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Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Nachwuchsforschergruppe „Religiöse Rituale in historischer Perspektive“; Theologisches Forschungskolleg, Universität Erfurt
Datum, Ort:25.01.2013–26.01.2013, Erfurt

Bericht von:
Anne Christina May, Nachwuchsgruppe Religiöse Rituale, Universität Erfurt
E-Mail: <anne_christina.mayuni-erfurt.de>

Die Nachwuchsforschergruppe "Religiöse Rituale in historischer Perspektive" und das Theologische Forschungskolleg der Universität Erfurt veranstalteten am 25. und 26. Januar eine interdisziplinäre Arbeitstagung zum Thema "Ritual und Reflexion". Schon der Titel weist auf eine Ambivalenz: Rituale stellen einen formalen Handlungsrahmen bereit, der von Reflexion entlastet. Doch Form und Bedeutung ritueller Praktiken im religiösen Kontext befinden sich im steten Wandel, sie werden diskutiert und reflektiert. Ziel der Tagung war deshalb eine Annäherung an das Verhältnis von Ritual und Reflexion aus der Perspektive der verschiedenen beteiligten Fachdisziplinen (Geschichte, Judaistik, Literaturwissenschaft, Liturgiewissenschaft). Den thematischen Schwerpunkt bildeten am ersten Tag die Epochen der Reformations- und Aufklärungszeit, die als paradigmatisch für ein reflexives Verhältnis zu rituellem Handeln gelten. Vorträge zu Ritualreformen im Judentum des 19. Jahrhundert und dem christlichen Gesangbuch als Medium der Ritualreflexion beleuchteten am zweiten Tag exemplarisch Prozesse des Ritualwandels und der Ritualkritik im 19. und 20. Jahrhundert.

Den das Thema fundierenden theoretischen Einführungsvortrag hielt LOUIS VAN TONGEREN (Tilburg, Niederlande), indem er Möglichkeiten und Grenzen von Ritualkritik innerhalb der Liturgiegeschichtsforschung diskutierte. Er plädierte für eine kritische Analyse, Interpretation und Reflexion christlicher Riten innerhalb der Liturgiewissenschaften und betonte dabei die Notwendigkeit, die Geschichte der Liturgie von ihrer Ritualität her zu betrachten. Hier sei vor allem die performative Dimension, das "in actu" des Rituals, und die Methode der Feldforschung verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken. Schriftliche Quellen hätten demgegenüber immer eine beschränkte Reichweite und könnten der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit eines liturgischen Rituals nicht gerecht werden. Entsprechend verwiesen Ritual Studies und Ritualkritik auf die Bedeutung einer breiten Herangehensweise an Rituale, auch in historischer Perspektive. Liturgiewissenschaft sollte sich also, so Van Tongeren, verstärkt den Wirkungen, Möglichkeiten und Grenzen des Rituals im konkreten Vollzug widmen unter Berücksichtigung des Spannungsverhältnisses zwischen theologischer Normativität und gelebtem Glauben.

Im ersten Vortrag zum thematischen Block "Ritualkritik und -transformation in der Radikalreformation" widmete sich MIHÁLY BALÁZS (Szeged, Ungarn) der Bedeutung ritueller Formen im siebenbürgischen Antitrinitarismus des 16. und 17. Jahrhunderts. Als wesentliches Charakteristikum der unitarischen Bewegung dieses Raumes bezeichnete er die große Vielfalt möglicher Positionen zum Ritual bis zum Landtag von Dézs 1638: Radikaler Ritualkritik auf der einen Seite konnte ein ausgeprägter Ritualkonservatismus gegenüberstehen, der zumeist dem Gemeindegebrauch geschuldet war. Anhand von Zeugnissen der damals amtierenden Bischöfe, erhaltenen Agenden und Gesangbüchern der Unitarischen Kirche in Siebenbürgen belegte Balázs am Beispiel des gottesdienstlichen Gesangs und der Haltung zur Taufe die Offenheit und Uneinheitlichkeit ihrer Liturgik, die er als Signum eines in diesem Gebiet nur langsam fortschreitenden Konfessionalisierungsprozesses interpretierte.

Daran anschließend präsentierte RÉKA ÚJLAKI-NAGY (Erfurt) am Beispiel des Abendmahls das ambivalente Ritualverständnis der transsylvanischen Sabbatarianer, die zu den extremsten Repräsentanten des rationalistischen Flügels der Reformation gehörten. In ihrem Bestreben das Christentum von allen papistischen Zeremonien zu befreien, näherten sie sich immer weiter an jüdische Ritualpraktiken an. Újlaki-Nagy legte dar, wie die Sabbatarianer Christentum und Judentum in der Feier des Abendmahls zu harmonisieren versuchten, indem sie es in Erwartung des Messias Jesus Christus nach Tradition des Pessach-Mahles begingen.

Den zweiten Block "Reflexion über Rituale in der Aufklärung" eröffnete PETER CORNEHL (Hamburg) mit einem Vortrag zu Ritus, Reflexion, Konstruktion und Planung eines "vernünftigen Gottesdienstes" in der Liturgik der deutschen Aufklärung. Cornehl verdeutlichte, dass die konstitutive Voraussetzung aufgeklärter Theologie in der Reformation liege, die die liturgische Gestalt zum ersten Mal freigab. Als bleibende Verdienste aufgeklärter Gottesdienstreformpraxis hob er die Entwicklung einer ganzheitlichen liturgischen Ästhetik, die Modernisierung der gottesdienstlichen Sprache und die Arbeit an einer methodisch reflektierten wissenschaftlichen Theorie des gottesdienstlichen Handelns hervor. Dabei erkannte er aber gleichzeitig eine Banalisierung und Moralisierung der leitenden lutherischen Grundgedanken als Schwäche der Aufklärungsliturgie, in deren Folge eine biedere Theologie entstand. Der Triumph des antiaufklärerischen Geistes der Restauration sei eine Folge der Schwäche und des Versagens der aufklärerischen Theologie und ihrer Repräsentanten.

JENNY LAGAUDE (Erfurt) beleuchtete die Reflexion über rituelles Handeln bei Johann Gottfried Herder (1744-1803). Dabei verdeutlichte sie, wie Herders Ritualverständnis im Sinne der Aufklärung und der konfessionellen Polemik der protestantischen Aufklärer gegen katholisches und höfisches Zeremoniell dem Ideal der Einfachheit, Direktheit, Nüchternheit und Aufrichtigkeit folgte. Dabei sah Herder die symbolischen Handlungen im Bereich von Kirche und Religion als traditionelles Erbe, an dessen Vereinfachung, Vergegenwärtigung und subjektiver Aneignung ihm besonders gelegen war. Vor allem an seinen Vorschlägen zur Reform der Freimaurerrituale zeigte Lagaude, welche Relevanz für die Erziehung zu wahrer Humanität Herder symbolischen Handlungen zuschrieb.

KLARISSA SCHÜTZ (Erfurt) belegte anhand der Schriften des Theologen Herenäus Haid (1784-1873) die sich wandelnde Haltung zur Volkssprachlichkeit in der katholischen Liturgie von der Epoche der Aufklärung über die Romantik bis hin zur kirchlichen Restauration. Haid trat 1808 als sanfter Förderer des Deutschen als Liturgiesprache hervor, doch bereits wenige Jahre später fand er zu einer differenzierteren Beurteilung, indem er die Vorzüge des Latein als Sprache der Beichte hervorhob. So betonte Schütz, dass die gängigen Epocheneinteilungen lediglich den Rahmen für bestimmte Tendenzen bieten, das spezifische Theologieverständnis aber stets aus den Texten heraus entwickelt werden sollte.

KLAUS HERRMANN (Berlin) eröffnete den dritten Block des Workshops mit einem Vortrag zur Reform des jüdischen Gottesdienstes im 19. und frühen 20. Jahrhundert und ging vor allem der Frage nach, inwieweit das Reformjudentum in der protestantischen Kultur zu verorten sei. Dabei verdeutlichte Herrmann, dass das Vorbild für eine jüdische „Reformation“ der aufgeklärte Protestantismus war: Die Geburtsstunde der jüdischen Reform 1810 fiel mit der Aufklärungstheologie des Protestantismus und seiner Rückbesinnung auf die eigenen jüdischen Wurzeln zusammen. Die Entwicklung des Reformjudentums lässt sich in zwei Teile gliedern. In der ersten Phase entwickelte sich zunächst die Ästhetik, übernommen aus dem Protestantismus, worauf eine zweite Phase der eigentlichen Reflexion folgte, in der die Reformer eine vertiefte Beschäftigung mit der Theorie und eine wissenschaftliche Fundierung der Reformen einforderten. Während Kritiker aus dem gemäßigten und orthodoxen Judentum die Verchristlichung des Judentums fürchteten, oder lächerliche Inszenierungen in den Änderungen erkannten. In diesen Debatten spiegele sich, so Herrmann, die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Akkulturation und Selbstbehauptung. Gleichzeitig lasse sich hier das religionsspezifische Signum der Aufklärungszeit erkennen, dass Religionen in dieser Phase in progressive und konservative Richtungen zerfallen. Der konservativen Angst vor dem Identitätsverlust stehe die typische progressive Kritik an der Ästhetik gegenüber.

STEFANIE ALBERT (Erfurt) beleuchtete in ihrem Vortrag die Begründungsdiskurse des Reformjudentums am Beispiel Abraham Geigers (1810-1874) und Manuel Joëls (1826-1890). Abraham Geiger, ein führender Vertreter der Reformbewegung, plädierte dafür, sich perspektivisch an der Gegenwart zu orientieren und Elemente des Kultus, besonders die Sprache, auf ihre bleibende Gültigkeit hin zu prüfen. Sein Zeitgenosse Manuel Joël votierte hingegen dafür, eine Theorie des Kultus zu entwickeln und aktuelle Zeiterscheinungen mit dieser Theorie zu konfrontieren. Reformen seien Joël zufolge nur dann notwendig, wenn Rituale nicht mit dem Verständnis des Kultus übereinstimmen. Die nachdrückliche Debatte, die die beiden Zeitgenossen führten, zeige, so Albert, wie intensiv traditionelle Rituale reflektiert wurden und wie sehr die Konfrontation von Traditionen mit der zeitgenössischen Gegenwart als Herausforderung angenommen wurde.

ANN-KATHRIN BRENKE (Erlangen) fragte, ausgehend vom Verbot des jüdischen Reform-Gottesdienstes 1815/1823 durch Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), warum Preußen einer Liberalisierung des Judentums entgegentrat. Hier hob sie vor allem zwei Faktoren hervor: Zum einen hatte das Emanzipationsedikt von 1823 die Gottesdienstbestimmungen außen vor gelassen, so dass die Kultusverfassung nicht abschließend geregelt wurde. Zum anderen sah man das Problem einer möglichen Sektenbildung, was unbedingt verhindert werden sollte. Während Befürworter der jüdischen Reform, wie etwa Probst Haustein (1761-1821), in den Reformbestrebungen die Möglichkeit eines Übertritts der reformorientierten Juden zum Christentum erkannten, befürchtete Friedrich Wilhelm III. gerade dann Konversionsvorhaben zu verhindern. So ist, wie Brenke betonte, das Verbot des jüdischen Reformgottesdienstes in den kirchenpolitischen Kontext einzuordnen und zeigt, dass das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in dieser Zeit noch nicht abschließend geklärt war.

Als Auftakt des vierten Blocks zum Gesangbuch als Medium der Ritualreflexion stellte WOLFGANG RATZMANN (Leipzig) evangelische Gesangbücher als Steuerungsinstrumente privater Frömmigkeit und liturgischer Ordnung vor und fokussierte sich hier auf die Konzepte des Evangelischen Kirchengesangbuchs (1950) und des Evangelischen Gesangbuchs (1993). Dabei betonte er in einem pointierten Überblick über die Entwicklung des evangelischen Gesangbuchs von seinen Anfängen im 16. Jahrhundert bis zur Konzeption des Evangelischen Gesangbuchs seit 1970 den Stellenwert des Mediums für die private Frömmigkeit und die öffentliche liturgische Ordnung.

Daran anschließend erläuterte THERESA PABST (Erfurt) die Funktion des katholischen Gesangbuches exemplarisch anhand seiner Rolle für die Migrantengemeinden in Halle a. d. Saale und fragte im Besonderen, wie sich die Rituale dieser Gemeinden in ihren Gesang- und Gebetbüchern spiegelten. In ihrer Vorstellung der verschiedenen Gesangbücher der Hallenser Gemeinden im 18. und 19. Jahrhundert zeigte sie, wie das Gesangbuch als Medium der Ritualreflexion besonders in Diasporagemeinden identitätsstiftend wirkte und wie sich Prozesse der Akkulturation und Assimilation in ihm spiegelten. Gleichzeitig setzte das Gesangbuch Signale für Reform und Entwicklungsprozesse, wobei es, wie Theresa Pabst betonte, immer abhängig vom Zeitgeist blieb. Heute ist es als Spiegel der Glaubensauffassung der katholischen Elite und, in seiner Kontinuität, gleichzeitig als Medium der Ritualreflexion lesbar.

Der fachlich breit und epochal übergreifend angelegte Workshop bot den Teilnehmern, insbesondere den Doktoranden, die Möglichkeit des konstruktiven Austauschs und gab Impulse für zukünftige Forschungen zum Zusammenhang von Ritual und Reflexion. Die interdisziplinär angelegte Arbeitstagung ermöglichte einen konfessions- und religionsübergreifenden Blick auf die Diskurse um Ritualreformen. In diesen Diskursen argumentierten die Akteure immer wieder mit der identitätsstiftenden Dimension der Rituale. Es scheint also ein enger Zusammenhang zwischen Ritualreformen und der Darstellung, dem Wandel, oder auch der Abgrenzung (konfessioneller bzw. religiöser) Identitäten zu bestehen. Im Mittelpunkt der lebhaften Diskussionen stand daneben die Frage, wie man Reflexionsinhalte angemessen beschreiben kann, wenn man sie nicht nur aus theologischer Perspektive als innerreligiöse Debatten sieht, sondern eingebettet in ihre geistesgeschichtlichen Zusammenhänge und zeitgenössischen Diskurse verstehen will.

Konferenzübersicht:

Dominik Fugger (Erfurt) / Benedikt Kranemann (Erfurt): Einführung

Theoretische Grundlegung

Louis van Tongeren (Tilburg): Ritualkritik und Liturgiegeschichtsforschung. Möglichkeiten und Grenzen

Ritualkritik und -transformation in der Radikalreformation

Mihály Balázs (Szeged): Radikale Dogmenkritik und Ritualkonservativismus im ostmitteleuropäischen Antitrinitarismus des 16. und 17. Jahrhunderts

Réka Újlaki-Nagy (Erfurt): Rationalisierung und Ritualisierung in der Radikalreformation. Das Beispiel der siebenbürgischen Sabbatarianer

Reflexion über Rituale in der Aufklärung

Peter Cornehl (Hamburg): »Vernünftiger Gottesdienst«. Ritus, Reflexion, Konstruktion und Planung in der Liturgik der deutschen Aufklärung

Jenny Lagaude (Erfurt): »Lebendiges Exercitium«. Reflexion über rituelles Handeln bei Johann Gottfried Herder

Klarissa Schütz: Herenäus Haid – Exponent eines im Wandel begriffenen Liturgieverständnisses

Ritualreformen im Judentum des 19. Jahrhunderts

Klaus Herrmann (Berlin): »Es ist das Heil uns kommen her«. Zur Reform des jüdischen Gottesdienstes im 19. und 20. Jahrhundert

Stefanie Albert (Erfurt): »Unser Gottesdienst. Eine Frage, die dringend Lösung verlangt«. Begründungsdiskurse zur Etablierung gottesdienstlicher Änderungen im deutschsprachigen reformorientierten Judentum des 19. Jahrhunderts

Ann-Kathrin Brenke (Erlangen): »… ohne die geringste Neuerung in der Sprache und in der Ceremonie«. Friedrich Wilhelm III. und der reformjüdische Gottesdienst - Das Gesangbuch als Medium der Ritualreflexion

Das Gesangbuch als Medium der Ritualreflexion

Wolfgang Ratzmann (Leipzig): Evangelische Gesangbücher als Steuerungsinstrumente privater Frömmigkeit und liturgischer Ordnung – dargestellt anhand der Konzepte des Evangelischen Kirchengesangbuchs und des Evangelischen Gesangbuchs

Theresa Pabst (Erfurt): Rituale im Spiegel von Gesang- und Gebetbüchern der Migrantengemeinden in Halle an der Saale

Dominik Fugger (Erfurt) / Benedikt Kranemann (Erfurt): Resümee

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Ritual und Reflexion. 25.01.2013–26.01.2013, Erfurt, in: H-Soz-Kult, 16.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4761>.

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