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Blackbox Youth. New Perspectives on East-European Youth Cultures

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Freie Universität Berlin
Datum, Ort:02.11.2012–04.11.2012, Berlin

Bericht von:
Judith Geffert / Martina Wepfer, Peter Szondi-Institut, Freie Universität Berlin; Katrina Geske, John-F.-Kennedy-Institut, Freie Universität Berlin; Andrea Mezei / Dominik Vorhölter, Osteuropa-Institut, Freie Universität Berlin
E-Mail: <jgeffertzedat.fu-berlin.de>; <mawe88zedat.fu-berlin.de>; <katrinageskezedat.fu-berlin.de>; <mezeian46474zedat.fu-berlin.de>; <dominikvzedat.fu-berlin.de>

Jugend symbolisiert die Zukunft der Gesellschaft, das gilt auch für die Länder Osteuropas. Die gesellschaftlichen Umwälzungen in der Region bedeuten demnach eine besonders große Herausforderung für junge Menschen. Und gerade angesichts von gesellschaftspolitischen Ereignissen wie etwa den farbigen Revolutionen in Serbien, der Ukraine oder Georgien wurde in den letzten Jahren vermehrt die Rolle der Jugend in den aktuellen sozialen, politischen und kulturellen Entwicklungen diskutiert. Dabei sind widersprüchliche Tendenzen zu beobachten. Einerseits haben wir es mit einer Reihe von Ereignissen zu tun, anhand derer die Bedeutung der jungen Generationen offensichtlich wird, wie etwa das starke politische Engagement von Jugendlichen in oppositionellen oder im Gegenteil in staatlich gelenkten Bewegungen. Andererseits ist immer wieder von einer gefährlichen Politikverdrossenheit die Rede, die sich auch aus der Desillusionierung über den Verlauf der bisherigen postsozialistischen Reformprozesse speist.

Während all dies die Bedeutung der jungen Altersgruppen als gesellschaftlichem Gestaltungsfaktor evident macht, erscheint „Jugend“ gleichzeitig als zunehmend unklarer Begriff. Denn viele der Verhaltensmuster und Praktiken von Jugendlichen in den gegenwärtigen postindustriellen und globalisierten Gesellschaften können kaum noch als spezifisch jugendlich gelten. Es ist demnach fraglich, ob die etablierten Kategorien zur Beschreibung von Jugend heute noch ausreichen. Zumindest erscheint es unverzichtbar, die Frage nach einem angemessenen Verständnis von Jugend neu zu stellen.

Diese Aufgabe stellte sich die von Matthias Schwartz und Heike Winkel von der Freien Universität Berlin organisierte Tagung „Blackbox Youth – New Perspectives on East-European Youth Cultures“, die vom 02.-04. November 2012 stattfand. Eine internationale Forschergruppe mit Vertretern aus politik-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen beschäftigte sich dort mit aktuellen Phänomenen osteuropäischer Jugendkulturen und Ansätzen und Konzepten zu ihrer Beschreibung.

Die grundsätzliche Frage, ob die spezifische Situation Jugendlicher im postsozialistischen Raum auch eine neue Konzeptualisierung des Begriffs von Jugend und entsprechend neues analytisches Handwerkszeug brauche, griff KEN ROBERTS (Liverpool) in seinem Eröffnungsvortrag auf. Ausgehend von einem breiten empirischen Material aus 27 osteuropäischen und mittelasiatischen Ländern konstatierte Roberts, dass Jugendliche der 89er-Generation einem doppelten Transformationsprozess ausgesetzt gewesen seien, einerseits der Pubertät und andererseits ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Strukturveränderungen. Dies, so seine These, habe eine zunehmende Individualisierung, aber auch Desillusionierung hinsichtlich politischen Engagements mit sich gebracht. Die spezifischen osteuropäischen Entwicklungen könnten jedoch zureichend mit dem im Westen etablierten sozialwissenschaftlichen Instrumentarium beschrieben werden. Demgegenüber hob HILLARY PILKINGTON (Manchester) hervor, dass die Forschungskonzepte an die spezifischen Begebenheiten der Jugendkulturen in Osteuropa anzugleichen seien. In ihrem Vortrag über die Punkszene der nordrussischen Kleinstadt Workuta schlug sie vor, den Fokus von einer klar definierten Subkultur, die sich durch eine strikte Abgrenzung von der dominierenden Alltagskultur auszeichnet, hin zu alltäglichen subkulturellen Praktiken und Verhaltensweisen zu verlagern. Es ging ihr vor allem darum, Subkultur nicht länger isoliert, sondern als Teil des täglichen Lebens zu begreifen. Dies bedeute auch eine grundsätzliche Revision gängiger Differenzierungen von Freizeit und Arbeit, Mainstream und Subkultur, Individuellem und Kollektiven, Imaginärem und Sozialem.

So widmete sich ein Schwerpunkt der Konferenz der Revision des Sozialen anhand der spezifisch post-sozialistischen Verschiebungen in den Alltags- und Freizeitpraktiken von Jugendlichen. HERWIG REITER und CHRISTINE STEINER (beide München) zeigten in ihrer Vergleichsstudie der Lebensläufe zweier dem eher „bürgerlichen“ Milieu entstammender junger Männer aus Ostdeutschland und Litauen die Anpassungsfähigkeit der von Ken Roberts so genannten 89er-Generation. Nach dem Zerfall des Ostblocks habe sich eine ‚accelerated youth‘ entwickelt, welche die radikalen Veränderungen in ihren Ländern als Voraussetzung für ihren gesellschaftlichen Aufstieg akzeptiere und mit neu aufgekommenen Unsicherheiten wie Arbeitslosigkeit und Emigration umzugehen lerne. Die These, dass sich eine spezifisch post-sozialistische Jugendkultur über ihre Praktiken und Gewohnheiten beschreiben lasse, verfolgte auch STEFAN KIRMSE (Berlin). Dabei interessierte ihn vor allem, wie sich in Zentral-Asien aktuell lokale Jugendkulturen vor dem Hintergrund der Globalisierung von regionalen sozialen und ökonomischen Strukturen entwickeln. Er tat dies am Beispiel des ‚guljat’, dem „Herumlaufen“ durch die Stadt. Kirmse zeigte, dass diese Freizeitaktivität konkrete lokal spezifische Funktionen erfüllt (temporäre Flucht aus herkömmlichen Sozialstrukturen wie Familie, Religionsgemeinschaft und Geschlechterrollen) und als eine Form der Eroberung des urbanen Raums zugleich generellen Praktiken einer globalen Jugendkultur folgt. In der Organisation des öffentlichen Raumes zeigt sich demnach die Hybridität einer Jugendkultur zwischen postsozialistischen Bedingtheiten und globalen Strömungen.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt der Konferenz lag auf der Transformation des Imaginären, also auf der Frage, wie sich mediale Repräsentationen und Bilder von Jugendlichen in der öffentlichen Wahrnehmung und Selbstinszenierung ändern. Eine historische Perspektive eröffnete CATRIONA KELLY (Oxford), die mit ihrem Vortrag darüber aufklärte, dass mit dem Systemumbruch auch in Russland der ‚Tinejdžer’ entdeckt wurde und Jugendliche somit erstmals als Pubertierende wahrgenommen wurden. Kelly zeigte diesen doppelten Transformationsprozess als kulturellen Wandlungsprozess, der Rollenbilder von Kindern und Jugendlichen nicht mehr durch politische Propaganda und gesellschaftliche Tabus, sondern durch Konsum und den aufkommenden Sexualitätsdiskurs neu bestimmt. Zentralen Anteil an solchen Konstruktionen von jugendlichen Identitätsmustern haben kommerzielle Konsumangebote populärer Moden, Styles und Musikstile. Diese Rolle der Konsumkultur unterstrich auch MACIEJ BERNASIEWICZ (Katowice) in seiner Diskursanalyse aktueller polnischer Jugendzeitschriften und Hip-Hop-Magazine, die eine von ihm als „teenage coolture“ bezeichnete Jugendidentität propagieren und thematisch vor allem um die Themen Identität, Gesundheit, Sexualität und Schönheit kreisen. Eine stärker gesellschaftspolitisch orientierte Verortung der „teenage coolture“ als Identitätsangebot nahm ANNA ORAVCOVÁ (Prag) am Beispiel des tschechischen Hip-Hops vor. So würde sich hier die Hip-Hop-Szene als vermeintlich „authentische“ Subkultur deutlich vom kommerziellen Mainstream und dessen für die tschechische Gesellschaft charakteristischen patriarchalen Repräsentationen abgrenzen. Einem ganz anderen Aspekt medialer Repräsentationen widmete sich ROBERT PRUSZCZYNSKI (Warschau), indem er gerade auf die semantische Ambivalenz und visuelle Subversion tradierter Geschlechterrollen im Bereich der Massenkultur hinwies. In einer vergleichenden Analyse von Jarosław Żamojdas Film „Junge Wölfe“ (1995) und Xawer Żuławskis Verfilmung „Polnisch-russischer Krieg“ (2009) von Dorota Masłowskas Bestseller „Schneeweiß und Russenrot“ zeigte er, wie US-amerikanische role models und nationale Stereotype im polnischen Gegenwartskino teils karnevalesk-homoerotische, teils grotesk-apathische Maskulinitätsentwürfe und Verhaltenscodes jugendlicher Leinwandhelden produzieren.

Eine Reihe von Vorträgen thematisierte die Rolle der Literatur bei der Konstruktion und Reflexion von Idealen und Identitätsangeboten von „Jugend“. ALFRUN KLIEMS (Berlin) zeigte, wie Jacek Podsiadło in einem Essay über den großen Dichter des Prager Undergrounds, Egon Bondy, diesen als eine „heilige Reliquie“ der vom Untergang bedrohten Undergroundkultur überhaupt inszeniert. Angesichts des Siegeszugs der Popkultur des 21. Jahrhunderts arbeitete sie die Unterschiede der Ästhetiken und Ideale heraus, aber auch, wie sehr der klassische Underground im Denken und in der Poetik jüngerer Dichtergenerationen weiterhin als Sinnbild von Widerstand und Verweigerung nachwirke.

MATTHIAS SCHWARTZ (Berlin) griff in seinem Vortrag über ‘Figurationen des Selbst in der jungen post-sozialistischen Literatur’ Ken Roberts` These von der Desillusionierung der Jugend wieder auf und führte sie weiter, indem er darauf hinwies, dass diese Frustration sich nicht nur auf die postsozialistische Wirklichkeit, sondern auch die medialen Repräsentationen des Westens beziehe. In ihren Romanen verhandelten junge osteuropäische Autoren wie Irina Denežkina, Mirosław Nahacz oder Serhij Žadan vor allem das Scheitern einer jugendlichen „Generation Nichts“, mit Hilfe westlicher Codes, Images und Styles sinnstiftende Alltagspraktiken und Handlungsoptionen zu entwickeln. HEIKE WINKEL (Berlin) behandelte in ihrer Untersuchung von aktuellen Romanen aus Osteuropa einen ähnlichen Aspekt, indem sie sich der fortgeschrittenen Individualisierung der 89er-Generation widmete. Sie zeigte, dass das prekäre Individuum die dominierende Figur in literarischen Texten ist, die grundsätzlich vor dem Hintergrund eines Kollektivs gestaltet wird. Dieses Kollektiv jedoch ist immer instabil und spiegelt dadurch die Orientierungslosigkeit des literarischen Helden. MATTHIAS MEINDL (Zürich) analysierte die Selbstdarstellung der extremistischen russischen Jugendbewegung der Nationalbolschewiki am Beispiel des Romans ‚Sankya‘, geschrieben von dem ehemaligen Parteimitglied der seit 2007 verbotenen ‘Nationalbolschewistischen Partei Russlands’ Zachar Prilepin. Indem er die offensichtlichen Parallelen zwischen dem Roman und der konkreten politischen Programmatik der Partei aufzeigte, ging er der Frage nach, welche Rolle Literatur in der ideologischen Erziehung und Mobilisierung der Jugend spielen kann.

Während sich die bisher genannten Referenten weitgehend mit der Darstellung in den Medien beschäftigten, untersuchten VLAD STRUKOV (Leeds) und PATRYK WASIAK (Warschau), wie Mediennutzung und mediale Innovationen politische Identifikationsprozesse und soziale Praktiken verändern. Dabei wurden historische Kontinuitäten ebenso deutlich wie die durch Medienwandel und gesellschaftliche Kontexte bedingten Spezifika. Wasiak zeigte in seiner Untersuchung, dass der boomende Privathandel mit Unterhaltungselektronik (HiFi, Video, Computer) in den 1980er Jahren in Polen eine eigene Jugendkultur hervorbrachte, die sich deutlich von der offiziellen Kultur, aber auch den Aktivitäten der politischer Oppositionsbewegungen unterschied. Die Nutzung dieser Technologien festigte Freundschaften, schuf eine eigene Sprache unter den Beteiligten und dadurch eigene Identifikations- und Abgrenzungspraktiken. Strukov untersuchte den transnational operierenden digitalen russischen Fernsehsender ‚Dožd‘, der als Privatunternehmen ein Gegenmodell zur staatlich gelenkten russischen Fernsehlandschaft bietet. Dies gelänge, indem der Kanal Transparenz, soziales Engagement und Jugendlichkeit repräsentiere und propagiere. Er arbeitete damit am Ideal einer „optimistischen Jugend“ als neues Identifikationsangebot für russische Heranwachsende.

Einen weiteren Fokus der Konferenz in Hinsicht auf die „Blackbox Youth“ stellte die Frage nach der Rolle des Politischen für die Ausgestaltung imaginärer Zugehörigkeiten und sozialer Praktiken von Jugendlichen dar. Diese Untersuchungen knüpften an Roberts‘ Ausgangsfrage nach der der Jugend zugeschriebenen Sehnsucht nach eindeutiger ideologischer Verortung an. GLEB TSIPURSKY (Columbus, Ohio) sprach über jugendliche Bürgerwehren im post-sowjetischen Russland. Er begriff diese Bürgerwehren als Beispiel für eine staatskonforme Jugend, die sich nicht durch Rebellion gegen gesellschaftliche Normen auszeichne, sondern hegemoniale Werte und Interessen internalisiert habe und vertrete. Als Helfer der Polizei sorgten die Jugendlichen auf der Straße in Kleingruppen für Recht und Ordnung. Tsipursky zeigte, dass diese Bewegung auch als Wiederbelebung einer sowjetischen Tradition von Jugendmobilisation zu verstehen ist.

Auf vergleichbare Mobilisationsstrategien im Bereich der Erziehung Jugendlicher in der Ukraine wies YARYNA BORENKO (Lviv) hin. Durch partriotischen Geschichtsunterricht und organisierte Freizeitaktivitäten werde der ukrainischen Jugend heute ein Nationalstolz vermittelt, der der Abgrenzung von der russischen und westlichen Kultur diene und vor allem auf der Popularisierung nationaler Helden, Symbole und Lifestyles basiere. Diese Entwicklung werde von verschiedenen Subkulturen allerdings auch kritisch gesehen. JOVANA PAPOVIĆ und ASTREA PEJOVIĆ (Belgrad) referierten über die nationalpatriotische Bewegung in Serbien. Vor dem Hintergrund des EU-Beitritts komme es in Serbien zu einer Wiederbelebung der in den 1990er-Jahren populären DIZEL-Bewegung, einer durch Turbo-Folk-Musik und die Faszination für in Den Haag als Kriegsverbrecher gesuchte oder verurteilte Männer geprägten ‚Mainstream Subkultur’. Die Referentinnen betonten, dass der DIZEL-Stil heute oft unreflektiert übernommen und seine Herkunft ausgeblendet würden. Während diese Bewegung in den 1990er-Jahren darauf abzielte, die eigene Zugehörigkeit von anderen Ex-Jugoslawischen Bevölkerungsgruppen abzugrenzen, gebe es heute eine naive Rezeption, welche die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen ausblende, und eine nationalistische, die sich gegen die westliche Kultur richte und sich durch eine verstärkte politische Aktivität im rechtsextremen Bereich auszeichne.

Eine im Gegensatz dazu pluralistische und toleranzbetonte politische Intervention stellte JOSE ALANIZ (Seattle) vor: Bei der russischen Comic-Serie ‘Respekt’ von 2011 handele es sich um ein mit Fördergeldern unterstütztes Projekt, bei dem Comiczeichner aus ganz Europa versuchten, in der ‘Sprache der Jugend’ Toleranz und Respekt gegenüber anderen Menschen zu vermitteln. Alaniz verwies aber auch auf die Grenzen der Toleranz innerhalb dieses Projekts, was beispielsweise politische und kirchliche Themen anbelangt, und zeigte die problematische Instrumentalisierung des Mediums für politische Zwecke auf. Ein ähnliches Phänomen medialer Mobilisierung beobachtete DRAGOS DRAGOMAN (Sibiu), der anhand empirischer Studien feststellte, dass der Einsatz neuer Medien seit 2005 zu einer erhöhten politischen Aktivität junger Rumänen geführt habe. Auch ANNA ZHELNINA (St. Petersburg) bezog sich mit ihrem Vortrag auf ein die Demokratie förderndes Projekt. Sie referierte über die 2006 in St. Petersburg entstandene Plattform ‚polit gramota’, die eine alternative Form der politischen Partizipation schaffen wolle. Mit Hilfe einer interaktiven Webseite, politisch-kontroverser Live-Debatten und sozialer Vernetzung versuche ‚polit gramota‘ Politik für Jugendliche attraktiv zu machen und ihr Engagement zu fördern, was ihr als professionelles Netzwerk zunehmend gelinge.

Wie sehr sich diese eher institutionell und pragmatisch orientierten Politikkonzepte von den stärker weltanschaulich geprägten vor dem Ende des Ost-West-Konflikts unterscheiden, machte der Beitrag von TOM JUNES (Wien) deutlich. Anhand des Vergleichs der polnischen Studentenbewegungen vor und nach 1989 argumentierte er, dass die ‚klassische‘ Studentenbewegung seit der Wende ein Auslaufmodell darstelle, da die Studierenden ihren sozialen, ökonomischen und politischen Sonderstatus innerhalb der polnischen Gesellschaft verloren hätten. Müssten sie doch heutzutage zum Großteil neben dem Studium arbeiten und es würde ihnen auch keine intellektuelle Deutungshoheit mehr zugeschrieben. Diese Einschätzung eines gänzlichen Verschwindens studentischen politischen Engagements regte kontroverse Diskussionen an, die deutlich machten, wie sich das Verständnis von politischer Aktivität nicht nur in Bezug auf Jugend im postsozialistischen Europa verändert hat.

In der Abschlussdiskussion wurde noch einmal die Problematik einer einheitlichen Definition von ‚Jugend’ zur Sprache gebracht. Diese Problematik begründe sich nicht nur aus verschiedenen disziplinären Arbeits- und Herangehensweisen, sondern auch aus den teils großen Unterschieden zwischen den besprochenen postsozialistischen Ländern und Fallbeispielen. Gleichzeitig braucht es bei einer stärkeren disziplinären Vernetzung eine Neukonzeptualisierung zentraler Untersuchungskategorien, wie sich beispielsweise anhand von Subkultur (im Verhältnis zu Mainstream, Alltag, Popkultur u.a.) gezeigt hat. In Hinsicht auf eine kritische Revision des analytischen Instrumentariums wurde zudem angemerkt, dass Religion in Bezug auf Jugend auffälliger Weise gar nicht, Jugendkultur hingegen weiterhin als ein primär männlich dominierter Begriff diskutiert wurde. Ken Roberts zu Anfang gestellte Frage, ob neue Konzepte zur Untersuchung der Jugend gebraucht würden, könne man daher mit ‘Ja’ beantworten. Das Schlagwort der Konferenz, ‚Blackbox Youth’ erwies sich somit als aussagekräftig: Die Heterogenität osteuropäischer Jugendkulturen zwischen postsozialistischem Erbe und globalisierter Welt verweist symptomatisch und paradigmatisch auch auf generelle Veränderungen im politischen, sozialen und kulturellen Verständnis von Jugend. Diese konnten in einer solchen interdisziplinären Breite erstmals auf der Konferenz in den Blick genommen werden, brauchen aber noch eine längerfristige und tiefergehende weitere Erforschung. Eine Publikation der Konferenzergebnisse ist geplant.

Konferenzübersicht:

Opening: Matthias Schwartz, Heike Winkel (Berlin)

Section 1: The Redefinition of the Political

Keynote Speaker: Ken Roberts (Liverpool): Youth Cultures and the Formation of a New Political Generation in Eastern Europe

Félix Krawatzek (Oxford): Youth Mobilisation in its Relation to Politics. Comparing Perestroika and the Putin / Medvedev Era

Anna Zhelnina (St. Petersburg): “Young Politics”? The Emergence of the Social Network of Young Politicians in St. Petersburg, Russia

Tom Junes (Vienna): No More Politics? 1989 and the End of the 'Classical' Student Movement in Poland

Section 2: The Revison of the Social I: New Types of Belonging

Herwig Reiter, Christine Steiner (Berlin): Two Different Countries, two Different Pathways to Capitalism – one New Youth?

Maciej Bernasiewicz (Katowice): Worldview Discourses in Polish Magazines for Young People and Hip-Hop Music

Vlad Strukov (Leeds): ‘Optimistic’ Youth: Media Environment, Politics of Space and Construction of Identity

The Revison of the Social II: New Media Techniques

Patryk Wasiak (Wassenaar): 'Video-Fans' and Computer Bosses'. Consumer Electronics ad Youth Identities in the Late State-socialist Poland

Sabina-Adina Luca / Bogdan Gheorghita / Dragos Dragoman (Sibiu): Young People in Romania. How 'New Media' Shape Social Communication and Political Activism

Section 3: Rethinking Youth I: Beyond Generation

Keynote Speaker: Hilary Pilkington (Manchester): Punk – but not as we know it: Rethinking Youth Culture from a Post-socialist Perspective

Stefan B. Kirmse (Berlin): How far does 'Eastern Europe' go? Experiences of Youth in Central Asia

Alfrun Kliems (Leipzig/Berlin): Old young men. Popculture and its Aging Protagonists

Rethinking Youth II: Post-Socialist Subjectivities

Gleb Tsipursky (Newark, Ohio): Youth Communal Policing: Public Discourse and Volunteer Militias in Post-Soviet Russia

José Alaniz (Seattle): Colorful Pictures: 'Respekt' Comics and Russian Youth

Matthias Schwartz (Berlin): Everything Feels Bad: Figurations of the Self in Young Post-Socialist Literature

Section 4: The Transformation of the Imaginary I: Constructing Identity Patterns

Yaryna Borenko (Lviv): Concepts of Patriotism within Education and Youth Policies in Ukraine

Jovana Papović, Astrea Pejović (Belgrade): Nationalist Iconography of the Nineties in Contemporary Youth Discourse in Serbia

Robert Pruszczyński (Warschau): Masculinity without a Rebel, a Rebel without a Masculinity. Polish Cinemy, Youths and National Stereotypes (Żamojda, Żuławski)

Section 4: The Transformation of the Imaginary II: Appropriating and Subverting Identity Patterns

Catriona Kelly (Oxford): The End of Childhood and/or the Discovery of the Tineidzher? Reflections on Age Boundaries and Boundaries in Chronology

Matthias Meindl (Zürich): The Fight of/for the Youth: Russian Youth Movements and their Representation in Contemporary Russian Literature

Anna Oravcová (Prague): Czech Hip-Hop Undergroud

Heike Winkel (Berlin): Loners and Gangs. Communality in Contemporary Eastern European Literature

Concluding discussion

ZitierweiseTagungsbericht Blackbox Youth. New Perspectives on East-European Youth Cultures. 02.11.2012–04.11.2012, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 21.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4727>.

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