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"global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "(Post-)Koloniale Imaginationen des ‚Anderen‘. Aspekte einer europäischen Verflechtungsgeschichte - mit Schwerpunkt auf der Schweiz"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Schweizerische Gesellschaft für Geschichte; Universität Fribourg
Datum, Ort:07.02.2013–09.02.2013, Freiburg (Schweiz)

Bericht von:
Irma Gadient / Zoé Kergomard, Universität Fribourg
E-Mail: <irma.gadientunifr.ch>; <zoe.kergomardunifr.ch>

Postkoloniale Theorien zeichnen sich durch einen verflechtungsgeschichtlichen Ansatz aus. Dabei steht die Überzeugung im Zentrum, dass die Geschichte Europas ohne Geschichte der Kolonialländer nicht geschrieben werden kann – und umgekehrt. Ein wichtiger Bestandteil dieser „verwobenen Geschichten“[1] ist die Annahme, dass koloniale Strukturen und Praktiken weiterwirken – und dass auch Länder, welche keine Kolonien besaßen, in vielfältige koloniale Beziehungen eingebunden sind. Im Vordergrund dieser Analysen von (post-)kolonialen Diskursen, die durch eine transnationale Perspektive geprägt sind, stehen Konstruktionsprozesse des ‚Anderen’ (Othering).

Mehrere Panels der Schweizerischen Geschichtstage 2013 befassten sich mit der Analyse kolonialer Vorstellungswelten in Europa in globalen wie lokalen Zusammenhängen, und insbesondere auch im Hinblick auf die Geschichte der Schweiz Ende des 19. und im 20. Jahrhundert. Im Sinne dieser verflechtungsgeschichtlichen Zugänge sind koloniale Diskurse und Imaginationen auch für die Geschichte der Schweiz, die keine Kolonien besass, von Relevanz.

Welche kolonialen Vorstellungswelten und Praktiken lassen sich in der Geschichte der Schweiz zwischen 1910 und 1960 sichtbar machen? Welche Auswirkungen haben sie auf Identitätszuschreibungen? Das von BARBARA LÜTHI (Köln) moderierte Panel „Colonial encounters of the Swiss kind: Switzerland and the Swiss in the age of empire“ zeigt koloniale Verflechtungen verschiedenster Akteure und befasst sich mit deren (Re-)produktion oder auch Reflexion von kolonialen Diskursen. Gleichzeitig spiegelt sich in den Panelbeiträgen die Vielfalt der methodologischen Herangehensweisen und Perspektiven postkolonialer Studien zur Schweiz.

PATRICIA PURTSCHERT (Zürich) macht anhand von Schweizer Presseberichten zu den Everestexpeditionen der 1950er-Jahre verschiedene koloniale Diskursmuster sichtbar. Schweizer Teams befanden sich im Wettbewerb der Erstbesteigung, welchen sich die Europäischen Mächte in der Zeit der Dekolonisierung im Himalaya lieferten, zusammen mit britischen Expeditionsteams an vorderster Front. Gerade auch im Vergleich zwischen der Rolle der Schweizer Bergsteiger, die den Briten im 19. Jahrhundert in deren alpinen Expeditionen assistierten, und jener der Sherpas, welche die Schweizer Expeditionsteams der 1950er-Jahre unterstützten, zeigen sich Gegenüberstellungen, die durch koloniale Wahrnehmungsmuster verzerrt sind – so wurde ein Sherpa von Schweizer Expeditionsteilnehmern während seines Aufenthalts in der Schweiz als Amateur, als „Ski-Säugling“ (1954), bezeichnet.

SARAH ELMER (Zürich) zeigt kolonial gefärbte Praktiken am Fallbeispiel von Schweizer Auswanderern, welche sich in den 1960er-Jahren als Pioniere zur „Entwicklungshilfe“ in einem als unberührt wahrgenommenen Tal in Nepal legitimiert sahen und einen Modellbauernhof aufbauten, wobei sich der Brücken- und Häuserbau der Schweizer „Kolonie“ in keiner Weise den lokalen Gegebenheiten Nepals anpasste. Weiter zeigt Elmer, wie koloniale Diskursmuster auch auf Menschen der eigenen ‚Kultur‘ übertragen werden können: Als es zur Eskalation in der Schweizer „Kolonie“ kam und das Verhalten des Schweizer Erstauswanderers kritisiert wurde, geschah dies in der Argumentationslogik des „uncivilized other“.

Im Panel werden auch Strategien deutlich, welche die Schweiz explizit als nicht in koloniale Prozesse involviert darstellten: So zeigt ARIANE KNÜSEL (Zürich) anhand von Presseberichten zu anti-ausländischen Agitationen in China der 1920er-Jahre, dass Deutschschweizer Zeitungen den Imperialismus verschiedener „weisser Mächte“ für das May Thirtieth Movement 1925 verantwortlich machten. Das Land ringe nach Befreiung aus der bedrückenden Versklavung imperialer Mächte. Hingegen wurde die Tatsache, dass auch Schweizer zur kolonialen Elite in China zählten, von diesen Medien ausgeblendet – unter anderem deshalb, weil die Teilnahme an imperialen Praktiken mit dem Selbstbild der neutralen schweizerischen Nation divergierte.

Erörterungen zur Schweiz als Schauplatz antikolonialer Bewegungen rundeten dieses Panel ab: Verschiedene ausländische Aktivisten gegen koloniale Politik und Praktiken lebten in der Zwischenkriegszeit zeitweise in der Schweiz, von wo aus sie anti-imperiale Netzwerke aufzubauen versuchten – von verschiedenen Geheimdiensten eng überwacht. Dabei verdeutlicht HARALD FISCHER-TINÉ (Zürich) die Schweizer Beteiligung an diesen anti-imperialistischen Gruppierungen und skizziert weiterführende Forschungsfragen, welche die Zirkulation von Ideologien und Wissen in den anti-imperialen Netzwerken, neue Überwachungstechniken und Auswirkungen der anti-imperialistischen Bewegungen auf die Schweizer Politik umfassen.

Die Analyse von Konstruktionsprozessen des ,Anderen’ gibt Hinweise auf ‚eigene’ Identitätsvorstellungen. Das Panel zu „Globale Bilder, lokale Wirkung. Imaginationen Aussereuropas in ihrer lokalen Rezeption„ zeigt auf verschiedene Weisen auf, wie viel ,Eigenes’ in Bildern des außereuropäischen ,Anderen’ sichtbar wird. Die einzelnen Beiträge weisen dabei audiovisuellen Medien eine bedeutende Rolle in diesen Konstruktionsprozessen zu.

Fotografien bzw. der Prozess des Fotografierens stehen in drei Beiträgen im Zentrum. JENS JÄGER (Köln) zeigt auf, dass Fotografien von deutschen Kolonien, die in Form von Postkarten in Deutschland verbreitet waren, europäische Imaginationen darstellen: Die einfach zu decodierenden Bilder, die zum Beispiel christliche Kirchen und europäische Arbeitsanordnungen zeigen, lassen sich in den bekannten Heimatdiskurs einpassen. Dahinter steht die beabsichtigte Funktion, die Differenzen, die aus der empfundenen Widersprüchlichkeit zwischen Kolonialbesitz und Idealbild einer homogenen deutschen Nation entstehen, einzuschmelzen. Kolonialräume konnten damit entexotisiert, die fremden Orte ,deutsch gelesen' und in die Nationalvorstellungen integriert werden.

Dass an Fotografien auch Retuschen vorgenommen wurden, um außereuropäische Kontexte an die vorbestehenden Vorstellungen anzupassen, zeigt ANGELA MÜLLER (Luzern): Anhand eines 1928 in Berlin und Zürich verlegten Bildbands von Martin Hürlimann zu Indien legt die Referentin dar, wie auf gewissen Fotografien Armbanduhren, Strassenlaternen oder Stromleitungen gezielt wegretuschiert wurden, um die Aufnahmen zu „entzeitlichen“: Alles als „unindisch“ empfundene wurde entfernt, ein „pittoresker Bildband“, der aus kolonialen Kontexten herausgelöst wurde, geschaffen.

Auch JÜRG SCHNEIDER (Basel) untersucht anhand von Fotografien sowie auch dem Prozess des Fotografierens europäische Imaginationen ‚fremder’ Kulturen. Er erläutert, wie Anthropologie und Ethnologie Ende des 19. Jahrhunderts das Medium der Fotografie nutzten, um nichteuropäische menschliche „Rassen“ zu visualisieren und wissenschaftlich darzustellen. Der Referent stellt die Objekte als Subjekte vor, in dem er „moments of unease“ thematisiert, welche der indirekte Eingriff des Fotografierens für sie bewirkte.

Während WOLFGANG FUHRMANN (Zürich) die Wirkung von Filmen auf das Publikum, die im Kaiserreich von der deutschen Kolonialgesellschaft gezielt zur Propaganda eingesetzt wurden, betont, stellt FELIX RAUH (Luzern) die Veränderung des filmischen Blicks auf die ‚Anderen‘ im Zeitverlauf ins Zentrum. Anhand ausgewählter Schweizer Dokumentarfilme, die zwischen 1960 und 1980 produziert wurden und auf die Notwendigkeit von Entwicklungshilfe in aussereuropäischen Gebieten aufmerksam machen wollten, zeigt der Referent mittels dreier Beispiele auf, wie sich Imaginationen der „Dritten Welt“ in der Schweiz im Zeitverlauf ausgestalteten. Wurde in den 1960er-Jahren die Bändigung des vorgeblich wilden Wesens ins Zentrum gestellt, so rückte Ende der 1960er-Jahre die Erziehung der Einheimischen in den Vordergrund. Mitte der 1970er-Jahre ist dem „weissen Mann“ nicht mehr die Rolle des Bändigers bzw. Erziehers zugedacht, sondern eine ermutigende Rolle, die zur Auflehnung gegen die neokolonialistische Ausbeutung führen soll.

Verflechtungsgeschichtliche Ansätze sind nicht nur fruchtbar für die Erforschung der Konstruktionsprozesse des kolonialen, fernen ‚Anderen‘, sondern ihre Anwendung soll auch das ‚Andere‘ im ‚Eigenen‘ sowie die Gegenüberstellung von ‚innerem’ und ‚äußerem Anderen’ umfassen.

Das von CHRISTOPH CONRAD (Genf) moderierte Panel „Entangled inventions of traditions? ‚Internal‘ and ‚external others‘ in 19th century European self-understanding„ beleuchtet die Problematik, wenn das analytische Konzept des ‚Anderen’ auf außereuropäische Kontexte angewendet wird: Wenn durch das einfache Anführungszeichen auch der Konstruktcharakter betont wird, so bleibt doch die Gefahr bestehen, die damit dekonstruierten (post-)kolonialen Kategorien durch seine systematische Anwendung außerhalb Europas zu verfestigen. Von diesem Befund ausgehend bietet dieses Panel einen Ausweg an, indem es ‚internal‘ und ‚external others‘, innere und äußere ‚Andere‘, kontrastiert und Geschichten des imaginierten ‚Anderen‘ schreibt, in welchen Kolonialismus, Nationalismus und Kapitalismus als parallele Prozesse betrachtet werden.

CHRISTOPH DEJUNG (Konstanz) exemplifiziert diesen Ansatz anhand der Analyse von Weltausstellungen um die Jahrhundertwende. Inszeniert wurden an diesen Veranstaltungen von verschiedenen europäischen Akteuren imaginierte – räumliche und zeitliche – Zuordnungen der Welt: Kolonisierte Völker wurden von existierenden oder potentiellen Nationen des Westens abgetrennt, und dabei zeitlich einer früheren, als rückständig gedachten Entwicklungsphase zugeordnet. Die Dichotomie von Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit wurde dabei auch auf die eigene Geschichte angewendet, um die aktuelle Überlegenheit der westlichen Gesellschaften darzustellen: Dies zeigt sich darin, dass Nationen an Ausstellungen, die auch Wettbewerbscharakter hatten, nicht nur den Entwicklungsgrad ihrer Industrie oder ihres kolonialen Reiches inszenierten, sondern auch ihre eigene Geschichte und eigenen ‚Urmenschen‘. Insofern wurden ‚internal others‘ durchaus gezeigt, mit dem Unterschied, dass sie als integraler Teil des europäischen Geschichtsverlaufs verstanden wurden.

Das komplexe Verhältnis zwischen imaginierten ‚internal‘ und ‚external others‘ analysiert SERGE REUBI (Neuchâtel) am Beispiel der schrittweisen Trennung der Volkskunde einerseits (folklore studies) und Völkerkunde (ethnography) andererseits. Wenn Fachzeitschriften im Laufe des 19. Jahrhunderts theoretische Unterschiede in ihren Sammlungs- und Organisationsmethoden immer stärker betont haben, unterscheiden sich die Praktiken der jeweiligen Studiengebiete gemäß Reubi allerdings nicht so scharf. Der Referent nennt unter anderem folgenden Grund, weshalb diese Trennung intendiert wurde: Sie bestätigte die damalige Weltsicht der Unterscheidung zwischen ‚internal others‘ als Forschungsobjekte der Volkskunde einerseits, die einen gewünschten Kontrast und Widerstand gegen die ,Moderne’ darboten, und ‚external others‘ andererseits, deren vorgebliche Rückständigkeit die Völkerkunde der Entwicklung Europas entgegensetzen konnte. Beide Disziplinen dienten als Legitimationswissenschaften einer Domination der Mittelschicht gegenüber den ‚Anderen‘, im Lokalen und in der Welt.

BERNHARD SCHÄR (Bern) ergänzt diese wissenschaftsgeschichtliche Perspektive mit dem Beispiel der Naturgeschichte. Diese populäre Disziplin trug im 19. Jahrhundert durch naturhistorische Vereine zur Vorstellungswelt europäischer Mittelschichten bei, indem sie ein pseudo-wissenschaftliches Verständnis der ‚eigenen‘ und der ‚anderen‘ Lebenswelt begründete. Anhand des Buches „Die Urwelt der Schweizer“ von Oswald Heer (1865) kann Schär aufzeigen, auf welche Weise eine Parallele zwischen einer prähistorischen, „tropischen“ Schweiz und gegenwärtigen „tropischen“ Ländern gezogen wurde. Heer vertrat die These, dass sich die Schweiz nach dieser frühgeschichtlichen tropischen Phase weiterentwickelt habe, im Gegensatz zu „tropischen“ Ländern, die heute auf demselben, damit rückständigen Entwicklungsniveau stehen würden. Wie Schär festhält, betonten diese Beschreibungen der „tropischen“ Lebenswelten zudem, dass die Geschlechterrollen undifferenziert blieben, was als Zeichen von Rückständigkeit gewertet wurde.

Das letzte Referat des Panels bringt eine zusätzliche innovative Perspektive ein: KRISTIN LOFTSDOTTIR (Reykjavik) zeigt am Beispiel Islands die Komplexität der Beziehung zwischen ‚internal‘ und ‚external others‘ auf. Als Reaktion auf die von europäischen Akteuren und insbesondere von Exponenten der Kolonialmacht Dänemark zugeschriebene Rückständigkeit entwickelten isländische Eliten Gegennarrative, welche die Modernität und den nationstaatlichen Charakter Islands betonten – wobei diese Narrative manchmal in Konflikt gerieten, wenn Island als integraler Bestandteil von Europa und gleichzeitig als im Vergleich zu europäischen Ländern einzigartig und anders vorgestellt wurde. Insgesamt bezeichnet die Referentin diese Vorstellungen zu Island, die sowohl die Zugehörigkeit zu europäischen Nationen als auch Imaginationen von einem rückständigen, wilden Kolonialvolk umspannen, als eine Position der „semi-savages“. Damit zeigt die Referentin anschaulich, wie nationalistische und kolonialistische Diskurse an der Wende zum 20. Jahrhundert ineinanderwirkten.

Die Vielfalt der Referate und die anschließenden Diskussionen legen eine breite Auswahl an Orten frei, wo die Prozesse des (post-)kolonialen „Othering“ auch in der Schweiz stattfinden: In Wissenschaftsdiskursen, Praktiken wie Mountaineering oder Entwicklungshilfe, in Zeitungen, Magazinen und audiovisuellen Medien, zeigen sich uns zahlreiche Quellen, die zur Geschichtsschreibung verflochtener Imaginationen des 'Anderen' herangezogen werden können.

Panelübergreifend erörtert wurde auch die Frage nach den Mechanismen, wie die ‚Anderen‘ als feste Kategorie konstruiert und inner- wie auch außerhalb Europas, in Zentren und Peripherien, verortet wurden. Diese inner- bzw. außereuropäischen Muster des ‚Anderen‘ wiesen markante Parallelen auf. Zu dieser räumlichen Abtrennung des ‚Anderen‘ kombiniert sich die zeitliche Zuordnung in der menschlichen Geschichte, entlang einer von Rückständigkeit zu Entwicklung verlaufenden Achse. Dabei ist die Rückständigkeit der ‚internal others‘ positiv konnotiert, während diejenige der ‚external others‘ ihre Exklusion aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte aufzeigt. Damit ist das Zusammenlesen der verschiedenen Dimensionen des ‚Othering‘ im Sinne des von Crenshaw[2] vorgeschlagenen Konzepts der Intersektionalität fruchtbar. Unter anderem kann somit die Geschlechterdimension miteinbezogen werden, wie dies auch Bernhard Schär einbrachte.

Ebenso verdeutlichen die verschiedenen Beiträge die Funktionen des ‚Othering‘. Deutungsmächtige Akteure setzten diesen Prozess zur Legitimierung eigener Handlungen und zur Festigung von Machtpositionen sowie zum Zwecke des nationbuilding ein.

Schließlich verweisen die Panels auf gemeinsame historiographische Herausforderungen, zuerst auf die Frage nach den Analysewerkzeugen, um (post-)koloniale Imaginationen adäquat herauszuarbeiten. Analysen kolonialer Diskurse sollten gerade zu einer Geschichtsschreibung beitragen, welche die aus dem Kolonialismus entstandenen Kategorien nicht weiter benutzt und dadurch bestätigt. In post-kolonialer Hinsicht stellt sich insbesondere die Frage, ob die Unterscheidung zwischen ‚inneren‘ und ‚äußeren Anderen‘ nicht zur Verfestigung gegenwärtiger Ausgrenzungsprozesse beiträgt. Wenn die Fragen der nationalen Grenzen und der Staatsbürgerschaft im Zentrum stehen, sollte eine solche feste Unterscheidung mit Vorsicht verwendet werden. Dieser Gefahr kann zum Beispiel dadurch entgegengewirkt werden, indem Forschende die ‚Anderen‘ sprechen lassen. Diese Perspektive wurde in einigen Panelbeiträgen auch eingenommen, beispielsweise durch die Frage, wie die fotografierten ‚Anderen‘ sich fühlten, oder wie die isländischen „semi-savages“ sich selber positionierten. Diese Umkehrung der Subjekt-Objekt-Beziehung kann eine erstaunliche Kraft entfalten, wie Christoph Conrad verdeutlichte: In der sehr gut besuchten Ausstellung „Exhibitions: l’invention du sauvage“ im Pariser Museum des Quai Branly im Jahr 2012 wurden menschliche Zoos der kolonialen Zeit vorgeführt, was die damaligen Zurschaustellenden damit zu Zurschaugestellten macht.

Konferenzübersicht: „global – lokal“. Schweizerische Geschichtstage 2013, (Post-)Koloniale Imaginationen des ‚Anderen‘. Aspekte einer europäischen Verflechtungsgeschichte - mit Schwerpunkt auf der Schweiz

Colonial encounters of the Swiss kind: Switzerland and the Swiss in the age of empire
Verantwortung: Harald Fischer-Tiné, Patricia Purtschert

Sara Elmer: „Swissminiatur“ in the Himalayas? A microhistorical perspective on Swiss foreign aid initiatives in Nepal (early 1960s)
Harald Fischer-Tiné: The underside of neutrality. Switzerland as a hub of militant anti-imperialism and transnational revolutionary terrorism (c. 1910-1920)
Ariane Knüsel: Legitimising the Swiss Presence in China: The Swiss Press and Chinese Anti-foreign Agitation in the 1920s
Patricia Purtschert : From Alpine guides to ‘Sahibs’ in the Himalayas: Swiss mountaineering and the Everest expeditions of 1952

Globale Bilder – lokale Wirkung. Imaginationen Aussereuropas in ihrer lokalen Rezeption
Verantwortung: Angela Müller, Felix Rauh

Wolfgang Fuhrmann: Kolonialismus im frühen Kino als „Infotainment“ für gehobene Kreise. Die Rezeption früher kolonialer Filme im Deutschen Reich
Jens Jäger: Verschmelzungen. Visionen eines "deutschen" Afrika
Jürg Schneider: Moments of Unease. Von Menschen, Fotografen und Fotografien
Angela Müller: Südasien fotografisch verewigen oder warum Buddhisten keine Armbanduhren tragen (1920-1940)
Felix Rauh: Audiovisuelle Repräsentationen der "Dritten Welt". Dokumentarfilme im Entwicklungseinsatz, 1960-1980

Entangled inventions of traditions? Internal and external “others” in 19th century European self-understanding
Verantwortung: Christoph Dejung

Christof Dejung: Modernity and backwardness at exhibitions in the colonial period
Kristín Loftsdóttir: Icelandic “semi-savages” and the desire for modernity
Serge Reubi: Tiny and meaningful differences between folklore and ethnography
Bernhard C. Schär: Swiss peasants and the colonial “other”

Anmerkung:
[1] Conrad Sebastian / Randeria Shalini, Geteilte Geschichten: Europa in einer postkolonialen Welt, in: Conrad Sebastian / Randeria Shalini (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M. 2002, 17.
[2] Kimberlé W. Crenshaw, Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence against Women of Color, in: Stanford Law Review, 6 (1991), 1241–1299.

ZitierweiseTagungsbericht "global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "(Post-)Koloniale Imaginationen des ‚Anderen‘. Aspekte einer europäischen Verflechtungsgeschichte - mit Schwerpunkt auf der Schweiz". 07.02.2013–09.02.2013, Freiburg (Schweiz), in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4800>.

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