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475 Jahre Schmalkaldische Artikel – Die Ernestiner und ihr Bekenntnis

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Friedrich-Schiller-Universität Jena
Datum, Ort:25.10.2012–26.10.2012, Jena

Bericht von:
Markus Bleeke, Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <markus.bleekeuni-jena.de>

Bei der Durchführung des interdisziplinären Arbeitsgesprächs „475 Jahre Schmalkaldische Artikel: Die Ernestiner und ihr Bekenntnis“ ist es gelungen zu einem auf den ersten Blick gut erforschten Gebiet der Reformationsgeschichte neue Fragestellungen in den Blick zu nehmen und erstmals zu diskutieren. Die Tagung war in drei Sektionen gegliedert, zunächst „Die Schmalkaldischen Artikel und ihre Konstrukteure“, dann „Die Schmalkaldischen Artikel und die lutherische Konfessionalisierung“ und schließlich „Die Schmalkaldischen Artikel in ihrer Wirkung auf Kirche und Gesellschaft“.

Die erste Sektion widmete sich unter dem Titel „Die Schmalkaldischen Artikel und ihre Konstrukteure“ einerseits der Bedeutung Martin Luthers und des Kurfürsten Johann Friedrichs von Sachsen für die Entstehung der Schmalkaldischen Artikel, andererseits wurde der aktuelle Forschungsstand referiert. CHRISTOPHER SPEHR (Jena) verwies in seinem Vortrag „Martin Luther und sein Schmalkaldisches Bekenntnis“ auf die Bedeutung der Artikel als theologisches Testament Luthers, um das der erkrankte Reformator vor der Durchführung des nach Mantua ausgeschriebenen Konzils gebeten wurde. In den Artikeln hatte Luther die Messhandlung und die Rolle des Papstes als Kontroverspunkte entwickelt, die eine Verständigung mit der römischen Seite unmöglich machten. Aufgrund Luthers scharfer Kritik nahm der Schmalkaldische Bund die Artikel nicht als Bundesbekenntnis für ein bevorstehendes Konzil an, sondern beauftragte Melanchthon, einen Text zur Stellung des Papstes vorzulegen.

JOACHIM BAUER (Jena) zeichnete in seinem Vortrag unter dem Titel „Herrschaft und Konfession – Johann Friedrich der Großmütige und die Schmalkaldischen Artikel“ zunächst die Diskussion über die Artikel, die zwischen Hans Volz und Ernst Bizer geführt wurde, nach, bevor er auf die neueren Forschungen verwies und sich dabei auf Helmar Junghans, Werner Führer und Gabriele Haug-Moritz bezog. Bauer attestierte der bisherigen Forschung, dem Neuaufbau der kirchlichen Strukturen in Kursachsen nach der Reformation zu wenig Augenmerk gewidmet zu haben. Er empfahl, die Entstehungsgeschichte der Artikel stärker an der Kirchenpolitik Kurfürst Johann Friedrichs von Sachsen zu orientieren.

Die zweite Sektion unter dem Titel „Die Schmalkaldischen Artikel und die lutherische Konfessionalisierung“ bezog die Artikel beispielhaft auf das ernestinische und das albertinische Sachsen. Auf diesem Wege war es möglich, die den unterschiedlichen religionspolitischen und theologischen Rahmenbedingungen geschuldete Inanspruchnahme der Artikel zu untersuchen. DANIEL GEHRT (Gotha) verwies auf die Funktion der Schmalkaldischen Artikel im ernestinischen Sachsen zwischen 1555 und 1580. Nach dem Tode Luthers entwickelte es sich zum Landesbekenntnis, welches 1554 sogar Eingang in den Ordinationseid fand. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Entstehung der Jenaer Ausgabe der Artikel von 1554 zu sehen. Im Rahmen einer Visitation war diese den Pfarrern zur Anschaffung für ihre Weiterbildung empfohlen worden. Eine hinzugefügte Vorrede aus der Feder der Hofprediger Johann Aurifaber und Johann Stoltz hatte abgrenzenden Charakter gegenüber vermeintlichen innerlutherischen Irrlehren besessen. – MICHAEL BEYER (Leipzig) verwies in seinem Vortrag „Die Schmalkaldischen Artikel im albertinischen Sachsen“ darauf, dass die Schmalkaldischen Artikel erst spät, im Rahmen der neuen Kirchenpolitik des Herzogs August seit 1575, intensiver rezipiert worden waren. Ziel war es, das Bild von der Arbeitsgemeinschaft zwischen Luther und Melanchthon wiederherzustellen und so die „Wittenberger Kollektivautorität“ neu zu errichten. Dabei konnte man an die breite Tradition anknüpfen, dass bis 1560 die Schmalkaldischen Artikel häufig im Kurfürstentum gedruckt wurden. Michael Beyer sah in den Artikeln eine Klärung und Entlastung der Confessio Augustana.

In seinem Abendvortrag machte GEORG SCHMIDT (Jena) unter dem Titel „Auf dem Weg zur lutherischen Konfession – Die reichspolitischen Konstellationen zwischen 1530 und 1580“ auf die ungleich größere Bedeutung der Confessio Augustana im Gegensatz zu den Schmalkaldischen Artikeln in reichspolitischer Perspektive aufmerksam. Dieses Bekenntnis hat, trotz aller Kontroversen, der lutherischen und der calvinistischen Partei als integrierende Klammer gelten können. Die Schmalkaldischen Artikel entfalteten eher trennende Wirkung.

Die dritte Sektion unter dem Titel „Die Schmalkaldischen Artikel in ihrer Wirkung auf Kirche und Gesellschaft“ versammelte Beiträge, welche die in den vorherigen Beiträgen entwickelten Erkenntnisse aufnahmen und neue Forschungsperspektiven entwickelten. THOMAS FUCHS (Leipzig) orientierte in seinem Vortrag „Die Schmalkaldischen Artikel und die Religionsgespräche“ auf eine Typenbildung zur Strukturierung der Kommunikationssituation. Er plädierte dafür, die Schmalkaldischen Artikel unter kommunikationstheoretischer Perspektive als Ausdruck eines eschatologischen Denkstils zu betrachten. In diesem Rahmen ist beispielsweise auch die Lebensgeschichte des Kurfürsten Johann Friedrich als Passionsgeschichte zu lesen. Fuchs verwies auf apokalyptische Sprachbilder und die Betonung des Trennenden als Ausdruck dieses Denkstils. Ferner betonte Fuchs die Unterschiede zwischen dem Augsburger Bekenntnis und den Schmalkaldischen Artikeln. Während ersteres in mehreren Religionsgesprächen thematisiert worden war, konnten die Artikel in diesem Rahmen, nicht zuletzt aufgrund der Betonung trennender Aspekte, keine signifikante Bedeutung erlangen.

JOHANNES HUND (Mainz), entwickelte in seinem Vortrag unter dem Titel „‚... dass Brot und Wein sei der wahrhaftige Leib und Blut Christi.‘ Die Funktion der Schmalkaldischen Artikel in den Debatten um das Abendmahl im Vorfeld der Konkordienformel“ die Bedeutung der Schmalkaldischen Artikel im Rahmen der innerprotestantischen Streitigkeiten um das Abendmahl. Er ging von der Rolle der Artikel als ernestinisches Grundbekenntnis aus und schloss in seiner Argumentation an den Vortrag von Daniel Gehrt an. Die Diskussion um das richtige Verständnis des Abendmahls ist als Ringen um die Identität der Wittenberger Reformation im Gegensatz zu den Reformierten zu verstehen. Einigungsgespräche zwischen den Parteien waren an der kompromisslosen Haltung des ernestinischen Sachsens gescheitert, welches auf der Lehre vom leiblichen Empfang des Abendmahls im Sinne der Schmalkaldischen Artikel bestand.

DAGMA BLAHA (Weimar) untersuchte in ihrem Vortrag „Zur Überlieferungsgeschichte der Schmalkaldischen Artikel“ die handschriftliche Überlieferungsgeschichte der Artikel als Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Dabei verwies sie nicht nur auf die unterschiedlichen, nachweisbaren Exemplare, sondern auch auf die Zuordnung unterschiedlicher Abschriften zu verschiedenen Rezipientengruppen. Es wurden zwei Abschriften der Artikel angefertigt, die zum Bundestag nach Schmalkalden mitgenommen wurden, um sie unterschreiben zu lassen. Allerdings ist die Abschrift für Gregor von Brück verschollen. Ihre Überlegungen zur Unterschriftsleistung korrespondierten mit den von Joachim Bauer gemachten Beobachtungen der innenpolitischen Dimension der Artikel für das ernestinische Kursachen. Dabei geht Blaha von der Möglichkeit aus, dass die Pfarrer des Kurfürstentums die Abschrift Brücks mit ihrer Unterschrift bestätigt hätten. Am Beispiel der Heidelberger Ursprungshandschrift Luthers erläuterte Blaha eine komplexe Überlieferungsgeschichte, die über Achilles Priminius Gasser in Augsburg, die Bibliotheca Palatina und den Vatikan wieder nach Weimar führte.

SIEGRID WESTPHAL (Osnabrück) eröffnete in ihrem Vortrag „Das Bekenntnis in geschlechtergeschichtlicher Perspektive“ neue Forschungsperspektiven zur Bearbeitung der Schmalkaldischen Artikel. Direkt für diesen Themenbereich sind bislang keine Arbeiten vorhanden. Klassische Fragestellungen sind auf die Sichtbarmachung von Frauen, die Konstruktion von Männlichkeit und die Ehefrage gerichtet. So ist z.B. hinsichtlich der Schmalkaldischen Artikel auffällig, dass in diesen die Behandlung der Ehefrage ausgeklammert ist. Als bemerkenswert muss auch die verbreitete Verwendung von geschlechtsneutralen Begrifflichkeiten, wie z.B. Menschen oder Leute, gelten. Hinsichtlich der Funktionsweise eines Bekenntnisses in individueller oder gemeinschaftlicher Hinsicht sind weitere Forschungen notwendig.

Die Tagung hat gezeigt, dass trotz des insgesamt erfreulichen Forschungsstandes zu den Schmalkaldischen Artikeln weitere interdisziplinäre Fragen offen sind: So ist, ausgehend vom Konzept des Priestertums aller Gläubigen, nach der Motivation von bestimmten Gruppen, z.B. von Frauen, für ihr Bekennen zu fragen. Weiterhin ist die Gewichtung der Artikel im Rahmen unterschiedlicher Bedeutungsebenen, so hinsichtlich der europäischen oder Reichsebene, mit Blick auf den Antagonismus zwischen dem ernestischen und dem albertinischen Sachsen, auch der regionalen Ebene, zu untersuchen. ERNST KOCH erinnerte daran, dass neben den in Rahmen der Tagung behandelten Themen weitere Faktoren in den Blick zu nehmen sind. Er verwies insbesondere auf den ersten Teil der Schmalkaldischen Artikel, der unter der Überschrift „Was wir gemeinsam bekennen“ gerade nicht das Trennende zwischen der römischen und der lutherischen Seite in den Mittelpunkt rückt. Ziel war es nicht gewesen, die „ecclesia catholica“ zu verlassen. Mit Blick auf die Wittenberger Konkordie von 1536 ist zu klären, wie mit der Unterschrift beteiligter Theologen in deren Heimatterritorien umgegangen wurde. Auf diesem Wege kann eine theologiegeschichtliche Fragestellung im Rahmen der Reichsebene untersucht werden. Stefan Michel nahm dies auf und entwickelte daraus die Frage nach Luthers Bekenntnisbegriff.

Konferenzübersicht:

Joachim Bauer (Jena): Begrüßung

I. Die Schmalkaldischen Artikel und ihre Konstrukteure

Diskussionsleitung: Stefan Michel (Jena)

Christopher Spehr (Jena): Martin Luther und sein Schmalkaldisches Bekenntnis

Joachim Bauer (Jena): Herrschaft und Konfession – Johann Friedrich der Großmütige und die Schmalkaldischen Artikel

II. Die Schmalkaldischen Artikel und die lutherische Konfessionalisierung

Diskussionsleitung: Christopher Spehr (Jena)

Daniel Gehrt (Gotha): Die Schmalkaldischen Artikel und ihre Funktion im ernestinischen Sachsen zwischen 1555 und 1580

Michael Beyer (Leipzig): Die Schmalkaldischen Artikel im albertinischen Sachsen

Abendvortrag
Einführung Christopher Spehr
Grußwort des Rektors der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Klaus Dicke
Georg Schmidt (Jena): Auf dem Weg zur lutherischen Konfession – Die reichspolitischen Konstellationen zwischen 1530 und 1580

III. Die Schmalkaldischen Artikel in ihrer Wirkung auf Kirche und Gesellschaft

Diskussionsleitung: Joachim Bauer / Markus Bleeke (Jena)

Thomas Fuchs (Leipzig): Die Schmalkaldischen Artikel und die Religionsgespräche

Johannes Hund (Mainz): „… daß Brot und Wein im Abendmahl sei der wahrhaftige Leib und Blut Christi“. Die Funktion der Schmalkaldischen Artikel in Debatten um das Abendmahl im Vorfeld der Konkordienformel

Dagmar Blaha (Weimar): Zur Überlieferungsgeschichte der Schmalkaldischen Artikel

Siegrid Westphal (Osnabrück): Das Bekenntnis in geschlechtergeschichtlicher Perspektive

ZitierweiseTagungsbericht 475 Jahre Schmalkaldische Artikel – Die Ernestiner und ihr Bekenntnis. 25.10.2012–26.10.2012, Jena, in: H-Soz-Kult, 29.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4887>.

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