werfels. Sehr früh zeichnete sich in Werfels Leben ein Changieren zwischen Katholizismus und Judentum ab. Das spiegelt sich unter anderem in Werfels Bekenntnis als „christlichem Dichter“, sowie seiner Identifizierung mit dem Judentum, nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1938-40, wider. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ wurde vor dem Hintergrund des Aufstiegs der Nationalsozialisten geschrieben, ausgelöst von einer Begegnung Franz Werfels auf einer Reise durch den Nahen Osten. Dabei traf er auf verwahrloste Kinder, die nach Auskunft der Einheimischen Armenier waren. So kam Franz Werfel das erste Mal mit dem Genozid an den Armeniern in Berührung.

Im ersten Panel „Herkommen und Hingehen“ sprach HANS DIETER ZIMMERMANN (Berlin) über „Franz Werfel und der Prager Kreis“. Er hob hervor, dass der Kreis, zu dem auch Franz Kafka, Max Brod und Egon Erwin Kisch gehörten, sich durch seine deutsche Sprache und seinen expressionistischen und futuristischen Stil von der tschechischen Literatur seiner Zeit unterschied. Diese Differenz spürte Franz Werfel in sich, als drei Nationen, der Tschechischen, Deutschen und Jüdischen. Dabei stellte sich allerdings die Frage, wo Werfel seine Heimat verortete. Durch seine Flucht auf Grund des Erstarkens der Nationalsozialisten zog Werfel von Ort zu Ort und die Frage was seine Heimat war stellte sich immer wieder, wie sich an der wiederkehrenden Auseinandersetzung mit Identitätsfragen im gesamten Oeuvre zeigt.

Auf den religiösen Widerstreit bei Werfel ging OLGA KOLLER (Wien) in ihrem Vortrag „Judentum und Christentum im Leben und Werk Franz Werfels“ ein. Koller stellte heraus, dass sich Werfel in beiden Religionen zu Hause fühlte. Jüdisches und Katholisches zieht sich durch das Leben und Werk Werfels. Als sich Werfel als „christlicher Dichter“ öffentlich beschrieb, wurde er als Verräter am Judentum gebrandmarkt unter anaderem durch Martin Buber. Koller beschrieb drei Phasen in Werfels Leben: Die erste war geprägt durch seine Begeisterung gegenüber dem Katholizismus. Die zweite Phase setzte mit der Heirat Alma Mahlers ein, in dieser Phase glaubte er an eine mögliche Synthese von Christentum und Judentum. Nach seiner Flucht, die den Beginn der dritten Phase markierte, war Werfel überzeugt von der Unmöglichkeit einer solchen Vereinigung.

Das Panel wurde abgeschlossen durch den „Versuch eines ästhetisch-ethischen Profils“ Franz Werfels von ROY KNOCKE (Potsdam). Knocke stellte die ästhetisch-politischen Essays Werfels aus den 1930er-Jahren in den Mittelpunkt und interpretierte diese in Bezug auf das Konzept des Dichters bei Franz Werfel, dabei bezog er sich immer wieder auf verschiedene Werke des Autors. Dabei zeigte sich, dass der Dichter eine poetische Vermittlerrolle zur Verkündung der Wahrheit einnimmt, die sich aus Werfels christlich-jüdischen Humanismus speist. Knocke verglich diese Figur mit dem Dichter-Bild des späten Rilke, das totalisierende Momente enthält, da es sich stark an Nietzsches ästhetischen Schriften orientiert. Dieser Kontrast eröffnete von einem poetologischen Standpunkt das ganze kritische Potenzial der Arbeiten Werfels gegen jede Art von totalitärer Bewegung, wie sie zeitgebunden im Nationalsozialismus und Kommunismus ihren Ausdruck fanden.

ANDREAS MEIER (Wuppertal) eröffnete das zweite Panel „Das Unerhörte, was im Orient geschehen war…“ mit Ausführungen zu „Franz Werfels Orientreise und die Entdeckung des Armenierthemas“. Meier referierte über die Orientreise der Werfels und zog Parallelen zur Orientreise von Armin T. Wegner und seiner Frau. Beide Paare bereisten den Nahen Osten unabhängig voneinander, beide trafen auf Überlebende des Genozids an den Armeniern und sowohl Franz Werfel, als auch Armin T. Wegner wollten ein Buch über den Völkermord schreiben. Wegner nahm sich mittels Dia-Vortrag der Veröffentlichung des Verbrechens an den Armeniern an und wollte einen Roman dazu schreiben. Dieses Buch kam nicht zustanden, auch wegen Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Über „Die historischen Ereignisse auf dem Musa Dagh im Kontext des Völkermords an den Armeniern“ sprach ROLF HOSFELD (Potsdam). In seinem Vortrag stellte Hosfeld die historischen Fakten zu den Geschehnissen am Musa Dagh heraus. Er identifizierte die Romanfiguren Aram Tomasian mit dem armenischen Priester Dikran Andreassian, sowie die Figur des Gabriel Bagradian mit dem Widerstandskämpfer Moses Der Kalousdian, um zwei Beispiele zu nennen. Darüber hinaus beschrieb er die historische Begebenheit, die als Vorlage für den Roman diente. So zogen sich tatsächlich circa 5.000 Armenier auf den Berg Musa Dagh zurück, es gab auch drei Angriffswellen der Türken, um den Widerstand zu brechen, doch sie wurden zurückgeschlagen. Die eingekesselten Armenier benutzten Feuer und Stoffe, um Notsignale zu geben. Ein französisches Schiff kam ihnen zu Hilfe und die Armenier wurden gerettet.

Neben diesen von Hosfeld vorgestellten Fakten, gibt es auch viele fiktive Elemente in Werfels Buch. Davon berichtete MARTIN TAMCKE (Göttingen) in seinem Vortrag „Fiktion und Wirklichkeit, Wegner und Werfel“. Ausgehend von der Idee, dass Fiktion oft näher an der Wirklichkeit ist, als faktische Versuche, zeigte Tamcke vor allem eine Parallelität zwischen Wegners und Werfels Beschäftigung mit den Armeniern. Vor allem stellte der Vortrag Wegners Reaktion dar, als dieser von Werfels Buch aus der Zeitung erfuhr. Wegner fühlte sich beraubt und betrogen, war er es doch, der den Genozid an den Armenien als Teil deutscher Truppen miterlebt und fotografisch festgehalten hatte. Werfel hatte einen anderen Ansatz, er wollte keinen Augenzeugen- oder Tatsachenbericht schreiben, sondern einen Roman. Deshalb müsse man diesen auch im Kontext seiner Entstehung lesen: dem des Nationalsozialismus und deren Judenverfolgung.

Mit der Anfeindung und dem Verbot der Werke von Franz Werfel im Kontext des Zeitumbruchs von 1933 beschäftigte sich der Vortrag von WERNER TRESS (Berlin/Potsdam). Damit eröffnete Treß das letzte Panel, Lesen und Rezipieren. Zunächst führte er einige Beispiele dafür an, dass Werfel aufgrund seiner Identität als Jude schon vor 1933 zahlreichen Anfeindungen in der völkisch-antisemitischen Publizistik ausgesetzt war. Anfang Mai 1933 fanden sich Werfels Werke auf den ersten, noch provisorischen Schwarzen Listen, am 10. Mai 1933 brannten sie auf den Scheiterhaufen der Nationalsozialistischen Bücherverbrennungen. Während das Verbot seiner Romane zunächst nur teilweise umgesetzt wurde und auch der Ende 1933 erschienene Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ noch an den Buchhandel in Deutschland ausgeliefert werden konnte, wurde ein wiederum im Februar 1934 erlassenes Verbot polizeilich durchgesetzt. Mit der Vereinheitlichung des so genannten Buchverbotswesens durch die Reichsschrifttumskammer erfolgte 1935 schließlich das vollständige Verbot. Auf der von der Reichsschrifttumskammer ausgefertigten „Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ wurden die verbotenen Werke Werfels nicht mehr einzeln aufgeführt, sondern nur noch vermerkt: „Werfel, Franz: Sämtliche Werke“.

Im Gegensatz zu der Verfolgung von Werfels Werk, wurde es in der armenischen Gemeinschaft sehr positiv rezipiert. Darüber berichtete RUBINA PEROOMIAN (Los Angeles) in ihrem Beitrag „The Armenian Reception of Werfel“. Dabei machte Peeromian darauf aufmerksam, das Werfel 1935 in New York City von der armenischen Gemeinde geehrt wurde für sein Buch „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Werfel wird deshalb auch als ‚Nationalheld‘ gefeiert, man ehrt Werfel jedes Jahr auf einem Jubiläum der Überlebenden des Musa Dagh. Ein Verbot des Buches in der Sowjet Union verhinderte eine frühe Rezeption, doch eine Übersetzung, die trotz Verbot in die UdSSR geschmuggelt und verbreitet wurde, gab es ab 1964. Im Staat Armenien gehört Werfels Musa Dagh heute zu den Klassikern.

Auf einen ganz anderen Aspekt ging ULRIKE SCHNEIDER (Potsdam) im anschließenden Vortrag „Kulturelle und religiöse Konzeptionen des Jüdischen in Werfels Werk“ ein. Zum einen griff Schneider die schon im ersten Panel explizierte Spannung des Christlichen und Jüdischen in Werfels Person und Werk auf. Zum anderen zeigte sie am Beispiel der Metaphysik des Körpers in dem Buch Abituriententag, wie Werfel latent einen antisemitischen Diskurs bediente, indem er einen Männlichkeitsdiskurs eröffnete. Die Darstellungen der Physiognomie der Hauptcharaktere zeige dies sehr deutlich. Außerdem interpretierte Schneider die (körperliche) Konkurrenzsituation der Protagonisten Franz Adler und Ernst Sebastian als einen Mechanismus des deutsch-jüdischen Verhältnisses.

Welche politischen Verwicklungen ein Film auslösen kann, berichtete RAFFI KANTIAN (Hannover/Istanbul) in seinem Vortrag „Von Musa Dagh nach Hollywood und zurück: Franz Werfels Roman als Objekt diplomatischer Verwicklungen“. Darin ging er auf den Versuch der Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) Filmproduktionsgesellschaft ein, die Werfels Buch „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ 1935 verfilmen wollten. Die Arbeiten an dem Film lösten allerdings eine ungeahnte diplomatische Reaktion von Seiten der Türkei aus. Offizielle türkische Stellen bemühten sich um eine Einstellung des Projekts, außerdem drohten sie mit Repressionen gegen die armenische Bevölkerung. Die türkischen Behörden drohten schließlich mit dem Verbot aller MGM Produktionen in der Türkei und ihrem Einflussgebiet. Der Film kam nie in die Kinos.

HACIK GAZER (Erlangen) widmete sich in seinem Vortrag den „Armenischen religiösen Spuren in Werfels Musa Dagh“. Gazer zeigte, dass im Vergleich zur ersten Fassung von Musa Dagh die fünfte erheblich erweitert wurde, vor allem um liturgische Passagen der armenischen Religion und Kirche. Es finden sich zahlreiche Spuren der armenischen Religion, die wahrscheinlich daher rühren, dass Werfel an Gottesdiensten in Wien und Venedig teilnahm und dort auch Klöster und Kirchen besuchte. Werfel stand in Kontakt mit der armenischen Kirche, vor allem mit dem römisch-unierten Teil. Daher sind auch alle vier Zentren der armenischen Kirche Jerusalem, Konstantinopel, Armenien und die Türkei im Musa Dagh berücksichtigt worden. Wo genau die Quellen Werfels für diese detaillierten Ausführungen liegen ist allerdings noch nicht restlos geklärt.

Das Panel wurde von FRANK STERN (Wien) beschlossen. Stern sprach zur „Filmischen Rezeption der Werke Franz Werfel“ und zeigte einige Ausschnitte aus Verfilmungen von Werken Werfels, die mit dem türkischen Genozid an den Armenien in Zusammenhang stehen. Dabei stellte Stern die Schwierigkeiten der Recherche zu Verfilmungen von Werfels Schriften heraus, da sie in der ganzen Welt verstreut sind und es keine Übersicht dazu gibt. Darüber hinaus zeigte Stern, inwieweit in Werfels Werk, auch in den Verfilmungen das Spannungsfeld zwischen Judentum und Christentum dargestellt und inszeniert werden. Vor allem aber arbeitete er die Parallelität zwischen armenischen und jüdischen Erfahrungen heraus.

Die Konferenz stellte die verschiedenen Rezeptionslinien und Probleme in der Werfelforschung dar. Es konnten neue Perspektiven, wie kultur- und religionswissenschaftliche, vorgestellt und mit historischen Positionen verwoben werden. Die Tagung entwarf ein Gesamtbild zu Franz Werfel und richtete seinen Blick insbesondere auf „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, das intensiv besprochen wurde.

Konferenzübersicht

Peter Stephan Jungk (Paris) „Ein Freund zwischen den Welten“

Hans Dieter Zimmermann (Technische Universität Berlin, Berlin) „Franz Werfel und der Prager Kreis“.

Olga Koller (Wien) „Judentum und Christentum im Leben und Werk Franz Werfels“

Roy Knocke (Lepsiushaus Potsdam, Potsdam) „Versuch eines ästhetisch-ethischen Profils Franz Werfels“

Andreas Meier (Bergische Universität Wuppertal, Wuppertal) „Franz Werfels Orientreise und die Entdeckung des Armenierthemas“

Rolf Hosfeld (Lepsiushaus Potsdam, Potsdam) „Die historischen Ereignisse auf dem Musa Dagh im Kontext des Völkermords an den Armeniern“

Martin Tamcke (Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen) „Fiktion und Wirklichkeit, Wegner und Werfel“.

Werner Tress (Zentrum für Jüdische Studien/ Moses Mendelsohn Zentrum, Berlin/Potsdam) „Franz Werfel, ein verbrannter Dichter“

Rubina Peroomian (University of California, Los Angeles) „The Armenian Reception of Werfel“.

Ulrike Schneider (Universität Potsdam, Potsdam) „Kulturelle und religiöse Konzeptionen des Jüdischen in Werfels Werk“

Raffi Kantian (Deutsch-Armenische-Gesellschaft, Hannover/Istanbul) „Von Musa Dagh nach Hollywood und zurück: Franz Werfels Roman als Objekt diplomatischer Verwicklungen“.

Hacik Gazer (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen) „Armenische religiöse Spuren in Werfels Musa Dagh“.

Frank Stern (Universität Wien, Wien) „Die filmische Rezeption der Werke Franz Werfels“

ZitierweiseTagungsbericht Genozid und Literatur. Franz Werfel in armenisch-jüdisch-türkisch-deutscher Perspektive. 10.03.2013-12.03.2012, Potsdam, in: H-Soz-u-Kult, 04.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4920>.

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