1 / 1 Tagungsbericht

Music, Memory, and Emotions in the German Jewish Experience of Modernity

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Yael Sela-Teichler, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB), Berlin; Philip V. Bohlman, University of Chicago / Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover
Datum, Ort:14.03.2013–15.03.2013, Berlin

Bericht von:
Jana Michaelis, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
E-Mail: <michaelismpib-berlin.mpg.de>

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert bietet Musik auch Juden die Möglichkeit, am kulturellen Leben Mitteleuropas teilzunehmen. Die Tagung „Music, Memory, and Emotions in the German Jewish Experience of Modernity“ beschäftigte sich mit der Verbindung von Musik, Erinnerung und Emotionen in Bezug auf die deutsch-jüdische Erfahrung seit dem späten 18. Jahrhundert. Wissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen setzten sich mit der Art und Weise auseinander, wie Emotionen und Erinnerung in musikalischen Begegnungen von deutscher und deutsch-jüdischer Moderne agierten und wie Musik auf vielfältige Weise die Emotionen und Erinnerungen im deutsch-jüdischen Leben und Bewusstsein seit dem späten 18. Jahrhundert geprägt hat.

In der Begrüßung stellte Sven Oliver Müller (Berlin) die interdisziplinäre Arbeit des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung im Allgemeinen und der Forschungsgruppe „Gefühlte Gemeinschaften? Emotionen im Musikleben Europas“ im Besonderen vor. YAEL SELA-TEICHLER (Berlin) leitete in ihrer Begrüßung in die Thematik der Tagung ein. Sie wies darauf hin, dass trotz der prägenden Erfahrungen der nationalsozialistischen Verfolgungen das Augenmerk der Tagung darüberhinausgehend auf den gesamten Zeitraum der letzten 250 Jahre liegen solle, wobei die Gruppe der deutschen Juden exemplarisch für das europäische Judentum stehe. Insbesondere erörterte Sela-Teichler methodologische Fragen und einen konzeptionellen Rahmen zum Verhältnis von Erinnerung, Geschichte und Musik.

Anschließend vertiefte PHILIP V. BOHLMAN (University of Chicago) diese Einführung unter Bezugnahme auf den jüdischen Musikforscher Abraham Zvi Idelsohn, der aufgrund mangelnder schriftlicher Überlieferungen die praktizierten Bräuche als die wahre Quelle für die jüdische Moderne ansah. Bohlman stellte heraus, dass Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie der wachsende Antisemitismus oder der Zionismus, die jüdische Erinnerungsarbeit (Memorywork) nachhaltig beeinflusst hätten. Deutsch-jüdische Musik sei also eine wichtige Verbindung zwischen Geschichte und Erinnerung.

Der Keynote-Vortrag von PAUL MENDES-FLOHR (Chicago) verortete jüdische Erinnerung zwischen Liturgie und Geschichte. Er verwies darauf, dass im jüdischen Bewusstsein Geschichte weniger als eine bloße Aneinanderreihung historischer Ereignisse angesehen werde, sondern aus einem starken Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen würde. Die jüdische Auffassung von Zeit sei bestimmt durch das Erleben von Nowness, von Gegenwärtigkeit, wodurch die Gegenwart durch Erinnerung mit der Vergangenheit und durch die Erwartung auf den Messias mit der Zukunft verbunden sei. Die allgegenwärtige Idee der Erlösung spielt für Mendes-Flohr eine entscheidende Rolle in seiner Geschichtsauffassung, da alle Ereignisse in der Vergangenheit mit der Hoffnung auf den zukünftigen Messias verbunden seien.

Zum Abschluss des Abends gaben PHILIP V. BOHLMAN und CHRISTINE WILKIE BOHLMAN (beide Chicago) in der American Academy, Berlin ein kommentiertes Konzert, in dessen Mittelpunkt Viktor Ullmanns unvollendetes Stück „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ stand. Die Entwürfe basierend auf einer Erzählung von Rainer Maria Rilke, die Ullmann kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz im Sommer 1944 in Theresienstadt in Skizzen verfasst hatte, kamen dort in Besitz von H.G. Adler. Im ersten Teil der Aufführung rezitierte Bohlman hauptsächlich von Ullmann und Adler verfasste Gedichte und Lieder, die das Alltagsleben in Theresienstadt beschreiben und in denen sich Hoffnung und Verzweiflung gleichermaßen widerspiegeln. Im zweiten Teil wurde sein Vortrag von Ullmans „Die Weise von Liebe und Tod“, ursprünglich für Sprecher und Orchester konzipiert, von Wilkie Bohlman am Klavier begleitet. Die Geschichte des treuen Cornets Rilke, der im Türkenkrieg fiel, symbolisiert die Zerbrechlichkeit von Erinnerungsmomenten und das Ende einer Ära der europäisch-jüdischen Geschichte.

Am Morgen des zweiten Konferenztages stellte RUTH HACOHEN (Jerusalem) die Erinnerung an den jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy anhand der Novelle „Beton“ (1982) von Thomas Bernhard dar. Der einsame, zurückgezogene Ich-Erzähler Rudolf versucht erfolglos ein Buch über seinen Lieblingskomponisten Mendelssohn Bartholdy zu schreiben. Auch eine Reise nach Palma de Mallorca bringt nicht die erhoffte Inspiration, sondern versetzt Rudolf zusätzlich in Angst und Verzweiflung, nachdem er erfährt, dass seine frühere Bekanntschaft Anne Selbstmord begangen hat. Rudolfs Kritik an den Missständen in der österreichischen Gesellschaft wurde von HaCohen in Verbindung gesetzt mit Hermann Cohens Schriften zur zwischenmenschlichen Beziehung nach den Lehren des Judentums. Sie sah eine direkte Beziehung zwischen der Erinnerung an Mendelssohn Bartholdy und der Hilflosigkeit von menschlichen Katastrophen wie sie Rudolfs Bekanntschaft Anna ereilt hat. HaCohen leitete aus der Unfähigkeit, die Katastrophe des Holocausts aufzuarbeiten, eine Allegorie zu Rudolfs zwanghafter Fixierung auf sein nie zustande gekommenes Werk über Mendelssohn Bartholdy ab.

MICHAEL P. STEINBERG (Brown University) untersuchte Edward Saids Erinnerungen an seine Jugend in Kairo und dessen Einschätzung zu der dortigen Musikkultur. Er zog einen Vergleich zu dem polnisch-jüdischen Pianisten Ignaz Tiegerman, der 1931 ebenfalls nach Kairo kam und durch seine europäische Prägung ein Beispiel für den europäisch-ägyptischen Transfer dieser Zeit darstellte. Steinberg betonte mehrfach die Bedeutung des Kontrapunkts in der Exilerfahrung: da ein Exilant wenigstens zwei Kulturen kennengelernt habe, würde sein Bewusstsein dadurch eine simultane und damit auch eine kontrapunktische Dimension erhalten.

Die drei Vorträge des letzten Panels mit dem Thema „Musikalische Erinnerung in der Konstruktion und Dekonstruktion von jüdischen (und deutschen) Identitäten“ beschäftigten sich mit jeweils verschiedenen Aspekten von Musik als ein Modus von Memorywork.

Als erstes sprach MAGDALENA WALIGÓRSKA (Berlin) über das Phänomen des Klezmer-Revivals in Deutschland. Klezmer, das ursprünglich auf jüdischen Hochzeiten gespielt wurde, findet man nun in Deutschland auch in Konzerthallen, Clubs und Diskos, aber auch bei Gedenkveranstaltungen für den Holocaust. Sehr häufig wird die Musik dabei von nichtjüdischen Musikern für ein nichtjüdisches Publikum gespielt. Kritiker würden vor allem bemängeln, dass die Musik von Nichtjuden gespielt werde und das Augenmerk dabei mehr auf der folkloristischen Tradition des Judentums läge, wodurch die Darbietung nicht mehr authentisch sei. Laut Waligórska bieten diese Klezmerkonzerte jedoch einen Rahmen, in denen Juden und Nichtjuden aufeinandertreffen und miteinander in einen Dialog treten können. Zugleich hätten auch Nichtjuden die Möglichkeit, eine emotionale Bindung zu der jüdischen Kultur aufzubauen und sich mit ihrer eigenen Geschichte und Identität auseinanderzusetzen.

JULIANE BRAUER (Berlin) stellte in ihrem Vortrag dar, welche ambivalente Rolle Musik im Konzentrationslager Sachsenhausen spielte: Einerseits stärkte der von d’Arguto illegal gegründete Häftlingschor den Zusammenhalt und bot unter den schwierigen Umständen Trost; anderseits wurde Musik von den SS-Wächtern auch gezielt als Folterinstrument eingesetzt, indem Häftlinge gezwungen wurden, zu Hinrichtungen zu spielen. Der von d‘Arguto auf Grundlage des bekannten jüdischen Liedes „Zehn Brüder“ komponierte „Jüdischer Todessang“ stellt für Brauer vor allem ein Lied der Erinnerung dar, das bereits auf eine neue Vorstellung von deutsch-jüdischer Identität hindeutet.

Abschließend untersuchte YAEL SELA-TEICHLER (Berlin) musikalische Formen der Erinnerung an den jüdischen Philosophen und Aufklärer Moses Mendelssohn in der Vergangenheit und der Gegenwart. Dabei verglich sie eine Reihe von Konzerten, in denen kurz nach Mendelsohns Tod die Trauerkantate „Sulamith und Eusebia“ (1786) aufgeführt wurde mit einem Konzert, das 2012 zum 250. Jubiläum der Familie Mendelsohn in der Synagoge in der Rykestraße gespielt wurde. Sie erörterte die Art und Weise, in der der Mythos Moses Mendelsohns im späten 18. Jahrhundert und heute für unterschiedliche Zwecke mobilisiert und mit verschiedenen politischen Projekten verbunden wurde.

Die Abschlussdiskussion wurde durch einen Kommentar von Bohlman eingeleitet, indem er Eislers Stück „Hotelzimmer 1942“ als Beispiel anführte, wie die Exilerfahrung musikalisch umgesetzt wurde. Da das ursprünglich von Brecht verfasste Gedicht „Hotelzimmer 1938“, das seine Flucht aus Deutschland beschreibt, in Eislers Version durch dessen eigene Exilerfahrungen bereichert wurde (Eisler lebte 1942 in einem Hotelzimmer im Exil), würden sich in diesem Stück Vergangenheit und Gegenwart treffen und durch die Musik eine Erinnerung kreiert werden, die sich nicht länger auf einen Ort und einen Zeitpunkt stützt, sondern universell wirkt, also eine „nicht markierte“ Erinnerung darstellt.

Sela-Teichler stellte in ihrem Kommentar nicht nur die Frage, warum ausgerechnet Berlin heutzutage eine so große Anziehungskraft auf Juden ausüben würde, sondern hob auch noch einmal die Ambivalenz als charakteristisches Merkmal der deutsch-jüdischen Erfahrung hervor, was beispielsweise die Mehrdeutigkeit von Musik oder des Exils beinhalte. Als Beispiel dieser Ambivalenz führte sie ein „Trinklied zur Barmitzwah-Feier“ eines deutschen Juden aus dem Jahre 1929 an, in dem zu der Melodie von „Trink, Brüderlein, trink“ ein jüdisches Trinklied entstand. Sela-Teichler wies darauf hin, dass auch später in Israel die Tradition beibehalten wurde, bekannte deutsche Melodien mit privatem Inhalt zu füllen. Dabei wurde aber nicht mehr Bezug auf das spezifisch Jüdische, sondern auf das spezifisch Deutsche genommen, da man auch in der neuen Heimat zu „den Anderen“ gehöre.

LEORA AUSLANDER (Chicago) bezog sich in ihrem Beitrag noch einmal auf die Kernbegriffe der Konferenz. Sie verwies auf die Unterschiede beispielsweise zwischen der Moderne der Aufklärung, der Moderne während des Holocausts und der Moderne nach dem Holocaust. Auslander fragte, was das Besondere an der Art und Weise sei, wie Musik Erinnerungen und Emotionen hervorriefe und übertrüge und wies dabei auf das Zusammenspiel verschiedener Sinne hin, die dabei in der Regel eine Rolle spielen. Des Weiteren warf sie die Frage nach der Besonderheit in der jüdischen Beziehung zur Musik und der Spezifik im Deutschsein und im Jüdischsein im Gegensatz zum Rest der Welt auf.

In der weiteren Diskussion wurde dann noch einmal unterstrichen, dass Musik die Möglichkeit beinhaltet, Emotionen hervorzurufen und besonders durch Rituale und gemeinsames Singen Erinnerungen hergestellt werden können. Der Frage nach dem Verlust der Gegenwärtigkeit durch die Verschriftlichung der jüdischen Riten und Lieder wurde entgegengehalten, dass die Texte durch die mündliche Wiedergabe lebendig werden würden. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass das Reformjudentum starken Gebrauch von Musik macht, indem dort z.B. Instrumente in der Synagoge eingeführt wurden. Zum Schluss wurde ausführlich die Frage diskutiert, warum ausgerechnet Berlin auch heute noch so eine große Anziehungskraft auf Juden ausübt. So wurde z.B. eine gewisse Sehnsucht von Juden nach einer Diaspora festgestellt, ebenso wie die Tatsache, dass Berlin eine Stadt mit vielen Migranten sei und durch die Abwesenheit einer großen Gemeinde hier auch durchaus kritische Meinungen über die israelische Regierung möglich seien.

Als eine der ersten wissenschaftlichen Veranstaltungen bezog das Symposium die Komplexität und die Kernfragen der deutsch-jüdischen Erfahrung auf die Rolle der Musik bei der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Tagung gab einen tiefen Einblick, inwieweit Musik, Erinnerung und Emotionen in der deutsch-jüdischen Erfahrung in den letzten beiden Jahrhunderten zusammengespielt haben. Dabei wurde sowohl auf die Komplexität der deutsch-jüdischen Geschichte und Erinnerung eingegangen als auch untersucht, auf welchem Wege Musik Emotionen hervorrufen kann. Durch die große Interdisziplinarität der Teilnehmer haben die Beiträge gezeigt, wie auf vielfältige Weise durch Musik oder in Bezug auf Musik Erinnerung entstehen und transportiert werden kann. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf den Zeitraum des gesamten 19. und 20. Jahrhundert lag, kristallisierte sich die Zeit des Holocausts als Dreh- und Angelpunkt der Tagung heraus, auf den die meisten Vortragenden auf die ein oder andere Art, meist nur indirekt, Bezug nahmen. Dazu trug nicht zuletzt die Lage des Veranstaltungsortes bei, der sich am gegenüberliegenden Ufer des Hauses der Wannsee-Konferenz befand.

Konferenzübersicht

Welcome and Opening Remarks
Sven Oliver Müller (MPIB Berlin), Yael Sela-Teichler (MPIB Berlin), Philip V. Bohlman (University of Chicago)

Keynote Address
Moderator: Philip V. Bohlman (University of Chicago)

Paul Mendes-Flohr (University of Chicago): Jewish Memory: Between Liturgical and Historical Time

Concert with Commentary
Moderator: Pamela Rosenberg (American Academy Berlin)

Philip V. Bohlman & Christine Wilkie Bohlman (University of Chicago): The Moment of Memory in Viktor Ullmann’s Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (1944)

Panel I
Moderator: Silke Horstkotte (Universität Leipzig), vertreten durch Yael Sela-Teichler (MPIB Berlin)

Ruth HaCohen (Hebrew University Jerusalem): Melancholy and Missing Mendelssohn(s) in Thomas Bernhard’s Beton

Panel II
Moderator: Philipp Nielsen (MPIB Berlin)

Michael P. Steinberg (Brown University): Edward Said’s Music: Exile, Memory, Contrapuntality

Panel III: Musical Memory in the Construction and Deconstruction of Jewish (and German) Identities
Moderator: Christina von Braun (Humboldt Universität zu Berlin)

Magdalena Waligórska (FU Berlin): The Klezmer Revival in Germany as a Space of Memory and Identity Negotiation

Juliane Brauer (MPIB Berlin): Röschen auf der Heide und Jüdischer Todessang: Singing for Life and for Death in Concentration Camp Sachsenhausen (1939-1942)

Yael Sela-Teichler (MPIB Berlin): Who Remembers: The Musical Commemoration of Moses Mendelssohn in Berlin 1786, 2012

Concluding Remarks: Past, Present, Future

Moderator: Raimund Vogels (Universität Hildesheim)

Philip V. Bohlman (University of Chicago), Yael Sela-Teichler (MPIB Berlin), Leora Auslander (University of Chicago)

ZitierweiseTagungsbericht Music, Memory, and Emotions in the German Jewish Experience of Modernity. 14.03.2013–15.03.2013, Berlin, in: H-Soz-Kult, 15.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4912>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.