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Migration in der musealen Präsentation

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen
Datum, Ort:17.11.2012, Hannover

Bericht von:
Wolfgang Brandes, Stadtarchiv Bad Fallingbostel
E-Mail: <stadtarchivbadfallingbostel.de>

Migration bildet seit jeher ein zentrales Element der Anpassung des Menschen an Umweltbedingungen sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Herausforderungen. Entsprechend wichtig ist es, sich mit Migration auseinanderzusetzen und speziell der Frage nachzugehen, wie Migration in der musealen Präsentation dargestellt wird. Mit der diesem Thema gewidmeten Tagung verfolgte der Arbeitskreis für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen das Ziel, aktuelle Museums- und Ausstellungsvorhaben vorzustellen und über Konzepte und Programme zu diskutieren.

JOCHEN OLTMER (Osnabrück) hob in seiner Einführung hervor, dass sich das Thema Migration in der bundesdeutschen Museumslandschaft in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten verankert habe. Auch wenn keine Marginalisierung drohe, seien Grenzen und neue Herausforderungen zu diskutieren, die sich beim Versuch, die enorme Komplexität der Bedingungen und Folgen von Migration darzustellen, ergäben. Zudem seien unterschiedliche Erscheinungsformen von Migration eng verflochten. Weiter stelle sich die Frage, wie sich die Bewegung des Menschen mit Objekten erzählen lasse, wenn doch gerade Migranten nur wenige Objekte mitnehmen konnten. Durch Inszenierungen und biographischen Zugänge werde versucht, diesem Mangel zu begegnen. Textualisierungen seien erforderlich, um die Vielfalt der Erfahrungen der Migration herausstellen zu können. Beim Blick auf Migration und Migranten werde das Andere hervorgehoben. Dies stehe aber nur bedingt im Widerstreit zum Anspruch, mit Ausstellungen Integrationsarbeit leisten zu wollen. Bewusst müsse man dabei bleiben, dass Integration nicht als Gleichmacherei funktioniere, sondern das Andere Teil der Pluralität in der Gesellschaft sei.

J. OLAF KLEIST (Berlin) sprach „Zur Gegenwart in der Erinnerung an Migration: Vielfalt versus Geschichte?“. Kleist wandte sich zunächst dem theoretischen Verhältnis von Migration und Erinnerung zu. Durch das Vermitteln von Erinnerungen und Geschichte in den Museen solle ein Zusammenleben ermöglicht werden. Doch der Aspekt der Erinnerung sei in der Migrationsforschung lange Zeit nur peripher behandelt worden und in der Erinnerungsforschung habe man die Migration ausgeblendet. Gerade die Arbeit der Museen und Museumsstudien hätten einen Wandel angestoßen. Der Fokus sei vom Nationalen zum Transnationalen ausgeweitet und die Erinnerungen von Migranten aufgenommen worden. Dabei sei zu unterscheiden zwischen gemeinsamer Erinnerung, die Alteingesessene und Einwanderer verbinde, und getrennter Erinnerung, die nach Möglichkeit gegenseitig akzeptiert werde. Am Beispiel der australischen Museumslandschaft zeigte Kleist dann auf, welche konzeptionellen Veränderungen es gegeben habe, seitdem 1986 das erste Migrationsmuseum eröffnet worden sei. Kleist hob hervor, dass zunächst kulturelle Erinnerungen im Mittelpunkt gestanden hätten. Sie hätten sich auf einen gemeinsamen Ursprung und ein kulturelles Erbe in der Vergangenheit bezogen, denen für die Gegenwart identitätsstiftende Kraft zugesprochen worden sei. In den Ausstellungen seien vermeintlich in sich geschlossene, kollektive Gesellschaften von Migranten präsentiert worden. Die kulturellen Erinnerungen der verschiedenen Gruppen hätten getrennt nebeneinander gestanden. In den späteren historisch orientierten Ausstellungen habe man sich auf die zivile Erinnerung bezogen. Die Vergangenheit sei nun nicht mehr identitätsstiftend aufgefasst worden, sondern sie sei durch Veränderungen und Prozesse charakterisiert worden. Diese zivile Erinnerung konstruiere eine staatsrechtliche Migrationsgesellschaft, in die Neueinwanderer assimiliert, integriert und inkorporiert würden. In deutschen Museen, so Kleist, walte eine Skepsis vor der der kulturellen Erinnerung zugeschriebenen Identitätsstiftung. Vor dem Hintergrund der nationalen Geschichte griffen Migrationsausstellungen eher auf die zivile Erinnerung zurück. Nicht zu verkennen sei aber die Gefahr, dass dadurch Erinnerungen, die Migranten mit den Deutschen nicht gemein hätten, verloren gingen. Auch werde das transnationale Element von kulturellen Erinnerungen allzu leicht ignoriert. Es sei gerade lohnend, die Zusammenhänge zwischen kultureller und ziviler Erinnerung im Transnationalen und Nationalen, zwischen Migranten und Einwanderungsgesellschaft und zwischen Vielfalt und Geschichte zu thematisieren.

JOACHIM BAUR (Berlin) stellte seine Projektvorstellung unter den Titel „Wege, Schichten, Visionen: Das Projekt ‚Museum Friedland‘“. Das seit dem 2. September 1945 bestehende Grenzdurchgangslager Friedland sei Spätprodukt des Zweiten Weltkriegs und Kristallisationspunkt der Bewältigung seiner Folgen, zugleich aber auch Drehscheibe transnationaler Migration. Es handele sich um eine bis heute aktive Aufnahmeeinrichtung, die seit 2011 neben der Aufnahme von Spätaussiedlern auch die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Niedersachsen sei. 2006 habe der niedersächsische Landtag beschlossen, an diesem Ort eine museale Einrichtung zu schaffen. Es sei ein Museum geplant, das sich nicht auf das erste Nachkriegsjahrzehnt konzentrieren, sondern die Gesamtgeschichte des Lagers Friedland von 1945 bis heute aufarbeiten solle. Flucht, Vertreibung, Migration und Integration seien zwar ein wichtiger Themenschwerpunkt und der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen ein ebenso bedeutsames Thema, das Museum werde aber auch Themenkomplexe wie Staatsbürgerschaft, Grenze, Heimat, Menschenrechte und Asyl behandeln, genauso wie die Erinnerungskultur in deutscher und europäischer Perspektive betrachtet werden solle. Die Dauerausstellung werde dabei in drei Bereiche gegliedert. Im historischen Bahnhofsgebäude von 1890 werde es einen chronologischen Zugriff mit einer Überblicksdarstellung als Erstinformation geben. Zudem sollen in vier bis fünf Pavillons thematische Querschnitte geboten werden, bei denen es um einen zeit- und gruppenübergreifenden Überblick gehe. Themenfelder sollen hierfür sein: Lebenswege, Kosmos Lager, Erinnerungskultur und Diskurs um das Grenzdurchgangslager Friedland. Als drittes Element solle ein Museumspfad angelegt werden, der aber den aktiven Lagerbetrieb nicht stören solle. Wichtig sei es den Ausstellungsmachern, unterschiedliche Schichten von Migration miteinander in Dialog zu setzen.

SIMONE EICK (Bremerhaven) berichtete über „Das Zusammenleben in der deutschen Einwanderungsgesellschaft und seine museale Präsentation in der neuen Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven“. In ihren Ausführungen vollzog sie den Rundgang nach, den Besucher in ihrem Museum machen. Während im dem 2005 eröffneten so genannten alten Gebäude die Auswanderung von 1683 bis heute dargestellt werde, thematisiere der 2012 eingeweihte Erweiterungsbau die Einwanderung von 1685 bis heute. Die Brücke, die beide Gebäude miteinander verbinde, mache deutlich, dass Aus- und Einwanderung zwei Seiten einer Medaille seien. Jeder Auswanderer sei auch ein Einwanderer. Das Museum wolle für eine breite Öffentlichkeit dreierlei leisten: Die Auswanderung solle erlebbar gemacht werden, die Migration solle im Alltag entdeckt werden können und die Migration solle in ihrer vollen Bandbreite verstanden werden. Im alten Gebäude würde in einem erheblichen Umfang auch mit Inszenierungen, Nachbauten im Originalmaßstab und Figuren gearbeitet. Im Erweiterungsbau werde die Einwanderung an öffentlichen Orten präsentiert, wozu Versatzstücke des Grand Central Terminal oder eines Einkaufszentrums nachgebaut worden seien. Gerade wenn man sich frage, was man im Alltäglichen von Einwanderern in unserer Gesellschaft entdecken könne, böten sich solche öffentlichen Orte an, in denen alle Mitglieder der Gesellschaft aufeinandertreffen und verschiedene Prozesse der Migration aufgezeigt werden könnten. Behandelt würden die Themen Aussehen, Sprache, Staatsbürgerschaften, Minderheiten und – ganz wichtig – Religion. Es werde auf den Aufbau von familiären Netzwerken in der neuen Heimat eingegangen, aber auch darauf, wie Identität durch Arbeit neu erschaffen oder verändert werde. Neben Biografien gebe es zahlreiche Informationsstationen mit allgemein-geschichtlichem Hintergrund. Sehr schnell entstehe so bei den Besuchern eine emotionale Bindung zu den vorgestellten Personen und ihren Biografien.

ARVED SCHULTZE (Berlin) informierte über sein Konzept "'Welcome to Migrantópolis': Migration - damals, heute und bald" für eine Ausstellung, die im Deutschen Hygiene-Museum Dresden gezeigt werden soll. Da Arved Schultze aus dem Theaterbereich kommt, war sein Ansatz stärker von den Erfahrungen eines Dramaturgen, der im Theaterbereich bereits mehrere Projekte zur Migration durchgeführt hat, als von der Herangehensweise eines Historikers geprägt. Seine Ausgangsfrage für dieses noch in der ersten Planungsphase befindliche Ausstellungsvorhaben lautete: Wie wird Migration heutzutage verstanden? Schultze bezeichnete Migration als kulturstiftend und bereichernd für die aufnehmende Gesellschaft. Es finde ein allgemeiner Wandlungsprozess eines Individuums mit Auswirkungen auf beide Seiten der Gesellschaft statt. Mitgestalten der Gesellschaft und deren Transformation seien Teil des Migrationsprozess. Schultze verwies auf die utopische Literatur, die sich stark auf Städte als Ballungs- bzw. Verdichtungsräume bezöge. Städte stellten eine Art Migrations- oder Segregationsmaschine dar. Deshalb schwebe ihm ein Stadtmodell als Grundlage für die Ausstellung vor. Wie im klassischen Erzählmuster der „Heldenreise“ sei das Stadttor der Ort, an dem eine Wandlung stattfinde. In den Bereichen Tempel, Parlament und Markt könnten die Gegenwartsthemen Religion, Politik und Ökonomie abgebildet werden. In der Akademie solle es um die Zukunft der Migration gehen, die mit Stichworten wie demographischer Wandel oder Klimaflüchtlinge verbunden sei. Das Labor Migration solle es schließlich ermöglichen, kurzfristig auf politische Ereignisse reagieren zu können. Die Ausstellung solle auch eine Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten der Migration ermöglichen. Bewusst wolle er möglichst viele „Gleichnisse“ benutzen, die Rückschlüsse zur eigenen Geschichte und zur Geschichte des eigenen Landes zuließen.

THORSTEN HEESE (Osnabrück) ging ein auf „Museum 2.0 und Migration – das ‚Virtuelle Osnabrücker Migrationsmuseum‘ als Werkzeug für partizipative Museumsarbeit“. Das unter www.osnabrueck.de/vom aufrufbare virtuelle Museum beschäftige sich auf lokaler bis regionaler Ebene mit Migration. Es werde ein Werkzeug geboten, sich über eine individuelle Auswahl Geschichten zur Migration erzählen zu lassen. Eine durchgängige Narration werde jedoch nicht geboten. Heese erklärte, dass seit dem Umbau der stadtgeschichtlichen Ausstellung im Jahr 2004 das Thema Migration im Museum verankert sei. Im Laufe der Jahre hätten sich neue Fragen an die im Museum vorhandenen Objekte hinsichtlich ihres Bezuges zur Migration ergeben. Aber auch neue Objekte habe man einwerben wollen. Deshalb sei mit dem „Forum Migration“ eine einmal im Monat stattfindende Gesprächsrunde gegründet worden. Die Geschichten seien sehr interessant und vielfältig, aber auch stark mit Emotionen belegt gewesen. Demzufolge hätten die Erzähler die Objekte nicht gern aus der Hand gegeben und dem Museum übereignet, seien aber sehr wohl mit einer Fotografie einverstanden gewesen – damit sei der Weg zum virtuellen Museum eröffnet worden. Was mit den hinter den Objekten stehenden Geschichten erzählt werde, sei ein Kaleidoskop von unterschiedlichen Aspekten, die sich mit Migration beschäftigten bzw. sie ausmachten. Dabei handele es sich keineswegs nur um Privatgeschichte, sondern um einen wichtigen Teil der Stadtgeschichte.

MARKUS WALZ (Leipzig) betonte in seiner Zusammenfassung, dass als Beispiele für Migration immer wieder Arbeitsmigranten, Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler und Spätaussiedler behandelt würden. Die Arbeitskreissitzung habe aber gezeigt, dass es deutlich mehr Migrationseffekte gäbe, die historisch betrachtet sogar bedeutsamer seien. Bezüglich der in den Vorträgen aufgezeigten Tendenz weg vom Multikulturalismus hin zur integrierten-integrierenden Geschichte stelle sich ihm die Frage, ob darunter nicht doch vielmals noch ein zu überwindendes Raumkonzept liege. Müsse man sich davon nicht genauso verabschieden, so wie auch der Wandel von der nationalen zur transnationalen Betrachtungsweise vollzogen worden sei? Angesichts der zunehmenden Beschäftigung mit Migrierten stelle sich die Frage, ob es sich um eine Art von Political Correctness handele, wenn sich Museen damit auseinandersetzten und die Forderungen der Politik zufriedenstellten? Wie auch immer die Antworten lauten, für Walz steht fest, dass man ohne Migration keine Geschichte schreiben könne.

Die Tagung belegte, wie auf höchst unterschiedliche Weise der Themenbereich Migration mit seinen vielfältigen Aspekten in musealen Konzepten Berücksichtigung finden kann. Das Spektrum reichte von Publikumsmagneten wie dem „Deutschen Auswandererhaus“ über die Konzeption des „Museums Friedland“ von einem erfahrenen Ausstellungsmacher und die Überlegungen eines aus dem Theaterfach kommenden Planers zu einer Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum bis hin zum Virtuellen Museum, wie es in Osnabrück initiiert wurde. Manche der Ansätze mögen gerade für Historiker ungewohnt gewesen sein – so arbeitet das Auswandererhaus mit Repliken in Originalgröße und für die Dresdener Ausstellung soll bewusst – vielleicht auch dem geringen Fundus des Hauses für diesen Themenkomplex geschuldet – auch auf Nachbildungen gesetzt werden. Höchst spannend war die Auseinandersetzung mit einem Thema, das, wie die ablehnenden Reaktionen von immerhin 10 Prozent der Besucher auf den Erweiterungsbau des Deutschen Auswandererhauses zeigen, keineswegs rundherum akzeptiert ist. Eine wichtige Aufgabe der musealen Präsentationen ist es nach wie vor, zum Ausräumen solcher Vorbehalte beizutragen.

Konferenzübersicht

Jochen Oltmer (Osnabrück): Einführung in das Thema

J. Olaf Kleist (Berlin): Zur Gegenwart in der Erinnerung an Migration: Vielfalt versus Geschichte?

Joachim Baur (Berlin): Wege, Schichten, Visionen. Das Projekt „Museum Friedland“

Simone Eick (Bremerhaven): Das Zusammenleben in der deutschen Einwanderungsgesellschaft und seine museale Präsentation in der neuen Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven

Arved Schultze (Berlin): „Welcome to Migrantópolis“. Das Konzept einer Ausstellung über „Migration – damals, heute und bald“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

Thorsten Heese (Osnabrück): Museum 2.0 und Migration – das „Virtuelle Osnabrücker Migrationsmuseum“ als Werkzeug für partizipative Museumsarbeit

Markus Walz (Leipzig): Zusammenfassende Thesen als Diskussionsimpuls

ZitierweiseTagungsbericht Migration in der musealen Präsentation. 17.11.2012, Hannover, in: H-Soz-Kult, 23.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4910>.

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