HT 2004: Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)
Informationen zu diesem Beitrag
| Veranstalter: | Jürgen Reulecke |
| Datum, Ort: | 15.09.2004, Historikertag Kiel |
Bericht von:
Janine-Christine Schmidt, Universität Gießen
E-Mail: <Janine.C.Schmidt
Zusammenfassung
Städte und Regionen wirken oft nur vom Weiten wie homogene Siedlungs- und Lebensgemeinschaften. Bei näherer Betrachtung tritt schnell die Existenz ganz unterschiedlicher Viertel und Lebensräume zutage - ob dies nun auf historische, infrastrukturelle oder soziale Hintergründe zurückzuführen ist. Eine weitere Komponente ist das jeweilige Lebensalter, welches einem bestimmte Räume zuweist und in dieser Sektion in besonderen Augenschein genommen wurde. Die grundlegende Frage war, wie stark vor allem deviante Jugendkulturen bestrebt sind, Räume für sich einzunehmen und mit ihren Symbolen zu versehen. Sektionsleiter Jürgen Reulecke von der Universität Siegen, gegenwärtig tätig an der Universität Gießen, verfolgte mit dem Thema der Veranstaltung das Ziel, "dem physikalischen und sozialen Raum als zentrale Forschungskategorie" einen neuen Wert beizumessen. Hierfür sei die Untersuchung sogenannter "space communities" von besonderer Bedeutung, denn in jeder größeren Gruppe gebe es heterogene Fraktionen, die miteinander konkurrieren und bestimmte Räume für sich reklamieren. So entstehen diverse "Szenen", die mit ihren eigenwilligen Binnenstrukturen jeweils Refugien vor dem Zugriff der Außenstehenden bildeten. Wie sich dieses an konkreten Beispielen beobachten lässt, wurde in vier Vorträgen zum Thema - meist in Zusammenhang mit Jugendkriminalität - dargestellt.
Wer das New York und vor allem das Manhattan von heute kennt, wird entsetzt sein über die Verhältnisse, wie sie dort und in anderen "Elendsvierteln" der Metropole in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts herrschten. Dr. Detlef Briesen von der Universität Siegen setzte sich in seinem Vortrag mit der jugendlichen Drogenszene auseinander, für die das New York dieser Zeit einen geeigneten Raum bot [1].
So wie die amerikanische Öffentlichkeit spätestens Anfang der 50er Jahre durch die stetig wachsende Drogenanfälligkeit von Jugendlichen alarmiert wurde, so ging Ende der 60er Jahre auch in der BRD ein Aufschrei durch die Bevölkerung, der die bundesdeutsche Gesellschaft "zur kritischen Selbstprüfung und zur Stellungnahme herausforderte"[2]. Gemeint ist die laut propagierte Unzufriedenheit der Studenten mit dem Staats- und Bildungssystem, welches längst veraltet und lediglich einigen wenigen privilegierten Gruppen faktisches Mitbestimmungsrecht zugestanden habe. Franz-Werner Kersting, tätig am Westfälischen Institut für Regionalgeschichte Münster und an der Universität Siegen, widmete sich in seinem Beitrag vor allem der zeitgenössischen Rezeption dessen, wie die Studenten und ihre Forderungen ernst genommen und behandelt worden sind.
Verurteilte man schon im westlichen Teil Deutschlands die "Unruhe"[3], die durch die anhaltenden Proteste der Studenten die Gesellschaft heimgesucht hatte, so sah man jugendliche Störenfriede in der gleichgeschalteten DDR noch weniger gern. Dort war es das "Rowdytum", das den Parteiführern ein Dorn im Auge war und somit ins Visier von Volkspolizei und Staatssicherheit geriet. Thomas Lindenberger, beschäftigt am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, füllte in seinem Vortrag einerseits den vagen Begriff des "Rowdys" mit charakteristischen Inhalten auf und untersuchte andererseits, mit welchen Mitteln die SED versuchte, dieser ungeliebten Szene entgegenzuwirken.
Der letzte Beitrag der Sektion führte geographisch wieder in den Westen Deutschlands zurück. Neben der Studentenbewegung vollzog sich seit Mitte der 60er Jahre eine andere besorgniserregende Entwicklung innerhalb der Jugend. Laut Klaus Weinhauer von der Universität Bielefeld fielen Jugendliche besonders in den Großstädten zunehmend durch Drogenkonsum sowie aggressive Handlungen auf und waren bei der Polizei bald als "proletarische Rocker-Banden" bekannt.
Für mich sind anhand der Vorträge vor allem zwei Überlegungen zu prüfen: Wieweit ist die jeweilige Umgebung - und damit ist durchaus auch die Gesellschaft gemeint - für Jugenddelinquenz verantwortlich? Wo liegt die notwendige Grenze zwischen der Gewährung von Freiräumen und der isolierenden Besetzung von Räumen? Der zweite Punkt zielt auf die scheinbar automatische Verknüpfung von Jugendlichkeit und Jugendkriminalität[4], wobei man sich fragen muss, ob dieses lediglich als ein Vorwurf der älteren Generation oder tatsächlich als ein besonderes Bedürfnis jugendlicher Mentalität anzusehen ist.
Vortrag 1: D. Briesen, Die jugendliche Drogenszene im New York der 40er und 50er Jahre und die öffentliche Reaktion
Für die meisten Menschen gilt der Drogenkonsum vor der legendären Hippiezeit der 60er Jahre als ein vernachlässigbares Randphänomen. Dabei brachten bereits die liberaleren Zustände nach dem Ersten Weltkrieg einen deutlichen Trend zu verstärkter Cannabis- oder Heroin-Verbreitung hervor. Die Zunahme des internationalen Austausches begünstigte auch den Zugang zu starkwirksamen Substanzen, was in den USA vor allem junge Männer und Frauen unter 25 mit diesen neuen Opiaten in Kontakt brachte. In New York lässt sich die Szene in klare Gruppierungen unterteilen, deren soziale Stellung bereits etwas über mögliche Beweggründe zum Gebrauch der sogenannten Betäubungsmittel aussagt. Es handelte sich neben der Kunstszene und der Bohème besonders um Jugendliche aus den Elendsvierteln der Stadt, die unter Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe oder schlicht unter dem deprimierendem Lebensstandard ihrer Familien litten. Briesen konstatierte daher eine klare "sozialräumliche Dimension des Drogenkonsums, der mit dem fortschreitenden Niedergang der Innenstadtbezirke einherging". Als Zentren des Rauschgiftkonsum wurden Harlem, Lower und Upper East Side, der Süden Manhattans sowie die Bronx und Teile von Brooklyn ausgemacht. Bis zu den späten 40er Jahren allerdings blieb der jugendliche Drogengebrauch noch in die Verhaltensweisen der erwachsenen Konsumenten integriert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kristallisierte sich laut Briesen eine "genuin jugendliche Drogenkultur"
heraus. 1953 waren rund 25% der neu ermittelten Konsumenten unter 21 Jahre und stammten überwiegend aus den "Coloured Minorities"[5]. Die sozialräumlichen Faktoren, insbesondere die Struktur der Nachbarschaft, spielten für die Dichte drogenanfälliger Jugendlicher in bestimmten Stadt- und Straßenzügen eine entscheidende Rolle. Schlechte Wohnverhältnisse, ein disharmonisches Familienleben und ökonomische Defizite bahnten zwar vielen Jugendlichen den Weg in die Sucht, waren aber laut Briesen nicht der explizite Auslöser. Der letzte Schritt hinge vom individuellen Verarbeitungsprozess der Person im Hinblick auf ihr Umfeld ab. Wurde die Gesellschaft und ihre Werte generell abwertend betrachtet und schienen auch die eigenen Zukunftsaussichten verbaut, sei es weitaus häufiger zum Drogenkonsum gekommen. Der persönliche Umgang mit Krisensituationen entschied schließlich auch darüber, ob sich der gelegentliche Gebrauch in einen regelmäßigen verwandelte. Wenn am Ende der Pubertät die Straßenbanden auseinanderbrachen, standen die jungen Erwachsenen erneut am Scheideweg. Einigen gelang es zumindest an dieser Stelle, aus dem Drogenmilieu auszusteigen, andere starteten jetzt erst recht - "allein gelassen" von der ehemaligen Clique - ihre Drogenkarrieren.
Vortrag 2: F.W. Kersting, "Unruhediskurs" - Zeitgenössische Deutungen der 68er-Bewegung
War der "Raum" im ersten Beitrag noch ein klar benenn- und greifbares Gebiet, der verschiedene Gruppierungen beheimatete, ging es bei den zeitgenössischen Veröffentlichungen zu der studentischen Revolte von 68 eher um mental-symbolische Räume in den Köpfen der Gesellschaft. Die jungen Erwachsenen der 68er-Generation wollten Raum schaffen für eine neue Mentalität, eine "Kulturrevolution", wie es Franz-Werner Kersting auf den Punkt brachte. Ihre Forderungen und Äußerungen zum "veralteten System" wirbelten Staub auf, wie allein die literarische Reaktion auf die Protestwellen mit fünfundvierzig Veröffentlichungen innerhalb von drei Jahren beweist. Die konservativen Kritiker legten ihre Deutung der 68er-Bewegung nach Kersting meist als reine "Schadenbilanz" an[6] und zollten der Gegenseite dabei wenig Respekt: "Nicht ernst nehmen, es sind junge Leute" [7]. Die Sympathisanten hingegen, so der Vortragende weiter, sahen in den Protesten ein notwendiges Mittel, um die Demokratisierung der Adenauer-Gesellschaft voranzutreiben bzw. überhaupt erst in Gang zu bringen. So perspektivisch und einäugig die Kommentare auch geschrieben waren, sie hatten dennoch einen aufklärerischen Nutzen. Besonders die etwas jüngere Betrachtung der Ereignisse konnte den "Unruhediskurs" (Kersting) als Grundlage verwenden, um der nichtinformierten Öffentlichkeit die verschiedenen Meinungen näher zu bringen. Hierbei galt es vor allem die Wogen zwischen der vorangegangenen "skeptischen Generation" (Helmut Schelsky) und dem unangepassten Akademikernachwuchs der 60er Jahre zu glätten.
Der "Unruhe"-Topos war freilich nicht umsonst entstanden. Als Gegenpol zum vorherigen Denkmuster "Ruhe und Ordnung" enthielt allein der Begriff all jene Umwälzungen, die die Bundesrepublik in diesen Jahren durchmachte: "Unruhe" wurde zu einer Art "Kulturzustand" (Radkau). Dass die Gesellschaft wandlungsfähig und -bereit war, zeigen laut Kersting die ungewöhnlichen Gesprächskonstellationen, die sich angesichts der ebenso außergewöhnlichen Lage ergaben. Konservative und linke Stimmen sammelten sich in einem Band[8]. Argumentiert man mit der These von Reulecke, dass Jugenddelinquenz ein Prüfstein für die Kommunikationsfähigkeit der Gesellschaft sei, muss der aufmerksame Zuhörer diese der BRD hiernach wohl attestieren. Hätte das Abdriften einiger linker Akteure nicht zu einer neuen Polarisierung und Radikalisierung des gesellschaftlichen Klimas geführt, wäre es bei dieser lagerübergreifenden Offenheit vielleicht geblieben. Die RAF-Szene jedoch, so machte Kersting deutlich, hinterließ ihre Spuren und begrub über das verschärfte Sicherheitsdenken des Staates die Aufbruchsstimmung der 68er bald wieder unter sich.
Vortrag 3: T. Lindenberger, Rowdies im Systemkonflikt. Geheime und öffentliche Bilder der Jugenddelinquenz im Staatssozialismus
Auf der anderen Seite der Mauer wären Proteste, wie sie im Westen Deutschlands stattgefunden hatten, auf eine noch viel härtere Gegenwehr gestoßen. Ich denke, die Annahme ist berechtigt, dass die Studenten durch die allgegenwärtige Kontrolle der SED wahrscheinlich nicht einmal mehr im Ansatz eine Chance gehabt hätten, ihre Forderungen so lauthals zu verkünden. Dennoch waren es trotz allen Vorwissens auch in der ehemaligen DDR die Jugendlichen, die es wagten, sich von dem üblichen Sozialismusalltag zu lösen. Damals entstand die noch heute negativ besetzte Bezeichnung "Rowdy". In den 50er Jahren führten die Berliner Juristen Horst Luther und Karl-Heinz Speckhardt die dazugehörige Definition ein, die sich in den Köpfen der sozialistischen Gesellschaft festsetzte und quasi jeden Jugendlichen als potentielle Gefahr auswies. "Rowdytum" bezeichnete nämlich "nicht konkrete [verbrecherische] Handlungen, sondern eine gegen Staat und Gesellschaft gerichtete Gesinnung und demonstrative Absicht, aus denen heraus [kriminelle] Delikte begangen wurden". Zu diesem devianten Verhalten gehörte beispielsweise auch die Begeisterung für Jazz und Rock `n Roll, welche die Jugendlichen zu "gewissen irren Körperbewegungen" (Luther) verführte. Lindenberger gab zwar zu bedenken, dass das erwachsene Unverständnis gegenüber den neuesten musikalischen und modischen Trends keinesfalls eine interne DDR-Angelegenheit war, doch der Westen habe diese jugendliche Popkultur zumindest - wenn auch zähneknirschend - zu tolerieren vermocht. Im Osten hingegen sei zum Aspekt des Unbekannten erschwerend die Komponente der westlichen Herkunft dieser Jugendkultur hinzugekommen, so dass ihre Anhänger stets dem "Generalverdacht der Komplizenschaft mit dem Imperialismus" (Lindenberger) ausgesetzt waren[9]. Die SED hatte es mit einer nachhaltigen Besetzung von immer mehr Räumen zu tun, da sich die Jugendlichen sogar überörtliche Verbindungen schufen. Hinzu kamen vollkommen eigene soziale Räume, wie die nach westlichem Vorbild gegründeten Beatclubs, welche die Erwachsenenwelt bewusst außen vor ließen und sich als Nischen abseits der öffentlichen Kontrolle etablierten. So gefährlich die "Rowdies" der Parteispitze auch erschienen, habe man laut Lindenberger doch erkannt, dass man den Jugendlichen auf irgendeine Weise entgegenkommen musste, um sie nicht völlig der sozialistischen Einflussnahme zu entziehen. Die SED bemühte sich daher, eine eigene Massenkultur zu konstruieren, wie Lindenberger anhand dreier, ganz unterschiedlicher Filmbeispiele der DEFA vorexerzierte. Geleitet von der Prämisse "Wo wir nicht sind, ist der Feind" (Lindenberger), versuchte man die Jugend für sich zu gewinnen, indem man sich in ihre Gefühle und Grundeinstellungen hineinversetzte. So sei es auch im Film "Berlin - Ecke Schönhauser" [10] von 1957 geschehen, der den Jugendlichen ihre provokative Wirkungen auf ältere Mitbürger vermitteln sollte, aber gleichzeitig auch die umgekehrte Perspektive nicht vernachlässigte. Nicht nur deshalb, sondern vor allem aufgrund der den Film dominierenden Tanzszenen habe "Berlin - Ecke Schönhauser" wahre Begeisterungsstürme ausgelöst. Ein weiterer Film, der den Jugendlichen ihr despektierliches Verhalten vor Augen führen sollte, kam 1963 unter dem Titel "Die Glatzkopfbande" [11] auf die Leinwand. Hier sei noch stärker auf die Antipathie eines zerstörerischen Rowdytums gesetzt worden, das zudem mit den kahlgeschorenen Köpfen um ein angsteinflößendes Symbol reicher wurde. Zwar sei der Film bei den Jugendlichen schnell populär geworden, verfehlte aber seine ursprünglich abschreckende Wirkung. Ebenso wie bei "Berlin - Ecke Schönhauser", wo nach Lindenberger mehr die Tanzszenen als die versteckte Moral der Geschichte in Erinnerung blieben, wurde auch die "Glatzkopfbande" nach kurzem Erfolg wieder abgesetzt. Mit der Veröffentlichung des Films "Heißer Sommer" [12] 1968 hatte man aus diesen Erfahrungen offensichtlich gelernt. Hier sollte endlich eine friedliche Koexistenz zwischen internationaler Jugendkultur und realsozialistischer Jugendpolitik demonstriert werden. Hinweise auf die gefährliche westliche Beeinflussung geschahen viel subtiler, dennoch sei der Subtext für alle DDR-Zuschauer nach Lindenbergers Einschätzungen offenkundig gewesen.
In einer Rückschau auf die bisherigen Vorträge entsteht der Eindruck, dass der Kampf um "Räume" in der ehemaligen DDR weitaus härter geführt wurde. Besonders ins Auge fällt, wie schnell und gründlich man um Gegenmaßnahmen bemüht war. Wieder möchte ich an die Aussage von Prof. Reulecke erinnern, dass jugendliche Freiräume ein Prüfstein der gesellschaftlichen Kommunikationsfähigkeit seien und diese These gleichzeitig um die Prüfsteine Offenheit und Toleranz erweitern. Das Ergebnis in bezug auf die Reaktion der SED angesichts des unbekannten jugendlichen Selbstbewusstseins überrascht dabei natürlich nicht. Lindenberger hielt in seinem Vortrag fest, dass eine politisch "unschuldige" Darstellung von Rock `n Roll und Co. nicht gelingen wollte und somit zumindest der "virtuelle Raum" jugendlicher Popkultur nach Westen hin offen blieb.
Vortrag 4: K. Weinhauer, Vom Ende der Gewissheit: Jugenddelinquenz und Polizei in bundesdeutschen Großstädten der 60er und 70er Jahre
Der Beitrag von Detlef Briesen über die Entwicklungen von Jugenddelinquenz seit dem Ersten Weltkrieg ließ erahnen, dass die Bedrohung durch Jugendkriminalität auch in Deutschland schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Thema gewesen sein muss. Klaus Weinhauer hingegen spezialisierte sich in seinem Vortrag ausschließlich auf die 60er und 70er Jahre. Fakt ist, dass sich zu dieser Zeit markante Veränderungen in der Jugenddelinquenz abspielten, die besonders in der Polizeiarbeit bestimmte Umstellungen erforderten. Tummelten sich Jugendliche zuvor in reduzierten und damit überschaubaren Vierteln der jeweiligen Stadt[13], hatten sie nun immer mehr "Räume" für sich eingenommen, in denen sie ihren persönlichen Lebensstil zelebrierten - symbolisiert durch Kleidung, Musik und Drogen. Neben der räumlichen kam zu dieser Zeit eine soziale Entgrenzung hinzu, da sich das vormalige "Unterschichtenproblem Drogenkonsum" auch auf besser gestellte Schichten ausweitete. Wurden weiche Drogen (Cannabisprodukte und Halluzinogene wie LSD) bevorzugt in Gemeinschaft eingenommen, trennte sich bald die harte von der weichen Drogenszene. Während die letztere mit dem Drogenkonsum ein "gemeinsames Bewusstsein von umfassender Gleichgesinntheit trotz äußerer Heterogenität" verband, herrschte unter den Konsumenten harter Drogen (vornehmlich Heroin) geradezu Rivalität - vor allem um Geld. Für die Polizei gestaltete sich das Auffinden der weitaus gefährlicheren Junkies als eine zunehmend schwierigere Aufgabe, da diese meist als Einzelgänger unterwegs waren.
Ende der 60er Jahre entstand zudem eine völlig neue Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Es hatte sich eine neue Richtung jugendlichen Kults zusammengefunden, die sich der Gesellschaft mit proletarisch-rauhem Outfit und einer aggressiven, öffentlich zur Schau getragenen Männlichkeit präsentierte. Ähnlich wie die ihnen vorausgegangenen "Gammler" oder "Hippies" okkupierten nun die sogenannten "Rocker" Plätze, vertraten allerdings eine vollkommen gegensätzliche Position. Die Lebenseinstellung der Gammler war für sie ein Beleg allgemeingesellschaftlicher "Verweichlichungstendenzen", denen sie als kompletter Kontrast oft mit Gewalt begegneten. Als sich die großen Rockergruppen Anfang der 70er Jahre in mehrere kleine aufsplitterten, kam die Polizei dem "Tätertyp nach Rockerart" noch schwieriger auf die Schliche. Als Konsequenz daraus stieg die Zahl der jungen Gewalttäter 1972 innerhalb eines Jahres auf das Doppelte an[14]. Mit der allmählichen Abschaffung klar definierter Kategorien wurde die Bedrohung zugleich allgegenwärtiger und somit - um im Leitbild dieser Sektion zu bleiben - im großen Maße raumeinnehmend.
Fazit
Jeder der Vorträge zeigte auf seine Art den Zusammenhang zwischen Lebensraum und Jugenddelinquenz klar auf. Einerseits wurde der Einfluss einer bestimmten räumlichen Umgebung auf die Grundeinstellung der Heranwachsenden plausibel erläutert, andererseits wurde aber auch die Geisteshaltung einer ganzen Gesellschaft als ein "mental umkämpfter Raum" präsentiert, an deren "Innenausstattung" die Jugendlichen auf ihre Weise mitarbeiten wollen. In einer intakten Gemeinschaft muss diese Mitgestaltung meiner Meinung nach auch durchaus gewährleistet werden, doch wie so oft stellt sich die Frage nach den Grenzen. Wieviel Freiraum für die Jugend tut einer Gesellschaft gut, ab wann kann sie Schaden nehmen? Nachdem genug Beispiele dafür geliefert wurden, dass Jugenddelinquenz oft nur ein Angriff auf den Anspruch der Erwachsenenwelt ist, "Räume" allein zu beherrschen, sollte sich die Wissenschaft als nächstes mit der Frage auseinandersetzen, wie eine Gesellschaft verschiedene "space-communities" auf gleichberechtigte Weise zu integrieren in der Lage ist.
Anmerkungen:
[1] Eine noch größer angelegte Studie zu diesem Thema bietet der umfassende Vergleich zwischen den USA und Deutschland durch Detlef Briesen selbst in: Briesen, Recht und seine Wirkungen. Jugend, Drogen und Drogenkonsum in Deutschland und den USA seit dem Ersten Weltkrieg, Siegen 2004.
[2] Franz-Werner Kersting zitierte hiermit die beiden Politikwissenschaftler Alexander Schwan und Kurt Sontheimer, die mit diesen klaren Worten die Leitperspektive eines von ihnen 1969 herausgebrachten Sammelbandes zur antiautoritären Protestwelle der Außerparlamentarischen Opposition (APO) auf den Punkt brachten.
[3] Kersting hat bei seiner Analyse der zeitgenössischen Literatur den "geradezu inflationären" Gebrauch der "Unruhe" diagnostiziert und bezeichnet den damaligen Schlagabtausch von Protest-Geprägten sowie Protest-Geschädigten dementsprechend als "Unruhediskurs".
[4] Hierbei berufe ich mich auf einen Verweis des Vortragenden Weinhauer, der ein Zitat Trutz von Trothas heranzog, dass die "Komplementarität von Jugend und Jugendkriminalität" herausstreicht.
[5] Briesen bezog sich hier u.a. auf die Studien von David P. Ausubel und Howard S. Becker, hierfür sind exemplarisch zu nennen: Ausubel, An Evaluation of Recent Adolescent Drug addiction, in: Mental Hygiene Juli 1952, S. 373-82 sowie ders., Drug Addiction: physiological, psycological and sociological aspects, New York 1958 und Becker, Outsiders. Studies in the sociology of deviance, New York 1973.
[6] Repräsentativ dafür nannte Kersting den Philosophen Hermann Lübbe, den Historiker und Politikwissenschaftler Arnulf Baring sowie den ehemaligen CDU Bundesfamilienminister Bruno Heck: "Die Rebellion von 68 hat mehr Werte zerstört als das Dritte Reich" .
[7] Dieser ist nur einer von fünf Leitsprüchen, die die Redakteure des Bayerischen Rundfunks und Autoren der Fernseh- und Taschenbuchreihe "Was wollen die Studenten?" als Mehrheitsmeinung der Konservativen formuliert haben, vgl: Friedrich Mager/ Ulrich Spanniarke, Was wollen die Studenten?, Frankfurt/M. 1967. Die Leitsätze lauten wie folgt: 1. "Nicht ernst nehmen, es sind junge Leute", 2. "Studenten sollen nicht demonstrieren, sondern studieren", 3. "Wer von Vater oder Vater Staat unterhalten wird, soll den Mund nicht aufreißen", 4. "Nur Versager im Studium haben Zeit, auf die Straße zu gehen", 5. Es handelt sich um eine kleine Minderheit politischer Wirrköpfe und notorischer Radaubrüder".
[8] Erwin K. Scheuch (Hg.), Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft: eine kritische Untersuchung der "Neuen Linken" und ihrer Dogmen, Köln 1968.
[9] Näheres zum deutsch-deutschen Vergleich findet sich in der grundlegenden Studie von Uta G. Poiger, Jazz, Rocks and Rebels: cold war politics and American culture in a devided Germany, Berkeley, California 2000.
[10] Regie: Gerhard Klein, Buch: Wolfgang Kohlhaase.
[11] Regie: Richard Groschopp, Buch: Lothar Creutz.
[12] Regie: Joachim Hasler, Buch: Maurycy Janowski, Hasler.
[13] Weinhauer konzentriert sich bei seinen Analysen im Besonderen auf die Großstädte West-Berlin und Hamburg.
[14] Genauere Zahlen sind zu finden in: Klaus Weinhauer, Eliten, Generationen, Jugenddelinquenz und Innere Sicherheit: Die 1960er und die frühen 1970er Jahre in der Bundesrepublik in: Jörg Requate (Hg.), Recht und Justiz im gesellschaftlichen Aufbruch (1960-1975). Bundesrepublik Deutschland, Italien und Frankreich im Vergleich, Baden-Baden 2003, S. 33-58.
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