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Bauten und Bautypen für Handel und Geldgeschäfte in der antiken Stadt

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für Kunst- und Baugeschichte, Fakultät für Architektur, Karlsruher Institut für Technologie; Historisches Institut, Universität Stuttgart
Datum, Ort:16.11.2012–17.11.2012, Karlsruhe

Bericht von:
Ulrich Fellmeth, Historisches Institut, Universität Stuttgart; Karlfriedrich Ohr, Karlsruhe
E-Mail: <Ulrich.Fellmethuni-hohenheim.de>; <karlfriedrich.ohrgmx.de>

Gebäude für Handel und Geldgeschäfte in der antiken Stadt können aus zwei Perspektiven untersucht werden: einerseits als Gegenstand der Baugeschichtsforschung und der Archäologie, andererseits als Forschungsobjekte der Wirtschaftsgeschichte, die sich mit den Geschäftsabläufen in diesen Gebäuden befasst. Die Feststellung, dass Fachwissenschaftler dieser Forschungsbereiche sich in der Vergangenheit kaum je ausgetauscht hatten, war den Organisatoren der zweitägigen Veranstaltung in Karlsruhe (Ulrich Fellmeth, Universität Stuttgart, Jürgen Krüger, Karlsruher Institut für Technologie, Karlfriedrich Ohr, Karlsruhe, Jürgen J. Rasch, Karlsruher Institut für Technologie) Anlass, Wissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen zusammenzuführen. Die Begegnung von Vertretern der archäologischen, baugeschichtlichen und wirtschaftshistorischen Forschung sollte für das Thema „antike Wirtschaftsgebäude“ einen interdisziplinären Dialog anstoßen, um eine neue Sicht auf die Quellen zu ermöglichen und Wege zu einer engeren Zusammenarbeit zu finden.

Auf der Grundlage der „Neuen Institutionenökonomik“, einer relativ neuen Theorie zur Erklärung der Vorgänge in aktuellen, aber auch vorindustriellen Wirtschaftsprozessen, zeigte ULRICH FELLMETH (Stuttgart) als Vertreter der Wirtschaftsgeschichtsforschung, dass in der Antike Gebäude errichtet wurden, die ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken gedient haben, und dies sowohl auf der makroökonomischen wie auch auf der mikroökonomischen Ebene. Dabei machte der Referent auf offene Fragen aufmerksam, die allein mit Hilfe der literarischen und epigraphischen Quellen nicht beantwortet werden können. So warf er etwa Fragen nach der Kommunikation zwischen Leuten der Wirtschaft, öffentlichen und privaten Bauherren und Architekten auf, nach Prozessen des Funktionswandels bei Bauten und Bautengruppen und deren baulichen Konsequenzen, nach Pfadabhängigkeiten und Interdependenzen bei baulichen Gestaltungen und wirtschaftlichen Verhaltensmustern.

Kredit- und Spekulationsgeschäfte in antiken Städten waren Thema der Referate von KATHRIN JASCHKE (Bochum) und Kamen Dimitrov (Sofia). Für Puteoli in Kampanien stellte Kathrin Jaschke die Bedeutung der Wirtschaft im gesamten Stadtgebiet anhand von horrea, macella und anderen Handelsgebäuden dar. Mit ihrer Interpretation des bei Pompeji entdeckten „Sulpizier-Archivs“, einem Bankregister aus Puteoli für die Jahre 29 – 61 n.Chr., konnte sie nicht nur die Tragweite der Spekulation mit Grundnahrungsmitteln in der antiken Hafenstadt Puteoli aufzeigen, sondern auch Indizien für eine grundsätzlich neue Beurteilung des Umfangs, der Reichweite und Dauer antiker Kreditgeschäfte zusammentragen. KAMEN DIMITROV (Sofia) gelang es, anhand von archäologischen Funden in der thrakischen Stadt Seuthopolis und insbesondere durch Analysen der lokalen Münzprägungen und ihrer Verbreitung herauszuarbeiten, welche wirtschaftliche Bedeutung diese im Landesinneren gelegene Residenzstadt in der Region besessen hatte.

Erwartungsgemäß bildeten die Genese und die Funktionen des römischen Bautypus Basilika einen Schwerpunkt der Themen des Kolloquiums. Im Mittelpunkt des Referates von JEAN-CHARLES MORETTI (Lyon) stand die so genannte Salle hypostyle auf Delos. Anlass für eine erneute Untersuchung des baugeschichtlich sehr bemerkenswerten Hallengebäudes sind die seit langem umstrittenen Rekonstruktionsvorschläge. Daneben ging der Referent auch auf die noch immer ungeklärte Funktion des Bauwerkes ein, die noch weiterer Forschungen bedürfe, um die derzeit bevorzugte Deutungshypothese, nämlich eine wirtschaftliche Funktion der Salle hypostyle verifizieren zu können. Insbesondere soll in einem morphologischen Vergleich die Parallelität der zeitgleich in Rom entstandenen Basilika eingehender untersucht werden.

KLAUS STEFAN FREYBERGER (Rom), der seine Forschungstätigkeit auf dem Forum Romanum seit langen Jahren dem Machtzentrum Rom widmet, stellte die Ergebnisse seiner Untersuchungen in der Basilika Aemilia und die laufenden Arbeiten in der Basilika Iulia vor. Neben neuen Rekonstruktionsvorschlägen zur Entwicklung des älteren Hallengebäudes berichtete er, dass sich aus den Zerstörungsspuren durch Feuer auf dem Marmorplattenboden Anzeichen von Möblierungen für den Geschäftsbetrieb in der Halle ablesen ließen, so zum Beispiel von fest installierten Tischen und Regalen an den Hallenwänden. Freyberger hob den merkantilen Charakter der beiden Basiliken hervor, wollte aber auch Sekundärnutzungen als Gerichtsgebäude nicht ausschließen.

KARLFRIEDRICH OHR (Karlsruhe) betonte erneut seine Überzeugung, dass die römische Basilika ursprünglich rein wirtschaftlichen Funktionen gedient hatte, und stellte eine neue Interpretation der Seitenräume in der Basilika von Pompeji vor. Gestützt auf eine kürzlich publizierte neue Theorie sieht er eine Erklärung für die ungewöhnliche Anlage von zwei exedrenartigen Amtsräumen in den verschiedenartigen Aufgaben des Gebäudes wie die Versteigerungen von öffentlichen Aufträgen sowie Großhandels- und Geldgeschäfte. Der Referent, der in der Überlieferung von Rechtsverfahren in römischen Basiliken ausschließlich schiedsrichterliche Entscheidungen von Streitfällen aus dem Bereich der Wirtschaft sieht, sprach schließlich den Wunsch aus, Rechtshistoriker mögen sich des Themas annehmen.

Mit dem Prozess eines Funktionswandels der Basilika in der frühen Kaiserzeit beschäftigte sich der Beitrag von PAUL SCOTTON (Long Beach) über die Julische Basilika an der Agora in Korinth. Neben einer Revision der Ergebnisse der früheren baugeschichtlichen Untersuchungen in den so genannten Zwillingsbasiliken und der bisher vorliegenden Rekonstruktionen wird sich Scotton auch der Klärung der Gebäudefunktionen annehmen. Gegenüber den unübersehbaren Zeugnissen für den Kaiserkult seien neben Indizien für die Nutzung als Gerichtsgebäude nur wenige Hinweise auf eine merkantile Nutzung der Julischen Basilika abzulesen. Der Referent sprach die Vermutung aus, dass die Funktionen der Wirtschaft eher in der nördlichen Basilika an der Einmündung der Lechaionstraße ihren Ort gehabt haben dürften.

Die Neuinterpretation des traditionellen Basilika-Typus mit dem beginnenden christlichen Kirchenbau unter Konstantin behandelte JÜRGEN RASCH (Karlsruhe). Das Referat zeigte, wie aus dem Formenschatz der römischen Architektur und hauptsächlich der Umbildung der bisher ausschließlich profanen Zwecken dienenden basilica forensis eine formal neue Komposition entstanden ist, adaptiert für die Anforderungen des christlichen Gottesdienstes.

In einem definitorischen Beitrag zum Begriff Basilika in der abendländischen Kulturgeschichte zeigte JÜRGEN KRÜGER (Karlsruhe) die vielfältigen Bedeutungen in der heutigen Wissenschaftssprache ebenso wie im allgemeinen Sprachgebrauch auf. Angesichts der auseinanderdriftenden Bedeutungsinhalte, die sich nicht selten von dem einstmals eindeutigen Begriff und seiner ursprünglichen Bedeutung so weit entfernt haben, dass die inhaltliche Herkunft nicht mehr erkennbar ist, mahnte der Referent zu einem sorgfältigen Gebrauch des Wortes, um Missverständnisse zu vermeiden.

In einem historischen Längsschnitt beleuchtete HANS KLOFT (Bremen) die bauliche Morphologie und die Typologie antiker Speicherbauten und ihre politische Bedeutung. Insbesondere die Verbindung von Herrschaftsanspruch und Herrschaftssicherung durch die organisatorische Fähigkeit, die Ernährung der Bevölkerung und des Militärs mit Hilfe der Speicherung von Getreide in Notzeiten sicherzustellen, habe die öffentliche Speicherunterhaltung zu einer Konstante antiker Staatsführung gemacht, wie es schon bei den Reichen Ägyptens, Mesopotamiens oder Anatoliens festzustellen war. Ebenso hat der von spekulativem Gewinnstreben geprägte private Handel mit Grundnahrungsmitteln großer Speicherbauten bedurft, wie das Beispiel Ostia zeige.

JEAN-JACQUES MALMARY (Paris) stellte drei Handelshäuser am Hafen von Delos vor, darunter ein herausragendes Beispiel für einen bisher noch nicht bekannten prägnanten Bautypus. Bei aller Verschiedenheit der gezeigten baulichen Anlagen wurde deutlich, wie Fernhandelswaren in Delos zwischengelagert und verwaltet worden sind.

Griechische Stadtstrukturen und ihre Veränderungen im Laufe der Zeit waren das Grundthema von FRANZISKA LANG (Darmstadt). Die Referentin gab am Beispiel Athens einen Überblick über die diversen Funktionen des städtischen Raumes agora von der Archaik bis zum Hellenismus. Als Ergebnis hielt sie fest, dass die agora als zentraler städtischer Raum von Anfang an multifunktional gewesen sei, wobei es vereinzelt zu merkantilen Schwerpunktbildungen gekommen sei. Eine von ihr vorgestellte Typologie der Bauten an der agora zeigte, dass es nur wenige standardisierte Bautypen gegeben hat und diese bis auf wenige Ausnahmen multifunktional gewesen sind. Bauliche Funktionsschwerpunkte hätten sich nach lokalen Erfordernissen herausgebildet und konnten sich mit der Zeit nach neuen politischen, kultischen und kulturellen Bedingungen verändern.

JOHANNES EINGARTNER (Augsburg) und ANDREAS HENSEN (Heidelberg) berichteten von zwei Platzanlagen in Lopodunum (Ladenburg bei Heidelberg). Indizien scheinen für eine wirtschaftliche Nutzung dieser beiden fora zu sprechen, im einen Fall wird ein Markt für die Dinge des täglichen Bedarfs gesehen, im anderen scheint es sich um Fernhandelsgeschäfte zu handeln. Fraglich müsse vorläufig die Funktion der stattlichen Basilika von Lopodunum und die des mit Portiken umgebenen Hofes bleiben.

Das Referat von KORDULA GOSTENCNIK (Magdalensberg) befasste sich mit dem Forum der römischen Siedlung auf dem Magdalensberg bei Klagenfurt, die als bedeutendes Handelszentrum für verschiedene Erze seit dem 1. Jh.v.Chr. einen besonderen Ruf genossen hat. Dazu beigetragen hatte die stahlähnliche Qualität des dort verarbeiteten Eisens, aber ebenso das Gold, das in einem streng gesicherten Betrieb in Barren gegossen wurde. Für die Bedeutung des mit der Hafenstadt Aquileia verbundenen Handelsplatzes spricht unter den Forumsbauten eine der frühesten römischen Basiliken aus dem 1. Jh.v.Chr., die wie auch die übrigen Forumsbauten nach einer Naturkatastrophe in spätaugusteischer Zeit erneuert wurde. Dazu zählen auch die benachbarten Tabernen, die ebenfalls zu den Handelseinrichtungen gehört haben dürften. Damals war wenige Kilometer entfernt am Fuß des Magdalensberges eine neue Stadt angelegt worden, für die der Name Virunum überliefert ist. Die Metall verarbeitenden Werkstätten am Forum der Bergsiedlung blieben jedoch bis in die Spätzeit bestehen.

Wenngleich brennende Fragen zur Funktion von Gebäuden der antiken Wirtschaft auf dem Karlsruher Kolloquium keine abschließenden Antworten gefunden haben, ist es doch gelungen, einen interdisziplinären Dialog zu beginnen, der für alle Beteiligten nützlich sein wird. Diskussionen in der Folge des Kolloquiums bestätigen diese Hoffnung. Die Einsicht, dass die bauliche Struktur der Wirtschaftsgebäude der Antike nur verständlich ist, wenn man die Vorgänge, die dort stattgefunden haben, besser kennt; und umgekehrt, dass sich Wirtschaftsvorgänge nur analysieren lassen, wenn man den konkreten Ort, an dem sie abgelaufen sind, kennt und versteht, hat sich nach dem Eindruck derer, die bei der Abschlussdiskussion das Wort ergriffen, sowie bei den 80 Teilnehmern des Kolloquiums bereits durchgesetzt. Die Veranstalter haben mit dem Kolloquium eine fruchtbare Zusammenarbeit der beteiligten Forschungsdisziplinen angestoßen und für diese neue Sichtweisen eröffnet.

Konferenzübersicht

Johannes J. Böker (Karlsruhe): Begrüßung
Jürgen Krüger (Karlsruhe): Einführung in das Kolloquium

Ulrich Fellmeth (Stuttgart): Bauten als ökonomische Institutionen – der Anstoß der Institutionenökonomik zum besseren Verständnis antiker Wirtschaftsbauten

Kathrin Jaschke (Bochum): Kreditgeschäfte und Getreidespekulation in Puteoli

Jean-Jacques Malmary (Paris): Three trading structures along the shore in Delos

Hans Kloft (Bremen): Antike Getreidespeicher (Horrea) – ein Werkstattbericht

Jean-Charles Moretti (Lyon): La Salle hypostyle de Délos et les espaces publics de l'économie délienne

Klaus Stefan Freyberger (Rom): Zur wirtschaftlichen Funktion der Basilica Aemilia und der Basilica Iulia auf dem Forum Romanum in Rom

Paul D. Scotton (Long Beach): The Julian Basilica at Corinth and Its Possible Commercial Use

Karlfriedrich Ohr (Karlsruhe): Differenzierte Funktionen früher römischer Basiliken, eine neue These

Jürgen J. Rasch (Karlsruhe): Die Sakralisierung der Basilika in der Spätantike

Jürgen Krüger (Karlsruhe): Falsche Freunde: Der Basilika-Begriff

Franziska Lang (Darmstadt): Raumzeitliche Dimensionen zum Wirtschaftsraum Agora

Kamen Dimitrov (Sofia): Trade and Monetary Economy in the Early Hellenistic City of Seuthopolis in Thrace

Johannes Eingartner (Augsburg) und Andreas Hensen (Heidelberg): Lopodunum/ Ladenburg: Polyzentrismus und arbeitsteilige Strukturen am Beispiel einer provinzialen Kleinstadt

Kordula Gostencnik (Magdalensberg): Wirtschaftsbauten in der Stadt auf dem Magdalensberg

ZitierweiseTagungsbericht Bauten und Bautypen für Handel und Geldgeschäfte in der antiken Stadt. 16.11.2012–17.11.2012, Karlsruhe, in: H-Soz-Kult, 26.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4714>.

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