1 / 1 Tagungsbericht

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Universität Oslo
Datum, Ort:12.03.2013-13.03.2013, Oslo

Bericht von:
Anne Klammt, Göttingen
E-Mail: <aklammtgwdg.de>

Mit 31 Vortragenden und insgesamt 140 überwiegend jungen Teilnehmer/-innen ist die Tagung "Viking Worlds" der Universität in Oslo auf große Resonanz gestoßen. Dank einer hervorragenden Organisation haben sich an nur zwei Tagen (12.-13. März 2013) neue und vielfältige Einsichten in ein lebendiges Forschungsfeld ergeben. Bemerkenswert war hierbei die Breite der Ansätze und der Forschungsinteressen. Ziel aller Beiträge war es ein pluralistisches Bild der Welten (seien es Sach- oder Sinneswelten) der wikingerzeitlichen Menschen zu entwerfen. Der räumliche Fokus lag hierbei auf Norwegen und den unmittelbaren Anrainern.

Die Ausrichtung der Tagung auf die "Welten" spiegelt die fächerübergreifende Entwicklung des Forschungsfeldes wider. Nach NEIL PRICE (Aberdeen) stehe nun eine Epoche bevor, in der Traditionen, Vorstellungen und Leitbilder in den Mittelpunkt rücken. Vorausgegangen ist ein Zeitalter intensiver, durch die Naturwissenschaften unterstützter Untersuchungen zu den Lebensbedingungen und der materiellen Kultur der Wikinger.

Wie ertragreich jedoch auch die bisherigen Forschungsansätze noch immer sind, bewiesen mehrere Beiträge aus dem laufenden Forschungsprojekt "Gokstad revitalised"[1] der Universität Oslo. Mit dem interdisziplinären Projekt soll das 1880 entdeckte Bootsgrab umfassend neu untersucht werden. Dies betrifft einerseits die Grablege selbst als auch die Siedlungsstrukturen in der näheren Umgebung. Bereits jetzt ergeben sich bemerkenswerte Neukenntnisse. UNN PEDERSEN (Oslo) erforscht im Rahmen eines PostDoc Projektes die Zusammensetzung der Bleiobjekte mithilfe der Isotopenanalyse. Sie sind in der Forschung bisher kaum beachtet worden, obwohl schon die stilistische Analyse eine Gruppierung der Objekte erlaubt. Es zeigt sich nun, dass diese Gruppen weitgehend mit verschiedenen Materialgruppen korrelieren und dass die Mehrheit aller Objekte im 15 km entfernten Kaupang gefertigt wurde.

Pedersens Ergebnisse bestätigen zunächst die zentrale Rolle der frühstädtischen Siedlung Kaupang für die Versorgung der Umgebung mit Importen. Völlig neue Siedlungsfunde in der direkten Nachbarschaft des Grabs von Gokstad zwingen aber dazu, die Rolle Kaupangs zu überdenken. Umfangreiche Prospektionen erbrachten eine kleine, wohl temporäre Siedlung mit dem Nachweis von Handel und spezialisiertem Handwerk. Vorgestellt hat dies in einem Kurzvortrag CHRISTIAN LØCHSEN RØDSRUD (Oslo). Zu erwähnen sind durch Gräben eingefasste Grundstücksparzellen. Bemerkenswert sind aber die große Zahl von 135 Münzfragmenten (Dirhems), der Fund von fragmentierten Goldobjekten, Glas- und Karneolperlen sowie Wägstücke mit pseudoarabischer Inschrift.

Eine mögliche Erklärung für das Vorhandensein einer solchen Siedlung bieten die Forschungen zum Villikationswesen im fränkischen Reich, die BJARNE GAUT (Oslo) vorstellte. Er bezog sich hierbei im Wesentlichen auf A. Verhulst[2] und stellte zur Diskussion, ob die fremden Händler in Kaupang im Auftrag ihrer Herrschaft handelten. Wollte Gaut hiermit zunächst das Vorhandensein fremder Gebrauchswaren in Kaupang erklären, hat er zugleich ein mögliches Modell für die erwähnten Siedlungen geliefert.

Andere Aspekte zur Beurteilung der verschiedenen Formen von nicht-agrarischen Siedlungen stellte DAGFINN SKRE (Oslo) in den Mittelpunkt seiner Keynote. Er ordnet Plätze wie etwa Ribe, Tissø und Birka vier Typen zu, die er in eine evolutionistische Abfolge bringt. Am Beginn stehen die schon auf die Völkerwanderungszeit zurückgehenden Central place Markets (so etwa Tissø, Sorte Mulde). Ab 700 treten dann zudem Local Markets (zum Beispiel Sebbersund, Löddeköpping) und in den Grenzregionen Nodal Markets (etwa Ribe I, Arhus I) auf. Towns, zu denen Skre u.a. Kaupang, Haithabu und Birka zählt, gehören einer erst ab 800 fassbaren Entwicklung an.

Einblick in den von Skre wie gesehen als Central place Market eingeordneten Siedlungskomplex von Tissø geben die neuen Forschungen im Rahmen des Projektes "Førkristne kultpladser/Pre-Christian Cult Sites"[3] des Nationalmuseums in Kopenhagen. Aussichtsreich verläuft hier die Kombination von Ortsnamen und Toponymen mit dem archäologischen Fundbild im Rahmen des Dissertationsprojekts von SOFIE LAURINE ALBRIS (Kopenhagen). Es deutet sich hier eine enge Vernetzung von Orten bestimmter Funktionen und eine chronologische Staffelung des Siedlungsgeschehens an.

Auf die Frage gemeinschaftlicher Identitäten gingen zwei Beiträge ein, die sich mit der wikingischen Besiedlung im Gebiet des Danelaw in England befassten. JANE KERSHAW (Oxford) bearbeitet in ihrem PostDoc-Projekt Hacksilber- und Münzfunde in der Region. Sie kann hierbei auf umfangreiche Einzelfunde aus Begehungen mit Metalldetektoren zurückgreifen. Von der räumlichen Verbreitung schließen sie annähernd die Hacksilberschätze aus. Kershaw folgert aus der Streuung des Hacksilbers auf seinen beinahe alltäglichen Gebrauch parallel zum traditionellen Münzgeld. Sie interpretiert die Benutzung des Hacksilbers als bewussten Bezug zur eigenen skandinavischen Tradition. Auf ein solches Verhalten führt BENJAMIN RAFFIELD (Aberdeen) auch die Opferung von Waffen in Flüssen im Gebiet des Danelaws zurück. Seine Kartierungen zeigen eine verblüffend deutliche Übereinstimmung der Verbreitung von Flussopferfunden und dem Übergang von der Geest zur Marsch. Raffield interpretiert die Waffenopfer nach vorsichtiger Abwägung als intentionelle Deponierungen, mit denen interne Grenzen innerhalb des Danelaw abgesteckt wurden. Weiterhin versteht er die nicht direkt an insulare Traditionen anknüpfende Gewohnheit der Skandinavier als absichtliche Paganisierung der Landschaft.

Die Ausbreitung des Christentums beleuchten neue und hochinteressante Grabungsergebnisse aus Ribe. SARAH SKYTTE QVISTGAARD und TROELS BO JENSEN (Ribe) stellten in einem Kurzvortrag zwei Bestattungsplätze in Ribe vor. Von dem Platz in der Rosenallé sind von der Orientierung her nicht christliche Körpergräber untersucht worden. Anders ist dies für die West-Ost orientierten Gräber beim heutigen Dom. Es wurden dort Teilbereiche eines etwa 9000 m² großen Körpergräberfeldes untersucht. Der Beginn des Gräberfeldes wird von Jensen aufgrund von Radiokarbondaten ungewöhnlich früh, nämlich bereits im mittleren 9. Jahrhundert angesetzt.

Grabfunde wurden auch in weiteren Beiträgen behandelt. SARAH CROIX (Aarhus) hat eine sozialgeschichtliche Interpretation für eine sehr kleine Gruppe reich ausgestatteter Gräber junger Frauen auf Langeland erarbeitet. Der in den Gräbern mit u. a. Perlenketten und Kästen veranschaulichte Status dieser Frauen geht über das hinaus, was in anderen Altersgruppen zu finden ist. Nach Croix lässt dies die Wertsetzung gebärfähiger Frauen in einer Gemeinschaft erkennen, die sich über verwandschaftliche Beziehungen konstituiert. Anders als in zahlreichen Forschungen der zurückliegenden Jahre ist also die bevorzugte Bestattung nach Croix nicht Zeichen einer aktiven Machtbeteiligung jener Frauen. Ihre Beobachtungen lassen sich gut mit den Ergebnissen neuer wissenschaftlicher Untersuchungen zu dem altbekannten Mädchengrab von Birka verknüpfen. Das 5 bis 6 Jahre alte Mädchen wurde in der Ausstattung einer bereits jung erwachsenen Person beigesetzt. Die Bestattung spiegelt somit nach CHARLOTTE HEDENSTIERNA-JONSON (Stockholm) eine soziale Rolle wider, die das Mädchen real nicht erreicht hat.

Als fruchtbar für die Fragen der sozialen Rollen und die Rekonstruktion rechtlicher und religiöser Aspekte wie historischer Geschehnisse haben sich einmal mehr erzählende Quellen gezeigt. Dank einer genauen textkritischen Analyse rekonstruierte LYDIA CARSTENS (Schleswig) den zeitgenössischen Gebrauch des Begriffs der königlichen "Halle", mit dem in der Archäologie oft große Gebäude bezeichnet werden. Sie zeigte, dass "Halle" erst ein spätmittelalterlicher Begriff ist, während die aus älteren Quellen schöpfende Skaldendichtung königliche Hallen (salr) und große Räume (stova) nennt. Beide Raumtypen unterschieden sich architektonisch nicht, sondern allein aufgrund der rechtlichen Stellung des Eigentümers. Nur ein König konnte einen salr besitzen.

Rechtliche und rituelle Aspekte im Zusammenhang mit Türringen stellte MARIANNE HEM ERIKSEN (Oslo) vor, die hierbei Einblick in ihr laufendes Dissertationsprojekt gab. Türringe sind etwa als Deponierungen in Uppåkra geborgen worden und in Järrestad waren sie mit einem Kultbau vergesellschaftet. Eriksen leitet aus den erzählenden Quellen eine Verbindung der Türringe mit der besonders in der frühen Wikingerzeit in Schweden verehrten Gottheit Ull ab. Es gehört zu den positiven Effekten einer Tagung, wenn sich unvorhergesehen weitere Aspekte ergeben, wie es in diesem Fall der Nachweis zahlreicher Ringamulette und mutmaßlicher Miniaturtürringe aus Gnezdovo, Russland, ist. Vorgestellt wurden sie zusammen mit zahlreichen weiteren wikingischen Amuletten aus dem frühstädtischen Zentrum durch NATASHA ENIOSOVA (Moskau). Eniosova skizzierte kurz die siedlungsarchäologische Entwicklung des knapp 30 ha großen Komplexes aus befestigter Siedlung und Gräberfeldern, bevor sie die verschiedenen Objektgruppen vorstellte. Sehr genau zeigt sich an den schon fast massenhaften Objekten (so etwa 72 Thorshämmer!) die enge Verbindung Gnezdovo mit einerseits Schweden und andererseits dem Schwarzmeergebiet sowie den benachbarten Slawen.

Die Frage nach dem Verhältnis zu den südöstlichen Nachbarn und des skandinavischen Einflusses auf das Gebiet des heutigen Polens ging LESZEK GARDAL (Reykholt) nach. Er bot eine informative, strukturierte Zusammenfassung des Forschungsstandes. Als bedeutenden Hinweis auf die Anwesenheit von Skandinaviern im 10. Jahrhundert wertet er die jüngst entdeckten 39 Kammergräber von Bodzia in Kujawien.[4]

Zusammengefasst hat die Tagung einen Überblick zu zahlreichen neuen Forschungsprojekten geboten. Glücklicherweise werden alle Beiträge in einem Band der Reihe Nikolay Skrifter erscheinen. Erfreulich war die lebhafte, stets konstruktive Diskussion der Referate im Plenum. Dies ist auch ein Ergebnis des offenen Call for Papers, der unter anderem über Facebook veröffentlicht wurde. Nach Aussage der Organisatoren hat Letzteres für die große Resonanz gerade unter den Jüngeren gesorgt. Bestätigt wurde dies von den älteren Forscher/-innen im Plenum, die sich positiv erstaunt über das ungewohnt junge Teilnehmerfeld äußerten. Zweifellos hat hierzu auch das Fehlen von Tagungsgebühren und die Organisation einer informellen "Pizza-Night" im Institut beigetragen. Zusammen mit dem selbstverständlichen Gebrauch der Tagungssprache Englisch haben die Organisatoren um Marianne Hem Eriksen und Unn Pedersen gezeigt, wie archäologische Fachtagungen zukunftsfähig und für Nachwuchswissenschaftler/-innen und Studierende attraktiv gemacht werden.

Konferenzübersicht

Eröffnung
Lotte Hedeager (Oslo)

Keynote 1
Neil Price (Aberdeen): From Ginnungagap to Ragnarök: Archaeologies of the Viking Worlds.

Session 1
Leitung/Kommentar: Jan Bill (Oslo)

Morten Ramstad (Bergen): Austant’s comb: Craft production, networks, and social landscape during Late Iron Age Western Norway.

Ben Cartwright,(Cambridge): Making the cloth that binds us: The role of textile production in producing the Viking self.

Unn Pedersen (Oslo): Lead-working in Viking-Age Norway

Session 2
Leitung/Kommentar: Svein Gullbekk (Oslo)

Stephen Merkel (Bochum): Isotopic analysis of silver from Hedeby and some nearby hoards.

Jane Kershaw (Oxford): Was bullion used like coinage? Fragmented silver from Viking-Age England

Bjarne Gaut (Oslo): A new-old framework for trade: On manors, missionaries and markets.

Session 3
Leitung/Kommentar: Brit Solli (Oslo)

Lydia Carstens (Zentrum für baltische und skandinavische Studien): Symbols of power. The king's hall and the medieval perception of the Viking Age.

Eldar Heide (Bergen): Hǫrgr and mountains.

Joanne Shortt Butler (Cambridge), Húsdrápa: A skaldic poem in context.

Session 4
Leitung/Kommentar: Elise Naumann (Oslo)

Mattias Pettersson and Roger Wikell (Stockholm): A mound on the top ‐ Results from a recent excavated mound in Tyresta, Eastern Middle Sweden.

Rebecca Cannell (Oslo): Reconstructing the landscape and ritual of the Gokstad burial through geoarchaeology.

Christian Løchsen Rødsrud (Oslo): Centre or satellite? Investigations of a new-¬‐found market place and production site at Gokstad.

Søren Diinhoff (Bergen): The Viking Age Settlements of Western Norway. A reflection on the house types and social organization of the Late Iron Age settlements.

Asle Bruen Olsen (Bergen): Recently discovered courtyard sites inwestern Norway seen as central assembly places and judicial institutions in the late Iron Age society.

Session 5
Leitung/Kommentar: Bernt Rundberget (Oslo)

Helene Russ (Oslo): A Merovingian and Viking Age burial site in southern Norway.

Sarah Skytte Qvistgaard (Ribe): Pagan burials in the Ribe area.

Troels Bo Jensen (Ribe): The results from the excavations around the Ribe Cathedral.

Ingrid Aune Nilsen (Sverresborg): Historical reenactment of the Viking Age – representing the past.

Session 6
Leitung/Kommentar: Zanette Glørstad (Oslo)

Sarah Croix (Aarhus): Dealing with the death of young women in Viking-age Denmark.

Heidi Berg (Oslo): The Iron Age key: New light on old truths.

Patrycja Kupiec (Aberdeen): The girl at the shieling: an interdisciplinary approach to the interpretation of gendered spaces at Viking and Medieval shieling sites in Iceland.

Charlotte Hedenstierna-Jonson (Stockholm): She came from another place: On the burial of a young girl (Bj 463) in Birka.

Session 7
Leitung/Kommentar: Dagfinn Skre (Oslo)

Natasha Eniosova (Moskau): Viking Age amulets from the early urban center Gnezdovo.

Hanne Lovise Aannestad (Oslo): Foreign objects in Viking Age graves in Norway.

Leszek Gardela (Reykholt): Vikings in Poland – an overview.

Frans Arne Stylegar (Kristiansand): An archaeology of the Jomsvikings.

Session 8
Leitung/Kommentar: Irmelin Axelsen (Oslo)

Marianne Hem Eriksen (Oslo): Crossing the boundary: The door as a cultic-judicial border in the Viking Age?

Benjamin Raffield (Aberdeen): Spiritual contracts, symbolic defence: The deposition of weapons in English rivers during the Viking Age.

Sofie Laurine Albris (Kopenagen): Perceptions of settlement and landscape around lake Tissø.

Keynote 2
Dagfinn Skre (Oslo): Universalism and particularism in urban studies

Anmerkungen:
[1] <www.khm.uio.no/english/research/projects/gokstad/> (03.04.2013).
[2] Adriaan Verhulst, The Carolingian Economy. Cambridge 2002.
[3] <vikingekult.natmus.dk/> (03.04.2013).
[4] Andrzej Buko/Iwona Sobkowiak-Tabaka, Bodzia: a new Viking Age cemetery with chamber graves. In: Antiquity 85, 2011, <antiquity.ac.uk/projgall/buko330/> (03.04.2013).

ZitierweiseTagungsbericht Viking Worlds. 12.03.2013-13.03.2013, Oslo, in: H-Soz-u-Kult, 13.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4757>.

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