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Zwischen Inklusion und Exklusion? ‚Deutsche’ Musik in Europa und Nordamerika 1848–1945

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Robert Schumann Hochschule Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, Abt. Duisburg
Datum, Ort:14.12.2012–15.12.2012, Düsseldorf

Bericht von:
Jonas Uchtmann, Musikwissenschaftliches Institut, Robert Schumann Hochschule Düsseldorf
E-Mail: <jonas.uchtmanngmx.de>

Die zentrale soziopolitische Rolle von Musik bei der ideellen oder reellen Herausbildung der europäischen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts ist unbestritten. Die deutsche Geschichte zwischen der Märzrevolution von 1848 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs bietet mit ihren zahlreichen Zäsuren eine besonders ergiebige Folie, die Entwicklung und die Folgen dieses Zusammenhangs zu untersuchen. Die Tagung ‚Zwischen Inklusion und Exklusion‘ stand dabei erstens unter der Fragestellung, was unter ‚deutscher’ Musik überhaupt zu verstehen sei, und zweitens, inwiefern ‚deutsche‘ Musik ein Produkt von Aneignungs- und Abgrenzungsprozessen war, im Innern ebenso wie im Ausland. Die Fallbeispiele konzentrierten sich auf exemplarische Gattungen, vor allem Sinfonik und Lied, und hinsichtlich des Ortes auf wichtige musikalische Zentren wie Leipzig oder Institutionen, wie Gesangsvereine in Europa und Nordamerika. Um vielfältige und ungewöhnliche Perspektiven vorzustellen und diskutieren zu können, widmeten sich Historiker wie Musikwissenschaftler gleichermaßen auf der Tagung diesen Fragestellungen.

Die ersten drei, den beiden Grußworten folgenden Vorträge erschlossen in ihrer theoretischen und geistesgeschichtlichen Herangehensweise Diskurse, die im Verlauf der Konferenz immer wieder aufgegriffen wurden. Im Eröffnungsvortrag von SABINE MECKING (Duisburg/Düsseldorf) mit dem Titel „‚Deutsche’ Musik, eine Illusion?“ wurden die vielfältigen, über kulturelle Performanz weit hinausgehenden sozialen und politischen Wirkungsfaktoren von Musik im Nationsbildungsprozess des 19. Jahrhunderts ausgelotet. Die bereits von Platon beschriebene gesellschaftsverändernde Kraft der Musik kam dabei besonders in textgebundenen Musizierformen durch gemeinschaftliches Singen zum Tragen. Im Deutschland des Partikularismus schufen Volkslieder in Form regionaler oder nationaler Bezüge ein Wir-Gefühl. Wo Musik nach innen integrativ wirkte, schuf sie zugleich auch Distinktion und schürte Aggressionen gegenüber dem fremdartigen Anderen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestand im Musikdiskurs des Reiches Einheit darüber, dass die ‚deutsche’ Musik allen anderen Nationalmusiken überlegen und „direkt aus nationaler Erde herausgewachsen“ sei. Ursache und Wirkung der platonischen Ausgangstheorie von der gesellschaftsformenden Funktion von Musik wurden somit um eine chauvinistische Dimension erweitert.

VOLKER KALISCH (Düsseldorf) griff mit seinem Vortrag die bereits genannten Kategorien „‚Wir‘ und die ‚Anderen‘“ auf, indem er zunächst auf einen in den Augen westlicher Betrachter bemerkenswerten Aspekt der Fremdheit in der Musikkultur der südpazifischen 'Are'are hinwies. Diese kennen zahlreiche musikalische Praktiken, ohne jedoch eine übergeordnete Bezeichnung, vergleichbar unserem Terminus ‚Musik‘, entwickelt zu haben. Im Anschluss an diese Feststellung wandte sich der Vortrag der Genese des abendländischen Musikbegriffs zu, der im Mittelalter und noch in der Frühen Neuzeit erheblich breiter gefasst war. Aus der ursprünglichen Trias von musica mundana, musica humana und musica instrumentalis (Boethius) wurden die transzendenten Kategorien ausgeklammert (Exklusion). Die musica instrumentalis wurde im modernen Verständnis weiteren systematischen philosophischen Einordnungen unterzogen. Das gegenwärtige Musikverständnis basiert also auf einem Produkt von ideengeschichtlich und ästhetisch ausgetragenen Diskursen von Ausgrenzung und Einvernahmung. Folglich sollte ein Eingeständnis, dass dieser Musikbegriff keineswegs allgemeingültig und unveränderlich ist, Antwort auf die im Untertitel des Vortrags gestellte Frage geben, „warum wir uns im Umgang mit dem ‚Fremden‘ üben müssen“.

Im Zentrum des Referats „Mendelssohn, Leipzig und das Problem des Konservativismus in der Musik“ von CHRISTIANE WIESENFELDT (Weimar) stand eine thesenartige Gegenüberstellung von allgemeinen politik- oder sozialphilosophischen Kategorien und dem mit negativen Klischees konnotierten Konservativismusbegriff. Konkretisiert wurde dies anhand der Frage, welche Merkmale für den Konservatismus der Leipziger Schule, die nach Felix Mendelssohn Bartholdys Tod als „Museum mitteleuropäischer Musikgeschichte“ galt, kennzeichnend waren und wie sich deren Vertreter selbst charakterisierten. Im Begriffsabgleich stellte Wiesenfeldt der Kategorie ‚Bewahrung’ das bald nach der Jahrhundertwende diskursiv gefestigte musikologische Schlagwort des ‚Eklektizismus‘ gegenüber. Ein mit diesem Etikett belegter Leipziger Komponist wie Carl Reinecke hatte der zeitgenössischen Musikpublizistik, sofern nicht der neudeutschen Schule angehörig, noch als eigenständig und originell gegolten. Auch die dem konservativen Prinzipium der Fortschritts- und Rationalismusfeindlichkeit auf Seiten der Musikhistoriografie gegenübergestellten Kategorien Antimodernismus und Nationalismus scheinen keineswegs gelebte Dogmatik des Leipziger Musiklebens gewesen zu sein, sondern vielmehr dem Bedürfnis nach Traditionspflege entsprochen zu haben.

Die zweite Sektion beschäftigte sich in Längsschnittstudien mit dem deutschen Chorwesen im Ausland, wobei der Schwerpunkt auf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag. In beiden Fallbeispielen spielte die Positionierung der deutschen Sprache im Verhältnis zur Landessprache Englisch beziehungsweise Ungarisch eine große Rolle. Im Vortrag von HEIKE BUNGERT (Münster) zu den deutschamerikanischen Sängerfesten wurde deren Funktion als kulturelle Handlung (‚cultural performance’) mit identitätsstiftender Funktion (‚invented traditions’) verstanden. Als Zusammentreffen teilweise mehrerer tausend deutschsprachiger Einwanderer war der Zweck der Sängerfeste entsprechend der Austausch mit Gleichgesinnten sowie die Möglichkeit, auch anspruchsvolles Repertoire aufzuführen. Sie dienten außerdem dazu, die anglofone US-Gesellschaft mit deutschem Liedgut vertraut zu machen. Während die erste, noch primär deutschsprachige (Einwanderer-)Generation das Liedgut noch überwiegend oral tradierte, begann die nachfolgende Generation, auch englischsprachige Lieder in ihr Repertoire zu integrieren und diese neben deutschsprachigen Liedern zu veröffentlichen. Diesem Inklusionsbestreben in zweiter Generation versuchte die Musikpolitik des Reiches (exklusiv) etwa dadurch entgegenzuwirken, indem durch Wilhelm II. ein ausschließlich deutschsprachiges Liederbuch für Deutschamerikaner herausgegeben wurde.

STEFANIE STRIGL (München) ging der Frage nach, ob in einer an der Grenze zwischen zwei Sprachräumen gelegene deutschsprachige Exklave – nämlich Fünfkirchen/Pécs im Königreich Ungarn an der kroatischen Sprachgrenze – ein „Männergesangsverein als Stifter nationaler Identität“ dienen konnte. Mit dem ‚Pécsi Dalárda’ wurde hierbei eine 1861 von deutschen Bürgern begründete Liedertafel in den Blick genommen, die bis in die 1940er-Jahre Bestand hatte: Der Ausgleich von 1867 führte im transleithanischen Teil der Doppelmonarchie zu einer de facto autonomen nationalistischen Minderheitenpolitik: Infolgedessen mussten mehrheitlich deutschsprachige Konzerte behördlich genehmigt werden, was im Verein allerdings nicht zu offenem Widerstand führte, da man bereits begonnen hatte, in ungarischer Sprache zu singen und außerdem ungarischstämmige Mitglieder aufzunehmen (Inklusion). Trotzdem war die Liedertafel auch in die Gemeinschaft der deutsch-österreichischen Männergesangsvereine integriert, wie sich anhand von Konzerttourneen nachweisen lässt. Der ursprünglich nahe Fulda angesiedelten alten Heimat der Pécser Einwanderer wurde zwar im Vereinsleben weiterhin gedacht, während jedoch zeitgleich die Identifikation mit der neuen Heimat Pécs stetig wuchs.

Zwei weitere Vorträge zur Jahrhundertwende nahmen die Funktion und (Eigen-)Wahrnehmung deutscher Musiker in Großbritannien sowie rezeptionshistorisch die Aufführungsintensität internationaler Symphonik in Deutschland in den Blick. STEFAN MANZ (Birmingham) stellte seinen Vortrag unter den Obertitel „Pandering to the foreigner“. Deutsche Musiker seien auch abseits englandreisender ‚Stars‘ wie Carl Maria von Weber, Mendelssohn und Richard Wagner sehr viel zahlreicher und somit für das britische Musikleben prägender gewesen als bislang angenommen wurde. Als Kulturimport der in musikalischer Hinsicht mit Minderwertigkeitskomplexen ausgestatteten Hegemonialmacht Großbritannien waren deutsche Musiker gerade zu Beginn der untersuchten Zeit, d. h. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hoch willkommen. Ab etwa 1900, als sich die Beziehungen zwischen England und dem Reich insgesamt zu verschlechtern begangen, hatten deutsche Musiker in England allerdings zunehmend mit xenophoben Tendenzen zu tun. Der völkerverständigenden Inklusion, die nationale Demarkationslinien im Zeitalter des Imperialismus zumindest für musikalische Lebensbereiche zuvor noch in Frage gestellt hatte, folgte eine ernüchternde Phase der Exklusion, die durch innerbritisch-nationale Kompensationsreaktionen ausgelöst wurden.

STEFAN KEYM (Tübingen/Leipzig) referierte zur Frage, ob im „zweiten Zeitalter der Symphonie“ (Carl Dahlhaus) ab den 1870er-Jahren „internationale Symphonik im deutschen Konzertrepertoire und Musikdiskurs“ eine größere Rolle spielte. Zuvor hatte die Sinfonie im deutschsprachigen Raum vielfach als gleichsam autochthone Gattung gegolten. Keyms Untersuchung des Leipziger Konzertrepertoires ergab, dass unter den Gewandhauskapellmeistern am Ausgang des 19. Jahrhunderts (Carl Reinecke und Arthur Nikisch) im Vergleich zu ihren Vorgängern Felix Mendelssohn und Julius Rietz eine erheblich größere Zahl ausländischer Sinfonien zur Aufführung gelangte. Obwohl also im Aufführungsbetrieb eine – zumindest relative – Internationalisierung einsetzte (Inklusion), verharrte die zeitgleiche Publizistik in ähnlichen Dimensionen wie in den Jahrzehnten zuvor (Exklusion). Betont wurde in den einschlägigen, vielfach in Leipzig verlegten Zeitschriften und Konzertführern die geistige Tiefe der deutschen Musik, ihre Originalität der Thematik und die Kategorie der thematischen Arbeit, wohingegen der eigentümliche nationale Ausdruck ausländischer Musik, gleich welcher Provenienz, als minderwertig tendenziell abgelehnt wurde.

Die Sektion zur Zwischenkriegszeit beschäftigte sich mit ideologischen Positionierungen, einmal fachhistorisch mit der „Propagierung des Deutschen bei Hans Joachim Moser und Joseph-Maria Müller-Blattau“ und institutionell im Vortrag „Politische Identitätsstiftung und Abgrenzung in der deutschsprachigen Chormusik nach dem Ersten Weltkrieg“ von DIETMAR KLENKE (Paderborn). Letzterer verdeutlichte die starke Eingebundenheit des institutionalisierten Chorwesens am Beispiel der wichtigsten, diametral positionierten Verbände Deutscher Sängerbund (DSB) und Deutscher Arbeiter-Sängerbund (DAS) in den (musik-)politischen Diskurs der Weimarer Republik. Im Falle des DSB bestimmte ein kulturnational-konservatives, später zunehmend völkisch-nationalistisches Weltbild die veröffentlichte Selbstdarstellung Als arbeiternahes Pendant des DSB bevorzugten Vereine des DAS tendenziell sozialistische Textierungen und infolgedessen auch stilistisch zeitgenössischere Vertonungen. Klenkes Rekurs auf die Medialitätstheorie verdeutlichte die wichtige soziale Funktion des Chorwesens im ersten demokratischen deutschen Staat. Der identitätsstiftende Charakter der ritualisierten, hinsichtlich politischer und ästhetischer Werte verbundenen Vereine half, verstärkt durch den affirmativen (Live-)Charakter von Aufführungen, Sängern und Zuhörern beispielweise bei der Bewältigung von Kriegstraumata wie auch der wechselvollen Lebenswirklichkeit der 1920er-Jahre.

HARALD LÖNNECKER (Paderborn) bezog in seine Untersuchung zum Begriff des ‚Deutschen‘ bei Moser und Müller-Blattau nicht nur veröffentlichte Schriften, sondern auch Material aus den Nachlässen ein. So wurde das Interesse beider Forscher am Wesen der ‚deutschen‘ Musik ersichtlich. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs tendierten die Erklärungsmodelle dabei zunehmend in eine völkisch-nationalistische Richtung, mit der Neigung zur Abgrenzung bei der Beschreibung des Eigenen – des Deutschen – gegenüber dem Fremden. Institutionell entscheidend für die Wiedererstehung der deutschen Volksbewegung nach dem Weltkrieg war für Moser und Müller-Blattau die Singbewegung. Insbesondere deren jungendlichen Auditorien konnten beide ihre Überzeugungen durch eine weitgespannte Vortragstätigkeit erfolgreich vermitteln. Während Moser unter den Nationalsozialisten fälschlicherweise zum Juden erklärt wurde und seine akademische Laufbahn erst nach 1945 weiterführen konnte, hatte der wendigere Müller-Blattau ab 1936 den Freiburger musikwissenschaftlichen Lehrstuhl inne und nahm am Zweiten Weltkrieg teil, konnte seine Karriere aber dennoch fortsetzen.

Die letzte Sektion richtete ihren Blick auf die Außenwirkung ‚deutscher’ Musik. Thematisiert wurden die „Beethoven-Rezeption in der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg“ sowie die ambivalente Wahrnehmung und Erschaffung von Identität durch Musik im besetzen Dänemark. Die sowjetische Umdeutung des deutschen Komponisten zum „Genossen Beethoven“ – so der Obertitel des Vortrags von ALEXANDER FRIEDMAN (Saarbrücken) – konnte als ein staatlich gelenkter Vorgang der Inklusion von einem kulturellen und politischen System in ein anderes gedeutet werden. Die Intensität und Motivation der Beethoven-Rezeption war in der Frühphase der sowjetischen Geschichte jedoch merklichen Schwankungen unterworfen. In der durch den Beethoven-begeisterten Revolutionsführer Lenin und seinen Kultursekretär Anatolij Lunačarskij initiierten Frühphase sollte der als Genie gewürdigte deutsche Komponist in den Köpfen der Sowjetbürger ein positives Deutschlandbild implementieren. Als in Folge der nationalsozialistischen Machtübernahme die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich endete, ließ in den 1930er-Jahren die Beethoven-Euphorie zwar nach, worauf sinkende Aufführungszahlen hindeuten. Gleichwohl wurde Beethoven von der Propaganda weiterhin als Paradigma des ,guten Deutschen‘ benutzt, der den „Kulturverfall“ des „barbarischen Dritten Reichs“ verdeutlichen sollte.

Der Beitrag von YVONNE WASSERLOOS (Düsseldorf) zu „Musik und Ideologie im besetzten Dänemark“ untersuchte die Bemühungen der deutschen wie dänischen Nationalsozialisten, die dänische Bevölkerung umzuerziehen, wobei vom Regime die rassische Kategorie des ‚Nordischen’ als eine Besetzer und Besetzte verbindendes Element herausgestellt wurde. Einer der musikpolitischen Umerziehungsversuche bestand darin, über die nach der Besetzung zum Handlanger degradierten dänischen nationalsozialistischen Partei (Danmarks Nationalsocialistiske Arbejderparti, DNSAP) Liederbücher herauszugeben. Diese enthielten entweder neu komponierte Lieder oder Umtextierungen mit nationalsozialistischen Inhalten. Die Gegenreaktion von Seiten der dänischen Bevölkerung erfolgte öffentlich in Form des „Alsang“, des traditionellen dänischen Gemeinschaftsgesangs, wobei insbesondere national aufgeladenes volkstümliches Liedgut vorgetragen wurde, um die eigene Identität zu stärken. Am Beispiel des Liedes „Paa Sjølunds fagre sletter“ wurde die Doppelverwendung dänischen Liedguts zu identitätsstiftenden bzw. mobilisierenden Zwecken deutlich. Während das Lied in den „Alsang“-Veranstaltungen gesungen wurde, benutzte es die DNSAP ebenso in einer umtextierten Fassung. Dieses Vorgehen verdeutlicht die Relevanz einer klingenden Erinnerungskultur, die durch die Überschreibung mit nationalsozialistischer Ideologie umfunktioniert werden sollte.

Der Facettenreichtum der auf der Tagung vorgestellten Gegenstandsbereiche spricht dafür, dass die Frage des ‚Deutschen‘ in der Musik, gleich ob explizit oder implizit, im untersuchten Zeitraum ständig präsent gewesen ist: im Bereich der professionellen ebenso wie der laienhaften musikalischen Produktion und Aufführung, im Musikschrifttum, im In- und sogar im Ausland in Form von Kulturexport und Migrationsprozessen. Kulturräumliche Demarkationslinien scheinen dabei in der musikalischen Praxis weniger Bedeutung gehabt zu haben als im Bereich der Publizistik, wo die Abgrenzungsbestrebungen gegenüber einem zunehmend als feindlich wahrgenommenen Anderen, wenngleich tief verwurzelt, im 20. Jahrhundert noch einmal zunahmen. Auch die staatliche, musikpolitische Einflussnahme, deren natürliches Interesse es sein musste, den Prozess von Inklusion und Exklusion zu lenken, scheint sich in der zweiten Hälfte des betrachteten Zeitabschnitts zugespitzt zu haben.

Das Tagungsprogramm wurde durch das Konzert „Musik in der Fremde“ abgerundet, in dem Studierende der Robert Schumann Hochschule Werke von Paul Hindemith, Arnold Schönberg, Egon Wellesz, Sofia Gubajdulina und Nikolai Medtner aufführten. Die Publikation der Tagungsbeiträge und -ergebnisse ist vorgesehen.[1]

Konferenzübersicht

Grußworte

Bruno Bleckmann (Dekan der Philosophischen Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)

Volker Kalisch (Prorektor für Studium, Lehre und Forschung, Robert Schumann Hochschule Düsseldorf)

Sabine Mecking (Duisburg/Düsseldorf): Zwischen den Welten. ,Deutsche‘ Musik, eine Illusion?

Volker Kalisch (Düsseldorf): „Wir“ und die „Anderen“. Warum wir uns im Umgang mit „Fremdem“ üben müssen

Christiane Wiesenfeldt (Weimar): Werke ohne Orte? Mendelssohn, Leipzig und das Problem des Konservativismus in der Musik

Heike Bungert (Münster): „Wo man singt, da laß dich nieder“. Deutschamerikanische Sängerfeste und ihr musikalisches Repertoire als Medium der Ethnizitätsbildung, 1848–1914

Stefanie Strigl (München): „Süße Heimat – liebliches Lied“. Ein Männergesangsverein als Stifter kultureller Identität? Untersuchungen zum Fünfkirchener/Pécser Männergesangsverein, 1861–1945

Einführung: Yvonne Wasserloos: Musik in der Fremde. Konzert zur Tagung mit Studierenden der Robert Schumann Hochschule im Partika-Saal der Robert Schumann Hochschule

Stefan Manz (Birmingham): „Pandering to the foreigner”. Deutsche Musiker und nationale Abgrenzung in Großbritannien um 1900

Stefan Keym (Tübingen/Leipzig): Eine „deutsche Gattung“? Internationale Symphonik im deutschen Konzertrepertoire und Musikdiskurs des späten 19. Jahrhunderts

Dietmar Klenke (Paderborn): Politische Identitätsstiftung und Abgrenzung in der deutschsprachigen Chormusik nach dem Ersten Weltkrieg

Harald Lönnecker (Paderborn): Die Propagierung des Deutschen bei Hans Joachim Moser und Joseph Maria Müller-Blattau

Alexander Friedman (Saarbrücken): „Genosse Beethoven“. Die Beethoven-Rezeption in der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg

Yvonne Wasserloos (Düsseldorf): Nordisch, deutsch oder national(sozialistisch)? Musik und Ideologie im besetzten Dänemark

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Siehe ebenso den bereits erschienenen Bericht zur Tagung in: Die Tonkunst 7 (2013), S. 238–240.

ZitierweiseTagungsbericht Zwischen Inklusion und Exklusion? ‚Deutsche’ Musik in Europa und Nordamerika 1848–1945. 14.12.2012–15.12.2012, Düsseldorf, in: H-Soz-u-Kult, 24.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4770>.

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