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1927 – Die Geburt der Bioethik in Halle (Saale) durch den protestantischen Theologen Fritz Jahr (1895–1953)

 

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Veranstalter:„Interdisziplinärer Arbeitskreis für Ethik in der Medizin in Polen und Deutschland“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Florian Steger), der Europa-Universität Viadrina (Jan C. Joerden) und der Uniwersytet Łódzki (Andrzej M. Kaniowski)
Datum, Ort:28.11.2012–29.11.2012, Halle

Bericht von:
Maximilian Schochow / Jonas Grygier, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
E-Mail: <maximilian.schochowmedizin.uni-halle.de>; <jonas.grygiermedizin.uni-halle.de>

Internationale Wissenschaftler(innen) aus Medizin, Theologie, Philosophie sowie der Rechtswissenschaft trafen sich vom 28. bis 29. November 2012 in Halle (Saale), um auf Einladung des „Interdisziplinären Arbeitskreises für Ethik in der Medizin in Polen und Deutschland“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Florian Steger), der Europa-Universität Viadrina (Jan C. Joerden) und der Uniwersytet Łódzki (Andrzej M. Kaniowski) über die „Geburt der Bioethik in Halle (Saale)“ zu diskutieren. Der protestantische Theologe Fritz Jahr hatte in den 1920er Jahren den Begriff und das Konzept von „Bioethik“ in einem weiten Sinn definiert, und zwar als Lehre von den sittlichen Verpflichtungen nicht nur gegen den Menschen, sondern gegen alle Lebewesen. Der von Jahr formulierte bioethische Imperativ lautet: „Achte jedes Lebewesen grundsätzlich als einen Selbstzweck, und behandle es nach Möglichkeit als solchen!“ Vor diesem Hintergrund wurden die Arbeiten von Jahr aus der Perspektive einzelner Bereichsethiken diskutiert und hinsichtlich ihrer Anwendung auf ethische Fragen der Gegenwart analysiert.

Den Auftakt bildete FLORIAN STEGER (Halle-Wittenberg) mit einer biografischen Rekonstruktion des Lebens von Jahr, wobei er immer wieder auf die Genese des Begriffs und Konzepts der Bioethik Bezug nahm. Steger konnte anhand neuer Quellenfunde darlegen, dass Jahr den Begriff „Bio-Ethik“ verbunden mit seinem bioethischen Imperativ bereits 1926 in der Zeitschrift „Die Mittelschule“ formulierte. Bisher war man in der Forschung davon ausgegangen, dass Jahr den Begriff „Bioethik“ und seine „bio-ethische Forderung“ erst 1927 in der Zeitschrift „Kosmos“ einführte und den „bio-ethischen Imperativ“ 1928 in der Zeitschrift „Ethik. Sexual- und Gesellschaftsethik“ formulierte. Steger würdigte auch Jahrs gesellschaftliches und politisches Wirken in beiden deutschen Diktaturen. Man könne davon ausgehen, so der Referent, dass Jahr ein Mitläufer war.

Der Gedanke von Steger, Jahrs Wirken und Werk auch im Kontext seines körperlichen Leidensdrucks zu lesen, wurde von RITA KIELSTEIN (Magdeburg) aufgegriffen. Zugespitzt formulierte sie, dass nur mit diesem Zugang eine angemessene Kontextualisierung durchführbar sei. Entlang von Jahrs anhaltender Krankheitsgeschichte rekonstruierte Kielstein die somatische wie psychische Konstitution von Jahr und setzte sie mit dessen Werk in Verbindung. Dabei orientierte sie sich an der Frage, welchen Anteil der starke Konsum bromhaltiger Medikamente an Jahrs Wirklichkeitsauffassung hatte.

Den naturwissenschaftlichen und philosophischen Bezügen im Werk von Fritz Jahr ging EVE-MARIE ENGELS (Tübingen) nach. Sie konnte einerseits den engen Zusammenhang zwischen Jahrs Konzept der Bioethik und der zeitgenössischen Rezeption von Darwins (1809–1882) Lehren im deutschen Sprachraum zeigen. Andererseits arbeitete sie den starken Einfluss verschiedener philosophischer Traditionen heraus – etwa von Nietzsche (1844–1900) oder Schopenhauer (1788–1860). Besonders deutlich wurde diese Tradition am Beispiel Kants (1724–1804), dessen Kategorischen Imperativ Jahr auf alle Lebewesen erweiterte. Beide Einflusssphären versuchte der Biozentriker Jahr, so Engels, mit seiner theologischen Weltanschauung zu verbinden.

Die Nähe Fritz Jahrs zu einer „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“, wie sie Albert Schweitzer (1875–1965) vertrat, diskutierte ANDRZEJ M. KANIOWSKI (Łódź). Als gemeinsames Element von Jahr und Schweitzer identifizierte er den Begriff des Mitleids. Während für Schweitzer das Mitleid ein konstitutives Element für dessen Theorie sei, das jedoch erworben werde, würde Jahr das Mitleid als etwas Gegebenes, als eine dem Menschen innewohnende natürliche Regung ansehen. Angewandt auf die „Ehrfurcht vor dem Leben“ würde Jahr nicht die Religion, sondern naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Beobachtungen vom wissenschaftlichen Fortschritt zum Ausgangspunkt bioethischer Betrachtung wählen.

Jahrs Konzept einer Bioethik verglich PAWEŁ ŁUKÓW (Warszawa) mit dem des Onkologen Van Rensselaer Potter (1911–2001), der bisweilen als Begründer des Bioethikbegriffs in den USA der 1970er Jahren angeführt werde. Jahr habe sich stark an einer klassischen Philosophie orientiert, vor allem der Kants, und konnte noch von relativ einheitlichen Wertauffassungen in der Bevölkerung ausgehen. Potter hingegen ginge von einem moralischen Pluralismus aus und verstünde seine Bioethik als Antwort auf die gegenwärtige Technikkrise: Wie gehen Forscher mit dem wachsenden Verfügungswissen um? Während es Potter darum ging, der Menschheit ein Überleben zu ermöglichen, habe Jahr eine Theorie für das ganze gesellschaftliche Feld aufzustellen versucht.

In seinem Abendvortrag fokussierte HANS-MARTIN SASS (Bochum/Washington) das Neuartige an Jahrs ganzer Konzeption einer Bioethik. Mit Kant gesprochen, so Sass, zielte Jahr auf eine „Revolutionierung der Denkungsart“. Die Grundannahme Jahrs, die er aus den zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Evidenzen ableitete, sei die Nichtunterscheidbarkeit von Tier und Mensch auf Grundlage biologischer Kriterien gewesen. Die Ethik Jahrs sei also keine Frage der Betroffenheit aber auch keine Frage der Deontologie, sondern eine Frage des praktischen Handelns. Der Wert der Bioethik Jahrs ergäbe sich daraus, dass er von einem Zusammenspiel des Menschen mit seinen legitimen Bedürfnissen und Bestimmungen sowie den Bedürfnissen der Tiere ausgehe. Die Bedürfnisse letzterer seien aber nicht gleichrangig zu menschlichen Bedürfnissen. Die Bioethik Jahrs verlange daher nach einer kontextuellen Abwägung von Bedürfnis- und Bestimmungsgründen.

Unter einer rechtsphilosophischen Perspektive näherte sich JAN C. JOERDEN (Frankfurt/Oder) Jahrs Bioethik. Ausgehend von der kantischen Zweckformel erörterte er die Übertragbarkeit von Rechtstiteln auf alle lebendigen Organismen. Hier stelle sich wegen der Reziprozitätsformel für den Juristen ein Dilemma ein: Einerseits können Tiere und Pflanzen keine Adressaten von Rechten sein, da sie nicht in der Lage sind, Pflichten zu übernehmen. Andererseits würde man auch menschlichen Gruppen Rechte einräumen, die keine Pflichtadressaten sind. Im Folgenden bot Joerden durch die Argumentationsfigur von Freiheitsräumen eine Möglichkeit an, dieses juristische Dilemma zu lösen, ohne in einen Rechtsrelativismus abzugleiten.

Ausgehend von einem Jahr-Text von 1930 zum Gesinnungsunterricht prüfte NIKOLAUS KNOEPFFLER (Jena) die Anwendbarkeit von Jahrs Bioethik in der Praxis. Anhand verschiedener Textbeispiele und Videosequenzen aus jüngeren bioethischen Diskussionen verdeutliche er, wie in (medizin-)ethischen Debatten gesinnungsorientiert argumentiert werde und damit einer liberalen, d. h. den Gegenargumenten Raum bietenden Diskussion keine Chance gegeben werde. Damit machte Knoepffler deutlich, dass die Bioethik Jahrs keine reine Bereichsethik sei, sondern ein größeres Potential habe, als nur für einen bestimmten Handlungsbereich moralische Aussagen treffen zu können.

Ein weiteres Anwendungsfeld präsentierte JOANNA MIKSA (Łódź) am Beispiel der Forschungsethik. Ausgangspunkt ihrer Argumentation bildeten Jahrs Texte zum bioethischen Imperativ und zur Ethik der Sexualität. Diese prüfte sie hinsichtlich der Fragen, ob sich hieraus ethische Normen in Bezug auf Tier- und Humanexperimente ableiten lassen und wie sie dann angewandt werden könnten. Anschließend diskutierte sie ihre Ergebnisse an verschiedenen historischen Beispielen von Humanexperimenten – beispielsweise dem Milgram-Experiment von 1961. Die Aktualität dieser Fragestellung zeigte Miksa an einer Adaption dieses Experiments auf, die im französischen Fernsehen unter dem Titel „The Game of Death“ wiederholt wurde.

Ausgehend von aktuellen bioethischen Diskussionen in Polen diagnostizierte LESZEK KOCZANOWICZ (Wrocław) eine tiefe Krise der Bioethik. Vor diesem Hintergrund schlug er einen Rückgriff auf die Theorie Richard Shustermans vor, der in der Tradition des Pragmatismus steht. Dabei betonte Koczanowicz, dass die Pragmatische Tradition Shustermans ein möglicher Verbindungspunkt zu Jahr wäre. Mit dessen Theorie der Somästhetik, also der Rekonstitutionalisierung des Körpers und der Körpererfahrung als Gegenstand philosophischer Erkenntnisse, könne man Fragen der Bioethik neu beantworten. Über den Zugang des Körpers ließen sich wie bei Jahr Tierrechte formulieren.

Welchen Anteil hat die protestantische Ethik an Jahrs Konzept?, fragte MAGDALENA ZIĘTEK (Aachen). Hierfür stellte sie Jahrs Bioethik dem katholisch argumentierenden Philosophen Tadeusz Ślipko gegenüber, der eine theozentrische Ethik vertritt. Während der Katholizismus deutlich hierarchischer denkt, würde die protestantische Ethik, und hier auch Jahr, deutlich flachere Hierarchien vertreten, was sich im bioethischen Imperativ zeige. Doch aufgrund seines Weltbildes, das christliche, buddhistische und pantheistische Einflüsse habe, könne Jahr weder dem Biozentrismus noch einer theozentrischen Ethik zugeordnet werden. Diese Uneinheitlichkeit führte die Referentin vor allem auf ein Begründungsdefizit bei Jahr zurück.

GENI MARIA HOSS (Heidelberg/Curitiba) identifizierte in ihrem Vortrag Aspekte der Bioethik Jahrs mit Teilen des geltenden katholischen Katechismus. Die heute gängige theologische Auffassung in der katholischen Kirche räume der Pflanzen- und Tierwelt einen ähnlich hohen Stellenwert ein, wie dies Jahr tat. So sei es in der katholischen Theologie eine mittlerweile übliche theologische Praxis, Tiere in das fünfte Gebot miteinzubeziehen. Diese Entwicklung verdeutliche, dass man in der katholischen Glaubens- und Sittenlehre von einem anthropozentrischen Weltbild abgerückt sei und biozentristische Perspektiven stärker in den Vordergrund rückten.

Mit seinem Vortrag „Gibt es eine moralische Pflicht zur Selbsterhaltung?“ diskutierte MATTHIAS KAUFMANN (Halle/Saale) am Beispiel von Jahrs Bioethik eine alte und doch hoch aktuelle moralphilosophische Frage nach dem guten Leben: Wie weit geht die Autonomie des Menschen über sich selbst? Darf der Mensch auch sich selbst gegenüber unethisch handeln – bis hin zum Hand-an-sich-Legen? Im Verlauf seines Vortrags trug Kaufmann zuerst die verschiedenen philosophischen Begründungstraditionen für und gegen eine Pflicht zur Selbsterhaltung vor. Anschließend begründete er mit Jahr die moralische Pflicht zur Selbsterhaltung.

In seinem wissenschaftshistorischen Vortrag rekonstruierte AMIR MUZUR (Rijeka) auf drei Ebenen die Entwicklung der Bioethik Jahrs. Dabei ging er (1) auf die epistemologischen Grundlagen Jahrs selbst ein (Bibel, Pietismus, Kant, Schleiermacher), arbeitete (2) die Entwicklung des Bioethikbegriffs im englischsprachigen Diskurs heraus (Van Rensselaer Potter, Andre Helleger (1928–1979)) und stellte (3) ein Tableau auf, das den Vorgang der Wiederentdeckung Jahrs seit Mitte der 1990er Jahre aufzeigte. Dem angloamerikanischen Begriff von Bioethik, der Medizinethik meint, setzte er dem von Jahr gegenüber und leitete hiervon eine junge europäische Bioethik-Tradition ab.

Bereits in ihren Eröffnungsreden hatten die drei Kooperationspartner des Arbeitskreises, Steger, Kaniowski und Joerden, auf dessen Brückenfunktion zwischen Deutschland und Polen gerade in Hinblick auf aktuelle bioethische Fragen hingewiesen und eine internationale Bedeutung Jahrs betont. Entsprechend war die Tagung auch Auftakt für eine weitere deutsch-polnische Zusammenarbeit im Bereich der Medizinethik. Mit Fritz Jahrs Werk konnte ein „lokalhistorischer Goldschatz“ (Steger) und reicher Fundus an konzeptionellen Entwürfen für eine bioethische Debatte im internationalen Kontext freigelegt werden. Dank der finanziellen Förderung der Tagung durch die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung (DPWS) und der finanziellen Unterstützung des Abendvortrags durch Die Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina konnten Jahrs Texte wiederentdeckt, analysiert und auf gegenwärtige bioethische Fragestellungen angewandt werden. Die Impulse Jahrs gilt es auch künftig weiterzudenken, so auch innerhalb des 2013 erscheinenden Tagungsbandes.

Den Veranstaltern der Tagung ist es mit Hilfe des interdisziplinären Ansatzes gelungen, einen wichtigen Impuls für die Wiederentdeckung des „Vaters“ der Bio-Ethik und seiner Arbeiten zu bioethischen Fragen, die in vielen unterschiedlichen Organen erschienen sind, zu leisten. So setzten sich die internationalen Vertreter(innen) verschiedener Bereichsethiken einerseits direkt mit Fritz Jahrs Texten auseinander und verdeutlichten die Vielseitigkeit seines bioethischen Ansatzes. Andererseits wendeten sie die Überlegungen Fritz Jahrs – beispielsweise zur Tierethik – auf gegenwärtige Debatten an und konnten mit einer jeweils disziplinspezifischen Perspektive aktuelle bioethische Fragestellung aufgreifen. Resümierend bleibt festzuhalten, dass das Werk von Fritz Jahr zu Unrecht vergessen wurde, da es nicht nur auf medizinethische Fragestellungen anzuwenden ist, sondern vor allem Potential für die jeweiligen Bereichsethiken bietet.

Konferenzübersicht

Sektion I

Florian Steger (Halle/Saale): Fritz Jahr (1895–1953). Biographische Anmerkungen

Rita Kielstein (Magdeburg): Arbeitskraft und Gesundheit – eine biografische Anmerkung zu Fritz Jahr

Eve-Marie Engels (Tübingen): Fritz Jahr als Vater einer interdisziplinären Naturethik

Andrzej M. Kaniowski (Łódź): Fritz Jahrs Bio-Ethik – ein Konzept zwischen der Bioethik und der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

Pawel Łuków (Warschau): Respect for living creatures and the conflictual nature of F. Jahr’s bio-ethics

Hans-Martin Sass (Bochum/Washington): Fritz Jahr und die Bioethik des 21. Jahrhunderts

Sektion II

Jan C. Joerden (Frankfurt/Oder): Zum Schutz natürlicher Freiheit durch Recht und Ethik

Nikolaus Knoepffler (Jena): Gedanken über eine liberale Gestaltung des Gesinnungsunterrichts

Joanna Miksa (Łódź): Fritz Jahr’s concept of bioethics and the evolution of codes of ethics for scientific research

Leszek Koczanowicz (Wrocław): Body and ethics. Reflections on Fritz Jahr’s bioethics and Richard Shusterman’s somaesthetics

Sektion III

Magdalena Ziętek (Aachen): Protestantische und katholische Bioethik im Dialog. Der bioethische Imperativ von Fritz Jahr aus der Sicht von Tadeusz Ślipko

Geni Maria Hoss (Heidelberg/Curitiba): Fritz Jahr und der ökologische Ansatz der katholischen Theologie heute

Matthias Kaufmann (Halle/Saale): Gibt es eine moralische Pflicht zur Selbsterhaltung?

Amir Muzur (Rijeka): Die epistemologischen, politischen und kulturellen Implikationen der Entdeckung von Fritz Jahrs Werk

ZitierweiseTagungsbericht 1927 – Die Geburt der Bioethik in Halle (Saale) durch den protestantischen Theologen Fritz Jahr (1895–1953). 28.11.2012–29.11.2012, Halle, in: H-Soz-Kult, 02.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4785>.

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