1 / 1 Tagungsbericht

America Latina en los Medios Visuales / Latin America in Visual Media

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:DFG-Projekt am Historischen Institut der Universität zu Köln "Visionen und Visualisierungen. Südamerika in Bildmedien des 19. und 20. Jahrhunderts"
Datum, Ort:21.02.2013–23.02.2013, Köln

Bericht von:
Jonas Schiffauer, Köln
E-Mail: <jonas.schiffauergmx.de>

Der im Rahmen des DFG-Projekts “Visionen und Visualisierungen“ unter Leitung von Barbara Potthast und Jens Jäger organisierte Workshop “America Latina en los Medios Visuales / Latin America in Visual Media“ ermöglichte die zweite Kölner Zusammenkunft von Expertinnen und Experten zur Fotografiegeschichte Lateinamerikas. Ziel des Workshops war ein intensiver Austausch insbesondere junger Forschender über den Einfluss visueller Medien auf die Wahrnehmung und Vorstellung von Lateinamerika. Jens Jäger betonte in der Einleitung die Schlüsselfunktion fotografischen Materials bei der Wahrnehmung von Menschen, Landschaften und Machtstrukturen. Die Vielfalt an Deutungsmustern von Bildmaterial und die Notwendigkeit durch wissenschaftliche Betrachtung zwischen explizit sichtbaren, konstruierten Botschaften und implizit transportierten Konnotationen unterscheiden zu können, betone die Wichtigkeit eines lebendigen Austauschs internationaler Wissenschaftler/innen. Dabei, so Jens Jäger, seien nicht nur die Bilder populärer Fotografen von Interesse; sondern ebenso alltäglich produziertes und medial sichtbares Bildmaterial. Die vielfältigen Rollen des fotografischen Materials als mobiler Informationsträger und Mittler von Wissen waren Thema der nachfolgenden Vorträge.

PILAR GARCÍA JORDAN (Barcelona,) legte in ihrem Vortrag dar, wie dynamisch sich das Medium Fotografie in seiner politischen Funktion als Beweisträger den Intentionen seiner Nutzer anpasst. Am Beispiel von Franziskanermissionen im bolivianischen Tiefland erläuterte sie, wie die Mönche auf politischen und sozialen Druck mit Hilfe von visuellem Material reagierten, um ihr Monopol als Territorium und Menschen kontrollierende Instanz in den “tierras bajas“ aufrechtzuerhalten. Die Darstellungen von Indigenen im Transformationsprozess zwischen “Barbarei“ und “Zivilisation“ bescheinigten den Missionaren ihr modernisierendes Potential und erreichten politische und kirchliche Instanzen in Europa und Lateinamerika. Diesen elaborierten, in expliziten Bildern ausgedrückten Diskurse der Jahre 1898-1899 verglich sie mit Bildern aus einer anderen Region, die ebenfalls auf eine Konsolidierung franziskanischer Macht abzielten. 30 Jahre später in der bolivianischen Staatskrise haben die Bilder ethnografischen Charakter und zeichnen implizit das Bild einer indigenen Bevölkerung kurz vor dem Verschwinden.

INÉS YUJNOVSKY (Buenos Aires) analysierte die Repräsentation von Indigenen und Territorium in Reiseliteratur im Kontext der nationalstaatlichen Konsolidierungsphase Argentiniens. Protagonist ihres Vortrags ist der Politiker Estanislao Zeballos, der eine Division der “campaña al desierto“, einem offensiven Exterminierungsfeldzug zur Grenzerweiterung genSüden, begleitete. Zeballos publizierte 1881 den bebilderten Reisebericht „Viaje al país de los Araucanos“ und lieferte der jungen Nation eine neue Botschaft: Das als Schulbuch verwendete Dokument brach mit dem bis dato vorherrschenden Stereotyp der furchtlosen Krieger, vermittelt das Ende der Bedrohung durch die Indigenen und den Beginn der erfolgreichen Unterwerfung, während der Autor durch den wissenschaftlichen Charakter seiner Fotografien den Topos eines verfügbaren, menschenleeren Raumes weiterzeichnet. Yujnovsky beschrieb die semantische Wirkkraft aus Bild-Text Zusammenhängen, die Selbstinszenierung Zeballos als lokal verankerter Kosmopolit und die Anziehungskraft des Reiseberichts als Metapher objektiven Wissens.

Während Yujnovsky politische Legitimationsprozesse im nationalen Rahmen offenlegte, stellte SVEN SCHUSTER (Eichstätt) die Wirkungszusammenhänge zwischen regionaler, nationaler und internationaler Bühne dar. In seinem Vortrag “El papel de la fotografía en las exposiciones del imperio brasileño: Albert Frisch y Augusto Stahl“ verdeutlichte er die komplexen Repräsentations- und Zirkulationsmechanismen von visuellem Material. Wie wollte sich das sich modernisierende Brasilien vor der Weltöffentlichkeit präsentieren? Schuster illustrierte anhand von Foto- und Lithografien die konfliktive Haltung einer jungen, postkolonialen Nation, die von positivistischen Einflüssen geprägt auf der Suche nach einer nationalen Identität über den Umgang mit der Repräsentation ihres indigenen und afrobrasilianischen Erbes streitet.

KATHRIN REINERT (Köln), wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt, stellt im Anschluss einen Auszug aus ihrem Dissertationsprojekt “Sich (s)ein Bild von Südamerika machen. Erkenntnis und Imagination in den Fotografien deutscher Forscher (1892-1933)“ vor. Ihr Vortrag rückt den Blickwinkel der Debatte auf den diskursiven Beitrag der Bilder von Max Uhle und Robert Lehmann-Nitsche. Sie legte dar, wie deutsche Wissenschaftler mit Fotografien von anthropologischem Charakter zum populären Diskurs der Indigenen als “raza inferior“ beigetragen haben.

Im Anschluss sprach VANNESSA HÖSE (Köln) über die Wirkkraft von Bildern im innergesellschaftlichen Modernisierungsdiskurs in Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie erläuterte, wie sich gesellschaftliche und politische Ängste um eine moderne und gesunde Gesellschaft in der Berichterstattung der illustrierten Presse über Morphinmissbrauch artikulierten. Wesentlicher Bestandteil ist die Analyse von Bildern, in denen klassenspezifische Repräsentationen Morphinabhängiger erkennbar sind. In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass die Beziehung zu Kategorien wie Gender und Rasse hierbei ebenfalls bedeutsam sind.

HINNERK ONKEN (Köln) stellte sein Habilitationsprojekt vor, das der Frage nachgeht, welche Ideen von Südamerika der deutschen Öffentlichkeit durch Medien und insbesondere Bildpostkarten vermittelt wurden. Onken betonte den Begriff der Ambivalenz der Bilder: Der Analyserahmen beinhaltet eine Vielzahl fotografischer Genres, die ambivalente Botschaften liefern. Diese drücken sich aus in der Dichotomie zwischen Moderne und Barbarei, Metropolis und Peripherie wie auch im Spannungsverhältnis von Moral und sexueller Fantasie, beispielsweise in erotisierenden Darstellungen indigener Frauen und Männer. Die Postkarten verweisen auf Vor- und Darstellungen der Neuen Welt als Topos für wissenschaftliche Experimente, Träume und Fantasien.

Der abschließende Vortrag von ANNE–KATHRIN HEINEN (Köln) öffnete den Raum für einen weiteren geografischen Betrachtungsrahmen. Heinen rückte den Fokus auf Bildpostkarten aus Schweden um 1900 und deren vielfältige Funktion als Mediatoren von Wissen. Sie beschrieb die zirkulierenden Bilder als “travelling landscape objects“, die lokalen Fotografen erlaubten, nicht kanonisierte Darstellungen ihrer Heimatregion zu liefern und somit identitätsstiftend wirkten. Des Weiteren öffne die positive gesellschaftliche Rezeption des neuen Mediums neue ökonomische Räume und Möglichkeiten der Repräsentation. Visualisierte Information konnten beispielsweise klare Anreize für Touristen liefern.

Heinens Vortrag zeigte die Notwendigkeit den Vergleich zwischen Regionen zu fördern, wie Barbara Potthast in der Abschlussdiskussion betonte. Phänomene wie “Othering“ und Exotisierung entstünden auch auf geografisch kleinem und ethnisch weniger ausdifferenzierten Raum. Es gelte demnach, Fotografie in ihrer Bedeutungsvielfalt in eng verflochtenen globalen Prozessen zu betrachten um Ideen und Praktiken im Bild zu verstehen und offenzulegen.

Die multifokalen Perspektiven der Vorträge sowie die anschließenden Diskussionen vermittelten die Notwendigkeit der weiteren Förderung eines internationalen Austausches von Forschenden. Der Workshop leistete somit einen wichtigen Beitrag in der inhaltlichen und personellen Vernetzung im Forschungsfeld historischer Bildforschung, die die Forschenden in Köln mit kolonialen und postkolonialen Studien mit Ansätzen zur Geschichte der Wissensproduktion und Wissenspopularisierung zu verknüpfen sucht.

Konferenzübersicht

Pilar García Jordán (Barcelona): La fotografía como documento histórico. Representación de los Guarayo (1898) y los Sirionó (1929-30) en la Bolivia republicana

Inés Yujnovsky (Buenos Aires): Fotografías en los confines del mundo americano a principios del siglo XX

Sven Schuster (Eichstätt): El papel de la fotografía en las exposiciones del imperio brasileño: Albert Frisch y Augusto Stahl

Kathrin Reinert (Köln): Hacerse su idea de Sudamérica. Saber e imaginación en las fotografías de científicos alemanes (1892-1933)

Vanessa Höse (Köln): La exploración de la “mala vida”. Discursos biopolíticos sobre la Cuestión Social en el periodismo argentino, 1900-1920

Annika Buchholz (Berlin): El rol de las “vistas fotográficas” de Max T. Vargas en la construcción identitaria de las élites del sur del Perú a principios del siglo 20

Hinnerk Onken (Köln): Ambivalent Images: Photos and Postcards from South America in Germany, c.1880-1930

Anne Kathrin Heinen (Köln): Shifting the Focal Point: Picture Postcards in Sweden around 1900

ZitierweiseTagungsbericht America Latina en los Medios Visuales / Latin America in Visual Media. 21.02.2013–23.02.2013, Köln, in: H-Soz-Kult, 25.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4878>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.