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2. Arbeitstreffen des Netzwerks „ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter“

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Netzwerk „ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter“
Datum, Ort:07.12.2012–08.12.2012, Berlin

Bericht von:
Eva-Maria Butz, Historisches Institut, TU Dortmund; Miriam Czock, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: <eva-maria.butzuni-dortmund.de>; <miriam.czockuni-due.de>

Nach dem ersten Treffen des Netzwerks „ZeitenWelten“ am 27./28. Juli 2012 an der Universität Duisburg-Essen traf sich das Netzwerk nun am 7./8. Dezember in Berlin.[1] Eröffnet worden war das Netzwerk im Juli mit einem Abendvortrag von Thomas Martin Buck mit dem Thema „Zeit und Geschichte. Vom Vormodernen und modernen Umgang mit der Vergangenheit“ und einem workshop zu methodischen und theoretischen Grundlagen.

Das zweite Treffen der Netzwerkgruppe beschäftigte sich mit der Relevanz der Heilsgeschichte für die Konzeption von Zeit. Die mittelalterlichen Zeitkonzepte stehen im Spannungsfeld einer hermeneutischen Auslegung der Bibel, die einerseits zu einem linearen, andererseits zu einem zyklischen Zeitverständnis beiträgt. Daraus entwickeln sich Fragen zum Umgang zum einen mit Veränderungsdynamiken im Rahmen eschatologischer Zeitkonzepte und zum anderen mit Widersprüchlichkeiten innerhalb von Zeitkonzeptionen.

Im Zentrum des Projekts von RICHARD CORRADINI (Wien) zu den „Langzeitperspektiven und Nachhaltigkeitskonzepten im Zeitbuch des Walahfrid Strabo“ steht das sogenannte Vademecum (St. Gallen, Stiftsbibl., Cod. 878) (827-849). Die inhaltliche Zusammenstellung der Texte und Themen können als Zeugnis unterschiedlicher, konkurrierender mittelalterlicher Zeitstrukturen und -konzepte gelten, die auf intellektueller Ebene Gegenmodelle zur Krisenzeit entwerfen. Während der erste Teil des Kompendiums der Grammatik und damit der korrekten Interpretation von Sprache gewidmet ist, enthalten der zweite und der dritte Teil Texte zu Naturwissenschaften und Komputistik. Neben den einschlägigen chronikalischen Texten (Beda, Hrabanus Maurus, Hieronymus) enthält die Handschrift chronikalische Notizen, ein Kalendar sowie die Beschlüsse der Synode von 809, von der aus Impulse auf die Zeitrechnung ausgingen. Das Vademecum zeigt in seiner inhaltlichen Struktur Zeit in drei verschiedenen Schichten: die instabile menschliche Geschichte, die zyklische Zeit Gottes auf Erden und die göttliche Zeit im Zeichen der Gestirne. Aus seinem zeitgenössischen Kontext bietet es in langfristigen Perspektiven intellektuelle Lösungen für den Umgang mit den politischen Konflikten und Umbrüchen der eigenen Zeit.

MIRIAM CZOCK (Essen) beschäftigt sich im Rahmen ihres Projekts mit der “Unberechenbarkeit der berechenbaren Zukunft. Die Apokalypse in der Karolingerzeit“ mit der Frage, wie die apokalyptischen Texte der Bibel in karolingischer Zeit in Bezug auf die Zukunft fruchtbar gemacht wurden, also zu welchen Zeitvorstellungen das Spannungsfeld von apokalyptischen Ängsten und allegorischem Verständnis für die biblisch geoffenbarte Zukunft führte. Anhand unterschiedlicher Texte wurde deutlich gemacht, dass die Zukunft im apokalyptischen Bezug mehrere Facetten hat. Obwohl sie sich linear aus der Gegenwart ergibt, zeigt sich deutlich, dass die Gegenwart in einer unbestimmten zukünftigen Zeit enden wird. Diese Zukunft setzt die Rahmenbedingungen und Anforderungen des gegenwärtigen Lebens fest. Daneben existiert die Idee der Zukunft als geoffenbarte Zukunft, die mit der Gegenwart und der Vergangenheit verschmitzt. Diese „breite Gegenwart“ der karolingischen Zeit bezieht nicht nur die Vergangenheit in die Gegenwart mit ein, sondern auch die Zukunft, die, obwohl geoffenbart, als offen verstanden wird.

Im Rahmen ihrer Forschungen zu dem altfranzösischen Livre de Sidrac stellte PETRA WAFFNER (Hagen) die „Konstruktion von Zeit und Raum“ in diesem Werk vor. Der Livre de Sidrac beinhaltet im Rahmen einer narrativen Erzählung als zentralen Bestandteil eine in Dialogform gewandte Enzyklopädie. Verbunden werden beide Teile durch den Philosophen Sidrac, der in vorchristlicher Zeit dem König Boctus hilft, den Fluch auf einen geplanten Turmbau zu bannen, und ihn im Rahmen seines Lehrgesprächs zum Christentum bekehrt. Die literarische Rahmenerzählung überliefert eine fiktive Rezeptionsgeschichte des Buches bzw. seiner Übersetzungen über verschiedene Stationen bis nach Toledo, wo es schließlich vom Lateinischen ins Französische übertragen worden sein soll. Dabei wird die Übersetzungsgeschichte teleologisch erzählt, der Verbleib des „ursprünglichen“ Buches bleibt demgegenüber uninteressant. Insgesamt enthält der Text 40 Passagen über die Heilsgeschichte, die in Form von Prophezeiungen präsentiert und historischen Ereignissen mehr oder weniger eindeutig zugeordnet werden können. Sidrac wird als Person in diesen komplexen Zeitschemata selbst Teil des Heilsgeschehens.

Angeleitet von FELICITAS SCHMIEDER (Hagen) beschäftigten sich die Teilnehmer im Rahmen eines workshops ausgehend von der Apokalypse des Pseudo-Methodius mit dem Zeitkonzept in apokalyptischen Prophezeiungen. Im Gegensatz zur Offenbarung des Johannes, die vor allem als Durchhalteparole für die gequälten Christen zu verstehen ist, die das baldige Weltenende erwarteten, steht bei Pseudo-Methodius die Hoffnung auf Veränderung und Verbesserung der Situation der Christen im Vordergrund. Seine Apokalypse, die wahrscheinlich ursprünglich in syrischer Sprache in der 1. Hälfte des 7. Jahrhunderts im Vorderen Orient entstanden ist, wurde nach kurzer Zeit ins Griechische übersetzt und im 8. Jahrhundert ins Lateinische übertragen. Die Apokalypse des Pseudo-Methodius liegt als eschatologisches Basiswissen praktisch allen mittelalterlichen prophetischen Texten zu Grunde. Die Zeit zwischen dem definierten Anfang vom Ende, der in der Gegenwart liegt, und dem Weltengericht ist noch offen und damit gestaltbar. Damit steht den Propheten die Möglichkeit von Gesellschaftskritik und Gesellschaftsentwürfen offen. Obwohl das Ende bekannt ist, liegt der Schwerpunkt der Beschäftigung auf der Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Somit besteht kein diametraler Gegensatz zwischen der mittelalterliche Prophetie und der neuzeitlichen Prognostik in ihrer Konzentration auf die Zukunft, wie Reinhard Koselleck (Vergangene Zukunft) annimmt. Durch ihre Konzentration auf die Zeit des „eschatologischen Aufschubs“, ist auch die Prophetie ein Akt politischen Handelns und will die Zukunft gestalten.

In ihrem öffentlichen Vortrag zu „Mobility and Immobility of Time in Carolingian Biblical Commentaries“ analysierte SUMI SHIMAHARA (Paris) die Zeitkonzepte der karolingischen Exegeten. Die Konzepte von Zeit beruhen in der karolingischen Epoche auf Augustinus, die Bibel wird in erster Linie als historisches Buch gesehen; durch ihre Verbindung zur Gott und zur Ewigkeit gibt sie eine Matrix für die Zeitvorstellung(en) ab. Gott gilt als Beherrscher der Zeit, die Ewigkeit liegt außerhalb der irdischen Zeit in einem göttlichen Raum. Die lineare Zeit zwischen Schöpfung und jüngstem Gericht ist aber zu jedem Zeitpunkt dynamisch mit Gott verbunden. Die Exegese dient dazu, historische Ereignisse in eine lineare Chronologie einzuordnen und aktuelle Themen in Bezug zur biblischen Überlieferung zu stellen. So werden in der Gegenwart die in der Bibel geschilderten Ereignisse zyklisch wiederholt und in göttlichen Bezug gestellt, wodurch eine Mobilität der Zeit in ihrem linearen Rahmen entsteht. Grundlegend für dieses Verständnis von Zeit in der Exegese ist eine strenge Chronologie, die die Basis bildet für die richtige Auslegung und Interpretation der Schrift, und damit auch für die richtige Deutung von Gegenwart und Zukunft.

Die Projektvorstellungen wie auch workshop und öffentlicher Vortrag haben aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, dass die Zukunft im Verständnis der frühmittelalterlichen Menschen trotz der erwarteten Apokalypse, die am Ende der irdischen Zeit stehe, offen und gestaltbar war. Gleichzeitig wurden Gegenwart und Zukunft eng mit der biblischen Vergangenheit verknüpft, die zyklisch verstanden Handlungsempfehlungen für die Zukunft gibt. Damit hat das Netzwerktreffen Einblicke in ein Zeitverständnis gewährt, dass facettenreich ist und weder als linear noch zyklisch gelten kann. Die weiteren geplanten Treffen werden sich der Vertiefung und der Erweiterung dieser Ergebnisse zuwenden.

Konferenzübersicht:

Richard Corradini (Wien): Das Zeitbuch des Walahfrid Strabo. Langzeitperspektiven und Nachhaltigkeitskonzepte

Miriam Czock (Duisburg-Essen): Die Unberechenbarkeit der berechenbaren Zukunft. Die Beudeutung der Apokalypse in der Karolingerzeit

Petra Waffner (Hagen): Die Konstruktion von Zeit und Raum im altfranzösischenLe Livre de Sidrac

Workshop
Felicitas Schmieder (Hagen): Die Zeit, die noch bleibt. Christliche Vorstellungen von der planbaren Zukunft

Öffentlicher Vortrag
Sumi Shimahara (Université Paris-Sorbonne): Mobility and Immobility of Time in Carolingian Biblical Commentaries

Anmerkung:
[1] Das 3. Netzwerktreffen fand am 12./13. April in Göttingen statt. Aktuelle Mitteilungen, weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie unter: <www.zeitenwelten.unibas.ch> (21.05.2013).

ZitierweiseTagungsbericht 2. Arbeitstreffen des Netzwerks „ZeitenWelten. Zur Verschränkung von Weltdeutung und Zeitwahrnehmung im frühen und hohen Mittelalter“. 07.12.2012–08.12.2012, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 07.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4843>.

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