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Der Brief auf der Iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer literarischen Gattung (4.–11. Jahrhundert)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Arbeitsgruppen „Päpstliche Epistolographie“ und „Briefe des Adoptianismusstreits“, DFG-ANR-Projekt EPISTOLA
Datum, Ort:15.03.2013–16.03.2013, Erlangen

Bericht von:
Cornelia Scherer, DFG-ANR-Projekt 'Epistola'
E-Mail: <cornelia.scherergesch.phil.uni-erlangen.de>

Der erste Workshop der Arbeitsgruppen „Päpstliche Epistolographie“ und „Briefe des Adoptianismusstreits“ beschäftigte sich vorwiegend mit Fragen von Rhetorik und Stil. Der Begrüßung durch den Leiter der Arbeitsgruppe „Päpstliche Epistolographie“ KLAUS HERBERS (Erlangen) schloss sich eine Vorstellungsrunde an, in der die Beteiligten sich und ihre Forschungen im Rahmen des EPISTOLA-Projektes verorteten. Dann begann mit dem ersten Impulsvortrag von HERMANN HOLD (Wien) über „Rhetorik und päpstliche Macht“ die inhaltliche Arbeit. Hold zeigte anhand der päpstlichen Arengen in der Avigonenser Zeit, wie Rhetorik eingesetzt wurde. Den drei Typen der verwendeten Arengen, nämlich Cural-, Gratial- und Inthronisations-Arengen, lasse sich jeweils eine bestimmte Rhetorik zuordnen: den Cural-Arengen eine Pflicht-Rhetorik, den Gratial-Arengen eine Billigkeits-Rhetorik und den Inthronisations-Arengen eine Designations-Rhetorik. Alle drei nutzen sogenannte ‚Allgemeinplätze‘, insbesondere Bibelzitate, um ihre Argumentation für die Empfängerseite einsichtig zu machen. Voraussetzung für die Akzeptanz der sprachlichen Äußerungen sei die von beiden Seiten geteilte Überzeugung gewesen, dass der Bischof von Rom der ‚dominus papa‘ sei und damit zu Recht diese Ansprüche erhebe. Der Vortrag bildete eine Kontrastfolie aus späterer Zeit für die Arbeit an den Briefen des 5. bis 11. Jahrhunderts, die den Teilnehmern in Form eines Dossiers zur Verfügung standen. Die Texte wurden im Laufe des Workshops unter Anleitung ihrer Bearbeiter diskutiert.

Den Anfang machten FLORENCE CLOSE (Lüttich) und ENIMIE ROUQUETTE-LIPIETZ (Paris), die zunächst grundlegend über den Adoptianismusstreit und seine Texte informierten. Dann stellten sie zwei Briefe vor, Papst Hadrian I. (772–795) an die spanischen Bischöfe und Alkuin (gest. 804) an Karl den Großen und verglichen sie miteinander. Während Hadrian I. eine Fülle von biblischen und patristischen Zitaten bemühte, um seinen Primatsanspruch und damit seine Oberhoheit in der Lehre zu unterstreichen, wählte Alkuin eine andere Rhetorik und betonte vor allem die Zuständigkeit Karls des Großen in dieser Sache. Möglicherweise kannte Alkuin den Brief Hadrians und distanzierte sich durch Schlichtheit und Kürze bewusst von dessen Vorgehen.

Im Anschluss daran folgte der zweite Impulsvortrag von CHRISTIAN HORNUNG (Bonn) über „Päpstliche Briefrhetorik der Spätantike“ und die damit verbundene Grundlegung der päpstlich-epistolaren Tradition. Er konstatierte im Pontifikat des Siricius (384–399) eine Zäsur im Primat des Bischofs von Rom, die sich auch in der Form der Papstschreiben niederschlage. Ab dieser Zeit orientierten sich die päpstlichen Briefe verstärkt an den Verlautbarungen der römischen Kaiser und übernahmen sowohl deren Bezeichnungen, Vokabular und Struktur als auch deren Stil, was an den verschiedenen Anredeformen in den Briefen beispielhaft erläutert wurde. Die Anredeformen waren auch bei den weiteren Textbeispielen immer wieder Diskussionsthema.

KATHARINA GÖTZ (Erlangen) stellte das Schreiben Braulios von Saragossa (631–651) und des 6. Konzils von Toledo (638) an Honorius I. (625–638) vor. Der Text zeigte eindrücklich, dass antike Traditionen nicht nur bei päpstlichen Schreiben, sondern auch bei Schreiben an den Papst wirksam waren. Sie machten Kritik am Bischof von Rom sagbar und zeugten von der eigenen Gelehrsamkeit. CORNELIA SCHERER (Erlangen) stellte anhand zweier Zosimusbriefe (417–418), die in der Collectio Hispana überliefert sind, die These auf, dass die unterschiedlichen Inskriptionen der Briefe (epistola decretorum/epistola) als Hinweise auf das Textverständnis des Kompilators der Sammlung gedeutet werden können, die sowohl dem unterschiedlichen Inhalt als auch den verschieden Stilen der Schreiben Rechnung trage. In den beiden Briefen wurde die Übernahme der römischen Rechtssprache auf päpstlicher Seite deutlich, so dass eine sprachliche Annäherung der Schreiben an die Konzilsakten, mit denen sie in der Sammlung gemeinsam überliefert sind, greifbar ist. Daher ist es womöglich sinnvoller von Texten mit gleichen ‚Sprachregistern‘ zu sprechen, anstatt sie in einzelne Gattungen zu unterteilen.

Im Anschluss gab VERONIKA UNGER zusammen mit CORDULA CHRSITGAU und NADINE BALLENBERGER (alle Erlangen) einen Einblick in die Arbeit an der „Anthologie der Papstbriefe des 9. Jahrhunderts“, die im Rahmen des EPISTOLA-Projektes entsteht. Wie stark die spätantiken Traditionen fortwirkten, zeigte sich an den Fragen und Problemen, die sich mit den vier vorgestellten Briefen (Leo III. [795–816] an Karl den Großen; Hadrian II. [867–872] an Karl den Kahlen; Hadrian III. [884–885] an Sigebod von Narbonne; Johannes IX. [898–900] an Karl den Einfältigen) verbanden, denn auch hier ging es um abstrakte Anredeformen und Selbstbezeichnungen oder den Wechsel des Numerus in der Anrede, der schon bei Braulios Brief ins Auge stach. Zudem wurde auch die Abhängigkeit von Protokoll, Anrede und beispielsweise Datierung der Überlieferung diskutiert.

Hieran schlossen die Überlegungen FERNANDO LOPEZ ALSINAs (Santiago de Compostela) am folgenden Tag an, der sich mit zwei, zumindest verfälschten, Briefen Johannes’ VIII. (872–882) nach Spanien befasste. Zur Klärung der Frage, wann und mit welchem Ziel diese beiden Stücke entstanden, erläuterte er deren verschiedene Überlieferungskontexte im Umfeld des Bischofs Pelagius von Oviedo. Ihm ist wohl auch die Aktualisierung der Form in die für Papstbriefe des 12. Jahrhunderts übliche zuzuschreiben. Als letzten Text stellte DANIEL BERGER (Göttingen) einen Brief Gregors VII. (1073–1085) an Bischof Simon von Oca-Burgos vor. Trotz der fortgeschrittenen Entwicklung des Formulars am Ende des 11. Jahrhunderts, griff auch noch Gregor VII. auf den antiken Topos des Briefs als Gespräch zwischen zwei Getrennten zu Beginn des Schreibens zurück, was erneut auf das antike Erbe der päpstlichen Episolographie verwies. An dem Text ließ sich zudem besonders gut die Frage nach Unterscheidungskriterien zwischen Brief und Urkunde diskutieren.

Dass eine solche Trennung nicht strikt durchgeführt werden kann, da sich das Genre Brief im Laufe der Jahrhunderte immer wieder als erstaunlich flexibel erwies und Elemente verschiedener Textsorten integrierte, kann als eines der Ergebnisse des Workshops festgehalten werden. Des Weiteren wurde an den Briefen aus immerhin sieben Jahrhunderten deutlich, dass antike Traditionen lebendig blieben, seien sie stilistischer, rhetorischer oder topischer Natur. Wie diese Phänomene zu interpretieren sind, hängt vom historischen Kontext und der Überlieferung ab und kann nur in Verbindung mit diesen Aspekten beantwortet werden.

Konferenzübersicht

Begrüßung: Klaus Herbers (Erlangen)

Hermann Hold (Wien): Rhetorik und päpstliche Macht

Gemeinsames Arbeiten: Briefe des Adoptianismusstreits

Florence Close (Lüttich): Hadrian I. an die spanischen Bischöfe

Enimie Rouquette-Lipietz (Paris): Alkuin an Karl den Großen

Christian Hornung (Bonn): Päpstliche Briefrhetorik der Spätantike

Gemeinsames Arbeiten: Spätantike Papstschreiben

Katharina Götz (Erlangen): Braulio von Saragossa und das 6. Konzil von Toledo an Honorius I.

Cornelia Scherer (Erlangen): Zosimusstücke in der Collectio Hispana

Gemeinsames Arbeiten: Papstbriefe des 9. Jahrhunderts

Klaus Herbers, Veronika Unger, Cordula Christgau, Nadine Ballenberger (Erlangen): Textcorpus des Projektes „Anthologie der Papstbriefe des 9. Jahrhunderts“

Fernando López-Alsina (Santiago di Compostela): Johannes VIII.

Gemeinsames Arbeiten: Hochmittelalterliche Papst-„Briefe“

Daniel Berger (Göttingen): Gregor VII. an Simeon v. Sarragossa

Anschließend: Schlussdiskussion

Planung der kommenden Workshops

ZitierweiseTagungsbericht Der Brief auf der Iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer literarischen Gattung (4.–11. Jahrhundert). 15.03.2013–16.03.2013, Erlangen, in: H-Soz-u-Kult, 15.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4802>.

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