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Knowledge about Resources. Challenges of the Exploration and Exploitation of Resources in East Central Europe in the 19th and 20th Centuries

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung; Estonian Centre for Environmental History; Collegium Carolinum
Datum, Ort:18.04.2013-19.04.2013, Marburg

Bericht von:
Sebastian Haumann, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt
E-Mail: <haumannpg.tu-darmstadt.de>

Die Tagung “Knowledge about Resources” war bereits die zweite Tagung im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, dem Estonian Centre for Environmental History und dem Collegium Carolinum. Sie setze ein Thema fort, das 2012 mit einer Tagung unter dem Titel „Turning Points in Baltic and Central East European Food History“ eröffnet worden war. Auf dem diesjährigen Treffen wurde zwar am Rande auch über Nahrungsmittel diskutiert, vor allem aber über ein weites Panorama von Bodenschätzen und Bodennutzung. Im Mittelpunkt stand dabei das theoretische Interesse an der Konstruktion und Zirkulation von Wissen. Dieses sei, so Christian Lotz (Marburg), der als Mitorganisator in die Tagung einführte, eine geeignete Schnittstelle, um verschiedene Forschungsfelder – von der Umwelt- bis zur Wirtschaftsgeschichte – zusammenzuführen. Neben dem Zusammenwirken von ökonomischem und ökologischem Wissen müsse dabei auch der Übergang von traditionellen Formen des Wissens zu wissenschaftlichem Wissen berücksichtigt werden. Wichtig sei es, den sozialen und politischen Hintergrund der Wissenskonstruktion und -zirkulation im Blick zu behalten – das gelte insbesondere für Ostmitteleuropa, mit dem sich fast alle Beiträge der Tagung befassten. So müsse etwa gefragt werden, wie sich die sprachliche Diversität auf die Zirkulation von Wissen ausgewirkt habe. In diesem Zusammenhang sei auch die Frage zu stellen, wie der Wandel und die Verbreitung von Wissen über Ressourcen eine „Frontier“ formte, wie Lotz in Anlehnung an die US-amerikanische Westexpansion formulierte.

Zunächst richteten die Beiträge der ersten Sektion den Blick auf verschiedene Aspekte der Wissenskonstruktion im 19. und frühen 20. Jahrhundert am Beispiel der Exploration für den Bergbau. PETER KONECNÝ (Banská Stiavnica) sprach in seinem Vortrag „Between Cameralism and Natural Sciences” über die langfristigen Trends der ungarischen geologischen Forschung. SEBASTIAN HAUMANN (Darmstadt) zeigte am Beispiel des rheinischen Kalksteinabbaus, wie die Exploration des Rohstoffes mit strategischem Wissen über den Grundstücksmarkt verknüpft war. ERKI TAMMIKSAAR (Tartu) erläuterte, wie die systematische Erforschung der Ölschiefervorkommen in Estland unter dem ökonomischen Druck während des Ersten Weltkriegs begann. Breit diskutiert wurde anschließend die Frage, wie verschiedene Arten von Wissen, insbesondere wissenschaftliches, lokales und unternehmerisches Wissen, zusammenwirkten. In allen Fallbeispielen spielte der Gesichtspunkt der Nutzbarmachung und der Nachfrage nach Ressourcen eine entscheidende Rolle in der Wissenskonstruktion, die dennoch nicht ohne die legitimierende Expertise der Wissenschaft auskam.

In der zweiten Sektion stand die agrarische Bodennutzung im Mittelpunkt. MARTIN ZÜCKERT (München) analysierte den von Behörden und Wissenschaftlern gezielt forcierten Wandel von Landnutzungsmustern in tschechoslowakischen Bergregionen. ROMAN HOLEC (Bratislava) referierte über die staatliche Inventarisierung von Rohstoffen in der Slowakei. Während TADEUS JANICKI (Poznán) auf die Landwirtschaft als symbolische Ressource der zweiten polnischen Republik einging, sprach KADRI TÜÜR (Tartu) über die sich wandelnde Bedeutung von Heu in der estnischen Gesellschaft. Sowohl bei Janicki als auch bei Tüür ging es um Rohstoffe als sinnstiftende Entitäten, an die sich kulturelle Konstruktionen anlagerten. Auch die Diskussion der vier Beiträge fokussierte auf die Funktionen, die das Wissen über Ressourcen bei der Bildung von Staaten und der Gestaltung staatlicher Politik hatte. Gerade die Zwischenkriegszeit, über die in dieser Sektion viel zu hören war, war nicht nur durch Autarkiebestrebungen gekennzeichnet, sondern fiel in Ostmitteleuropa auch mit der Bildung von Nationalstaaten zusammen.

Die transnationale Perspektive auf die Zirkulation von Wissen stand im Zentrum der dritten Sektion. ESA RUUSKANEN (Oulu) zeichnete nach, wie sich die estnische und finnische Debatte um die Nutzbarmachung von Mooren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an deutschen Vorbildern orientierte. Dagegen verwies JAN AREND (München) eher auf die grundsätzlich unterschiedliche Ausrichtung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Böden in Russland, Deutschland und den USA. In diesem Vortrag wurde das je spezifische Verständnis von Boden in den verglichenen nationalen Kulturen deutlich. MARIA PAVLOVA (Moskow) untersuchte in ihrem Beitrag die Memel als Transportweg und Grenzfluss im Spannungsfeld internationaler Politik der Zwischenkriegszeit. Gemeinsam zeigten alle drei Vorträge, welche Bedeutung der nationale Rahmen trotz eines transnationalen Wissenstransfers für die Konstruktion von Wissen wie auch für die Nutzung von Ressourcen hatte.

KARSTEN BRÜGGEMANN (Tallinn) und BORBÁLA ZSUZSANNA TÖRÖK (Konstanz) näherten sich dem Thema Ressourcen in der anschließenden Sektion über die Auseinandersetzung mit Strategien der Beschreibung. Brügemann analysierte populäre Darstellungen baltischer Natur in russischen Landschaftsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts, die zur Rechtfertigung der russischen Herrschaft beitragen sollten. Török ging auf die Funktion statistischer Erhebungen in der Habsburgermonarchie ein. Nicht das bloße Vorhandensein von Ressourcen, sondern das systematisch aggregierte Wissen über sie sei Grundlage staatlicher Macht gewesen.

Die letzte Sektion eröffnete DORIN-IOAN RUS (Graz). Er beschrieb den Konflikt zwischen traditioneller und forstwissenschaftlich angelegter Waldnutzung in Transsilvanien seit dem 18. Jahrhundert, die schließlich in der gesetzlichen Festlegung von Nutzungsoptionen mündete. Ähnlich gestaltete sich der Übergang von einer traditionell in der Dorfgemeinschaft organisierten zu einer durch staatliche Gesetze strukturierten Bodennutzung in Ungarn, wie ROBERT GRAY (Keele) am Beispiel eines Dorfes im 19. Jahrhundert zeigte. Im Gegensatz dazu spannte JULIA LAJUS (St. Petersburg) einen großen Bogen, in dem sie verschiedene Paradigmen der staatlichen Erforschung von Ressourcen im Russischen Reich und der Sowjetunion verortete. Den Blick auf den Umgang mit Ressourcen in der Sowjetunion erweiterte VERONIKA WENDLAND (Marburg) um eine zeitgeschichtliche Perspektive. Am Beispiel des Reaktorunglücks von Tschernobyl zeigte Wendland, wie unterschiedliche Ebenen des Wissens mit einer gezielten Informationspolitik verknüpft waren, die nicht nur auf eine breite gesellschaftliche Zustimmung zur Nukleartechnik abzielte, sondern auch verhinderte, dass die Ingenieure des Atomkraftwerks über das nötige Wissen verfügten, um 1986 angemessen auf den Unfall zu reagieren.

Zum Ende der Tagung stellte eine Gießener Forschergruppe um THOMAS BOHN ein geplantes Forschungsprojekt zur Geschichte des Bialowieza Nationalparks vor. Am Beispiel des Gebiets an der heutigen Grenze zwischen Polen und Weißrussland soll verschiedenen umweltgeschichtlichen Fragen nachgegangen werden. So wird es einen Vergleich der Nutzung des Waldes während des Ersten und Zweiten Weltkrieges ebenso geben wie ein Teilprojekt zur Auswilderung von Bisons in der Zwischenkriegszeit, die heute als Markenzeichen des Nationalparks gelten. Vor allem könnte das Projekt neue Perspektiven auf den Naturschutz unter den Bedingungen von Krieg und politischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert liefern.

In der abschließenden Diskussion wurde schließlich gefragt, welche Besonderheiten die Konstruktion und die Zirkulation von Wissen über Ressourcen speziell in Ostmitteleuropa gekennzeichnet haben und, ob es überhaupt sinnvoll sei, in dieser Hinsicht von geographischen Spezifika auszugehen. An dieser Frage schieden sich die Geister. Während ein Teil der Tagungsteilnehmer auf die kulturelle Vielfalt, die politischen Umwälzungen und die Dominanz des Sozialismus im ostmitteleuropäischen Raum hinwies, die als besonderer Kontext auch das Wissen über Ressourcen beeinflusst hätten, betonten andere Teilnehmer die Vergleichbarkeit mit ähnlichen Entwicklungen in anderen Teilen der Welt. Der Verlauf der Tagung hatte allerdings deutlich gemacht, dass die Beschäftigung mit umweltgeschichtlichen Themen eher dazu geeignet ist, Besonderheiten Ostmitteleuropas zu relativieren.

Konferenzübersicht

Panel 1: Knowledge about the Exploitation of Resources

Peter Konecný (Banská Stiavnica): Between Cameralism and Natural Sciences.Efforts for Exploitation of Natural Resources in Hungarian Mining, ca. 1800 – 1850

Sebastian Haumann (Darmstadt): Geology and Real-Estate. Opening up Limestone Deposits in the 19th Century

Erki Tammiksaar (Tartu): The birth of the Estonian oil-shale industry

Martin Zückert (München): Regions of resource improvement? Czechoslovak mountain areas in an agricultural perspective

Roman Holec (Bratislava): Slovakia as Eldorado of strategic raw materials in the first half of the 20th century

Tadeus Janicki (Poznán): Farmland and people as essential resources of the Second Republic of Poland in the concepts of polish agrarians

Kadri Tüür (Tartu): Hay: from resource to problem

Panel 2: Transnational Exchanges and Debates about Resources

Esa Ruuskanen (Oulu): The german influence on economic appraisal and land use of bogs, fens and mires in Estonia and Finland, circa 1880-1940

Jan Arend (München): The scientific study of soil as a natural resource. Russia, Germany and the U.S., 1880-1930

Maria Pavlova (Moskow): The Neman river in the international relations in Eastern Europe, 1920s-1930s

Panel 3: Imagining and Describing Resources

Karsten Brüggemann (Tallinn): "Pol'za" for Russia: The Benefit of the Baltic Provinces for the Empire According to Russian Late 19th Century Regional Studies

Borbála Zsuzsanna Török (Konstanz): Historicizing the Notion of Resources. Descriptive Statistics in East-Central Europe in the First Half of the 'Long' Nineteenth-Century

Panel 4: Academic and Traditional Knowledge about Resources

Dorin-Ioan Rus (Graz): Conflicts between the Traditional and Scientific Knowledge of Forests in Eighteenth-Century Transylvania

Robert Gray (Keele): Creating the Commons: Dialogues between Community, Nation and State in the Management of Natural Resource in Hungary, 1848-1918

Julia Lajus (St. Petersburg): Experts, state and local users of natural resources: changes in their relations in Imperial and Soviet Russia

Veronika Wendland (Marburg): Hidden energies. Public and arcane knowledge on nuclear technology in the Soviet Union

Panel 5: Exploiting and Conserving Resources

Thomas Bohn (Gießen): Introduction

Julian Mühlbauer (Gießen): Resource or Reserve? Players, Interests and Changes in the History of Bialowieza National Park

Markus Krzoska (Gießen): "International Society for the Protection of the European Bison" after World War I as a Trial for a Synenergistic Use of Resources

Aliaksandr Dalhouski (Gießen): Ambivalences of German occupation - exploitation and conservation in the First and Second World Wars

ZitierweiseTagungsbericht Knowledge about Resources. Challenges of the Exploration and Exploitation of Resources in East Central Europe in the 19th and 20th Centuries. 18.04.2013-19.04.2013, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 11.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4902>.

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