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Praktiken, Orte, Repräsentationen: Zur Geschichte und Zukunft von Naturkundemuseen

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Museum für Naturkunde, Berlin
Datum, Ort:18.03.2013–19.03.2013, Berlin

Bericht von:
Tahani Nadim, International Museum Fellow, Museum für Naturkunde Berlin
E-Mail: <tahani.nadimmfn-berlin.de>

Zu Füßen der Saurier des Museums für Naturkunde Berlin wurde am 18. März die Tagung "Praktiken, Orte, Repräsentationen. Zur Geschichte und Zukunft von Naturkundemuseen" eröffnet. Die Tagung stellte zum ersten Mal die neue kulturwissenschaftliche Forschungsinitiative PAN (Perspektiven auf Natur), geleitet von Anita Hermannstädter und Ina Heumann, einer breiteren Öffentlichkeit vor. PAN widmet sich den sozialen, politischen und kulturellen Kontexten die, oftmals gar nicht so unmerklich, in den naturkundlichen Sammlungen, Objekten und Wissenspraktiken verhandelt werden. Die Tagung verstand sich als Bühne für einen „interdisziplinären Diskurs über das Naturkundemuseum im 21. Jahrhundert“ und präsentierte heterogene Herangehensweisen und Akteure, die sich Fragen zur Wissenskommunikation, Ästhetik, Gesellschaft und Naturverständnis stellten.

Den Auftakt machten ein Tukan und Direktor Johannes Vogel, der mit großem Enthusiasmus die Dringlichkeit erweiternder Fragestellungen und Ansprüche an das Museum für Naturkunde hervorhob. Der Tukan (aus der Sammlung von Friedrich Sellow) in der einen und die sogenannte „Honecker Languste“ (die Erich Honecker gemeinsam mit Fidel Castro auf Kuba fing) in der anderen Hand, plädierte Vogel für das Museum als Hybridorganisation, der in Zeiten globaler Problematiken wie Klimawandel, Artenverlust, Ressourcenkrise und soziale Gerechtigkeit eine wichtige Vermittlungsrolle zukommt. Die Organisatorinnen ANITA HERMANNSTÄDTER und INA HEUMANN brachten die Notwendigkeit von kritischer Selbstreflexion und Grenzgängen zur Sprache, welche nicht nur alte Schätze in innovativem Licht erscheinen lassen, sondern auch unabdingbar sind für nachhaltige Zukunftskonzepte. Sie porträtierten naturkundliche Museen als Orte des Wandels, den es kritisch zu reflektieren und analytisch zu beforschen gelte.

Einer zentralen Dynamik des Wandels widmete sich der Vortrag von ANKE TE HEESEN (Berlin) nämlich dem Spannungsverhältnis zwischen Forschungs- und Schausammlung. Anhand der 2010 eröffneten Nass-Sammlung, die die in Alkohol konservierten Präparate beherbergt und spektakulär in Szene setzt, entwarf te Heesen eine bestechende Analyse zur hier angewandten Darstellungskonvention. Zum einen bedient sich diese einer Sinnlichkeit aus der Gegenwartskunst, bei te Heesen verkörpert von Mona Hatoums Installation „Current Disturbances“. Zum anderen nutzt sie eine Kommerzästhetik, die das Massenprodukt als Warenwunder feiert, ähnlich wie es der Autoturm in der Wolfsburger Autostadt tut. Dass zwischen diesen Affekten kaum Raum für Wissenschaft bleibt, sah te Heesen als Gefahr und sprach sich hier für eine klarere Differenzierung aus.

Die Verquickung zwischen Sinnlichkeit und Naturkunde bot auch den Rahmen für HANS WALTER LACK (Berlin), der uns gleich auf zwei verschiedene Reisen mitnahm: Sein Interesse galt den botanischen Aquarellen von Sydney Parkinson und Ferdinand Bauer, die im Zuge von Expeditionen nach Südamerika und Australien trotz widrigster Umstände gefertigt wurden. Neben diesen Reisen und ihren, besonders für Malzubehör, unglücklichen Bedingungen (hohe Luftfeuchtigkeit, Pigment fressende Insekten) schilderte Lack seine eigene Entdeckungsreise, die ihn nach Wien, Vaduz, Madrid und England führte und zur der Erkenntnis brachte, dass sich Illustratoren damals verschiedener Strategien bedienten, um die Farbenpracht der Flora naturgetreu wiederzugeben: Sie tätigten partielle Kolorierungen, fertigten Graphitzeichnungen, die dann mit Hilfe von Farbencodes nachkoloriert wurden, oder notierten Farben in Worten.

Die enge Verbindung von Kunst und Wissenschaft stand auch im Mittelpunkt des nächsten Beitrags. MATTHIAS GLAUBRECHT (Berlin), Kurator der Molluskensammlung am Museum, präsentierte seine Studien zu dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso mit besonderem Augenmerk auf dessen teils umstrittene Stellung zwischen Wissenschaft und Literatur. Während Chamisso große Erfolge mit Peter Schlemihl feierte, wurde seine zoologische Entdeckung des Generationswechsels bei Meerestieren als Phantasie abgetan. Chamisso selbst war auf eine klare Trennung von seinem dichterischem und seinem wissenschaftlichen Arbeiten erpicht: Während der Rurik Expedition fertigte er sowohl ein narratives Reisetagebuch als auch empirische Reiseberichte an und seine Doktorarbeit verfasste er, ganz wie es die wissenschaftliche Konvention gebot, auf Latein.

Wie schon Chamisso, hatte auch der Naturforscher Friedrich Sellow wichtige Objekte zur Sammlung des Museums für Naturkunde beigetragen. SABINE HACKETHAL (Berlin) gab Einblick in dessen Leben und Schaffen, das ebenfalls ästhetisch anmutende Merkmale aufweist. Hier begegneten wir dem Tukan wieder, der diese Tagung eröffnete aber auch einer weiteren Initiative des Museums, die sich der kulturwissenschaftlichen Aufarbeitung der Bestände zuwendet. Hackethal präsentierte ihr Projekt zur Entzifferung der Sellowschen Tagebücher, die 4.900 Seiten umfassen und neben Daten und Beschreibungen auch ganz außergewöhnliche Zeichnungen seiner Forschungsreisen in Südamerika beinhalten. Obschon Sellow nichts über sich selbst preisgab, geben seine oftmals sehr narrativen Beschreibungen ein sozial- und kulturgeschichtliches Bild Brasiliens um 1830 wieder. Sein Tagebuch beinhaltet unter anderem die wahrscheinlich letzte Beschreibung der Charrúa-Stammes, der 1831 durch ein Massaker ausgelöscht wurde. Sellows Nachlass wird am Berliner Museum für Naturkunde durch Transkription und Annotation einem breiten Publikum nutzbar gemacht.

BJÖRN KRÖGER (Berlin) stellte einen weiteren wichtigen Mann für das Museum vor, den Geologen Leopold von Buch. Genauer widmete er sich dessen Vortrag "Bemerkungen über ein Bild welches die Urwelt darstellt" den von Buch 1831 in der Villa Kamecke in der Dorotheenstrasse zur "aufheiternden Erholung" der Gesellschaft der Freunde der Humanität hielt. Das Bild, auf das der Vortragstitel verweist, war Henry de la Bèches "Duria Antiquior“ (1830), ein "Monstergewimmel" (Ina Heumann) von Fisch- und Flugsauriern, Ammoniten und einem Krokodil. Das 1830 entstandene Bild gilt als die erste populärwissenschaftliche Darstellung einer prähistorischen Welt und verbindet in der Interpretation von Buchs Vorstellungen aus der klassischen Literatur mit lamarckistischen Ansätzen. Wie auch schon bei Sellow vermengten sich hier gegensätzliche Betrachtungsweisen: die „objektive“ Vogelperspektive in von Buchs Gebirgsbildungstheorie und, in seinem Vortrag, die gelebte, unmittelbare, fast sinnliche Wahrnehmung des Eintauchens.

LUKAS AFFENTRANGER (Basel) eröffnete den zweiten Tag und wieder begegnete uns ein Mann, dessen Objekte sich in den Sammlungen wiederfinden, der Naturforscher und Entdecker Wilhelm Peters. Affentranger widmete sich dessen Forschungsreisen als zentrales Instrument der Wissensfindung. Peters Expeditionen in Südostafrika, vor allem im heutigen Mosambik, eröffneten nicht nur naturwissenschaftlich neue Welten, sondern gaben, wenn auch nicht unbedingt explizit, Einblick in den Terror des Kolonialismus und Sklavenhandels. Mit Blick auf Beschreibungen und Skizzen, die Peters in den portugiesischen Siedlungen anfertigte, deutete Affentranger die differenzierte Zusammenarbeiten zwischen Peters und lokalen Bevölkerungen. Diese dienten Peters auch als Ressource bei der Benennung von Arten, eine Praxis, die ihm nach seiner Rückkehr von der wissenschaftlichen Gemeinschaft angelastet wurde.

Lokales Wissen wurde auch Wilhelm von Blandowski zum Verhängnis wie KHADIJA VON ZINNENBURG (Cambridge/Berlin) aufzeigte. Ausgehend von einer Landkarte, die der ehemalige Bergbauingenieur Blandowski im Kontext seiner Australien-Expedition anfertigte, beschrieb Zinnenburg Blandowskis akademisches Scheitern. Diese kuriose Landkarte enthielt unter anderem spekulative Bestandsaufnahmen der Vegetation, der Zoologie, aber auch der ethnischen Gruppen, durchaus eine Provokation für das koloniale Dogma der terra nullius. Auch vermengte die Karte wissenschaftliche Erkenntnisse mit indigenen Erkenntnisprozessen, eine gefährliche Mischung, die Blandowski, laut Zinneburg, sein Ansehen kostete. Durch Vergleiche mit dem Werk des zeitgenössischen Künstlers Christopher Pease, das visuelle Interventionen in romantische Naturgemälde projiziert, zeigt Zinnenburg, dass Blandowskis Beitrag nicht nur der Wissenschaft galt, sondern auch Konventionen der Gegenwartskunst vorwegnahm.

Nach der Mittagespause richtete JUTTA HELBIG (Berlin) den Blick auf die unmittelbare Umgebung mit einem Vortrag zu den historischen Präsentationsformen im Museum für Naturkunde. Helbigs Vortrag bestach durch historisches Bildmaterial und führte von Karl August Möbius, der versuchte, den Besucherblick durch strenge Systematik einen vergleichenden und analytischen Besucherblick zu leiten, bis zu Willy Kükenthal, der durch spektakuläre Dioramen das Augenmerk auf Umweltbeziehungen und inszenierte Biologie richtete. Den Abschluss bildete ein Schwarzweißfoto des Sargs von Kükenthal, aufgebahrt vor dem Alpendiorama und üppig geschmückt mit Kränzen. Hier wurde nochmals verdeutlicht, was schon te Heesen diagnostiziert hatte, nämlich ein Ausstellungskonzept, dessen Didaktik weniger von Wissensvermittlung als von einer ästhetisch inszenierten Anschaulichkeit getragen wurde.

Grosse Freude und Enthusiasmus machten sich dann auch bemerkbar im Vortrag von JÜRGEN FIEBIG (Berlin), Präparator am Museum für Naturkunde. Mit einem Bild aus der Sammlung, das einen einsamen Flamingo auf einem Karren stehend zeigte, begann Fiebig eine kritische Reflektion qualitativ hochwertiger, zeitgemäßer Ausstellungspräparate und biologischer Modelle, die sowohl für die Ausstellungen als auch für die Forschung unverzichtbar sind. Dies eröffnete eine weitere Ebene im vielschichtigen Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Rollen eines Naturkundemuseums. Fiebig veranschaulichte die großen Anstrengungen, "wissende Präparat" zu kreieren. Hier sprach er sich ganz vehement für einen Erhalt und eine Erweiterung der Präparatorenausbildung aus, die nur mehr spärlich vorhanden ist.

Eine etwas andere, aber ebenso bestechende Begegnung zwischen Mensch und Tier zeigte uns PETRA LANGE-BERNDT (London), deren Vortrag sich dem Werk der Künstlerin Nancy Graves widmete. Anders als Kunstmuseen, die sich bereits seit den 1960er-Jahren mit Institutionskritik konfrontiert sehen, waren Naturkundemuseen nur zögerlich zu kritischer Selbstreflexion bereit. In Graves Arbeiten sieht Lange-Berndt eine Infragestellung der Werteordnung und Verhältnisse, die das moderne Museum durch seine Darstellungsmodi reproduziert. Das Kamel war der zentrale Protagonist im Werk von Graves, das neben Filmen auch Installationen und Objekte beinhaltet. Lange-Berndt zeigte, wie Graves, ganz in der Tradition des Naturforschers, das Tier in seinem Habitus nachspürte. Im Gegensatz zur naturkundlichen Konvention jedoch setzte Graves alles daran, das so erworbene Wissen und Material als hybrides und unbeständiges Artefakt zu inszenieren. Für Lange-Berndt stellten die so produzierten Kamelskulpturen und filme das Kamel als „epistemisches Ding“ (Hans-Jörg Rheinberger) dar, dass uns so, ganz nach John Berger, mehr über uns selbst als über das Tier verrät.

Den Abschluss machte FRANK STEINHEIMER (Halle-Wittenberg), der über die fortwährenden Arbeiten am Naturkundlichen Universitätsmuseum in Halle (Saale) berichtete. Schwarzweißfotos der Gemäuer aus dem 18. Jahrhundert veranschaulichten die "kustodial katastrophalen" Umstände der universitären Sammlungen, die durch dieses Projekt nun im Physikalischen Institut als "Schaumuseum" ein artgerechtes Dach erhalten. Mit neuen Ausstellungskonzepten sowie durch die Zusammenarbeit mit Künstlern und Bühnenbildnern werden z.B. komplexe biologische Vorgänge durch eine spielerisch-ästhetische Gestaltung vermittelt.

In der darauf folgenden Abschlussdiskussion, geleitet von Carsten Kretschmann (Stuttgart), gab es viel Lob und Anregungen von Susanne Köstering (Potsdam) und Michael Ohl (Berlin). Während Letzterer als Wissenschaftler die Wichtigkeit von PAN als „institutionellen Reflexionspunkt“ für einen kritischen und erweiternden Blick auf sammlungsorientiertes Forschen hervorhob, betonte Köstering drei Perspektiven, die für ein zeitgemäßes Denken über Naturkundemuseen unabdingbar seien. Zum einen verwies sie auf den globalen Kontext, der in vielen Vorträgen eine Rahmenbedingung bildete. Zum anderen betonte sie nachdrücklich die Bedeutsamkeit von ökonomisch-politischen Verhältnissen sowie von Analysen zeitgeschichtlicher Museums- und Sammlungspraktiken.

Die Tagung hat gezeigt, dass Naturkundemuseen eine ganz zentrale Rolle für unser Naturverständnis spielen, hierbei jedoch immer noch auf Ansprüche pochen, die sie schon zu Anfangszeiten nur schwerlich umsetzten konnten, wie zum Beispiel klare Grenzen zwischen Wissen und Nichtwissen, Mensch und Tier, Empirie und Kunst. Dass dies keine Schwäche, sondern das produktive Moment schlechthin darstellt, war eine wiederkehrende Einsicht in den unterschiedlichen Vorträgen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Johannes Vogel (Berlin)

Einführung: Anita Hermannstädter (Berlin) und Ina Heumann (Berlin)

Anke te Heesen (Berlin): Der Naßpräparateturm im Berliner Naturkundemuseum

Hans Walter Lack (Berlin): Das Problem der Farbe auf Expeditionen: Sydney Parkinson, Ferdinand Bauer, Alexander von Humboldt

Matthias Glaubrecht (Berlin): Naturkundlicher Dichter oder dichtender Naturkundler? Adelbert von Chamisso zwischen Literatur und Wissenschaft

Sabine Hackethal (Berlin): Friedrich Sellow: Sammeln und Zeichnen in Brasilien (1814-1831)

Björn Kröger (Berlin): "Sie gehören nicht zu unßerer, sondern einer uns fremden, unbekannten Welt." Leopold von Buch über das prähistorische Leben

Lukas Affentranger (Basel): "Everyone was anxious to oblige and assist me in my scientific pursuits": Der Einfluss der "Eingeborenen" auf Wilhelm Peters Forschungsreise in Südost-Afrika (1842-1847)

Khadija von Zinnenburg (Cambridge/Berlin): Perspektiven auf Natur in Wilhelm von Blandowskis "Australien in 142 photographischen Abbildungen" von 1862

Jutta Helbig (Berlin): Die Kunst der Wissensvermittlung: Frühe Präsentationsformen im Museum für Naturkunde

Jürgen Fiebig (Berlin): Die Bedeutung des Präparats im Museum für Naturkunde

Petra Lange-Berndt (London): Verpfuschte Trophäen: Die künstlerische Feldforschung von Nancy Graves

Frank Steinheimer (Halle-Wittenberg): Objektbasierte Themenerzählung als Ausstellung. Zukunftskonzept Halle (Saale)

ZitierweiseTagungsbericht Praktiken, Orte, Repräsentationen: Zur Geschichte und Zukunft von Naturkundemuseen. 18.03.2013–19.03.2013, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 20.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4767>.

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