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The Land in Between – Three Centuries of Jewish Migration to, from and across Moravia, 1648-1948

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Kurt-und-Ursula-Schubert-Zentrum für Judaistik, Palacky Universität in Olomouc, Tschechien; The Jewish Studies Program, Central European University, Budapest, Ungarn
Datum, Ort:18.11.2012–20.11.2012, Olomouc

Bericht von:
Simona Malá, Kurt-und-Ursula-Schubert-Zentrum für Judaistik, Palacky Universität in Olomouc
E-Mail: <simona.malaseznam.cz>

Seit einigen Jahren gewinnt das Thema Migration in allen Fächern der Kultur- und Geschichtswissenschaften zunehmend an Beliebtheit und Attraktivität. Die von LOUISE HECHT (Olomouc) und MICHAEL L. MILLER (Budapest) konzipierte Konferenz zu Mähren als Raum der jüdischen Einwanderung, Migration, Auswanderung und Transmigration trägt dieser Entwicklung Rechnung. Als Eckdaten wurden der Dreißigjährige Krieg und die darauffolgenden Chmelnitzky-Pogromme und das Jahr 1648 gesetzt. Eine wichtige Rolle spielten in dieser Zeitspanne u.a. die Einführung der Familiantengesetze von 1726, die nur dem erstsgeborenen Sohn die legale Eheschließung erlaubten, das Revolutionsjahr 1848, die Machtübernahme durch den Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg und die Gründung des Staates Israel.

Zu den Leitfragen, die diese Tagung begleiteten, gehörte die Frage nach dem Einfluss der oben genannten historischen Ereignisse auf soziale Struktur, Verhaltensmuster und soziale Netzwerke der jüdischen MigrantInnen. Eine weitere Frage, die zu beantworten war, betraf den Einfluss der jüdischen Migration auf Ritus, Bildung und Kunst in Mähren und im Ausland, wo sich EmigrantInnen aus Mähren niederließen.

In dem einführenden Vortrag analysierte ELI LEDERHENDLER (Jerusalem) die Richtungen der modernen jüdischen Migration und das Phänomen Migration, dem er eine sehr wichtige Bedeutung in der jüdischen Geschichte zuschrieb. Er unterstrich die Entwicklung der neueren Forschung auf diesem Gebiet. Laut der älteren Forschung erfolgte jüdische Migration streng nach dem bipolaren Schema, das heißt, aus einem Land in ein anderes, was den neueren Konzepten nicht entspricht, die jüdische Migration als einen viel komplizierteren und vielseitigeren Prozess erfassen. Er unterstrich auch die Tatsache, dass frühere Historiker bei der jüdischen Migration fast ausschließlich politische oder wirtschaftliche Gründe voraussetzten, was im Licht der neueren Forschung überprüft werden muss.

In dem ersten Panel versuchte man die Frage zu beantworten, wie die Chmelnizky-Pogrome und die jüdische Immigration aus dem Osten die Architektur und den Stil der Synagogen beinflussten, die nach der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Mähren gebaut wurden. BARRY STIEFEL (Charleston) und TAMAR SHADMI (Ramat Gan) formulierten in ihren Beiträgen das Konzept der „kulturellen Inspiration“, in deren Rahmen die aus dem Osten nach Mähren migrierenden Juden die Baustruktur und Ornamente des polnischen Stils mit sich brachten und teilweise als „cultural agents“ fungierten. Dies ist unter anderem an den Zierornamenten und den Wandinschriften der synagogalen Bauten zu beobachten, die dem bisherigen mährischen Baustil fremd waren. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch die Orte, an denen neue Zierelemente auftauchten.

TAMÁS VISI (Olomouc) konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die halachische [religionsgesetzliche] Perspektive der jüdischen Migration während und nach den Chmelnitzky-Pogromen. Er analysierte die Responsen von Menachem Mendel Krochmal in seinem Hauptwerk Tzemach Tzedek. Als Beispiel wählte er den Fall des Avraham Yoseph Cohen (Jehoschua Ben Joseph), der aus Polen über Amsterdam nach Mähren kam. Dabei unterstrich er die Tatsache, dass auch der Weg anderer jüdischer Migranten in dieser Zeit nicht direkt verlief, sondern sehr oft über Litauen ging. Er berichtete auch über einige Agunot-Fälle (Frauen, die nach jüdischem Recht an die Ehe gebunden sind), die in Tzemach Tzedek diskutiert wurden. Wichtige Frage waren auch die Verhaltensmuster der Immigranten in den mährischen jüdischen Gemeinden sowie der Verlauf der Integration.

In dem zweiten Panel versuchte man, das mährische Judentum aus der Perspektive der Demographie zu erfassen. ERZSÉBET MISLOVICS (Szeged) beschrieb in ihrem Vortrag die entgegengesetzte Richtung der jüdischen Migration. Am Anfang ihres Vortrages schilderte sie die Situation der ungarischen Juden. Sie zog den Bogen über mehr als 150 Jahre und konzentrierte sich dabei vor allem auf das Ende des 17. und den Anfang des 18. Jahrhuderts, als die größte Immigrationswelle der Juden aus Mähren kam. Im Mittelpunkt des Vortrages standen Motivationen, Gründe und Prozesse, die während der mährischen Immigration nach Ungarn die wichtigste Rolle spielten und die Einflüsse, die diese Immigrationswelle auf die ungarischen Juden ausübten.

JANA VOBECKÁ (Wien) analysierte in ihrem Beitrag die jüdische Bevölkerung in Böhmen und Mähren aus der Perspektive der historischen Demographie. Sie zeigte anhand demographischer Daten das Wachstum der jüdischen Bevölkerung, das seinen Höhepunkt im Jahre 1875 erreichte. Später habe die verstärkte Migration vor allem nach Wien, in die USA und nach Deutschland begonnen, wobei Jana Vobecká die Tatsache unterstrich, dass der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung wesentlich niedriger war als jener vor 1875.

MICHLEAN AMIR (Washington) stellte in ihrem Vortrag kurz das United States Holocaust Memorial Museum und die Quellen zum mährischen Judentum in diesem Museum vor. Weiter sprach sie über Frank Meisner aus Třešť und seine Migrationswege, die über Dänemark und England führten sowie über Schicksal und Migration der Familienmitglieder der ebenfalls aus Třešť (Triesch) stammenden Familien Brecher und Munk.

Im dritten Panel wurde die jüdische Migration aus der Perspektive von Ego-Dokumenten diskutiert, die im Laufe der Zeit in den jüdischen Familien aus Mähren entstanden, die in größere Städte gezogen sind. Einleitend hierzu sprach ELANA SHAPIRA (Wien) über die Migrationsgeschichte der aus Brno (Brünn) stammenden Familie Gomperz und über ihre Integration in die Wiener Gesellschaft durch den Bau ihres im spezifisch historizistischen Stil gebauten Palais, das für die Wiener Ringstraße charakteristisch war. Sowohl von außen als auch im Inneren wurde ein jüdisch-hellenistisches Narrativ geschaffen, das auch mit anderen Narrativen, vor allem dem der nicht-jüdischen Familien konkurrierte. Hervogehoben wurde das Assimilationsnarrativ und die Rolle der Familie Gomperz als “cultural agents“ in der Wiener Kulturszene.

DIETER J. HECHTs (Graz) Ausgangspunkt war die Frage, ob die Migration der aus Prostějov (Prossnitz) stammenden Familie Zweig erzwungen oder freiwillig war. Die Migrationsgeschichte dieser Familie begann bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als diese Kaufleute nach Olomouc (Olmütz) umzogen. Den Kern des Vortrages bildeten die Kriegserfahrungen der sieben männlichen Familienmitglieder, die während des Ersten Weltkriegs eingezogen wurden und sich vor und während dieser Zeit mit ihrer jüdischen Identität auseinandersetzten. Laut Hecht lässt sich festestellen, dass das vebindende Element in der Familie die Affinität zur deutschen Sprache und Kultur war, wenn auch wahrscheinlich alle Familienmitglieder die tschechische Sprache beherschten, was die Ego-Dokumente zeigen.

Das vierte Panel öffnete den Blick auf die Urbanisierung und Migration der mährischen Landjuden, welche im Gegensatz zu den Juden, die im dritten Panel besprochen wurden, aus kleinen Dörfern in größere Städte zogen, wo sie anfingen, neue Narrative zu kreieren.

MARSHA ROZENBLIT (Maryland) analysierte in ihrem Beitrag den Fall Moravská Ostrava (Mährisch-Ostrau) als Spezialfall einer deutsch-tschechisch-polnisch gemischten Stadt, die keine sprachliche Mehrheit besaß, und von 1848 bis in die 1930er-Jahre als Ziel jüdischer Migration aus den mittel- und nordmährischen sowie schlesischen Dörfern galt. Sie konzertrierte sich auf die Herausbildung jüdischer Institutionen in der Großstadt und analysierte das Sprachverhalten der Juden, die konstant eine große Zuneigung zur deutschen Sprache zeigten, die sich sowohl im Schulwesen als auch im Kultur- und Vereinsleben niederschlug.

INES KOELTZSCH (Regensburg) sprach über ihr Forschungsprojekt, das sich mit der Migration der Juden aus den ländlich geprägten Regionen Böhmens und Mährens in größere Städte vom Anfang des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Diese Migration und ihre AkteurInnen wurde laut Koeltzsch durch die Narrative der Nostalgie und des Vergessens gekennzeichnet, in denen der Begriff „Landjude“ eine wichtige Rolle spielt.

Im Mittelpunkt des fünften Panels stand sowohl freiwillige als auch erzwungene Transmigration und Semi-Migration über Mähren. MICHAEL L. MILLER (Budapest) sprach in seinem Vortrag über junge jüdische Studenten aus Ungarn, die wegen des Numerus Clausus an den ungarischen Universitäten in den 1920er und 1930er Jahren in das mährische Brno (Brünn) kamen, um dort an der deutschsprachigen Technischen Universität zu studieren. Laut Miller ist dieser Prozess als brain drain zu bezeichnen, denn diese Studenten kamen selten in ihre Heimatstädte zurück. Sein Beitrag konzentrierte sich auf Organisationen und soziale Netzwerke, die diese Studenten während ihrer Studienzeit schufen.

MICHAL FRANKL (Prag) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit Fällen jüdischer Flüchtlinge, die nach dem Anschluss Österreichs im Jahre 1938 versuchten, entweder legal oder illegal die tschechoslowakische bzw. österreichisch-mährische Grenze zu überschreiten. Anhand der Einzelfälle und Schicksale dieser MigrantInnen wurde die Durchführung und Verschärfung der tschechoslowakischen Asylantenpolitik diesen TransmigrantInnen gegenüber ins Visier genommen.

MARTIN WEIN (Tel Aviv) konzentrierte sich in seinem Beitrag – nach einer kurzen Präsentation des zionistischen Vereinslebens im Mähren der 1890er-Jahre – auf Semi-und Transmigration der vor allem männlichen Mitglieder der Organisation HeHalutz [Der Pionier] aus der Karpato-Ukraine, d.h. einer Minderheit unter der zionistischen Minderheit der ehemaligen Tschechoslowakei, die in Mähren in verschiedenen Hachscharoth [Trainingslagern] auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurde.

Die Konferenz umfasste ein breites Themenspektrum, das sich über viele wichtige Epochen und Eckdaten erstreckte, und beleuchtete das Phänomen jüdischer Migration von vielen Seiten. Die lebhafte Diskussion speiste sich aus der Vielfalt der Methodenzugäge und der internationalen Herkunft der WissenschaftlerInnen, die zu dieser Diskussion beitrugen. Eine weitere Tatsache, die eine solche Diskussion ermöglichte, war die Schnittstelle zwischen Demographie, Geistes- und Kulturwissenschaften. Konzepte, die während der Konferenz besonders im Vordergrund standen, waren Juden als „cultural agent“, die Semi-Migration und jüdische Narrative, die in das nichtjüdische Milieu übersetzt wurden.

Konferenzübersicht:

Grußworte
Jiří Lach, Dekan, Philosophische Fakultät, Palacky-Universität, Olomouc
Ingeborg Fürst-Fiala, Leiterin des Kurt-und-Ursula-Zentrums für Judaistik, Palacky-Universität, Olomouc
Petr Papoušek, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, Olomouc
Louise Hecht, Kurt-und-Ursula-Zentrum für Judaistik, Palacky-Universität, Olomouc
Michael L. Miller, Central European University, Budapest

Keynote lecture
Eli Lederhandler (Jerusalem): Origins and Destinies: Migration and Modern Jewries

Panel 1: Migrating People, Migrating Designs: The Influence of the Chmielnicki Pogroms on Moravian Jewry

Barry Stiefel (Charleston): Cracks on the Wall: The Events of 1648-49 and its Affects on Synagogue Architecture in Moravia

Tamar Shadmi (Ramat Gan): Synagogue Wall Inscriptions: An East European Tradition that Spread Westwards

Tamás Visi (Olomouc): A Halakhic Perspective on Migration: Refugees in Menahem Mendel Krochmal's Responsa (Nikolsburg, c. 1648-1661)

Panel 2: Demographic Challenges of Moravian Jews

Erzsébet Mislovics (Szeged): Settlement of Moravian Jews in Modern Hungary

Jana Vobecká (Wien): Jewish Migration in the Czech Lands between 1857 and 1930: Demographic Perspective

Michlean Amir (Washington): Moravia's Jews on the Move: Early 20th Century Migration Experiences

Panel 3: The Choices of a Generation: A Cultural History Approach

Elana Shapira (Wien): Gomperz's Choice - The Contribution of a Leading Moravian Jewish Migrant

Dieter J. Hecht (Graz): Jewish War Memories from WW I: The Zweig family from Olomouc

Panel 4: Rural Jewry in Decline? Urbanization Patterns since Late 19th Century

Marsha L. Rozenblit (Maryland): The Impact of Urbanization on the Jews of Moravia: The Case of Mährisch Ostrau/Moravská Ostrava, 1848-1938

Ines Koeltzsch (Regensburg): Rural and Small-Town Jewry in Moravia around 1900

Panel 5: ‘Eastern Brothers’: Facts and Images

Michael L. Miller (Budapest): "In Brno, I got used to not thinking about the future": Hungarian-Jewish Students in Brno, 1920-1938

Michal Frankl (Prag): Close but Closed: Czechoslovak Borders and Jewish Refugees from Austria in 1938

Martin Wein (Tel Aviv): Zionism in Moravia: Ideas from Vienna - Emigration to the Holy Land

ZitierweiseTagungsbericht The Land in Between – Three Centuries of Jewish Migration to, from and across Moravia, 1648-1948. 18.11.2012–20.11.2012, Olomouc, in: H-Soz-Kult, 24.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4775>.

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