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Katholizismus in Deutschland – Zeitgeschichte und Gegenwart

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Katholische Akademie in Bayern
Datum, Ort:26.10.2012-27.10.2012, München

Bericht von:
Christoph Kösters, Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn
E-Mail: <koesterskfzg.de>

Am 17. September 1962 wurde die Kommission für Zeitgeschichte in München bei der Katholischen Akademie in Bayern gegründet. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens trafen sich im Oktober 2012 Katholizismusforscher unterschiedlicher Fachdisziplinen, um an diesem Gründungsort zusammen mit einer interessierten Öffentlichkeit den Anfängen der Kommission nachzugehen und Perspektiven künftiger Katholizismusforschung zu erörtern. Die Teilnehmer beschäftigten sich mit drei Hauptfragen: Wie wandelten sich in fünf Jahrzehnten die Forschungsorganisation selbst, ihr Gegenstand und ihre Untersuchungsmethoden? Welche Kontexte und kulturellen (Selbst-/Fremd-)Wahrnehmungen bestimmten 1962 den Beginn einer modernen, zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung und welche sind es heute? Und: Lassen sich aus historisierender Rückschau und gegenwärtiger Standortbestimmung neue Fragestellungen für die künftige Katholizismusforschung gewinnen?

Das Tagungsthema „Katholizismus in Deutschland – Zeitgeschichte und Gegenwart“ berührte drei Zeitebenen: erstens, die Vergangenheit der deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, insbesondere des „Dritten Reiches“, und das damalige Verhalten von Kirche und Katholiken, sodann die Anfänge der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Vergangenheit in den 1960er-Jahren durch eine damals noch junge, auf der Tagung vertretene Historikergeneration und schließlich drittens die Gegenwart, in der eben diese Aufarbeitung selbst zum Bestandteil zeitgeschichtlicher Forschungen über den Wandel des Katholizismus geworden ist.

Die „Gründerjahre“ der Kommission und ihre teilweise politisch aufgeladenen Kontroversen über das Verhältnis von Kirche, Widerstand und Drittem Reich bildeten den Ausgangspunkt der Tagungsdiskussionen. Mit dem zeitlichen Abstand von fünf Jahrzehnten sind die einstigen Grabenkämpfe erklärungsbedürftige Geschichte geworden. MARK RUFF (St. Louis) ordnete die katholischen Vergangenheitsdiskurse der 1950er-/60er-Jahre als „Stellvertreter-Kriege“ um die Stellung des Katholizismus in Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit der Bundesrepublik ein.[1] ANTONIUS LIEDHEGENER (Luzern) machte in seinem Beitrag über den deutschen Katholizismus in den „langen 1960er-Jahren“ deutlich, wie sehr der verbandlich organisierte Laien-Katholizismus zur Konsolidierung der Demokratie beitrug, indem er die zunehmend pluralistische Gesellschaft akzeptierte und eine konstitutive Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft übernahm. Spannungsfrei verlief dieser politische Lernprozess in Kirche und Katholizismus nicht. Gleichwohl korrigierten Liedhegeners Ausführungen das herkömmliche Geschichtsbild vom zweiten demokratischen Neustart der Bundesrepublik im Jahre 1968. In der Diskussion wurde ergänzend auf das neue, im Zweiten Vatikanischen Konzil gewonnene Verständnis von Religionsfreiheit und von einer „Kirche in der Welt“ hingewiesen.

Auch die zweite Sektion zur „Zukunft der Katholizismusforschung“ setzte mit wesentlichen Kontexten der Katholizismusforschung ein. FRANK BÖSCH (Potsdam) und FRANZISKA METZGER (Fribourg) rückten die Bedeutung der Medien bzw. der Sprache und Begriffe für die Erforschung des Katholizismus ins Blickfeld. Bösch zeigte, dass sich neben den Kirchen in den 1960er-/70er-Jahren die Medien zu eigenständigen und unabhängigen Trägern religiöser Sinnstiftung entwickelten und diese dadurch pluralisierten.[2] Franziska Metzger machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass sich im gleichen Zeitraum in der kirchlichen und theologischen Sprache eine auf (Nächsten-)Liebe abhebende Semantik durchsetzte und Glaubenswahrnehmung wie kirchliches Selbstverständnis durchdrang. Offen blieb in der Diskussion, inwiefern Wechselwirkungen zum allgemeinen Medialisierungsprozess der 1960er-Jahre bestanden bzw. der semantische Wandel in der religiösen Sprache spezifisch „katholisch“ war. Die in beiden Beiträgen angesprochene methodische Erweiterung der Katholizismusforschung um kulturgeschichtliche Perspektiven führte unweigerlich zum Forschungsobjekt selbst zurück. Die Frage aus dem Plenum, was denn der „Katholizismus“ sei, und was von seiner sozialgeschichtlichen Erforschung als „kollektivem Subjekt“ angesichts der vorgetragenen Perspektiven noch bleibe, machte deutlich, wie sehr in der Debatte über neue methodische Zugänge zugleich auch der Forschungsgegenstand selbst mitverhandelt wurde. Latent war damit auch jene von Heinz Hürten bereits 1987 vorgetragene „Verkirchlichungsthese“ berührt, wonach mit dem Ende des alten politischen Katholizismus in den 1960er-Jahren der Katholizismusforschung auch ihr ursprüngliches Objekt abhanden gekommen sein könnte.[3]

Die Diskussion über den Forschungsgegenstand spitzte MATTHIAS SELLMANNS (Bochum) Gegenwartsanalyse des „Katholizismus heute“ zu.[4] Der Pastoralsoziologe skizzierte den Wandel, dem Kirche und Katholizismus durch eine veränderte, insbesondere öffentliche Wahrnehmung durch die heutige Gesellschaft ausgesetzt sind. Spätestens seit den 1990er-Jahren sei die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kirche als einer Institution, die noch auf eine selbstverständliche religiöse Hintergrundserfüllung reflektieren konnte, abgelöst worden durch ihre Wahrnehmung als Organisation – mit einschneidenden Folgen: „Öffentlich solchermaßen in eine Organisation verwandelt, gerät die verfasste Kirche in die Zumutungen von Pluralität und Kontingenz. Tatsächlich ist die Möglichkeit der einen, der homogenen und der kontrollierbaren Sozialform Kirche am Ende. In die Mitte ‚der Kirche‘ zieht ein, was gesellschaftlich längst eingeübtes Gesetz ist: Wahlfreiheit; Prozessdynamik, differente Nutzerstile; Zustimmungsvorbehalte; explizit biografisches Anspruchsverhalten, Hervortreten ortskirchlicher Spezifika.“ Sellmanns engagiert vorgetragene These vom Anpassungsstress, dem die Kirche gegenwärtig als „anstrengender Plural von Sozialformen, Unternehmenskulturen und biografischen Dynamiken“ ausgesetzt sei, erzeugte lebhafte Nachfragen aus dem Plenum: nach dem kirchengebundenen Selbstverständnis des Katholizismus, nach den ekklesiologischen, staatskirchenrechtlichen und pastoralen Implikationen eines Verzichts auf den Institutionen-Begriff und nach den Auswirkungen für die Katholizismusforschung. Der Auffassung, Fragen der Katholizismusforschung an ihren Gegenstand könnten nicht ohne ein vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneuertes Kirchenverständnis auskommen, hielt Sellmann entgegen, die gegenwärtige Wahrnehmung der Kirche als Organisation müsse auch den Gegenstand der Katholizismusforschung sowie ihre Fragestellungen und Methoden verändern. Mit diesem Hinweis auf den Zusammenhang von Gegenstands- und Methodenwechsel berührte die Diskussion denselben Punkt, der bereits zuvor in der Debatte über die Beiträge Böschs und Metzgers angeklungen war.

Vor diesem Hintergrund durfte man gespannt sein, welche Zukunftsperspektiven das mit FERDINAND KRAMER (München), OLAF BLASCHKE (Heidelberg), THOMAS BRECHENMACHER (Potsdam), THOMAS GROßBÖLTING (Münster), FRANZISKA METZGER (Fribourg) und HARRY OELKE (München) besetzte Podium entwickeln würde. Indes waren sich die Teilnehmer über die künftigen Aufgaben der Katholizismusforschung weitgehend einig; die von Ferdinand Kramer einführend vorgetragenen Thesen fanden einhellige Zustimmung: Eine methodisch geweitete Perspektive zu einer vergleichenden Konfessions- und Religionsforschung greift den aktuellen Forschungstrend auf, jedoch sollte bei aller unstrittigen wissenschaftsgeschichtlichen Kontextualisierung der Blick auf die Eigenwertigkeit des Katholizismus nicht aufgegeben werden. Inhaltlich erfordert eine Zeitgeschichte als „Problemgeschichte der Gegenwart“[5] eine stärkere Einbettung des Katholizismus in gesamtdeutsche bzw. transnationale, d.h. europäische und weltkirchliche Problemzusammenhänge. Weiterführende Forschungsanregungen wie die angemahnte Genderforschung wurden als Desiderat notiert.

Ein abschließendes fertiges Forschungskommuniqué war von Beginn an weder vorgesehen noch hätte es dem Tagungsverlauf entsprochen. In einem Dialog räsonierten deshalb WILHELM DAMBERG (Bochum) und MICHAEL KIßENER (Mainz) darüber, was die Beiträge und Diskussionen über den deutschen Katholizismus, über neue methodische Zugänge und weiterführende Forschungsperspektiven für die Zukunft der Kommission für Zeitgeschichte selbst bedeuten.

Ihr Fazit: Unbeschadet der weiter zu erforschenden Geschichte von Kirche und Katholizismus in den totalitären Diktaturen werden künftig Fragen des kirchlichen und religiösen Wandels in den 1960er- bis 1980er-Jahren im Mittelpunkt einer interdisziplinär und transnational erweiterten Katholizismusforschung stehen. Die Entstehung des deutschen Katholizismus und seine Formierung zum katholischen Milieu im 19. Jahrhundert, die stets zum Kern der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung gerechnet wurden, treten demgegenüber zurück. Methodisch bedarf es dementsprechend einer vertieften, auch kulturgeschichtliche Ansätze einbeziehenden Reflexion auf den sich wandelnden Forschungsgegenstand. Ebenso ist im Bereich wissenschaftlich fundierter Quelleneditionen der Anschluss an die allgemeine Zeitgeschichtsforschung zu halten, um diesen „Markenkern“ der Kommission für Zeitgeschichte zu bewahren. Nachdrücklich unterstrichen die beiden Kommissions-Vorsitzenden, dass eine gegenüber den Anfängen in den 1960er-Jahren mittlerweile gänzlich veränderte Wissenschafts- und Universitätslandschaft nicht ohne Auswirkungen auf die organisatorischen Arbeitsformen der Kommission, ihre Finanzierung und die Zusammensetzung ihres Forschernetzwerkes bleiben könne.

Die Kommission für Zeitgeschichte knüpfte mit dieser Jubiläumstagung an frühere Standortbestimmungen an.[6] In der über 180 Bände umfassenden Veröffentlichungsreihe lassen sich die neuen Orientierungen ablesen.[7] Auch die Beiträge dieser Tagung werden demnächst nachzulesen sein. Bemerkenswert wenig war über das Zweite Vatikanische Konzil zu hören, das im Oktober 1962 wenige Wochen nach der Gründung der Kommission eröffnet wurde. Die Tagungsdiskussionen ließen allerdings die Reichweite erkennen, mit der die seinerzeit eingeleiteten Neujustierungen im Verhältnis der Kirche „zur Welt von heute“ bis heute die zeitgeschichtlich gebotenen Reflexionen auf das Forschungsobjekt „Katholizismus“ mit beeinflussen. Dass das Nachdenken der Katholizismusforschung über ihren Gegenstand künftig einfacher werden wird, steht nicht zu erwarten. Umso mehr darf man auf die Resultate gespannt sein.

Konferenzübersicht

Einführung in die Tagung: Wilhelm Damberg, Ruhr-Universität Bochum

I. Sektion: Gründerjahre der Katholizismusforschung

Mark Edward Ruff, Saint Louis University, St. Louis / USA: "Katholische Kirche im Dritten Reich" – Kritik und Kritiker in der Adenauer-Ära

Hans Maier, Universität München: Christlicher Widerstand im Dritten Reich – Perspektiven der Wahrnehmung nach 1945

Antonius Liedhegener, Universität Luzern: Demokratie – Pluralismus – Zivilgesellschaft. Gesellschaftspolitischer Wandel und deutscher Katholizismus in den 1960er Jahren

Franz-Xaver Kaufmann, Universität Bielefeld: Vom Konzil zur Gemeinsamen Synode: Katholizismus im Aufbruch

II. Sektion: Zur Zukunft der Katholizismusforschung: Kontexte und Fragen

Frank Bösch, Universität Potsdam: Der Katholizismus in der Mediengesellschaft. Zeithistorische Forschungsperspektiven

Franziska Metzger, Universität Fribourg: Zwischen Sakralisierung und Entfremdung: Zur Sprache des Katholizismus – Perspektiven für die Forschung

Matthias Sellmann, Ruhr-Universität Bochum: Katholizismus heute: Ein anstrengender Plural von Sozialformen, Unternehmenskulturen und biografischen Dynamiken

Podium: Zur künftigen Katholizismusforschung

Einführende Thesen: Ferdinand Kramer, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Podiumsdiskussion

Teilnehmer/innen: Olaf Blaschke, Universität Heidelberg; Thomas Brechenmacher, Universität Potsdam; Thomas Großbölting, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster; Franziska Metzger, Universität Fribourg / Schweiz; Harry Oelke, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Fragen aus dem Publikum

Moderation: Hans-Michael Körner, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Anstelle eines Schlussworts: Ein Dialog
Wilhelm Damberg, Ruhr-Universität Bochum; Michael Kißener, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Beitrag Ruffs in: zur debatte, 2013, Nr. 1.
[2]Vgl. den Beitrag Böschs ebd.
[3] Vgl. Heinz Hürten, Zukunftsperspektiven kirchlicher Zeitgeschichtsforschung, in: Ulrich von Hehl/Konrad Repgen (Hrsg.), Der deutsche Katholizismus in der zeitgeschichtlichen Forschung, Mainz 1988, S. 97-106.
[4] Vgl. den Beitrag Sellmanns in: zur debatte, 2013, Nr. 1.
[5] Vgl. Hans Günter Hockerts: Rezension von: Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 5 [15.05.2009], URL: <www.sehepunkte.de/2009/05/15019.html> (24.01.2013).
[6] Vgl. Urs Altermatt, Plädoyer für eine Kulturgeschichte des Katholizismus, in: Karl-Joseph Hummel (Hrsg.), Zeitgeschichtliche Katholizismusforschung. Tatsachen, Deutungen, Fragen. Eine Zwischenbilanz (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Bd. 100), Paderborn 2004, S. 169-186.
[7] Vgl. <www.kfzg.de> (24.01.2013).

ZitierweiseTagungsbericht Katholizismus in Deutschland – Zeitgeschichte und Gegenwart. 26.10.2012-27.10.2012, München, in: H-Soz-u-Kult, 22.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4707>.

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