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Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Basel Graduate School of History, Departement Geschichte, Universität Basel
Datum, Ort:15.02.2013–16.02.2013, Basel

Bericht von:
Melanie Eva Boehi / Tanja Hammel, Basel Graduate School of History, Departement Geschichte, Universität Basel
E-Mail: <melanie.boehiunibas.ch>; <tanja.hammelunibas.ch>

Nach dem ersten interdisziplinären Blumenworkshop, den Isabel Kranz vom Graduiertenkolleg „Mediale Historiographien“, Weimar/Erfurt/Jena zusammen mit Eike Wittrock und Alexander Schwan vom Graduiertenkolleg „Schriftbildlichkeit“ der Freien Universität Berlin am 6.-7. Oktober 2011 durchgeführt hatten, entstand die Idee eines Folgeworkshops in Basel. Der erste Workshop hatte zum Ziel, einen Überblick über Forschungsprojekte zum Floralen zu schaffen. Der zweite Workshop bezweckte, den in Berlin begonnen Austausch zu intensivieren. Dies war allen Teilnehmenden ein grosses Anliegen, da Forschungsarbeiten zu Blumen weiterhin relativ isoliert verlaufen. Der Workshop bot eine Plattform für das wachsende Netzwerk der Arbeitsgruppe Floriographie. Am Workshop in Basel nahmen Kunstschaffende, Forschende aus den Disziplinen der afrikanischen Geschichte, Frühen Neuzeit, Mittelalter, Wissensgeschichte, Theologie, Kunstgeschichte, Kultur-, Literatur- und Tanzwissenschaften teil. Die Diskussionen waren sehr anregend und zeigten, dass Blumen und deren Beziehungen zum Humanen und Nichthumanen ein noch kleines, aber sehr vielversprechendes Forschungsgebiet ist. Insbesondere methodische und theoretische Fragen bezüglich der Arbeit mit Blumen wurden intensiv besprochen.

Nach einer kurzen Begrüssung der Organisatorinnen und einer Vorstellungsrunde eröffnete der Historiker GÜNTER KRÜGER (Mannheim) den Workshop. Wie in seinem zuvor zirkulierten Aufsatz ausgeführt, widmete er sich der Geschichte der Tudor-Rose. Die Tudors konstruierten Herrschaftslegitimität durch Symbolanwendung, indem sie das Doppelsymbol der roten und weissen Rose schufen, das politische Einheit repräsentierte. Krüger demonstrierte die Vielzahl an ikonographischen Varianten dieser Symbolanwendung in Herrscherbildern. In einem zweiten Teil arbeitete Krüger die Rezeption im frankophonen und deutschsprachigen europäischen Sprachraum heraus und ging schließlich auf die Rolle der Rose in der Heraldik ein.

Die Kunsthistorikerin CHRISTINA KIRVES (Berlin) referierte über die Darstellung von Heilpflanzen, insbesondere der Akelei (Aquilegia Vulgaris) und des Schöllkrauts (Chelidonium majus), in mittelalterlichen Bildern besonders in Hugo van der Goes’ und Albrecht Dürers Werken. Die Pflanzen standen dabei nicht eindeutig für bestimmte Eigenschaften, wie es die Doppelrose im ersten Vortrag tat. Die Akelei wurde beispielsweise mit Passion, Buße und Opfer assoziiert. Um 1500 fand eine Wende in der Darstellung von Heilpflanzen statt. Während sie vorher in der niederländischen Kunst in räumlichen Zusammenhängen erschienen, wurden sie nun auch für sich, als Eigenwert, dargestellt.

Der Botaniker und Theologe OTTO SCHÄFER (Bern / Zürich) referierte über die Rolle von Blumen in der französisch-reformierten Frömmigkeit. Im Gegensatz zum Katholizismus lehnten die Protestanten Heiligenkult und damit auch die Symbolwelt der mittelalterlichen Frömmigkeit, inklusive der floristischen Symbolwelt, ab. Das Vakuum der Bilder wurde jedoch durch anderes gefüllt; Pflanzen und Blumen fanden neue Plätze. Schäfer unterschied drei Formen: 1. Natur als liturgischer Raum, 2. Biographische Prägungen in den Biographien von Heiligen, 3. Darstellungen von Pflanzen und Blumen in religiösen Räumen.

Die Kunsthistorikerin CHONJA LEE (Zürich) sprach über Les Fleurs animées. Ihres Erachtens sind beseelte Blumen tanzende Blumen, wie sie in einem ersten Teil anhand von Blumen-Menschen Darstellungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts herausarbeitete. Um 1900 gab es aber einen Bruch in dieser Darstellungsweise und animiert hieß nicht mehr nur beseelt, sondern auch bewegt. Es entstanden Blumentanzfilme, die auf Blumenballette und Märchen Bezug nahmen. Lee zeigte anhand des Serpentinentanz’, wie sich Tänzerinnen, insbesondere Loïe Fuller, die diese Tanzrichtung prägte, in Blumen und Bouquets verwandelten.

Die Theaterwissenschaftlerin KATHARINA KELTER (Düsseldorf) diskutierte anhand von zwei Arbeiten von Pina Bausch (Nelken, Fensterputzer) die „Kunst über Nelken zu tanzen“. Bausch interessierte sich für die Tänzerkörper, die auf Blumen reagierten und deren Bewegungen von den Blumen geprägt wurden. Die handgefertigten Nelken wirkten zusammen mit dem schwarzen Bühnenbild auf den Tanz ein. Kelter führte aus, dass der Tanz sich den Raum schafft: Raum ist Ort, mit dem etwas gemacht wird und tänzerische Bewegung ist folglich raumbildende Handlung.

Der Künstler JEROME LEUBA sprach über seine Arbeit „battlefield #84/american carnation“. Im Gazastreifen, insbesondere in der Region von Beit Lahiya und Rafah, werden Blumen für den Export nach Europa angebaut. Leubas Interesse für die Blumensorte ‚American carnation’ wurde geweckt, als er 2009 durch die Medien erfuhr, dass viele Gewächshäuser bombardiert und zerstört worden waren und unter anderem Blumen an der Grenze zurückgehalten wurden. Die ‚American carnations’ haben einen kommerziellen und symbolischen Wert: Sie stellen laut Leuba ein „battlefield“ dar: eine Gegenüberstellung von Blumen und Krieg, Liebe und Hass.

Am Samstag eröffnete die Früh-Neuzeit Historikerin SOPHIE RUPPEL (Basel) das Panel zum 18. Jahrhundert. Natur wurde in der frühen Neuzeit romantisch verklärt und ab dem 18. Jahrhundert zunehmend domestiziert, d.h. durch Haustiere und Zimmerpflanzen ins Heim gebracht. Letztere sind insbesondere ein stadtbürgerliches Phänomen, wie Ruppel anhand von Bildquellen und Stubengärtner-Literatur zeigte. Die kulturellen Praktiken um die Pflanzen waren dabei wichtiger als die Pflanzen selbst, was auch mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit zusammenhängt.

Die Literaturwissenschaftlerin ISABEL KRANZ (Erfurt/Weimar/Jena) interessiert sich für drei Aspekte der Übertragung, Übersetzung und Transposition. Diese arbeitete Kranz anhand Mary Peacocks “The Paper Garden: Mrs. Delany Begins Her Life's Work At 72” (2010) exemplarisch heraus. Der Roman ist ein Genrehybrid, in dem die amerikanische Lyrikerin die fiktionierte Biographie von Mary Granville Pendarves Delany (1700-1788) erzählt und diese mit ihrer eigenen Lebensgeschichte und Arbeit als Lyrikerin verwebt. Der Roman widmet sich dem Konnex zwischen Blumenfrauen, Briefen und Papier, sowie den Techniken von Delaney und insbesondere den analog zu sehenden literarischen copy-paste Verfahren von Peacock.

Die Illustratorin SARAH WEISHAUPT (Basel) stellte ihre graphischen Arbeiten vor, in denen sie Motive von Blumen und Menschen kombiniert, um Emotionen zu erzeugen. Sie reihte dabei einzelne Darstellungen aneinander, die zusammen ein Narrativ über Emotionen ergaben.

Die Historikerin TANJA HAMMEL (Basel) arbeitete aus Mary Elizabeth Barbers (1818-1899) Stapelien-Illustrationen die visuellen Praktiken und die visuelle Epistemologie in der Botanik des 19. Jahrhunderts heraus. Beobachtungstechniken sowie die Materialität der Illustrationen standen dabei im Zentrum. Der Übertragungsprozess von Barbers Skizzen bis zu publizierten Lithographien sowie die Rezeption von Barbers Werk in post-Apartheid Südafrika zeigten, dass die mikrohistorische Fallstudie einen Einblick in wissenschaftliche Konventionen des 19. Jahrhunderts sowie die Reflektion späterer Debatten in Südafrika erlauben.

Die Historikerin MELANIE EVA BOEHI (Basel) präsentierte ein Paper über die Figur der Blumenverkäuferinnen, Geschichtsvorstellungen und urbanem Leben in Kapstadt im 20. und 21. Jahrhundert. Blumenverkäuferinnen und der Adderley Street Flower Market wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts zu Ikonen der Stadt. Das vorgestellte Paper untersucht die Beziehungen zwischen den Blumenverkäufer/innen und der Produktion von Denkmälern, Archiven und „public history“. Boehi schlägt unter anderem vor, Blumen als Geschichtsträger und Blumenorte als Archive zu studieren, um neue Perspektiven auf urbanes Leben in Kapstadt eröffnen zu können.

Aus unserer Sicht war der Workshop sehr erfreulich. Insbesondere die Interdisziplinarität regte die Diskussionen an. Der Workshop demonstrierte für uns einmal mehr, dass interdisziplinäre, thematisch organisierte Workshops für alle Teilnehmenden sehr gewinnbringend sind – vor allem für Forschungsgebiete, die gemäß ihrer Beschaffenheit interdisziplinär veranlagt sind, wie in diesem Fall die Beziehungen zwischen Blumen und Menschen. Wertvolle Kontakte mit Kollegen und Kolleginnen, die sich mit teils ähnlichen, teils ganz anderen Fragen beschäftigen – aber ein gemeinsames Interesse an Blumen, das alle verbindet – konnten geknüpft, Literaturtipps ausgetauscht und weitere Möglichkeiten der künftigen Zusammenarbeit diskutiert werden. Mögen Folgeworkshops, fruchtbare Kollaborationen und aus Forschungsprojekten spannende Publikationen entstehen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Günter Krüger: Blumen als Medien der Macht. Die Visualisierung von legitimer Herrschaft durch die Tudor-Rose

Christina Kirves: Die Akelei und das Schöllkraut in der Kunst um 1500. Pflanzliche Darstellungen in heilsgeschichtlichem und historischem Kontext bei Hugo van der Goes und Albrecht Dürer

Otto Schäfer: Pflanzen und Blumen in der protestantischen Frömmigkeit – Beispiele aus der französisch-reformierten Tradition

Chonja Lee: Les Fleurs animées: Beseelte Blumen sind tanzende Blumen

Katharina Kelter: „Die Kunst über Nelken zu tanzen“. Zur Produktivität von Blumen im tänzerischen Prozess

Jérôme Leuba: battlefield #84/ american carnation

Sophie Ruppel: Von Stubengärtnern und Blumisten. Aspekte der Domestizierung von Pflanzen im 18. Jahrhundert

Isabel Kranz: Geheime Briefe, orientalische Blumen: Zum Verhältnis von Literatur und Botanik im 18. Jahrhundert

Alexandra Heimes: Berlin: Die Blume als Reflexionsmodell: Kant und Derrida (Fiel krankheitshalber leider aus)

Heike-Karin Föll: “Wie Klee in der Dämmerung“ (Fiel krankheitshalber leider aus)

Sarah Viktoria Weishaupt: Florale Elemente in meiner Arbeit als Illustratorin

Tanja Hammel: Visuelle Praktiken in Mary Barbers Stapelien-Forschung

Melanie Eva Boehi: The ‚Cape Town Flower Sellers’, Heritage Production and Urban Life in Cape Town (ca. 1890-2013)

Schlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht 2. Blumenworkshop. 15.02.2013–16.02.2013, Basel, in: H-Soz-u-Kult, 09.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4821>.

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