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"global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Wissensgeschichte"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Schweizerische Gesellschaft für Geschichte; Universität Fribourg
Datum, Ort:07.02.2013-09.02.2013, Freiburg (Schweiz)

Bericht von:
Malte Bachem / Alban Frei, Institut für Geschichte, ETH Zürich
E-Mail: <malte.bachemhistory.gess.ethz.ch>; <alban.freihistory.gess.ethz.ch>

Wissensgeschichte hat Konjunktur. Und die Schweiz ist einer ihrer Motoren. Das zeigt sich nicht nur am seit 2005 bestehenden Zentrum Geschichte des Wissens in Zürich, sondern auch in jüngsten historischen Forschungen quer durch alle Universitäten.[1] Mit Wissensgeschichte lassen sich historische Methoden assoziieren, disziplinäre Traditionen brechen und Forschungsanträge begründen. Grundlegende Inspirationen hat die Wissensgeschichte vor allem aus dem Umfeld der Wissenschaftsgeschichte gezogen, von der sie sich jedoch durch einen verbreiterten historischen Zugang abgrenzt. Während die Wissenschaftsgeschichte ihren Blick verstärkt auf (naturwissenschaftliche) Expertenkulturen, Popularisierungsprozesse und Institutionen richtet, legt die Wissensgeschichte ihr Erkenntnisinteresse stärker auf gesamtgesellschaftliche Prozesse. Wie Daniel Speich Chassé und David Gugerli darlegen, geht die Wissensgeschichte prinzipiell von einem „verschränkten Wechselspiel“ wissenschaftlicher und alltagskultureller Deutungsweisen aus.[2] Thematisch stehen dabei häufig „gegenwärtige Konstellationen im Verhältnis von Wissen, Wissenschaft, Technik und Gesellschaft“ im Mittelpunkt.[3]

Zu den Schwierigkeiten bei der disziplinären Selbstjustierung gehört, dass sich die Wissensgeschichte nicht ganz von einer Gesellschaftsdiagnose entkoppeln lässt, die Wissen zur wichtigsten Ressource der Gegenwart erklärt. Diese Verbindung birgt das Risiko, eine zeitgeschichtliche Kategorie als historische Universalie zu verwenden und damit analytisch zu entwerten. Um ein Beispiel zu nennen: Auch wenn in mittelalterlichen Klöstern Wissen aktiviert, verbreitet und entwertet wurde, wäre es anachronistisch, für das Mittelalter von einer Wissensgesellschaft zu sprechen. Vielmehr ist Wissensgesellschaft ein Ausdruck sozialer Selbstbeschreibung, der seit den 1970er-Jahren in enger Verbindung mit Attributen wie postindustriell oder spätmodern seine Wirkmächtigkeit entfaltete. Die wissensgeschichtliche Forschung muss sich allerdings nicht den Vorwurf machen, in den vergangenen Jahren gänzlich unreflektiert mit ihrer eigenen historischen Situiertet umgegangen zu sein: Jakob Vogels Aufruf zu einer Historisierung der Wissensgesellschaft ist bald zehn Jahre alt.[4]

Auch auf den 3. Schweizerischen Geschichtstagen zum Schwerpunktthema „global – lokal“ stand Wissensgeschichte auf dem Programm. Die Liste der Panels nach Themenbereichen führte unter anderem „Wissenstransfer, Netzwerke und transkulturelle Kommunikation, Mediengeschichte“ auf. Aber auch jenseits dieser Einteilung fanden sich unter den 90 Panels mehrere, in denen wissensgeschichtliche Arbeiten präsentiert wurden.[5] Leider waren diese oft zeitgleich angesetzt, so dass sich dieser Bericht auf eine Auswahl beschränken muss.

In der Keynote „Is all knowledge local? Aporien einer globalisierten Wissensgeschichte“ nutzte ARNDT BRENDECKE (München) das Rahmenthema “global – lokal“ um über die Ortsgebundenheit von Wissensproduktion zu reflektieren. Als Einstieg präsentierte Brendecke eine Fotografie der repräsentativen Großen Halle in Adolf Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg. In dieser propagandistischen Inszenierung wurden sowohl ein Globus abgebildet, wie auch ein großes Panoramafenster, das einen Ausblick auf die Berchtesgadener Alpen ermöglicht. Mit Hilfe dieses emblematischen Bildes präsentierte Brendecke seine Thesen: Erstens sei bei der Frage der Örtlichkeit von Wissen nicht die Polarität vom Lokalen und Globalen zu untersuchen, sondern immer die Bezugnahmen zwischen diesen beiden. Wissen stütze sich immer auf das Lokale ab (die Berchtesgadener Berge), sei der Machtanspruch auch noch so global (der Globus). Zweitens werde der Ortsbezug immer über mediale Techniken vermittelt, seien es die Mercator-Projektionen auf dem Globus oder das Gitterraster des Panoramafensters. Durch die mediale Vermittlung werde das Dargestellte gleichzeitig verfremdet und für Intervention verfügbar gemacht.

Die Verkoppelung von lokal und global, die medialen Schirme der Weltbeschreibung und die Verknüpfung von epistemischer und politischer Macht exemplifizierte Brendecke anschließend an zwei Fallbeispielen aus dem frühneuzeitlichen Kolonialreich Spanien. So seien die Versuche der kastilischen Obrigkeit, die Atlantikseefahrt mittels einer Musterseekarte zu normieren, als mediale Verfügbarmachung der Welt zu deuten. Der Beschreibungsakt habe der Wissensakkumulierung und -monopolisierung gedient aber gleichzeitig auch die Interaktion der Seefahrer mit der Welt verändert. Der gesetzlich regulierte Wissenserwerb sei konfliktreich gewesen, weil lokal erworbenes Erfahrungswissen über einen medialen „semipermeablen“ Schirm in eine global einsetzbare Ressource transformiert werden musste. Dabei sei ein Aushandlungsprozess zwischen den Seefahrern und dem königlichen Kartographen, den Praktikern und den Theoretikern und damit zwischen partikularen und monopolisierten Wissensordnungen notwendig gewesen. Verfahren der Standardisierung, Verknappung und Regulierung auf Seiten der Theoretiker seien dem Erfahrungswissen und der Navigationspraxis der Seefahrer gegenüber gestanden. Beide Seiten hätten sich bei der Konstruktion der epistemischen Ordnung der nautischen Karten beeinflusst; Partikularismen flossen in das Standardwissen ein und das Standardwissen wirkte wiederum auf die Praxis des partikularen Wissenserwerbs zur See.

In seinem zweiten Fallbeispiel rückte Brendecke den Zusammenhang von politischer und epistemischer Macht stärker ins Zentrum. In der Funktion des obersten Chronisten und Kosmographen der spanischen Territorien in Amerika seien Historiographie und politische Macht eng verknüpft gewesen. Der oberste Chronist hatte die Aufgabe, eine vollständige Beschreibung der neuen Territorien herzustellen und verfügte hierfür über die Macht, Wissen zu monopolisieren. Trotz der privilegierten Position seien aber die Chronisten historiographisch nicht produktiv gewesen. Der oberste Kosmograph und Chronist habe sich bei seiner epistemischen Praxis ebenso Aushandlungsprozessen zwischen lokalem und globalisiertem Wissen stellen müssen, wie er politische und historiographische Partikularismen aus den Provinzen zu berücksichtigen hatte. Diese Anspruchs- und Wissensüberforderung habe es dem Funktionsträger verunmöglicht, eine alles beschreibende Chronik zu verfassen. Anhand dieser Beispiele zeigte Brendecke den Raumbezug epistemischer Praxen. Geschickt hielt Brendecke damit der Globalgeschichte einen Spiegel vor und forderte dazu auf, die impliziten Lokalbezüge der eigenen historischen Konstruktionsarbeit zu reflektieren.

Das Verhältnis von Wissen und militärischer Kultur stand im Zentrum eines von Heinrich Hartmann und Pascal Germann organisierten Panels. Gemeinsam war den Referenten ein „gewisses Unwohlsein“ aufgrund der Marginalität des Militärischen in der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte. Militärische Kultur und Praxis sei im 19. und im 20. Jahrhundert in vielen Lebensbereichen wirkmächtig gewesen und habe etwa Vorstellungen von Hierarchie und Organisation geprägt.

SVENJA GOLTERMANN (Zürich) lieferte in ihrem Referat „Die Produktion von Opfern: Medizin und Krieg im langen 19. Jahrhundert“ ein Beispiel für das Verhältnis von Krieg und Wissensproduktion. Die Referentin stellte nicht nur den Einfluss des Krieges auf die Chirurgie dar, sondern auch, wie sich die Wahrnehmung von Kriegen durch diese Wissenspraktiken veränderte. Anschaulich werde diese reziproke Beeinflussung am Fallbeispiel der sogenannten Dum-Dum Geschosse. So hätten die aus Kriegsstatistiken und Experimenten gewonnen Daten von tödlichen Schussverletzungen nicht nur zur Veränderung der chirurgischen Praxis, sondern auch zur Entwicklung eines neuen Munitionstyp geführt, der weniger gravierende Verletzungen verursachen sollte. Die an dieser technologischen Entwicklung beteiligten Militärärzte schrieben sich mit ihrer Expertise in den Diskurs der Humanisierung des Krieges ein und verbreiteten eine durch wissenschaftliche Abstraktionsleistungen gefärbte Sichtweise eines kalkulierbaren und sauberen Krieges.

Um medizinische Aufschreibungspraktiken ging es auch in HEINRICH HARTMANNs (Basel) Vortrag „Von der Geomorphologie des Aargau zu den militärischen Pathologien Europas. Das Militär als Schnittpunkt anthropologischer Krisendiskurse, 1860-1900.“ Anhand einer geognostischen Kropfkarte eines Aargauer Militärarztes zeigte Hartmann, wie zwei mangelhafte Datenbestände über das Medium der Karte in ein stabiles Wissen überführt wurden. Die Verbindung von Aushebungsdaten mit geomorphologischen Beobachtungen sollte nach den Intentionen des Verfassers ein Instrument zur effizienteren Rekrutierung bieten. Der Militärarzt stellte denn auch aufgrund seiner lokal gewonnenen Daten eine „geognostische Kropfkarte“ Europas her und visualisierte dabei anthropologische Wissensbestände und stereotype Rassismen. Dieses Beispiel erlaubte auch, einen Bezug zum Rahmenthema der Geschichtstage „lokal – global“ herzustellen, indem es die Applikation lokal gewonnen Wissens auf einen europäischen Rahmen darstellte.

Eine zusätzliche zeitliche Dimension eröffnete PASCAL GERMANN (Zürich) mit seinen Ausführungen zur Blutgruppenforschung und zum Blutspendedienst nach 1945 in der Schweiz. Das Blut wurde, wie Germann argumentierte, diskursiv als Ressource für Autarkie, Wehrhaftigkeit und Wissenschaftlichkeit in Stellung gebracht. Durch die sich überschneidenden Interessenlagen hätten sowohl der Blutspendedienst, wie auch die Blutgruppenforschung im kulturellen Setting des Kalten Krieges ihre Tätigkeiten massiv ausbauen können. Die engen Verstrickungen militärischer, ziviler und wissenschaftlicher Führungskreise zeigte Germann unter anderem an der sogenannten „Genkarte der Schweiz“. Diese international als „Durchbruch in der Genetischen Geographie“ gefeierte wissenschaftliche Visualisierung bezog ihre Daten aus routinemäßig bei der Soldatenrekrutierung erhobenen Blutgruppendaten. Durch den Blutspendedienst und die Blutgruppenforschungen sei nicht nur Militär und Forschung miteinander in Beziehung gesetzt, sondern das Blut selbst zu einer wissenschaftlichen und militärischen Ressource transformiert und in eine nationale Semantik eingebunden worden.

Das Panel bot ein gutes Beispiel dafür, wie ein wissenshistorischer Zugang produktiv auf traditionelle Bereiche der Geschichtswissenschaft wirken kann. Dies betonte auch JAKOB VOGEL (Paris) in seinem Kommentar. Wissensgeschichte müsse sich um gesellschaftliche Bereiche kümmern, die bisher ausgeklammert wurden, wenn sie ihr Innovationspotential weiterhin abrufen wolle. Das Militär habe in vielfacher Weise an gesellschaftlichen Wissensordnungen partizipiert und zwar nicht nur im Bereich der Medizin. Hier bestehe, so waren sich die Teilnehmer einig, noch erheblicher Forschungsbedarf.

Die Diagnose der Wissensgesellschaft wird von HistorikerInnen nicht nur auf die jüngere und jüngste Vergangenheit bezogen, sondern mitunter zeitlich und thematisch ausgedehnt. So trug das von Peter Moser (Bern) organisierte Panel den Titel: „Die Genese der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft. Wissenschaftliche Theorien und Praxiswissen in der Nutzung von Tieren und Pflanzen (18.-20. Jahrhundert)“. Das Konzept der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft stellte JURI AUDERSET (Fribourg) vor. Die Geschichte der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert – so die Ausgangsthese – sei nur zu verstehen, wenn Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Industriegesellschaft untersucht würden. Das Verhältnis von Agrar- und Industriegesellschaft sei durch ressourcenbedingte Spannungen geprägt gewesen: Während in der Agrarproduktion die Nutzung von Tieren und Pflanzen durch biologische und ökologische Zyklen determiniert gewesen sei, sei die Industrieproduktion lediglich von Kapitalgütern und Technologien abhängig gewesen. Für die daraus entstehenden Ungleichzeitigkeiten habe sich bereits im 19. Jahrhundert ein Problembewusstsein entwickelt. Als Lösung sei ein Transfer von industriell-naturwissenschaftlichem Wissen in den Agrarbereich verhandelt worden.

Ein Fokus des Panels richtete sich auf Akteure, die an den Aushandlungsprozessen der agrarisch-industriellen Wissensordnungen beteiligt waren. So referierte PETER MOSER (Bern), Archiv für Agrargeschichte, über die „Bedeutung und Auswirkungen des Buchführens auf Bauernbetriebe im 19./20. Jahrhundert“. Moser fokussierte vor allem auf Wissenstransfers zwischen Akademikern (etwa Agronomen der Eidgenössischen polytechnischen Schule/ETH Zürich) und nicht-akademischen Akteuren (bäuerlich-ländliche Bevölkerung). Durch die Einführung der Buchführung seien Landwirte mit Wissenssystemen der Industriegesellschaft in Beziehung getreten. Einerseits zeige sich hier, wie die Industriegesellschaft nicht nur durch „neues“, industrielles Wissen geprägt worden sei, sondern auch durch agrarisches Wissen. Andererseits sei bei diesen Transfers jedoch lokales Erfahrungswissen zu Gunsten akademischen Wissens massiv abgewertet worden.

BEAT BÄCHI (Bern), ebenfalls vom Archiv für Agrargeschichte, referierte über „Tierzucht und Ökonomien der Reproduktion“. Während die historische Beschäftigung mit Haustieren derzeit einen regelrechten Boom erfahre, blieben Nutztiere weitgehend unberücksichtigt. Dabei nähmen Konzepte und Praktiken wie Züchtung, Vererbung und Reproduktion spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Lebenswissenschaften und Ökonomie ein. Am Beispiel von Viehschauen, Hormonforschung und künstlicher Besamung ging Bächi der Frage nach, in welche Bezugssysteme das Wissen über Nutztiere eingebunden war und wie den Tieren gesellschaftlicher Wandel eingeschrieben wurde. In welcher Weise die Industrialisierung und die Verwissenschaftlichung des Lebenden miteinander verschränkt waren, machte Bächi an Experimenten zur Unfruchtbarkeit bei Stieren aus den 1920er-Jahren deutlich. Forschungen wie die des Veterinärmediziners Fritz Grüter deutete Bächi als Ausdruck hegemonialer Diskurse und Praktiken, die den Stall seit dem späten 19. Jahrhundert zugleich in ein Labor und in eine Fabrik zu verwandeln versuchten. Das Lebende habe den Status einer Ressource erhalten, die nach den Regeln der Industriegesellschaft gemanaged werden sollte. Den Aspekt „global – lokal“ nahm Bächi am Thema der künstlichen Besamung auf. Durch diese Technik, die in der Nachkriegszeit auch in der Schweiz Verbreitung fand, sei Stiersperma zunehmend von einer lokalen zu einer global übertrag- und nutzbaren Ressource geworden.

Einem aus Schweizer Sicht eher spärlich erforschten Thema widmete sich das Panel „Cold War Sciences global – lokal”, organisiert von Silvia Berger und Sibylle Marti. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass eine Untersuchung des Kalten Krieges als rein globales Phänomen zu kurz greife. Das im Bereich der Cold War Sciences entstandene Wissen sei zwar in internationale Kontexte eingebunden gewesen, habe jedoch gleichzeitig immer auch lokale Ausprägungen erfahren und einer nationalen Legitimation und Akzeptanz bedurft. Anstatt globale Pauschalierungen vorzunehmen, sollte der historische Blick vielmehr auf Wissenstransfers zwischen konkreten lokalen und globalen Kontexten gerichtet werden.

SILVIA BERGER (Zürich) beschäftigte sich in ihrem Referat mit der Schweizerischen Bunkerforschung als Form der angewandten Cold War Sciences. Berger fokussierte auf transatlantische Wissenstransfers und nahm dabei die Bedeutung von immutable mobiles (Bruno Latour) genauer in den Blick. So sei das Buch „The Effects of Nuclear Weapons“, das 1957 von der US-amerikanischen Atomenergiebehörde herausgegeben wurde, zum spirititus rector der Schweizerischen Bunkerforschung geworden, deren Aktivität sich massgeblich im Umfeld der ETH Zürich verdichtetet hätte. Das in die Schweiz transferierte Bunkerwissen sei jedoch nicht eins zu eins übernommen worden, sondern hätte durch Adaptionsprozesse in lokal wirkmächtiges Wissen übersetzt werden müssen. Das so transformierte Know-How zirkulierte zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurück in die USA, wo schweizerische Bunkersysteme als nachahmenswert wahrgenommen wurden und sich zum Verkaufsschlager entwickelten.

Im Beitrag von SIBYLLE MARTI (Zürich) ging es um „Strahlenforschung und Forschungsförderung in der Schweiz des Kalten Krieges“. Marti interessierte sich vor allem dafür, welches „Strahlenwissen“ von Seiten der staatlichen Forschungsförderung als besonders relevant bewertet wurde. In ihrem Fazit unterschied Marti drei Konjunkturen strahlenbiologischen Wissens: Zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs bis Mitte der 1950er-Jahre sei der Schwerpunkt auf das kriegstechnologische Potential gelegt worden. Anschließend, in den 1960er-Jahren, habe der Bevölkerungsschutz im Zentrum gestanden. Mit der umweltpolitischen Wende um 1970 seien dann Strahlenforschung, Umweltforschung und Toxikologie ineinander übergegangen.

In einer synthetisierenden Perspektive betonte BRUNO STRASSER (Genf) die Verwobenheit von Wissenschaft und Politik im Kalten Krieg und stellte die Frage nach der Neutralität der Cold War Sciences. Strasser problematisierte die Standarderzählung, nach der Wissenschaft immer politisch und nie neutral sei. Eingebunden in internationale Gefüge (aus Schweizer Sicht sowohl in Richtung Westen, wie auch in Richtung Osten), sei es den Nationalstaaten vielmehr darum gegangen, wissenschaftliches Wissen zu demilitarisieren. So ließe sich Neutralität nicht als inhärentes Merkmal von Wissenschaft beschreiben, sondern als Produkt politischer Aushandlungsprozesse.

Kommentiert wurden die Panelbeiträge von MONIKA DOMMANN (Basel/Zürich). Dommann, plädierte für eine wissen(schafts)geschichtliche Perspektiverweiterung, die den Blick stärker auch Richtung Osten lenkt und die Schweiz nicht vorschnell als Beispiel für die Produktion „amerikanischer Hegemonie“ (John Krige) darstellt. Zu diskutieren sei außerdem, inwiefern die Wissensproduktion im Kalten Krieg durch die Logik von Krieg&Frieden beeinflusst worden sei. Weitgehend ungeklärt sei, inwiefern diese Binarität auch als forschungsstrategisches Argument gedient habe.

Wissen wurde an den Schweizerischen Geschichtstagen als inhaltlicher Fokus, analytische Kategorie und methodischer Zugriff vorgestellt. Auffallend war die Breite wissenshistorischer Forschung. Gerade die Offenheit der Wissensgeschichte stellt aber auch Herausforderungen an die Forschenden und setzt hohe Ansprüche an eine theoretische Reflektion. Die Tücken des Konzeptes waren auch an den Geschichtstagen ersichtlich, etwa im Panel von THOMAS LAU (Fribourg) über den „Wissenstransfer in diplomatischen Diensten“. Die Referenten präsentierten eine solide frühneuzeitliche Diplomatiegeschichte. Eine Darstellung kultureller Transferprozesse und die Analyse von Zirkulationsdynamiken diplomatischer Wissensbestände blieben jedoch trotz des einschlägigen Titels außen vor. Hier zeigte sich, dass der wissenshistorische Ansatz gerade aufgrund seines breiten Geltungsbereichs auf einen reflektierten Umgang mit dem Wissensbegriff angewiesen ist, sonst droht dessen analytische Entwertung. Im Großen und Ganzen hat sich aber im Panoptikum der Schweizerischen Geschichtstage das Potenzial der Wissensgeschichte zu erkennen gegeben, besonders dann, wenn Historiker und Historikerinnen den Fokus Wissen auf traditionelle Geschichtsbereiche wie die Militär- oder Agrargeschichte richteten. Zusammenfassend sind zwei Tendenzen festzuhalten: Erstens widersetzen sich wissensgeschichtliche Ansätze trivialen Polaritäten wie lokal – global oder Theorie − Praxis. Dies hat sich nicht nur in der Keynote von Arndt Brendecke gezeigt, sondern auch in den vielfachen Bezugnahmen auf das in einer Polarität gefasste Tagungsthema global – lokal. In den wissensgeschichtlichen Fokus rücken vielmehr die Zwischenräume, die Verkopplungen, die Austauschbeziehungen und die Transformationen zwischen den Polen. Zweitens wirkt nicht nur die Wissensgeschichte auf andere Geschichtsbereiche ein, sondern wird selbst auch durch diese verändert. So befruchtet beispielsweise die Wissensgeschichte die Militärgeschichte, profitiert aber reziprok auch von militärhistorischen Zugängen und Arbeitsweisen. Diese Austauschbeziehungen bürgen für das Innovationspotenzial der Wissensgeschichte.

Konferenzübersicht: „global – lokal“. Schweizerische Geschichtstage 2013, Wissensgeschichte

Keynote
Arndt Brendecke (Ludwig-Maximilians-Universität München): „Is all knowledge local? Aporien einer globalisierten Wissensgeschichte“

Wissen und Hierarchie. Lokale und transnationale Dimensionen militärischer Wissensordnungen im 19. und 20. Jahrhundert
Verantwortung: Heinrich Hartmann (Universität Basel) / Pascal Germann (Universität Zürich).

Svenja Goltermann, (Universität Zürich): Die Produktion von Opfern: Medizin und Krieg im langen 19. Jahrhundert.
Claire Fredj (Université Paris X, Nanterre): Du local au global: les médecins militaires français, l’expérience algérienne et les réflexions sur les «maladies des pays chauds».
Heinrich Hartmann (Basel): Von der Geomorphologie des Aargau zu den militärischen Pathologien Europas. Das Militär als Schnittpunkt anthropologischer Krisendiskurse, 1860-1900.
Pascal Germann (Universität Zürich): Blut im Kalten Krieg. Blutspendedienst, Blutgruppenforschung und totale Landesverteidigung in der Schweiz, 1945-1960.
Jakob Vogel: Kommentar im Panel Wissen und Hierarchie. Lokale und transnationale Dimensionen militärischer Wissensordnungen im 19. und 20. Jahrhundert

Die Genese der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft. Wissenschaftliche Theorien und Praxiswissen in der Nutzung von Tieren und Pflanzen (18.-20. Jahrhundert)
Organisation: Peter Moser (Archiv für Agrargeschichte), Moderation: Juri Auderset (Universität Fribourg)

Peter Moser (Archiv für Agrargeschichte): „Die Geschichtsschreibung aller Geschäftsvorfälle“? Über die Bedeutung und Auswirkungen des Buchführens auf Bauernbetrieben im 19./20. Jahrhundert.
Gerrendina Gerber-Visser: Viehzucht vernetzt – Die Oekonomische Gesellschaft Bern und die Viehzucht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Beat Bächi: Tierzucht und Ökonomien der Reproduktion: „Die Erbfaktoren verhalten sich, wie die Menschen, je nach ihrer Vergesellschaftung anders“.

Cold War Sciences global – lokal
Organisation: Silvia Berger (Universität Zürich) / Sybille Marti (Universität Zürich). Moderation: Monika Dommann (Universität Basel).

Sibylle Marti (Universität Zürich): Strahlenwissen. Strahlenforschung und Forschungsförderung in der Schweiz des Kalten Krieges.
Silvia Berger (Universität Zürich): Von der Nevada Test Site zum Betonbunker: Transatlantische Wissenstransfers und Netzwerke der Schweizerischen Schutzraumforschung.
Bruno Strasser (Universität Genf): Science, the military and the cold war: a perspective from international scientific cooperation.
Nadine Ritzer (Pädagogische Hochschule Bern): Morgarten oder My Lai? Heisse Diskussionen über die Wissensvermittlung an Schweizer Schulen im Zeichen des Kalten Krieges.
Monika Dommann (Universität Basel): Koreferat im Panel Cold War Sciences global – local.

Wissenstransfer in diplomatischen Diensten. Eidgenössische Reiseberichte aus London, Wien und Rom aus dem 17. Jh.
Organisation: Thomas Lau (Universität Fribourg), Moderation: Andreas Behr (Universität Fribourg)

Cécile Bannwart (Universität Fribourg) / Ursina Rathgeb (Universität Fribourg): Johann Jakob Stockars Reise nach London (1653-54).
Maria Teresa Delgado Luchner (Universität Fribourg) / Elise Marion (Universität Fribourg): Johann Georg Wagners Italienische Summer oder Römer Reyß (1664).
Benjamin Krebs (Universität Fribourg) / Severin Marty (Universität Fribourg): Beat Holzhalbs Reise nach Wien (1677).
Wolfgang Reinhard (Universität Augsburg, Max-Weber-Kolleg Erfurt): Koreferat im Panel Wissenstransfer in diplomatischen Diensten. Eidgenössische Reiseberichte aus London, Wien und Rom aus dem 17. Jh.

Anmerkungen:
[1] Philipp Sarasin, Was ist Wissensgeschichte?, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36, 2011, S. 59-172. Siehe auch die Ausgabe von Geschichte und Gesellschaft zum Thema „Wissensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte“ (Heft 4/2008).
[2] Daniel Speich Chassé / David Gugerli, Wissensgeschichte. Eine Standortbestimmung, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte, 1/2012, S. 85-100, hier S. 94.
[3] Daniel Speich Chassé / David Gugerli, Wissensgeschichte. Eine Standortbestimmung, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte, 1/2012, S. 85-100, hier S. 86.
[4] Jakob Vogel, Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte. Für eine Historisierung der „Wissensgesellschaft“, in: Geschichte und Gesellschaft 30, 2004, S. 639-660.
[5] Die Auswahl an wissensgeschichtlich ausgerichteten Panels auf den Geschichtstagen war zu gross, um sie in diesem Bericht abdecken zu können. Zu den vielversprechenden, aber zeitgleich angesetzten Veranstaltungstiteln zählten unter anderem: Die globale Zirkulation von Repressionswissen im 19. und 20. Jahrhundert (Organisation Stefan Scheuzger) sowie Universal knowledge and its constituents: southern African flora and fauna in history (Organisation Patrick Harries).

ZitierweiseTagungsbericht "global – lokal". 3. Schweizerische Geschichtstage: Querschnittsbericht "Wissensgeschichte". 07.02.2013-09.02.2013, Freiburg (Schweiz), in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4738>.

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