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Workshop: Forming the Future when Time is running short

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Felicitas Schmieder, Fernuniversität Hagen; Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF), "Schicksal, Freiheit und Prognose; Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa", Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Datum, Ort:16.04.2013, Erlangen

Bericht von:
Andreas Holndonner / Philipp Winkler, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF), Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail: <andreas.holndonnerikgf.uni-erlangen.de>; <philipp.winklerikgf.uni-erlangen.de>

Am 16. April 2013 fand am Internationalen Kolleg für geisteswissenschaftliche Forschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (IKGF) ein Workshop zu Zukunftsvorstellungen im Mittelalter unter dem Titel „Forming the Future When Time Is Running Short” statt. Das IKGF untersucht interdisziplinär Vorstellungen von Schicksal, Freiheit und Prognose im europäischen Mittelalter, der europäischen Vormoderne und in Ostasien. Es wird seit über drei Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Unter der Leitung von drei Direktoren aus den Fächern Sinologie und mittelalterlicher Geschichte sorgen acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den wissenschaftlichen und organisatorischen Hintergrund, damit zahllose wechselnde internationale Fellows hier ihren Forschungen nachgehen können. Ziel des Projekts ist ein Vergleich der Schicksalsvorstellungen asiatischer Kulturen mit europäisch-westlicher Kulturen, die die prinzipielle Unerforschbarkeit des Ratschlusses der Götter, bzw. des Einen Gottes zum Ausgangspunkt hatte.

Zum Workshop luden Klaus Herbers (Erlangen) und Felicitas Schmieder (Hagen), die derzeit ein Fellowship am IKGF innehat und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus aller Welt den Raum bot, ihre an die jeweiligen Promotions- bzw. Habilitationsarbeiten anschließenden Projekte vorzustellen. Durch die Beiträge und Diskussionen sollte näher beleuchtet werden, inwiefern mittelalterliche Endzeitprophetien einen Handlungsrahmen für die bis zum Eintreffen der apokalyptischen Vorhersagen verbleibende Zeit offen ließen, indem versucht werden könne, das Schicksal zu beeinflussen, obwohl es im Großen und Ganzen bereits vorbestimmt sei. In ihrer Einleitung setzte sich Felicitas Schmieder mit dem Urteil von Reinhard Koselleck auseinander, dass im Mittelalter keine rationale Prognose für die Zukunft unternommen worden sei, weil das Ende der Welt ohnehin als vorgegeben betrachtet wurde. Sie verwies darauf, dass diese Ansicht mittlerweile als überholt gelten müsse: Die prinzipielle Vorherbestimmtheit der Zukunft – so ihre These – bedeutete nicht, dass man keine Handlungsoptionen für die Gegenwart sah; man musste im Gegenteil sehr genau überlegen, wie die kurze verbleibende Zeit am besten zu nutzen war. Die Ankunft des Antichrist etwa wurde in der Regel erst in ein bis zwei Generationen erwartet, bis dahin blieb also durchaus ein Zeitfenster übrig, um zu handeln.

ELIZABETH BOYLE (Cambridge) unternahm in ihrem Vortrag einen Überblick über verschiedene Zukunftskonzepte in mittelalterlichen irischen Texten. Anhand von sechs ausgewählten Beispielen legte sie dar, wie sich diese vor allem auf die Kürze des menschlichen Lebens, das sie der Ewigkeit gegenüberstellten, konzentrierten und dabei auf die Notwendigkeit verwiesen, in dieser begrenzten Zeit auf Erden ein tugendhaftes Leben zu führen. Die kurze Dauer des menschlichen Lebens – in den meisten Texten mit 40-60 Jahren veranschlagt – und die Ungewissheit über den genauen Todeszeitpunkt ließen dabei die gängige Praxis, am Ende eines durchaus weltlichen Lebens ins Kloster einzutreten, um in den letzten Jahre ein frommes Leben zu führen und sich dadurch von den begangenen Sünden reinzuwaschen, als nicht unproblematisches „Glücksspiel“ erscheinen. Neben solchen individuellen Zukunftsperspektiven sprach Boyle auch solche an, die sich mit dem Schicksal von Institutionen (wie etwa der Kirche) befassten. In beiden Fällen allerdings lassen sich in Irland keine auf das Millenium im Jahr 1000 ausgerichteten Texte vorlegen. Boyle verwies zudem darauf, dass einige frühirische Texte (aus der Zeit vor 900) in der mittelirischen Periode (900–1200) umgearbeitet wurden, um die in diesen enthaltenen Zukunftskonzeptionen, welche sich nicht verwirklicht hatten, zu aktualisieren. Im Anschluss betonte Schmieder, dass erste systematische Denkmodelle im Hinblick auf die Planung der Zukunft erst wesentlich später festzustellen seien und dass gerade vor dem Hintergrund des mitunter mehrfachen Umschreibens mittelalterlicher Texte besagte Aktualisierungen besonderer Forschungsaufmerksamkeit bedürften.

SUSANNE EHRICH (Regensburg) fokussierte in ihrem Beitrag auf die um 1260 entstandene, ostmitteldeutsche Apokalypse des Heinrich von Hesler, eines Verskommentars zur Offenbarung des Johannes, welcher darüber hinaus eine Adaption der Antichrist- und Endkaiserlegende enthält. Hesler unterschied darin drei Zeitalter: Die Vergangenheit, die bis zur Zeit Christi reiche, die (eigene) Gegenwart und schließlich die Zukunft, die durch die Ankunft des Antichrist geprägt werde. Er konzentrierte sich dabei vor allem darauf, seinen Lesern das notwendige Wissen zu vermitteln, um den Antichristen zu erkennen – er sah also durchaus einen gewissen beeinflussbaren Handlungsrahmen. Im Folgenden ging Ehrich auf die Darstellung der Antichristlegende in den Fenstern der Marienkirche in Frankfurt an der Oder ein, ein Kunstwerk, dem wahrscheinlich der Hesler’sche Text zugrunde lag. Letzterer wurde nämlich gerade vom Deutschen Orden stark rezipiert. Die bildliche Darstellung weist aber doch auch einige Unterscheide zum Text auf. So sei Hesler etwa bemüht gewesen, gerade die Gräuel, die die Ankunft des Antichrist begleiteten, möglichst wenig auszuschmücken. Die Überzeugung durch Angst gehörte offenbar nicht zum pädagogischen Repertoire des Heinrich von Hesler. Dem gegenüber bediente man sich bei der Ausgestaltung der Kirchenfenster durchaus dieses Mittels, um die Botschaft den Betrachtern nahezubringen. In der folgenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass auch bei Hesler ein Zeitraum zur Planung der Zukunft implizit vorhanden sei, wenn sich der Antichrist bereits auf Erden befände, jedoch nicht erkannt werde.

Das „Boec vander Wraken“ („Buch der Bestrafung“, Antwerpen 1346–1351) des Jan van Boendale war Gegenstand des Beitrags von ULRIKE WUTTKE (Gent). Es besteht vorrangig aus einer Übersetzung der Visio fratris Johannis, eines apokalyptischen Texts, der etwa ein halbes Jahrhundert zuvor aus Anlass des Falls von Akkon (1291) verfasst worden war. Dieser Text sei, wie Wuttke betonte, nicht zu den damals einschlägigen apokalyptischen Texten zu zählen, woraus sie die Frage ableitete, warum gerade er als Vorlage ausgewählt worden sein könnte. Die hier getätigten Prophezeiungen waren schließlich außerdem gar nicht eingetreten und trotzdem wurde hier der Inhalt der Visio nicht aktualisiert. Wuttke geht daher davon aus, dass Boendale diesen Text nicht aufgrund von dessen prophetischem Inhalt verwendete, sondern vielmehr durch ihn versuchte, Kritik an der eigenen Gegenwart zu üben: Insbesondere richte sich die Visio – und mit ihr auch van Boendales Text – gegen die angebliche moralische Verkommenheit der Kurie im Allgemeinen sowie besonders unter Papst Nikolaus III., wobei vor allem die Sünde der Habgier, etwa in Form von Simonie, kritisiert werde. Boendale verwende den eschatologischen Diskurs der Visio, um eine Reform der Zustände seiner Gegenwart zu fordern. Er deute sogar an, dass das Ende der Welt durch eine solche Reform hinausgezögert werden könne. Wie sehr bei Boendale die Zukunft als Spiegel der Gegenwart fungierte, wurde in der Diskussion nochmals unterstrichen. Änderungen der Gegenwart könnten Auswirkungen auf die Zukunft haben. Vor dem Hintergrund des Falls von Akkon und des Pontifikats Nikolaus' III. fiel Klaus Herbers zudem auf, dass bei Boendale gerade kein Rekurs auf eine positiv besetzte päpstliche Figur, etwa in Gestalt des „Engelpapstes“ Coelestin V. stattfand.

PAVLINA CERMANOVA (Prag) vollzog nun den Sprung ins 15. Jahrhundert und widmete sich den apokalyptischen Vorstellungen der Hussiten, wobei sie sich auf deren radikalste Phase um das Jahr 1420 konzentrierte. Bereits der Tod von Jan Hus war von vielen seiner Anhänger eschatologisch gedeutet worden, und die sich zuspitzenden Konflikte in den besagten Jahren gaben apokalyptischem Denken weiteren Auftrieb. So wurde etwa die etablierte Kirche mit dem Antichrist identifiziert, und man erwartete das Kommen eines „Regnum reparatum“ nach der kompletten Vernichtung aller Sünder, sprich aller Menschen außer den Hussiten, durch den wiederkehrenden Christus selbst. Dieses Regnum Reparatum stellte man sich analog zur idealisierten Urkirche vor. Einige Anhänger des radikalen Flügels der Hussiten sahen sich dabei bemerkenswerterweise selbst als Ausführende dieses Weltgerichts, leiteten also aus der apokalyptischen Prophezeiung eine Legitimation für die von ihnen angewendete Gewalt her und setzten sich selbst als handelnde Akteure des Weltendes. Nach 1420, als sich zeigte, dass sich diese Prophezeiungen nicht erfüllten, wurden sie zurückgenommen, die Ankunft Christi musste nun neu interpretiert werden. In der Diskussion wurde unter anderem der Frage nachgegangen, inwiefern in diesen hussitischen Prophetien möglicherweise Vorstellungen der Katharer nachwirkten. Außerdem hob man hervor, in welchem Gegensatz die hussitischen Prophetien zu den bekannten Vorstellungen von der Ankunft Christi und der Strafe Gottes standen. Schließlich erwarteten die Hussiten doch eine Reinigung der Erde, auf die hin das irdische Leben weiterging.

Eine völlig andere Quellengattung wählte ANKE HOLDENRIED (Bristol). Sie befasste sich mit der Untersuchung von mittelalterlichen Bibelkommentaren als Methode, sich dem mittelalterlichen eschatologischen Denken zu nähern. Dabei ging sie zunächst vor allem auf die Schwierigkeiten dieses Verfahrens ein. So seien zum Beispiel viele der betreffenden Texte nicht ediert, wobei sie die Bedeutung der Universität Stockholm bei der Edition solcher Texte hervorhob. Viele Wissenschaftler hätten außerdem nicht die nötigen Kenntnisse, um sie adäquat zu interpretieren – weshalb Holdenried dafür plädierte, auch diese Fähigkeiten stärker zu lehren. Die Vortragende verwies nicht nur auf den vierfachen Schriftsinn als Herausforderung für moderne Rezipienten, sondern unterstrich den Charakter von Bibelkommentaren als polyphone Texte, die unterschiedlichste Bedeutungsebenen zwischen den Marginalien, Kommentaren und den zitierten Bibelbruchstücken eröffneten. Grundsätzlich also seien die Kommentare sehr vielschichtig, auch da sie sich nicht nur auf die Bibel selbst, sondern auch auf die Tradition der Bibelkommentare bezögen – wobei sogar das Nicht-Erwähnen eines weithin bekannten Kommentars als Aussage gewertet werden könne. So empfahl Hugo von St-Victor in seinen berühmten Schriften die Lektüre des Buchs der Offenbarung nicht. Wagt man sich trotz derartiger Schwierigkeiten an die Texte heran, so können sie interessante Erkenntnisse liefern. Es kann etwa untersucht werden, ob die Kommentatoren die Prophezeiungen der Bibel als bereits vollendet ansahen oder ob sie diese noch immer als Mittel, ihre eigene Zukunft zu deuten, betrachteten.

BARBARA SCHLIEBEN (Berlin) schließlich wählte in ihrem Vortrag eine komplementäre Perspektive auf die im Workshop aufgeworfenen Grundfragen. Anders als die übrigen Beiträge, die untersuchten, inwiefern man im Mittelalter Handlungsanweisungen und -optionen für die Gegenwart aus Prognosen und Vorhersagen über die Zukunft ableitete, untersuchte sie das prognostische Potential von Gegenwartsbetrachtungen. Dabei verwies Schlieben auf die bereits gängige Praxis in den Nachbardisziplinen der Zeitgeschichte und der Alten Geschichte, wo wiederholt ein enger Zusammenhang zwischen Gegenwartsbetrachtung und Zukunftsprognose formuliert worden sei. Anhand ausgewählter Beispiele machte Schlieben das Potential dieses in der mediävistischen Forschung bislang kaum gewählten Zugangs deutlich. So verwies sie etwa auf die Warnungen des Dhouda, eines fränkischen Edlen, der in den 40er-Jahren des 9. Jahrhunderts das Ende der karolingischen Zentralgewalt thematisierte, oder auf die Chronik des berühmten Thietmars von Merseburg, der noch zu Lebzeiten Heinrichs II. das Ende der ottonischen Dynastie voraussah. Am meisten Gewicht legte Schlieben allerdings in ihre Analyse des Verhältnisses zwischen Gegenwartsbeschreibung und Prognose bei Atto von Vercelli. Es gelang ihr, anschaulich den Argumentationsstrang dieses Bischofs von der eigenen Gegenwart in die Zukunft und wieder zurück in besagte Gegenwart aufzuzeigen.

Während der Abschlussdiskussion fasste Felicitas Schmieder die Ergebnisse der Vorträge zusammen, wobei Klaus Herbers die Zugehörigkeit des mittelalterlichen Schlüsselbegriffs der „Reform“ zum Begriffspaar Prognose und Prophetie betonte. Es wurde nochmals deutlich unterstrichen, wie sehr die unterschiedlichen Beiträge aus diversen Epochen des Mittelalters nicht nur einen Bogen zwischen dem irischen Nordwesten bis hin zum tschechischen Südosten dessen, was heute als Europa bekannt ist, spannten. Die unterschiedlichsten Quellengattungen hätten klar belegt, wie zu den unterschiedlichen Zeiten jeweils in spezieller Art und Weise Möglichkeiten aufgezeigt und genutzt worden seien, um die Gegenwart vor dem Panorama einer nahenden Zukunft zu verändern.

Insgesamt zeigte die Konferenz deutlich, dass sich der Glaube an ein vorherbestimmtes Schicksal und die Suche nach Handlungsoptionen für die Zukunft keinesfalls ausschließen mussten. Vielmehr gab die Erwartung des Weltendes dem menschlichen Handeln in der bis dahin verbleibenden Zeit häufig eine ganz besondere Bedeutung. Wie anhand diverser Beispiele aus unterschiedlichen Epochen und Regionen sichtbar wurde, beschäftigten sich die Menschen im Mittelalter intensiv mit der Frage, wie man sich in der noch verbleibenden Zeit zu verhalten habe. Weiterführend wäre sich etwa der Frage genauer anzunehmen, ob sich in mittelalterlichen Vorstellungen sogar zwei unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft finden – die einer schicksalhaft vorgegebenen Zeit einerseits und die eines bis zu deren Eintreffen verbleibenden Zeitraum andererseits – und zu ergründen, in welchem Verhältnis beide zueinander stehen.

Konferenzübersicht

Klaus Herbers (Erlangen), Begrüßung

Felicitas Schmieder (Hagen), Introduction

Elizabeth Boyle (Cambridge), Forming a Future for Individuals and Institutions in Early Medieval Ireland

Susanne Ehrich (Regensburg), Das Zukunftskonzept in der ,Apokalypse’ Heinrichs von Hesler im Kontext des spätmittelalterlichen Eschatologie-Diskurses

Ulrike Wuttke (Gent), Making the Future a Better Place: Prophecy as a Means to Reform in Jan van Boendale’s “Boec vander Wraken”

Pavlina Cermanova (Prague), Waiting for Paradise: Concepts of Future in Hussite Apocalyptic Thinking

Anke Holdenried (Bristol), Bible Commentaries as Sources for Scholastic Thinking about the Future

Barbara Schlieben (Berlin), Forming the Future: Interrelations between Prognostics and Prophecies in the Early Middle Ages

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Workshop: Forming the Future when Time is running short. 16.04.2013, Erlangen, in: H-Soz-Kult, 10.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4897>.

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