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"global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Körper und Gesundheit als Gegenstand historischer Untersuchungen"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Schweizerische Gesellschaft für Geschichte; Universität Fribourg
Datum, Ort:07.02.2013–09.02.2013, Freiburg (Schweiz)

Bericht von:
Stefan Rindlisbacher, Departement für Historische Wissenschaften, Universität Fribourg
E-Mail: <stefan.rindlisbacherunifr.ch>

Unter dem Tagungsthema „global – lokal“ fanden vom 7. bis 9. Februar bereits zum dritten Mal die Schweizerischen Geschichtstage statt. Zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG) war in diesem Jahr das Departement für Historische Wissenschaften der Universität Freiburg für die Ausrichtung eines vielseitigen Programms mit über 400 Referentinnen und Referenten verantwortlich. Der Themenbereich „Gesundheits- und Sozialpolitik, Lebensverhältnisse und Lebensgewohnheiten, demographische Veränderungen“ umfasste eine Auswahl von Panels, die sich mit Fragen des Körpers und der Gesundheit befassten. Obwohl sich in diesem Themenbereich thematisch und methodologisch sehr unterschiedliche Projekte gegenüberstanden, zeigte sich in den Vorträgen sehr schnell, dass sich alle Referenten auf ähnliche Grundannahmen stützten.

Die Referenten im Panel „Lebensstandard messen: Verschiedene Zugänge für die Schweiz seit dem 19. Jh. aus globaler und lokaler Perspektive“ konzentrierten sich auf die Auswertung biometrischer, demografischer und volkswirtschaftlicher Datensätze zur historisch-vergleichenden Untersuchung von Lebensstandards. ROMAN STUDER (Zürich) stellte in seinem Vortrag verschiedene Ansätze vor, wie sich monetäre Lebensstandards in der historischen Perspektive messen und vergleichen lassen. Den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen bildete eine differenzierte Auswertung von Reallöhnen und Bruttosozialproduktschätzungen. Daraus folgend konnte Roman Studer zeigen, dass im gesamteuropäischen Vergleich die schweizerische Volkswirtschaft bereits um 1900 zu den Erfolgreichsten gehörte, dass sich der Lebensstandard des Durchschnittsschweizers aber erst deutlich später an die Spitzenwerte anderer europäischer Länder angegleichen konnte.

Eine biologische Komponente bei der Messung des Lebensstandards brachten KASPAR STAUB (Zürich) und JOËL FLORIS (Zürich) in ihren Referaten ins Spiel. Neben den sozioökonomischen Bedingungen haben sie auch biometrische Daten wie Körperhöhe und Gewicht gesammelt und ausgewertet. Die beiden Referenten betonten den Einfluss des Einkommens und der damit zusammenhängenden Verfügbarkeit und Qualität von Nahrungsmitteln auf die Entwicklung des menschlichen Körpers. Ausgehend von körperlichen Merkmalen wie Größe und Gewicht wurden dann Rückschlüsse auf soziale Ungleichheiten gezogen. Ähnlich wie schon Roman Studer im Referat zuvor, betonten aber auch Kaspar Staub und Joël Floris die Schwierigkeiten, aussagekräftige Daten von Männern, aber vor allem von Frauen zu finden. Während der „männliche Körper“ durch die Messdaten der jährlichen Rekrutierungen erfasst wurde, erscheint der „weibliche Körper“ in kaum einer statistisch-systematischen Darstellung.

Wie schon CHRISTIAN PFISTER (Bern) in einem einleitenden Kommentar zum Panel hervorhob, müssen bei den vorgestellten Projekten immer auch die qualitativ-kulturwissenschaftlichen Vorstellungen des menschlichen Körpers berücksichtigt werden. Vor allem in den darauf folgenden Panels des vorgestellten Themenbereichs wurde deutlich, dass die Messung und der Vergleich von Körperhöhen und -formen immer auch mit spezifischen Menschenbildern und Gesellschaftsvorstellungen verbunden ist.

In einem abschließenden Kommentar konnte FRANÇOIS HÖPFLINGER (Zürich) zudem die Aktualität des Themas hervorheben. Der „historisch einmalige Rückzug des vorzeitigen Todes“ lässt sich nach Höpflinger auf den wirtschaftlichen Aufstiegs breiter Bevölkerungsschichten wie auch auf den Ausbau sozial- und gesundheitspolitischer Instrumente wie dem Wohlfahrtsstaat und der Gesundheitsindustrie zurückführen. François Höpflinger machte dabei nochmals deutlich, dass die massiv gesteigerte Lebenserwartung sehr aktuelle gesellschaftspolitische Fragen aufwerfe (neue Lebensphasen, Angst vor den Risiken der Langlebigkeit etc,).

Die Referenten im Panel „Genussmittel oder Droge? ‚Rauschmittel‘ in globalen Debatten und lokalen Wahrnehmungen, 1860–1960er Jahre“ haben zwar auch den Körper und die Gesundheit des Menschen als Gegenstand ihrer Forschungsprojekte gewählt, die methodologische Herangehensweise unterscheidet sich aber wesentlich von den quantitativen Ansätzen des vorherigen Panels. FRANCESCO SPÖRING (Zürich) und NIKOLAY KAMENOV (Zürich) beschäftigen sich in ihren Projekten mit der Abstinenz- bzw. Antialkoholbewegung. Es handelt sich dabei um eine soziale Bewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Alkoholkonsum im Kontext „sozialhygienischer“ Vorstellungen als Ursache individueller und gesellschaftlicher Krankheits- und Zerfallserscheinungen identifiziert hat.

Nikolay Kamenov zeigte in seinem Referat anhand mehrerer Beispiele die gemeinsame Bildsprache der transnationalen Antialkoholbewegung auf. In europäischen und nordamerikanischen Zeitschriften erscheint beispielsweise immer wieder das Motiv des „verantwortungslosen“ Ehemanns, der seine Familie im Stich lässt. Daran wird bereits deutlich, dass die Antialkoholbewegung in ihrem Kampf gegen den Alkoholkonsum ein umfassendes Set an Moral- und Gesellschaftsvorstellungen transportiert hat. Francesco Spöring konzentrierte sich in seinem Referat auf den schweizerischen Guttemplerorden, der sich durch seine säkulare und wissenschaftliche Ausrichtung von anderen Gruppierungen der Antialkoholbewegung abgrenzte. Dabei betonte er die Bedeutung der Schweizer Guttempler Gustav von Bunge, Auguste Forel und Robert Hercod bei der Gestaltung alkoholgegnerischer Diskurse in Europa.

Im Unterschied zum Alkohol wurden andere Drogen wie Kokain in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert kriminalisiert. ANNIKA HOFFMANN (Stuttgart) befasste sich in ihrem Referat mit der Stigmatisierung des Kokainkonsums als soziales Problem. Während die Antialkoholbewegung in Europa trotz jahrzehntelanger, organisierter Propagandaaktionen kaum gesetzliche Einschränkungen oder gar ein Verbot des Alkoholkonsums erreichen konnte, setzte sich die Kriminalisierung des Kokainkonsums in der Weimarer Republik innerhalb weniger Jahre durch. Annika Hoffmann führt diese wirkungsmächtige Wahrnehmungsverschiebung auf ein Zusammenspiel aus staatlichen Instanzen, wissenschaftlichen Akteuren und den Massenmedien zurück.

Zum Schluss des Panels betonte JAKOB TANNER (Zürich) nochmals die Historizität der Thematik: Die Beschreibung psychoaktiver Substanzen als Medizin, Genussmittel oder Rauschmittel ist wandelbar. Unterschiedliche Akteure, wie sie von den Referenten vorgestellt wurden, beanspruchen die Deutungshoheit über ein bestimmtes Konsumverhalten, haben jedoch unterschiedlichen Erfolg bei der Durchsetzung ihrer Idealvorstellungen, Werte und Normen.

Im Panel „Mobile AkteurInnen - zirkulierendes Wissen: Gesundheit in den osteuropäischen Vielvölkerreichen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“ wurden ebenfalls Akteure vorgestellt, die sich mit Diskursen und Praktiken im Kontext von Gesundheit, Krankheit und Körper beschäftigt haben. Der Fokus wurde dabei auf den Transfer und die Zirkulation von Körper- und Gesundheitskonzepten, der Popularisierung von medizinischem und hygienischem Wissen sowie den Ausbau der Gesundheitsversorgung gelegt.

KATHARINA KREUDER-SONNEN (Justus-Liebig-Universität Giessen) stellte die internationale Zirkulation des zu Beginn der 1890er-Jahre in Paris und Berlin entwickelten Diphtherieserums vor. Weil das Serum in den Zentren des Habsburgerreichs und Russischen Reichs nicht ausreichend hergestellt werden konnte, mussten lokale Labore in Warschau und Krakau eigene Produktionsstätten aufbauen, um die peripheren Gebiete der beiden Vielvölkerreiche mit dem Serum versorgen zu können. Der Transfer von Gesundheitswissen erfolgte dadurch nicht über die üblichen Zentren, sondern entlang neuer Zentrum-Peripherie-Konstellationen.

JUSTYNA TURKOWSKA (Marburg) verlagerte in ihrem Referat den Fokus auf die deutsch-polnische Provinz Posen. Dabei stellte sie die Bedeutung sozialhygienischer Diskurse als In- und Exklusionsinstrument vor. So standen sich in Posen die Ortsgruppe der „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ und die „Polnische Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ gegenüber, die sich mit ihren Aktionen jeweils an die deutschsprachige respektive polnischsprachige Bevölkerung richteten. Die Vermittlung sozialhygienischer Diskurse wurde wiederum an spezifische Vorstellungen von Gesundheit und Gesellschaft („Volkskörper“ und „Volksgesundheit“) gekoppelt, die bei der Herstellung nationaler Identitäten eine Rolle spielten.

Auch im Referat von ANGELIKA STROBEL (Zürich) ging es um die Konstituierung und Vermittlung von medizinischem und hygienischem Wissen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert setzte sich auch im Russischen Zarenreich die Überzeugung durch, dass nur ein umfassendes Programm zur hygienischen Aufklärung und Erziehung der Bevölkerung den verheerenden Seuchen des 19. Jahrhunderts ein Ende setzten könne. Zur Verbesserung der „Volksgesundheit“ sollten beispielsweise herumreisende Ärzte durch Vorträge und Gespräche die lokale Bevölkerung über Krankheiten und Präventionsmaßnahmen aufklären.

Der abschließende Kommentar von MARIETTA MEIER (Zürich) lenkte den Blick wiederum auf die Historizität von menschlichen Körpern. Dabei betonte sie die Bedeutung der Gesundheitspolitik als Ort der Produktion von Körpern. Hygienische Diskurse würden nicht nur Techniken zur Problemlösung anbieten, sondern auch Definitionen von Körpern sowie Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit erzeugen und verfestigen. Gerade die Internalisierung von gesundem Verhalten, wie es durch die „Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ oder durch die russischen „Arzt-Lektoren“ angeregt wurde, habe sich auch auf die gesellschaftliche Ordnung ausgewirkt. Das zeigt sich gerade bei der immer wiederkehrenden Sorge um die „Volksgesundheit“ und die Angst vor der gesellschaftlichen „Degeneration“.

Im Panel „Europäische Ess- und Trinkkultur in der Nachkriegszeit: Etablierung globaler Innovationen auf Kosten lokaler Traditionen?“ wurde der Fokus auf die Ernährung gelegt. Wie schon in den bisher vorgestellten Panels wurden vermeintlich „natürliche“ Vorgänge wie das Essen und Trinken auf ihre Bedeutung für die Gestaltung von Gesellschaftsvorstellungen und Menschenbilder untersucht. SABINA BELLOFATTO (Zürich) stellte in ihrem Referat die Verbreitung der italienischen Küche in der Schweiz der 1950er- und 1960er-Jahre vor. Dabei ging der Diffusionsprozess nicht von den italienischen Migranten aus, sondern wurde durch die Entdeckung Italiens als touristisches Sehnsuchtsziel vorangetrieben. Während die italienischen Migranten unter den Vorzeichen des „Überfremdungsdiskurses“ mit negativen Stereotypen konfrontiert wurden, konnte sich die italienische Küche unter Bezugnahme eines positiven Italienbildes („Dolce Vita“) etablieren. Wobei Sabina Bellofatto aufzeigen konnte, dass die italienischen Gerichte den schweizerischen Ernährungsstilen und Essgewohnheiten angepasst wurden. So erinnert im Kontext globalisierter Konsumgesellschaften oftmals nur noch der Produktname oder der Werbetext an die zugeschriebene Herkunft eines Produkts.

Mit dem gleichen Phänomen haben sich auch JONATHAN MORRIS (Hertfordshire) und THOMAS FENNER (Zürich) in ihren Beiträgen beschäftigt. Beide Referenten haben den Kaffeekonsum unter den Voraussetzungen lokaler Eigenarten und globaler Neuerungen untersucht. So würden sich die Konsumgewohnheiten zwischen verschiedenen Ländern zwar immer noch deutlich unterscheiden, wie Jonathan Morris aufzeigen konnte, findet jedoch seit den 1990er-Jahren eine Angleichung des Kaffeekonsums statt. Diese Entwicklung führt er unter anderem auf die Ausbreitung von standardisierten coffee shop und die Verfügbarkeit von leicht bedienbaren Kaffeemaschinen zurück. Ebenso verweist er auf die transnationale Stilisierung und Emotionalisierung des Kaffees als Luxusprodukt. Auch Thomas Fenner konnte in seinem Referat zeigen, wie eine globale Kaffeemarke wie Nescafé lokale Konsumgewohnheiten adaptiert und in ihre Marketingstrategie integriert.

Die Ausbreitung globaler Produkte und Konsumgewohnheiten kann jedoch auch auf lokalen Widerstand treffen. In ihrem Referat befasste sich EVA MARIA VON WYL (Zürich) mit der Kritik an Coca Cola. Durch neuartige Marketingaktionen (Flaschen wurden kostenlos verteilt) konnte sich der soft drink nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz relativ schnell durchsetzen und andere Getränke verdrängen. Vor allem die Hersteller von Süßmost sahen sich durch den neuen Konkurrenten bedroht und versuchten deshalb die Ausbreitung des neuen Süßgetränks in der Schweiz durch eine staatliche Intervention zu stoppen („Interpellation Geissbühler“). Als Begründung für das angestrebte Verbot von Coca Cola wurden unerlaubte Inhaltsstoffe (Phosphorsäure) angegeben, Eva Maria Wyl konnte in ihrem Referat aber zeigen, dass die Kampagne gegen Coca Cola auch als Kampf gegen den amerikanischer „Konsumimperialismus“ verstanden wurde.

In seinem abschließenden Kommentar betonte JAKOB TANNER (Zürich) die Bedeutung spezifischer Konsumgewohnheiten für die Konstruktion gesellschaftlicher Eigenarten und nationaler Identitäten. Vergleichbar mit den hygienischen und medizinischen Diskursen, die sich auf die Wahrnehmung eines „gesunden Volkes“ ausgewirkt haben, werden durch die Vermittlung unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen geprägt und transportiert. Die Industrialisierung der Lebensmittel habe außerdem eine Gegenbewegung ausgelöst, die eine Rückkehr zu authentischen („typisch italienisch“) und gesunden („natürliche Lebensmittel“) Produkten angestrebt habe.

Im Themenbereich „Gesundheits- und Sozialpolitik, Lebensverhältnisse und Lebensgewohnheiten, demographische Veränderungen“ wurden sehr unterschiedliche methodologische Herangehensweisen und eine vielfältige Auswahl an Forschungsthemen präsentiert. Trotzdem lassen sich einige Gemeinsamkeiten ausmachen:

Wie die Referenten zeigen konnten, wurde die Zirkulation von sozialhygienischem und medizinischem Wissen, wie auch die Popularisierung von Körper- und Gesundheitsvorstellungen bereits seit dem 19. Jahrhundert durch lokale Faktoren wie auch durch globale Zusammenhänge beeinflusst. Akteure aus der Hygienebewegung und die Antialkoholbewegung waren transnational vernetzt, die Bewegungen waren jedoch gleichzeitig lokal verankert.

In den vier vorgestellten Panels wurde zudem die Wahrnehmung des menschlichen Körpers und die damit verbundene Definition von Gesundheit und Krankheit übereinstimmend als kulturell gebunden und historisch wandelbar begriffen. Diese Vorstellung geht von der Prämisse aus, dass es kein allgemeingültiges, überhistorisches Körper- und Gesundheitsverständnis geben kann, weil körperliche Erfahrungen nicht objektiv vermittelbar sind. Das Sprechen über den Körper und die Gesundheit ermöglicht jedoch eine Annäherung an den „realen“ Körper, wodurch in der diskursiven Auseinandersetzung intersubjektive Körper- und Gesundheitskonzepte ausgehandelt werden können.

In den verschiedenen Referaten wurden Akteure vorgestellt, die an diesen Aushandlungsprozessen beteiligt waren. Im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielte vor allem die Hygienebewegung eine wichtige Rolle bei der Popularisierung von Körper- und Gesundheitskonzepten, die sich im Kontext der Professionalisierung der Medizin und der Institutionalisierung neuer naturwissenschaftlicher Fachdisziplinen wie der Biologie, Physiologie und Ernährungswissenschaft etablieren konnten. In öffentlichen Vorträgen, Büchern und Zeitschriften wurden Fragen der „richtigen“ Ernährung, Kleidung und Körperpflege, wie auch der Trinkwasserversorgung, der Stadtplanung und Abfallbeseitigung diskutiert. Parallel dazu konnten neben der Antialkoholbewegung auch lebensreformerische Bewegungen wie die Naturheil-, Vegetarier- und Ernährungsreformbewegung konkurrierende Körper- und Gesundheitskonzepte propagieren.

Im Kontext dieser hygienischen und medizinischen Diskurse, die einerseits durch einen hohen Grad an Individualisierung und andererseits durch Disziplinierungsmechanismen gekennzeichnet sind, wird häufig auf Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht bzw. Biopolitik verwiesen. Diese Forschungsperspektive eröffnet weitere interessante Fragestellungen im Bereich der Körper- und Gesundheitsgeschichte, die in den Panels mehrmals aufgeworfen, aber nicht weiter verfolgt wurden.

Konferenzübersicht: „global – lokal“. Schweizerische Geschichtstage 2013, „Körper und Gesundheit als Gegenstand historischer Untersuchungen“

Lebensstandard messen: Verschiedene Zugänge für die Schweiz seit dem 19. Jh. aus globaler und lokaler Perspektive
Verantwortung: Ulrich Woitek / Kaspar Staub (Zürich)

Roman Studer (Universität Zürich): „Wann wurden die Schweizer so reich?“ Ein internationaler Vergleich der Lebensstandards seit 1800 aus einer monetären Perspektive
Kaspar Staub (Universität Zürich): Veränderungen in der Körperhöhe und im Body Mass Index (BMI) in der Schweiz aus internationaler Perspektive als Indikatoren für den biologischen Lebensstandard seit dem 19. Jahrhundert
Joël Floris (Universität Zürich): Der regionale biologische Lebensstandard im Kanton Zürich zwischen 1900 und 1950
François Höpflinger (Universität Zürich): Rückzug des vorzeitigen Sterbens im 20. Jahrhundert – gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen

Genussmittel oder Droge? ‚Rauschmittel‘ in globalen Debatten und lokalen Wahrnehmungen, 1860–1960er Jahre
Verantwortung: Francesco Spöring / Nikolay Kamenov (Zürich)

Nikolay Kamenov (ETH Zürich): Visualisierung von Rausch und Mässigkeit: Der internationale Austausch von alkoholgegnerischen Bildern in den 1920er und 1930er Jahren
Francesco Spöring (ETH Zürich): Befreiungsrhetorik zwischen Religion und Wissenschaft. Die transnationale Proliferation alkoholgegnerischer Argumente durch Schweizer Guttempler, 1886–1940
Annika Hoffmann (Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart): Opiat- und Kokainkonsum in der Weimarer Republik: Medizin, Presse, Politik und ihr diskursiver Beitrag zur Entstehung eines sozialen Problems
Jakob Tanner (Universität Zürich): Koreferat

Mobile AkteurInnen - zirkulierendes Wissen: Gesundheit in den osteuropäischen Vielvölkerreichen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
Verantwortung: Sara Bernasconi / Angelika Strobel (Zürich)

Katharina Kreuder-Sonnen (Justus-Liebig-Universität Giessen): Zirkulierendes Diphtherieserum – Lokalität und internationaler Standard in einem galizischen Labornetzwerk
Justyna Turkowska (Herder-Institut, Marburg): Hygienisierung des Nationalen: Geschlechtskrankheiten, Erziehung und Zirkulation von biopolitischen Konzepten in der Provinz Posen
Angelika Strobel (Universität Zürich): Aufklären, erziehen, popularisieren – mobile Hygieneausstellungen in der russischen Provinz
Marietta Meier (Universität Zürich): Koreferat

Europäische Ess- und Trinkkultur in der Nachkriegszeit: Etablierung globaler Innovationen auf Kosten lokaler Traditionen?
Verantwortung: Eva Maria von Wyl (Zürich)

Sabina Bellofatto (Universität Zürich): "Mit Schweizer-Rohmaterial – nach original-italienischen Rezepten!" Die Rezeption der italienischen Küche in der Schweiz (1950-1970)
Jonathan Morris (University of Hertfordshire): A European Coffee Convergence? The diffusion of Espresso in the post-war era
Thomas Fenner (Universität Zürich): NESCAFÉ – eine globale Marke mit lokaler Verankerung
Eva Maria von Wyl (Universität Zürich): Coca-Cola oder Süssmost – American Way of Life oder "Nationalgefühl"? Die Reaktion der Schweiz auf den amerikanischen Kultur- und Wirtschaftsimperialismus der Nachkriegszeit
Jakob Tanner (Universität Zürich): Koreferat

ZitierweiseTagungsbericht "global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Körper und Gesundheit als Gegenstand historischer Untersuchungen". 07.02.2013–09.02.2013, Freiburg (Schweiz), in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4754>.

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