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Bilder vom Anderen in Mittel- und Osteuropa. Kontinuität und Wandel zwischen 1968 und 1989

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Deutsches Historisches Institut Warschau
Datum, Ort:15.11.2012–17.11.2012, Warschau

Bericht von:
Hagen Christian Jach, Technische Universität Dresden
E-Mail: <hagen_christian.jachmailbox.tu-dresden.de>

Unsere Wahrnehmung der Welt – und das heißt nicht zuletzt anderer Individuen und Gruppen – erfolgt in einem wesentlichen Maß durch „Bilder“. Damit sind nicht nur physische Bilder gemeint, sondern ebenso die sich durch eigene Erfahrung und Bildung, aber auch durch Einflüsse und Informationen von dritter Seite formenden Vorstellungen von den jeweils „Anderen“. Auch während des Kalten Krieges spielte diese Wahrnehmung des „Eigenen“ bzw. des „Anderen“ binnengesellschaftlich wie grenzüberschreitend eine wichtige Rolle; diese komplizierte sich dadurch, dass Wahrnehmung und Kommunikation (besonders, aber nicht nur im sowjetischen Machtbereich) nicht frei waren, sondern verschiedensten äußeren und inneren Beschränkungen und Filtern unterlagen. Dennoch bestand keine völlige Isolierung, sondern veränderten sich Wahrnehmungen im beschriebenen Sinne;, dieser Prozess begann sich gegen Ende der 1960er-Jahre zu verdichten. Diesem Thema widmete sich die Konferenz „Bilder vom ‚Anderen’ in Mittel- und Ostmitteleuropa. Kontinuität und Wandel wechselseitiger Wahrnehmungen zwischen 1968 und 1989“, welche vom Deutschen Historischen Institut Warschau gemeinsam mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität, dem Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften und in Kooperation mit der Professur für Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas der Technischen Universität Chemnitz und dem Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa an der Universität Hamburg veranstaltet wurde. Die aus neun Ländern angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer beleuchteten aus historiographischer, soziologischer, politologischer, aber auch literatur- und kunstwissenschaftlicher Perspektive unterschiedliche Aspekte dieses komplexen Themas.

BURKHARD OLSCHOWSKY (Warschau) unterschied zu Beginn der Konferenz Stereotypen von Bildern. Die einen würden sich durch eine große Konstanz und Allgemeingültigkeit auszeichnen, während letztere einer wesentlich schnelleren Veränderung unterworfen seien. JENS BOYSEN stellte zudem einleitend fest, dass es während des Kalten Krieges an „Feindbilder[n] keinen Mangel“ gegeben habe, man gerade deshalb aber auch nach anderen, vielschichtigeren Wahrnehmungsformen suchen müsse. Obwohl die Blöcke beiderseits des Eisernen Vorhangs hermetisch geschlossen schienen, habe es unerwartete politische Bündnisse und Kontaktaufnahmen über diesen hinweg gegeben. WANDA JARZĄBEK (Warschau) betonte die moderne Massenkultur als wesentlichen grenz- und blocküberschreitenden Faktor, der auch dann noch wirksam blieb, als die Krisen der späten 1970er- und 1980er-Jahre – vor allem Afghanistan und Polen betreffend – auf der politischen Ebene zwischen den Blöcken vorübergehend fast zu einem Einfrieren führte. Schließlich habe diese kulturelle Verbindung auch die positive Rezeption der Revolutionen von 1989 im Westen befördert.

Im ersten Panel unter der Überschrift „Politische und soziale Bilder im Europa des Kalten Krieges“ fragte STEFAN GARSZTECKI (Chemnitz) nach der Wahrnehmung der polnischen Solidarność-Bewegung im Ostblock und danach, ob es eine „vernetzte Dissidenz“ gegeben habe. Hierbei stellte er fest, dass es unter den in Mitteleuropa benachbarten Oppositionsgruppen „eine intimere Wahrnehmung“ gegeben habe und es trotz ideologischer Unterschiede auch zu einer Themenübernahme durch andere oppositionelle Gruppen gekommen sei. Somit sei ihre Wirkmächtigkeit dort viel größer gewesen als in Westeuropa. Interessant war sein hier nur kursorisch angebrachter Gedanke, dass die Bewegung sich selbst beschränkt habe, weil sie eine Intervention seitens der Sowjetunion befürchtet habe. GUNTER DEHNERT (Eichstätt) konstatierte als wesentlichen Faktor für die beobachtete allmähliche Entideologisierung der polnischen Opposition eine vorangehende Entideologisierung der Staatsmacht unter Edward Gierek nach 1970. PIERRE FRÉDÉRIC WEBER (Stettin) verglich die Länder Ostmitteleuropas hinsichtlich ihres Umgangs mit der Herausforderung durch die neue Ostpolitik seit 1969, im offiziellen kommunistischen Sprachgebrauch „westdeutscher Revisionismus“. Dabei stellte er fest, gemeinsam mit dem „vertrauten Misstrauen“ gegenüber der Bundesrepublik sei auch die sich darauf gründende Legitimation der kommunistischen Regime allmählich erodiert. ROBERT BRIER (Warschau) schließlich widmete sich diskursgeschichtlich der Frage nach dem „Totalitarismus“, wiederum am polnischen Beispiel. Die westeuropäische Linke habe sich angesichts der vielen existierenden Oppositionsgruppen vom Totalitarismus-Begriff entfernt und ähnlich wie die bundesdeutsche Ostpolitik auf reformerische Kräfte innerhalb der kommunistischen Regime gesetzt. Zeitgleich habe aber der Begriff unter den Oppositionellen im Ostblock aufgrund der Ansicht, dass die Systeme von innen heraus letztlich nicht zu reformieren seien, eine Renaissance erlebt. Somit sei ihnen die Unterstützung der Menschenrechte als globaler Wertebasis – mit westlicher Hilfe – als der einzig gangbare Weg erschienen, um den so verstandenen Totalitarismus zu lockern. Offen blieb in der Diskussion, inwieweit die Dissidenten tatsächlich an die Überlegenheit des westlichen Systems glaubten bzw. eher taktisch argumentierten.

Im Abendvortrag beschrieb ANDRZEJ SZPOCIŃSKI (Warschau) die Welt der Kunst als eine relativ autonome Sphäre neben der Politik und der Wirtschaft. Dies führe dazu, dass politische Statusänderungen bestimmter Nationen nur einen begrenzten Einfluss auf ihre Stellung im kulturellen „Weltsystem“ hätten. Weiterhin definierte er verschiedene – nähere und fernere – Beziehungsformen zwischen einzelnen (nationalen) Kulturen. Als Beispiel widmete er sich dem Bild und der Zentralität anderer Kulturen für die polnische und stellte heraus, dass die französische Kultur das wichtigste Zentrum für die polnische Kultur im 19. Jahrhundert darstelle, Paris gleichsam zur spirituellen Hauptstadt geworden sei. Dagegen werde die russische Kultur heute nur auf einer zweiten Ebene als „nah“ betrachtet.

Das zweite Panel „Freunde, Feinde, Nachbarn: Zur Evolution ‘nationaler’ Beziehungen“ griff mehrfach das Jahr 1968 auf, da der Prager Frühling für die gegenseitige Wahrnehmung mancher europäischer Völker offenbar eine starke Zäsur darstellte. CSABA KISS (Budapest) führte dies für die Tschechen und Ungarn aus, deren Bilder vom jeweils Anderen stark durch die Zeit der Nationenbildung geprägt seien. Während die Tschechen aus ungarischer Sicht als Vertreter des Panslavismus und potentielle Unterstützer des Zaren und damit als eine Gefahr für das Königreich Ungarn erschienen seien, hätten sie wiederum die Ungarn als Unterdrücker eines slawischen Brudervolkes, nämlich der Slowaken, betrachtet. Den Höhepunkt dieser negativen wechselseitigen Perzeption habe die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gebildet, als die in der Slowakei verbliebenen Ungarn sich zur ČS(S)R als einem “slawischen“ Staat hätten bekennen müssen, um ihre Ausweisung zu verhindern. Eine Trendwende habe erst mit dem Prager Frühling eingesetzt, dessen Ereignisse einen großen Eindruck auf die ungarische Jugend gemacht und ihnen die Illusion der Reformierbarkeit des Systems genommen hätten. In der Folge sei es zu einer größeren Aufmerksamkeit und Übersetzungen der tschechischen Literatur ins Ungarische gekommen. ELENA GLUSHKO (Moskau) beschäftigte sich mit der Wahrnehmung der Tschechoslowakei durch sowjetische Dissidenten und stellte fest, dass die Intervention am 21. August 1968 bei diesen keine allgemeine Unterstützung gefunden habe und es Stimmen gegeben habe, die für die Sowjetunion einen Vaclav Havel oder einen Lech Wałęsa gefordert hätten. CHRISTIE MIEDEMA (Amsterdam) machte deutlich, dass es zwischen der niederländischen Linken und oppositionellen Gruppen im Ostblock, insbesondere der Solidarność, keineswegs eine ideologische Übereinstimmung gegeben habe. Die Niederländer hätten vor der Wahl gestanden, entweder die Solidarność zu unterstützen oder sich für die Entspannung einzusetzen. Problematisch sei für sie auch gewesen, dass die Solidarność jeder Form des Sozialismus skeptisch gegenüberstand und eine nationale Komponente enthielt, die es in der westeuropäischen Linken nicht gegeben habe.

Dem Kontakt zwischen Ostdeutschen und Polen im Rahmen der sowjetischen Hegemonie widmete sich das dritte Panel unter dem Thema „Reisen und Handeln: ‘Freundschaftliche’ Begegnungen im sozialistischen Lager“. SÖNKE FRIEDREICH (Dresden) betonte, dass Bilder und Stereotypen zu unterscheiden seien und dass für die damalige Fremdwahrnehmung Reisen von großer Bedeutung gewesen seien. Anhand von Egodokumenten von DDR-Touristen, in denen diese – als oft wenig versierte Schreiber – ihre Erlebnisse in der Sowjetunion und in Südosteuropa schilderten, stellte er bei vielen eine ambivalente Wahrnehmung fest: Einerseits hätten sie, ausgehend von einem mitteleuropäischen Modernitätsparadigma, oft das Bild einer rückständigen Gesellschaft gezeichnet und den öffentlichen Raum als ungeordnet empfunden, beispielsweise durch unklare Preisauszeichnungen oder fehlende beziehungsweise irreführende Ausschilderungen. Andererseits hätten sie eine größere Liberalität verspürt, die mehr Spielräume gegenüber den Autoritäten und größere Konsummöglichkeiten zugelassen habe. Insgesamt habe es eine entpolitisierte Wahrnehmung von Gesellschaft gegeben; 1968 sei es zudem vorrangig um die Sorge der eigenen Sicherheit gegangen. DANIEL LOGEMANN (Danzig) beschrieb Reisen Leipziger Bürger nach Polen und stellte dabei einen Bruch in deren Wahrnehmung der Polen im Laufe der Zeit fest. In den 1970er-Jahren habe vor allem der deutsche Massentourismus für intensiven Kontakt gesorgt, und das Versprechen einer gemeinsamen sozialistischen Zukunft sowie der Rückgriff auf das Völkerfreundschaftsmodell hätten die Polen-Wahrnehmung positiv beeinflusst. Dabei hätten auch alte Positiv-Stereotypen wie das der „schönen Polin“ eine Rolle gespielt. Mit der Änderung der politischen Situation in Polen Anfang der 1980er-Jahre seien jedoch negative Stereotypen aus dem 19. Jahrhundert wie das der „polnischen Wirtschaft“ und des störrischen, aufständischen Polen reaktiviert worden. Diese seien durch das neue Stereotyp des faulen, streikenden Polen ergänzt worden, der in Rückständigkeit lebe und gezwungen sei in der DDR „Hamstereinkäufe“ zu machen. Ein ähnliches Phänomen sowie den Handel zwischen sowjetischen Soldaten und der einheimischen Bevölkerung in der DDR und in Polen thematisierte PIOTR WOŁOSZYN (Frankfurt (Oder)-Słubice). Er stellte heraus, dass die Frauen sowjetischer Offiziere in der DDR – und nur dort – massenhaft Waren aufgekauft hätten, um diese gewinnbringend in der Sowjetunion zu verkaufen. Damit sei auch die Planwirtschaft der DDR in manchen Fällen unterminiert worden. Eine andere Variante des informellen deutsch-sowjetischen Handels, der LKW-Verkauf durch sowjetische Soldaten, sei von großen Teilen der Bevölkerung skeptisch betrachtet worden, wenngleich dort vergleichsweise seltene Waren wie Farbfernsehgeräte oder russische Pelze feilgeboten worden seien. RUTH LEISEROWITZ (Warschau) ergänzte, dass deshalb eine so große Skepsis vorgeherrscht habe, weil die Soldaten das verdiente Geld zumeist für Alkohol ausgegeben hätten, wodurch gewalttätigem Verhalten unter Alkoholeinfluss Vorschub geleistet worden sei. Andererseits gab es auch ostdeutsche Bevölkerungsgruppen, die von der Tätigkeit der Sowjetsoldaten profitierten. Daher muss gefragt werden, ob die sowjetischen Truppen tatsächlich einheitlich als störend empfunden wurden, bzw. ob es nicht möglicherweise die sowjetischen Soldaten gewesen sind, die unter der Situation am meisten gelitten haben – eine Frage, die sich auch zeitgenössische Literatur in Polen durchaus stellt. [1].

Im Panel „Die Medien als Vermittler von Bildern“ ging es darum wie Bilder vom Anderen durch verschiedene Medien generiert, transportiert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Dieser Frage ging KAROLINA PIETRAS (Paris) auf den Grund, indem sie die Solidarność als Medienphänomen in großen französischen und westdeutschen Presseorganen untersuchte. Bereits bei der Gestaltung der Titelblätter zu diesem Thema etwa der Magazine „Spiegel“ in Westdeutschland und „L’observateur“ in Frankreich seien deutliche Unterschiede erkennbar: Beim ersteren sei mit aggressiven Farben ein negatives, bedrückendes Gefühl erzeugt worden, während der „L’observateur“ mit hellen Gestaltungen und emphatischen Titeln ein Gefühl des Aufbruchs gezeichnet habe. Bezüglich Deutschlands könne man sogar so weit gehen zu sagen, dass die Solidarność als Bedrohung für die Entspannungspolitik aufgefasst wurde. Im Gegensatz dazu habe es in Frankreich viele Demonstrationen für die Unterstützung der unabhängigen Gewerkschaft gegeben. Die Referentin führte weiter aus, dass bei dieser Darstellung die Generationenzugehörigkeit eine wichtige Rolle gespielt habe. In Frankreich seien die Journalisten bedeutend jünger als in Westdeutschland gewesen; dort hätten sie zur Kriegsgeneration gezählt, und es sei ihnen vor allem um den Erhalt des status quo und die Vermeidung einer Konfrontation mit den früheren Kriegsgegnern gegangen. RÜDIGER RITTER (Bremen) legte auf der Grundlage polnischer Untergrundblätter dar, dass der kresy-Begriff für die ehemaligen polnischen Ostgebiete nur in Polen seine Bedeutung entfalten konnte und nicht zur Verständigung mit den östlichen Nachbarn taugte. Diese Publikationen seien jedoch keineswegs in einem bilateralen Diskurs verharrt, sondern in ein Europakonzept eingebunden gewesen. Für Europa ist wiederum die Entstehung des Staates Israel nicht unbedeutend gewesen. Dessen Wahrnehmung durch die Volksrepublik Polen und die DDR stellte DAVID TOMPKINS (Northfield/ Mich.) dar. In Polen sei es mit Stalins Tod 1953 zu einem Aufleben jüdisch-polnischer Kultur gekommen. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 sei jedoch nach und nach ein negatives Bild von Israel als einem aggressiven und sogar „naziähnlichen“ Staat gezeichnet worden. Ähnlich habe es sich in der DDR verhalten, wo es erst im letzten Jahr der DDR zu einigen Versöhnungsgesten gegenüber den Juden gekommen sei, allerdings vor allem, um Erich Honecker ein Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten im Weißen Haus zu ermöglichen.

Das fünfte Panel stand unter dem Titel „Kunst, Kultur und Gender als Faktoren grenzüberschreitender Verbindungen“. MARIANNE ROSTGAARD (Aalborg) schilderte, dass das seit den 1960er-Jahren etablierte dänisch-polnische Jugendaustauschprogramm einen Ort des menschlichen Dialoges habe schaffen wollen, bei dem politische Auseinandersetzungen im Kontext des Kalten Krieges ausgeklammert werden sollten. Einer Politisierung habe sich das Programm dennoch insofern nicht entziehen können, als es nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan und der Verkündung des Kriegsrechts in Polen zu einem weitgehenden Erliegen der Aktivitäten gekommen sei. Erst Mitte der 1980er-Jahre habe es eine langsame Wiederannäherung gegeben. Als eine Ebene des internationalen Austauschs im Spannungsfeld zwischen offizieller und ‚halboffizieller’ Zusammenarbeit beschrieb ELENA KORWIN (Wien) die Geschichte der Ausstellungen russischer bzw. sowjetischer Kunst in der Bundesrepublik zwischen 1970 und 1990. Bemerkenswert waren dabei einerseits die entscheidende Rolle privater Initiatoren im Westen, zum anderen die Diskrepanz zwischen dem Wunsch der Sowjetunion, den Sozialistischen Realismus zu zeigen, und dem überwiegenden Interesse des westlichen Publikums an der seit Stalin verpönten russischen Moderne. Einen gleichsam deutsch-deutschen Ort, an welchem der Kalte Krieg gleichsam als Medienkrieg ausgetragen wurde, stellte EVA SCHÄFFLER (Salzburg) vor. Sie zeigte, wie die auflagenstärkste DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“ versuchte, ein positives Selbstbild der Frauen im sozialistischen deutschen Staat im Gegensatz zum westdeutschen Frauenbild aufzubauen. Dabei habe man vor allem in den 1960er-Jahren die Werktätigkeit der Frauen in der DDR positiv der westdeutschen Mutter- und Hausfrauenrolle gegenübergestellt und als Beleg dafür angeführt, dass im Westen die Gleichberechtigung nur nominell bestanden habe. Diese polarisierende Sicht und die Auffassung, dass Gleichberechtigung und Kapitalismus inkompatibel seien, sei in der Formulierung „wer weiblich ist, kann dort nicht menschlich sein“ zusammengefasst worden. Die Auseinandersetzung mit dem Frauenbild der alten Bundesrepublik habe zwar durchaus auf reale Mängel verweisen können, sei aber auch eindeutig ideologisch gefärbt gewesen. Darüber hinaus habe die Zeitschrift nie die Differenz zwischen Ideal und Realität der Situation der Frauen in der DDR gänzlich vergessen machen können.

Im sechsten Panel „Wandlungen innergesellschaftlicher Gruppenbeziehungen“ ging es vor allem um die Entwicklungen und Wechselbeziehungen nationaler bzw. sozialer Identitäten. SILVIA PETZOLD (Jena) beschrieb die entsprechende Entwicklung für zwei deutsche und ungarische Minderheitenschriftsteller in Siebenbürgen. In deren literarischer Fremdwahrnehmung sei aufgrund der Liberalisierungen in der rumänischen Minderheitenfrage 1968 ein Bruch zu erkennen. Dabei wies die Referentin darauf hin, dass es lohnenswert sei, weitere Schriftsteller nach 1945 zur Analyse hinzuziehen und dass die wechselseitige literarische Wahrnehmung von Mehrheiten und Minderheiten vor 1989 ein offenes Forschungsfeld darstelle. SYBILLE REINKE DE BUITRAGO Hamburg) legte am Beispiel deutsch-deutscher Wahrnehmungsmuster vor und nach 1989 dar, dass es ohne den „Anderen“ kein „Ich“ gäbe und unterschied dabei die Begriffe identity und othering. Sie führte aus, dass die unterschiedliche Sozialisation der beiden deutschen Gesellschaften heute noch sichtbar sei; dies bedeute ein Hemmnis für den Vollzug der inneren Einheit. So werde in den neuen Bundesländern von vielen Menschen klar eine private „Ostidentität“ von einer offiziellen gesamtdeutschen Identität getrennt; für die Westdeutschen bestehe ein solcher Unterschied nicht, da sie das vereinigte Deutschland als identisch mit der „alten“ Bundesrepublik empfänden. HELLA DIETZ (Göttingen) fragte danach, inwieweit Bilder vom Anderen ein Ergebnis äußerer Einflüsse seien. Dabei machte sie deutlich, dass die Geschichte der Aneignung der Menschenrechte durch die Opposition in Polen nicht auf die KSZE reduziert werden dürfe, nichtsdestotrotz diese für Polen ganz eigene Entwicklung aber auch nicht gänzlich ungeachtet der äußeren politischen Situation betrachten werden könne. Zudem zeichnete sie erneut ein sehr differenziertes Bild der polnischen Opposition. Im Gegensatz dazu stellte ANDRZEJ KUTYŁOWSKI (Oslo) heraus, dass im Polen der 1980er-Jahre durchgeführte Umfragen eine subjektive Abgrenzung der meisten Bürger zwischen sich selbst als einem mehr oder weniger homogen erscheinenden „Wir“ und den Machthabern als einem distanzierten „Sie“ suggerierten. Dennoch habe sich nach dem Runden Tisch von 1989 der Übergang von einem System zum anderen deutlich länger hingezogen, als es im Allgemeinen wahrgenommen werde, nämlich mindestens bis 1992.

Die Konferenz zeigte, dass das Jahr 1968 in vielen Bereichen und Kontexten des damaligen geteilten Europa wichtige Veränderungen in der gegenseitigen Wahrnehmung mit sich brachte. Ob die schon davor entstandenen Selbst- und Fremdbilder 1989 ebenfalls einen Bruch erlebten, erscheint dagegen schwieriger zu beantworten. Auch muss jeweils die Frage gestellt werden, wer bzw. was solche Umbrüche wirklich bewirkt hat. Besonders hervorgehoben wurde von den Teilnehmern die Veränderbarkeit der Bilder, die als nichtstatische Elemente einerseits ein Ergebnis gesellschaftlicher Handlungen seien, aber diese andererseits auch bedingten. Die wahrgenommenen Zäsuren zeigen gleichwohl eine stärkere Verbindung der Wahrnehmungsmuster nichtstaatlicher Akteure mit dem vorgegebenen politischen Rahmen, als es eingangs vermutet worden war, und stehen somit in einer gewissen Spannung zu den dokumentierten vielseitigen Kontakten jenseits der großen Politik. Eine zentrale Frage bleibt demnach diejenige nach dem Maß der Autonomie gesellschaftlicher „Weltbilder“ im Kalten Krieg. Dieser vorläufige Befund einer bewusst als explorativ konzipierten Konferenz legt in jedem Fall eine weitere Öffnung der Zeitgeschichte gegenüber anderen Disziplinen nahe, scheint es doch, dass die klassischen Kategorien Volk, Nation und Staat in diesen Betrachtungszusammenhängen nur zu einem teilweisen Verständnis beitragen können, da sich Bilder vom Anderen zwar nicht unabhängig von diesen, aber offensichtlich auch unter dem Einfluss anderer Faktoren generieren.

Konferenzübersicht:

Panel I – Politische und soziale Bilder im Europa des späten kalten Krieges

Stefan Garsztecki (Technische Universität Chemnitz): Die Solidarność zwischen Bedrohung und Aufbruch: Perzeption in Ostmittel- und Osteuropa.

Gunter Dehnert (Katholische Universität Eichstätt): Modernisierung und Entideologisierung in der polnischen Opposition.

Pierre Frédéric Weber (Universität Stettin): Westdeutscher Revisionismus in Ostmitteleuropa (1968-1989). Zur Normativität und Delegitimierung eines politischen Leitdiskurses.

Robert Brier (Deutsches Historisches Institut Warschau): The fall and rise of totalitarianism: East-West exchanges on human rights, Communism and Peace.

Panel II – Freunde, Feinde Nachbarn: Zur Evolution ‘nationaler’ Beziehungen

Csaba G. Kiss (Lorand-Eötvöd-Universität Budapest): Das ungarische Tschechenbild nach 1968. [vorgetragen von Jens Boysen (Deutsches Historisches Institut Warschau)]

Elena Glushko (Moskau): „Czechs were our hope“: Image of Czechoslovakia in the Soviet Union in the year 1968 and after.

Christie Miedema (Duitsland Institut Amsterdam/ Universität Amsterdam): The Western Left and opposition under socialism: misunderstandings, disagreements and a dialogue ‘from below’.

Panel III – Reisen und Handeln: “Freundschaftliche” Begegnungen im sozialistischen Lager

Sönke Friedreich (Institut für sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden): DDR-Touristen im sozialistischen Ausland.

Daniel Logemann (Museum des Zweiten Weltkriegs, Danzig): Leipziger Urlauber in Volkspolen – zwischen sozialistischem Urlaubsidyll und „polnischer Konterrevolution“.

Piotr Wołoszyn (Europa-Universität Viadrina/ Collegium Polonicum, Frankfurt (Oder)-Słubice): Handel zwischen dem stationierten sowjetischen Militär und der Zivilbevölkerung in Polen und in der DDR im Vergleich.

Panel IV – Die Medien als Vermittler von Bildern

David Tompkins (Carleton College, Northfield/ Minn.): A Special Enemy: The Image of Israel in Central Europe after 1967.

Karolina Pietras (Universität Nancy/ Paris): The polish crisis of the 1980s in West German and French media

Rüdiger Ritter (Universität Bremen): Die ehemaligen polnischen Ostgebiete in der Wahrnehmung der oppositionellen polnischen Publizistik im Zeitraum von ca. 1970 bis 1989.

Panel V – Kunst, Kultur und Gender als Faktoren grenzüberschreitender Verbindungen

Marianne Rostgaard (Departement of Culture and Global Studies, Aalborg University): Danish-Polish cultural exchange c. 1965-1985 and European détente.

Elena Korowin (Wien): Kunstausstellungen als Mittel der Diplomatie. Eine Untersuchung der sowjetischen Ausstellungen in der Bundesrepublik 1970-1990.

Eva Schäffler (Universität Salzburg): Geschlechterverhältnisse in der BRD im Spiegel der DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“.

Panel VI – Silvia Petzold (Friedrich-Schiller-Universität Jena): Selbst- und Fremdbeschreibungen deutscher und ungarischer Minderheitenschriftsteller im kommunistischen Rumänien.

Sybille Reinke de Buitrago (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg): Cross-Border Othering in the GDR and FRG: An Empirical Analysis of National versus Personal Perspectives.

Hella Dietz (Georg-August-Universität Göttingen): Die Genealogien der Aufbegehrenden: Vom Wandel der Bilder des jeweils Anderen bei Linkskatholiken und oppositionellen Linken in Polen nach 1968.

Andrzej J. Kutyłowski (University of Oslo): ‘Us’ versus ‘them’ in Poland, from the ‘SOLIDARITY’ breakthrough to the onset of quasi-parliamentarism (1080-1990).

Anmerkung:
[1] Michał Witkowski, Lubiewo, Frankfurt am Main, 2007.

ZitierweiseTagungsbericht Bilder vom Anderen in Mittel- und Osteuropa. Kontinuität und Wandel zwischen 1968 und 1989. 15.11.2012–17.11.2012, Warschau, in: H-Soz-u-Kult, 05.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4758>.

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