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Kartengeschichtliches Kolloquium

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Ute Schneider (Essen); Martina Stercken (Zürich); Ingrid Baumgärtner (Kassel); Patrick Gautier-Dalché (Paris)
Datum, Ort:16.11.2012–17.11.2012, Essen

Bericht von:
Nils Bennemann, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: <nils.bennemannuni-due.de>

Nach Veranstaltungen in Kassel und Zürich fand das 3. kartengeschichtliche Kolloquium im Jahr 2012 in Essen statt. Das Kolloquium mit Workshopcharakter sollte dazu dienen, aktuelle Habitilations-, Promotions- und Abschlussarbeiten aus dem Bereich der Kartographiegeschichte vorzustellen und zu diskutieren. Die Veranstaltung wurde mit der Unterstützung der Dr. Reissner-Stiftung im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ermöglicht.

CHRISTIAN LOTZ (Marburg) zeigte in seinem Abendvortrag, auf welche Weise sich eine Gesellschaft die Zukunft mit der Ressource „Holz“ vorstellte. Daran knüpften sich Fragen an nach den Verpflechtungen der Holzgewinnung im Nord- und Ostseeraum im 19. Jahrhundert, deren Veränderung und wie Forscher diese Veränderungen wahrnahmen. Quellen zur Beantwortung dieser Fragen seien auch Karten. Lotz setzte zwei Zeitschnitte, die er jeweils anhand einer Karte erläuterte. Um das Jahr 1800 herum zeigen die Karten vor allem den Ausdruck eines „Verbesserungswesens“, das Waldgebiete in Abschnitte zeitlich separierter Aufforstung unterteilte und damit Prognosen über Ressourcenverfügbarkeit sowie finanzielle Gewinne erstellte. Politischer Wille zur Nachhaltigkeit, verkehrsgeographische und wirtschaftliche Notwendigkeit waren die Hintergründe dieser kartographischen Darstellung. Um das Jahr 1880 herum würden allerdings zwei neue Diskurse auftreten, die Lotz in den „pessimistischen“ und „optimistischen“ Diskurs unterteilte. Der pessimistische Diskurs prognostizierte durch den steigenden Bedarf von Zechen und Brennmaterial eine globale Holznot, wohingegen der optimistische Diskurs durch das Transportmittel der Eisenbahn eine Lösung für dieses Problem sah. Gleichzeitig seien die neuen verkehrsgeographischen Möglichkeiten auch für den Niedergang des Nachhaltigkeitsgedankens verantwortlich. Um die Jahrhundertwende herum würde sich daher im Sinne des optimistischen Diskurses und regierungsgeförderter, internationaler Forschungsreisen ein Kartentyp durchsetzen, der den Gedanken der Nachhaltigkeit ausklammere und eine „koloniale Kartographie“ verkörpere. Die Karte zeigte unerschlossene Holzbestände in Finnland, die zur Ausbeutung deklariert wurden, ohne jedoch regionale Bedürfnisse zu berücksichtigen. Die Veränderung der Verkehrsgeographie und damit auch das Hinzutreten des optimistischen Diskurses würden sich somit auch im Kartenbild niederschlagen.

Weniger das Kartenbild selbst, sondern vielmehr die darin enthaltenen Diskurse rückte NIKOLAUS EGEL (München) ins Zentrum seines Vortrags über den diskursiven, subjektiven und skeptischen Charakter der Weltkarte des Fra Mauro. Damit betrachtete er die Karten aus einer geistesgeschichtlichen Perspektive, die dem interdisziplinären Charakter der Tagung Rechnung trug. Er hob die seinerzeit neue Verbindung ptolemäischer Kartographie mit Informationen aus Portulankarten und Forschungsberichten, wie zum Beispiel Marco Polos, hervor. Daran schloss Egel die Frage an, wie Fra Mauro mit der „Informationsflut“ in seiner Karte umgehe. Als Besonderheit machte er die großen Ausmaße der Legenden, die Formulierung dieser in der Ersten Person Singular und den reflektierenden Umgang mit den gültigen Lehrmeinungen aus. Als Beispiel führte Egel hier den Diskurs über die Aufteilung der Welt an. Fra Mauro stelle die unterschiedlichen Lehrmeinungen gegenüber und komme am Ende zu dem Schluss, dass man jene Frage nicht überbewerten und eine eigene Auswahl treffen solle, welchem Konzept man folgen will. Damit sei sich Fra Mauro der Willkürlichkeit der Unterteilung bewusst und stelle somit den subjektiven und skeptischen Charakter der Karte unter Beweis. In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass die Neuartigkeit der Karte Fra Mauros sich vor allem an der Verwendung der Ersten Person Singular in den Legenden zeige, in Fragen der Individualität und Reflektiertheit aber in der Tradition bisheriger Mappae Mundi stehe. Darüber hinaus könne auch die Position des Legendentextes im Kartenbild weiteren Aufschluss geben.

Das Kartenbild der Mappae Mundi im Zusammenhang mit den Kartentexten untersuchte ROBIN SEIGNOBOS (Paris) am Beispiel der Darstellung Nubiens. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Frage, wie neues Wissen über Völker in die Karten integriert wurde. So wurde der Unterschied zwischen „Nubia“ und „Ethiopia“ erst durch reisende Christen im Mittelalter in das Kartenbild übertragen. Gängige Motive zur Darstellung Nubiens waren dabei seit dem 11. Jahrhundert die Tore von Nubien sowie die nubische Bergkette, womit die hermetische Abgegrenztheit Nubiens von anderen Kulturen begründet wurde. Erst im 13. Jahrhundert trat die Stadt Nubia hinzu. Dabei zeigen die Legenden der Karten zum einen Aufnahmen des Wissens aus Paulus Orosius‘ Historia adversum paganos, also antiken Quellen, auf der anderen Seite greifen sie Diskurse über die Bewohnbarkeit der südlichen Hemisphäre auf. Damit sind die Darstellungen und Beschreibungen des Landes „Nubien“ nicht nur weiße Flecken im Wissen über die Region, sondern zugleich auch zeitgenössische Reflektionen. Der Vortrag löste Fragen nach der textlichen Wiederaufnahme der Signaturen, was allerdings nur im Falle der Herford- und Ebsdorf-Karten der Fall wäre, sonst würde es keine textliche Entsprechung zu dieser Signatur geben.

Über die Funktion von Geschichte und Geographie im Kontext der Kriegsführung im polnischen Erbfolgekrieg (1733-1735) sprach GRÉGOIRE BINOIS (Paris). Am Beispiel zweier „ingénieurs géographes“, George LeRouge und Antoine de Régemorte und deren Werke zeigte er auf, dass die Atlanten im Hinblick auf Erinnerung an die Feldzüge von großer Bedeutung waren, dabei der Geschichte und der Kartographie ein Charakter als Hilfswissenschaften zukam. Die Karten, die noch während der Feldzüge hergestellt wurden, waren in einem eigens dafür eingerichteten Büro abzugeben, sodass sie in späteren Feldzügen als Mittel der Kriegsführung zur Verfügung standen. Militärische Erinnerung war also vor allem an ihrem Nutzen orientiert. Der Ausschnitt der Karten zeigte – diesem Gedanken Rechnung tragend – vor allem kleinere Gebiete sowie mögliche Marschrouten, Festungsanlagen von Städten oder Karten von Belagerungsringen um deutsche Militärlager. Damit blieben Geschichte und Geographie von der Funktion dominiert, die sie im Rahmen zukünftiger militärischer Kampagnen spielen konnten.

Die Herausbildung einer spezifisch protestantischen Kartographie am Beispiel der Palästinakartographie des 19. Jahrhunderts untersuchte JUTTA FAEHNDRICH (Leipzig) in ihrem Beitrag. Unter dem Druck der Evolutionstheorie habe sich mit der kritischen Bibelwissenschaft im Protestantismus das Paradigma durchgesetzt, dass Erkenntnis auch durch Anschauung der biblischen Regionen gewonnen werden müsse. Die Öffnung Palästinas ab den 1830er-Jahren brachte die Möglichkeit der direkten Anschauung. So publizierte Charles van de Velde (1818 – 1898) eine Karte, einen Reisebericht und ein Album mit Farbaquarellen zu seiner Palästinareise im Jahre 1851/52. Dabei vertrete er in den Reiseberichten einen orientalistischen Standpunkt. Aus dieser Position heraus könne man – so van de Velde – die biblischen Spuren nachvollziehen, da die Bevölkerung vor Ort – aufgrund der Geschichtslosigkeit des Orients – als menschliche Überlieferung diene. Die Karte zeigte die biblischen Orte in der aktuellen Topographie und war als Kupferstich auf acht Blättern ausgeführt worden. Das Zeichnen der Palästinakarte werde damit zu einem Akt des Glaubens und nicht nur einer Frage von Macht. In der Diskussion schloss sich die Frage an, ob die Karte in den Bibeln der damaligen Zeit reproduziert worden sei. Die Karte wurde in Stielers Handatlas durch die Bearbeitung von Hermann Berghaus publiziert, zuvor fand sie keine bekannte Aufnahme in Atlanten oder gar Bibeln.

Unter dem Aspekt der Raumpolitik im 20. Jahrhundert untersuchte ANDREA SCHERER (Zürich) Kartenmaterial zu Palästina. Je nach Akteursgruppe zeigten sich dabei unterschiedliche Grenzen des Konzeptes „Palästina“. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen dabei die diplomatischen Verhandlungen zwischen Großbritannien und Frankreich im Bezug auf die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg, die auch anhand von Karten geführt wurden. Dabei lasse sich die Verwendung von Karten in den Verhandlungen nur indirekt nachweisen. Die unterschiedlichen Grenzentwürfe in den Karten waren damit nicht nur Ausdruck einer speziellen Einstellung gegenüber Palästinas, sondern wurden auch zur politischen Waffe im Verhandlungsprozess. Die Diskussion brachte vor allem den Hinweis hervor, dass sich ähnliche Prozesse auch für den Fall des Wiener Kongresses in den sogennanten „Delimitationskommissionen“ finden lassen und dort ebenso durch direkte Anschauung und Kartenmaterial politische Forderungen abgesteckt wurden. Ein Kommentar machte zusätzlich zu den westlichen Konstruktionen Palästinas, die vor allem durch einen griechisch-römischen Diskurs dominiert werden, noch auf einen arabischen Diskurs aufmerksam, der Palästina als Süd-Syrien versteht.

Der epochenübergreifende Ansatz und die thematische Engführung auf das Medium der Karte als Untersuchungsgegenstand haben sich während der Tagung bewährt. Die unterschiedliche Expertise und die unterschiedlichen methodischen Zugriffe gaben Einblick in die aktuellen Forschungsarbeiten. Darin zeigte sich auch das innovative Potential, welches das Medium der Karte in Kombination mit ihren Kontexten in unterschiedlichen Epochen und ihren Fragestellungen entfaltet.

Konferenzübersicht:

Christian Lotz (Marburg): Raum als unberechenbare Variable? Die Kartierung nordeuropäischer Holzressourcen im Zeitalter industrialisierter Beschleunigung und Entgrenzung (1790-1914)

Nikolaus Egel (München): Die Welt im Übergang. Der diskursive, subjektive und skeptische Charakter der Mappamondo

Robin Seignobos (Paris): A Christian land at the edge of the World: Nubia in medieval mappaemundi

Grégoire Binois (Paris): French military engineers and the geographic memory of German campaigns during the war of the Polish succession (1733-1735)

Jutta Faehndrich (Leipzig): Karten und andere Bilder: Protestantische Palästinakartographie im 19. Jahrhundert

Andrea Scherer (Zürich): Die Macht der Karte im Fokus diplomatischer Verhandlungen. Eine Analyse der Situation in Palästina, 1906-1947

ZitierweiseTagungsbericht Kartengeschichtliches Kolloquium. 16.11.2012–17.11.2012, Essen, in: H-Soz-Kult, 20.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4726>.

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