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Technologies, Media and Journalism

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Clemens Zimmermann / Martin Schreiber, Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes
Datum, Ort:21.03.2013–23.03.2013, Saarbrücken

Bericht von:
Christopher Buschow, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK), Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
E-Mail: <christopher.buschowijk.hmtm-hannover.de>

Technologien, Medien und Journalismus stehen in engen Wechselbeziehungen – dies gilt sowohl für die Gegenwart als auch in historischer Perspektive. Der wissenschaftliche Austausch in diesem Spannungsfeld wurde bisher jedoch mithin vernachlässigt. In Saarbrücken kamen vom 21. bis zum 23. März internationale Expertinnen und Experten aus dem Bereich der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Journalismusforschung, der Technik- und Mediensoziologie sowie der Technik- und Mediengeschichte zur interdisziplinären Konferenz „Technologies, Media and Journalism” zusammen. In ihren Vorträgen untersuchten die Referentinnen und Referenten das vielfältige Beziehungsgeflecht zwischen Journalismus und Medientechnologie in einem breiten historischen Kontext, der vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichte. Die Veranstaltung wurde unterstützt durch die VolkswagenStiftung.

In seinem Einführungsbeitrag gab MARTIN SCHREIBER (Saarbrücken) Einblicke in die Desiderata des Forschungsfeldes und erläuterte die inhaltliche Struktur des Tagungsprogramms, das sich in sechs Sektionen gliederte, die jeweils einen bestimmten systematischen Teilaspekt der Gesamtproblematik ins Zentrum der Betrachtung rückten. Als übergreifenden Ausgangspunkt nannte er acht zentrale Kriterien, an denen sich das komplexe Bedingungsgefüge des Journalismus über mehr als eineinhalb Jahrhunderte besonders eindrücklich ablesen ließ: (1) der Grad an Unmittelbarkeit des Einflusses technischer Entwicklungen auf die journalistische Arbeit und die Separierung technischer und redaktioneller Tätigkeiten; (2) die enorme Beschleunigung des Nachrichtenmachens und der damit einhergehende Geschwindigkeitsdiskurs; (3) die Durchsetzung raumüberwindender Technologien und die damit verbundene abnehmende Mobilität und teilweise Individualisierung des Journalismus; (4) das Spannungsgefüge zwischen einer tendenziellen Taylorisierung bzw. Autonomisierung der journalistischen Arbeit; (5) das Verhältnis zwischen Recherche bzw. dem Aufspüren und der Aufbereitung von Nachrichten; (6) die Rolle bestimmter Fähigkeiten im Kontext des Journalismus und die damit verbundenen Prozesse des Upskilling, Reskilling und Deskilling; (7) die Kontinuität des journalistischen Rollenbildes und Selbstverständnisses; (8) die steigende Bedeutung der visuellen Dimension von Medienprodukten.

Im Eröffnungspanel unter dem Titel „Journalismus und Technologie – Entwicklungen, Interaktionen und Kontexte“ erläuterte außerdem ANDREAS FICKERS (Maastricht) die Rolle von Technologie in der Mediengeschichte. Unter Rekurs auf Bruno Latour und anhand historischer Beispiele verdeutlichte er, dass Technologie immer wieder ein zentraler „Aktant“ von Medienentwicklungen sei und maßgeblichen Einfluss auf soziale Bedingungen nehme. Technologie sei dabei jedoch nicht automatisch Normativität eingeschrieben, sie könne also nicht „gut“, „schlecht“ oder „neutral“ sein. Die symbolische Zuschreibung bestimmter, den Medien inhärenter Eigenschaften hänge dagegen eng mit einem sozialen und kulturellen „Diskurs der Neuheit“ zusammen. In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Notwendigkeit festgestellt, die hinter diesen Diskursen stehenden Normen zu rekonstruieren.

JOHN NERONE (Chicago) eröffnete das folgende Panel, das den Einfluss technischer Innovationen auf die Geschwindigkeit des Nachrichtenmachens und die zugehörigen Diskurse um „Beschleunigung“ im Bereich des Journalismus thematisierte. Nerone verfolgte in seinem Vortrag die Beziehung von Nachrichten und Geschwindigkeit von der frühen Moderne in vier generischen historischen Situationen des Nachrichtenmachens, wobei er konstatierte, dass sowohl das sozio-kulturelle Bedingungsgefüge als auch die Ausdifferenziertheit der Medienangebote zunehmend komplexer wurden. Die Strukturveränderung des Informationsflusses belegte er anhand von Fallbeispielen um (1) die Zeitungen in den Kolonien Britisch-Nordamerikas, (2) die Einführung des Telegraphen, (3) die Entstehung investigativer Recherchepraktiken und (4) die heutige Zeitungslandschaft der USA. Hierbei zeigte sich, dass eine nuancierte Betrachtung der Bedeutung von Geschwindigkeit im Bereich des Journalismus notwendig ist, riefen doch Beschleunigungen auf dem Gebiet der Informationsübermittlung oft auch Gegenreaktionen wie die Betonung der Wichtigkeit sorgfältiger, längerer Recherchen hervor (wie das Beispiel des „investigativen Journalismus“ zeigt). AMELIA BONEA (Oxford) schloss an die Erkenntnisse Nerones an. Am Beispiel der süd- und ostasiatischen Länder Indien und Japan zeigte sie, dass der Nachrichtenfluss und die Formen des Journalismus durch die Einführung der neuen Technologie keineswegs überall gleichermaßen und gleichzeitig verändert wurden und welche lokalen Spezifika in diesem Zusammenhang von Bedeutung waren. Im Rahmen einer Inhaltsanalyse von Zeitungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wies Bonea darauf hin, dass gerade koloniale Strukturen und Machtbeziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten hierbei eine wichtige Rolle spielten. In der Diskussion wurden Möglichkeiten eines zusätzlichen Erkenntnisgewinns hieran anschließender Forschungen erörtert, die sich mit der Untersuchung nicht-westlicher Kulturkreise befassten.

Der Einsatz von Bild- und Visualisierungstechniken im medialen Kontext stand im Mittelpunkt der dritten Tagungssektion. In seinem Vortrag betrachtete KEVIN BARNHURST (Leeds) die Entwicklung visueller Darstellungsformen in einem breiten historischen Spektrum, das von der Antike bis in die Gegenwart reichte. Er stellte heraus, dass die hegemoniale Darstellungsform der Zentralperspektive, die in der Renaissance entwickelt wurde, im Fotojournalismus des 21. Jahrhunderts weiterhin reproduziert werde. Indem er Kunstwerke mit alternativer Perspektivenwahl zeigte, gelang ihm eine Dekonstruktion dieser westlichen Darstellungsformen. Barnhurst resümierte, ein solcher Perspektivenwechsel könne auch für neue Ansätze in der Medien- und Journalismusforschung gewinnbringend sein. Innerhalb des Panels zur Visualisierung von Nachrichten zeigten anschließend RITA GUDERMANN (Berlin) und JENS JÄGER (Köln) verschiedene Reproduktionsverfahren für bildliche Visualisierungen. Während Gudermann die ökonomische Seite der neu entwickelten Drucktechniken thematisierte und insbesondere auf damalige Gründerpersönlichkeiten abzielte, präsentierte Jäger am Fallbeispiel des Untergangs der Titanic, wie zu dieser Zeit verschiedene Visualisierungstechniken konkurrierten.

Im Panel zur „Journalistischen Arbeit“ konzentrierte sich HENRIK ÖRNEBRING (Karlstad) auf gegenwärtige Entwicklungen. Anhand einer empirischen Studie, in deren Rahmen über 2.000 Journalistinnen und Journalisten in sechs Ländern befragt wurden, konnte er nachweisen, wie neben die Funktionsrolle des Reporters und Editors neuerdings das journalistische Rollenbild des „Netzwerkers“ tritt. Dieses konstituiere sich insbesondere durch soziale Fähigkeiten wie Netzwerken, Teamarbeit und Zeitmanagement, anhand derer vor allem jüngere Journalisten immer häufiger ihr Jobprofil beschrieben. Örnebring begründete seine Beobachtungen vor allem mit Veränderungen in der journalistischen Arbeitsstruktur. Ihm folgte JÜRGEN WILKE (Mainz), der das Beziehungsgeflecht von Technologien und Journalismus in Deutschland historisch rekonstruierte. Zwar sei die Distribution der medialen Produkte in Form gedruckter Texte und Bilder seit der Erfindung des Buchdrucks technologisch organisiert worden, direkte Wechselbeziehungen zum Kern der journalistischen Arbeit hätten sich jedoch erst ab dem 18. Jahrhundert etabliert. Wilke veranschaulichte dies anhand unterschiedlicher historischer Stationen der Medientechnik (unter anderem Drucktechnik, Redaktionstechnik, Visualisierungstechniken) bis hin zur Gegenwart. Abschließend führte er deren Wechselverhältnis in 17 Variablen zusammen. Der erste Veranstaltungstag endete mit einem Überblicksbeitrag von JOHN PAVLIK (Newark/NJ), der die neuesten Entwicklungen im Journalismus beleuchtete. Pavlik gab nicht nur Einblicke in die Nutzung neuer Beobachtungstechnologien – wie z. B. Drohnen – im Bereich des Journalismus, sondern zeigte auch Beispiele für Nachrichtenmeldungen, die durch einen Computeralgorithmus generiert worden waren. Seine Beispiele führten in der nachfolgenden Diskussion zu umfangreichen Debatten über den Einfluss solcher neuartiger technologischer Entwicklungen auf Daten- und Quellenschutz sowie Meinungsfreiheit. Erörtert wurde auch die Rolle von Frauen in der technologischen Entwicklung des Journalismus.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Vortrag von TOBIAS EBERWEIN (Dortmund) im Panel „Technologie und Qualität des Journalismus“. Auf Basis von Erkenntnissen aus dem transnationalen Forschungsprogramm „MediaAcT“ zeigte er auf, welchen Einfluss web-basierte Instrumente auf journalistische Selbstregulation und die Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten haben können. Die Medienkritik der Leserinnen und Leser kann nach seinen Erkenntnissen eine regulierende Wirkung auf Journalismus zeitigen. Journalistinnen und Journalisten seien aber, vor allem aufgrund traditioneller Berufsnormen, weiterhin skeptisch gegenüber dem Feedback aus Onlinemedien eingestellt. MITCHELL STEPHENS (New York) schloss an diesen Vortrag an mit einer Dekonstruktion des journalistischen Qualitätsbegriffes. Hierbei arbeitete er in einer historischen Rückschau heraus, wie unterschiedlich Qualität im US-amerikanischen Journalismus im Laufe der Zeit verstanden wurde. Als Ausgangspunkt nutzte er ein Zitat von Benjamin Franklin aus dem 18. Jahrhundert – der im Journalisten weniger einen unabhängigen Berichterstatter als vielmehr einen „Erzieher der gesellschaftlichen Meinung“ sah –, das er mit Aussagen professioneller Medienorganisationen aus der heutigen Zeit kontrastierte. Stephens schlussfolgerte, dass das Verständnis von Qualität im Journalismus heute erneut im Wandel begriffen sei, was er mithilfe aktueller Aussagen von Verantwortlichen in Medienunternehmen belegte. In der folgenden Diskussion wurde die Idealisierung bestimmter Qualitätsnormen, wie beispielsweise einer vollkommen unabhängigen Berichterstattung, kritisch debattiert.

Die Vortragenden des letzten Panels befassten sich mit den Praktiken des Journalismus „heute und morgen“. CHRISTOPH NEUBERGER (München) referierte Ergebnisse einer repräsentativen Befragung deutscher Internetnutzer. Deutlich wurde, dass die Befragten neue partizipative und technologische Formate wie Wikipedia, Twitter oder Google News nur sehr bedingt als Konkurrenz zu etablierten Medienmarken wahrnehmen. Hinsichtlich der Funktionen, die erfragt wurden, ergänzten sich die verschiedenen Plattformen eher, als dass sie sich kannibalisierten. Den letzten Vortrag der Tagung hielt KARIN WAHL-JORGENSEN (Cardiff). Sie sprach zu Emotionen im Journalismus, ein aus ihrer Sicht bis dato „blinder Fleck“ der Forschung. Dabei würden journalistische Darstellungsformen wie etwa Fallbeispiele regelmäßig durch die Hinzunahme emotionaler Aspekte dramatisiert. Indem sie diesen Forschungsgegenstand mit der Entwicklung partizipativer Formen des Journalismus verband, gab Wahl-Jorgensen fruchtbare Einblicke in den Bereich des emotionalen Storytelling. Sie resümierte, dass Journalistinnen und Journalisten die emotionale Komponente von Beiträgen immer häufiger durch das Hinzuziehen von Augenzeugenberichten oder Lesermeinungen verstärken würden. In der nachfolgenden Diskussion wurde daran erinnert, dass die Presse schon zur Zeit ihrer Entstehung durch Überschriften – und später Bilder – stark von Emotionen geprägt war.

In der zusammenfassenden Rückschau zeigt sich, dass es im Rahmen der Tagung nicht nur – wie von den Veranstaltern intendiert – gelang, das vielfältige Beziehungsgeflecht zwischen Journalismus und Medientechnologie aus einer breiten historischen Perspektive zu betrachten und in diesem Zusammenhang bestehende Sichtweisen auf technologischen Determinismus, ökonomische Effizienz und journalistische Rollen zu hinterfragen und, zumindest in Ansätzen, neue Herangehensweisen aufzuzeigen. Vielmehr kamen vor allem in den Diskussionen auch weitere Dimensionen in diesem Forschungsfeld zur Sprache; genannt sei hier nur der wichtige Bereich der Professionsgeschichte und das Spannungsfeld zwischen professionellen Standards und der erwünschten Partizipation gewöhnlicher Leute, das sich offenbar in jüngster Zeit noch verstärkt hat. In Bezug auf alle Erkenntnisse, die auf Befragungen von Journalisten oder Mediennutzern beruhen, bleibt aber stets die Frage offen, ob die darin gezeichneten Selbst- oder Fremdbilder nicht inhaltliche und methodische Grenzen haben. Denn wie sich ebenfalls zeigte, weichen solche Selbstbilder einerseits und die Praktiken der alltäglichen journalistischen Arbeit andererseits deutlich voneinander ab.

Konferenzübersicht

Addresses of Welcome

Volker Linneweber, President of Saarland University

Michael Kuderna, Saarland Regional Press Conference/Saarländischer Rundfunk

(I) Journalism and Technology – Developments, Interactions and Contexts

Martin Schreiber, Saarbrücken: Towards a new perspective on journalism and technology – Objectives of the Saarbrücken Conference

Andreas Fickers, Maastricht: Neither good, nor bad, nor neutral: Technology as crucial actant in media history

(II) Speeding up Information Flows: Journalism and the Discourse of Speed

John Nerone, Chicago: News and speed from the early modern era to the present

Amelia Bonea, Tokyo: Telegraphy and the politics of speed: Insights from news journalism in late nineteenth-century south and east Asia

(III) Visualizing the News

Kevin G. Barnhurst, Leeds: Visualizing spatial systems from ancient history to 21st-century media

Rita Gudermann, Berlin: Colour for the masses: The impact of image reproduction technologies on popular culture and publishers’ profits

Jens Jäger, Köln: Eyewitnesses? Visualising events around 1900

(IV) Journalistic Labour: Technology, the Profession of Journalism, and the Role of Journalists

Henrik Örnebring, Karlstad: Reporters, editors, and networkers: Trends in journalistic work roles and journalistic labour across Europe

Jürgen Wilke, Mainz: From hand-made to technology-driven journalism: Changes and developments in research, writing, editing and make-up

John Pavlik, Newark/NJ: Mobile technology and the implications for how journalists do their work

(V) Technology and the Quality of Journalism

Tobias Eberwein, Dortmund: Journalistic quality as wisdom of the crowd?

Mitchell Stephens, New York: “Experienced reporters going places”: How technology changed and is changing again understandings of quality in journalism

(VI) The Practice of Journalism Today and Tomorrow

Christoph Neuberger, München: Substitutes or supplements for professional journalism? Participative and technical formats of public communication on the Internet

Karin Wahl-Jorgensen, Cardiff: Changing technologies, changing paradigms of journalistic practice: Boundary work, authenticity and the challenge to objectivity

ZitierweiseTagungsbericht Technologies, Media and Journalism. 21.03.2013–23.03.2013, Saarbrücken, in: H-Soz-u-Kult, 08.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4899>.

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