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Preußen als Kulturstaat im 19. Jahrhundert. 7. Wissenschaftliche Tagung der Otto-von-Bismarck-Stiftung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Gisela Mettele / Ute Planert / Andreas Schulz, Otto-von-Bismarck-Stiftung
Datum, Ort:29.11.2012-30.11.2012, Potsdam

Bericht von:
Ulf Morgenstern, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh
E-Mail: <morgensternulfweb.de>

In ihrem Einführungsreferat stellte GISELA METTELE (Jena) die Bedeutung Preußens als Kulturstaat im 19. Jahrhundert heraus, die lange hinter der Bedeutung des Macht-, Militär- oder Obrigkeitsstaates zurückgestanden habe. Abgesehen von kunst- und architekturgeschichtlichen Forschungsbereichen, wo vor allem Friedrich Wilhelm IV. in seinen Kunstförderungen stets Beachtung erfahren habe, sei dem Thema „Staat und Kultur“ und innerhalb des großen Feldes der Kultur dem Thema unterschiedlicher Geschlechterrollen im Zusammenhang mit dem im 19. Jahrhundert geographisch und politisch expandierenden Preußen bisher wenig Beachtung geschenkt worden. Eine Ausnahme sei freilich das auch übergeordnete Fragestellungen untersuchende Akademieprojekt Wolfgang Neugebauers in Berlin.[1]

FRANK-LOTHAR KROLL (Chemnitz) eröffnete die erste, „Kulturstaat Preußen? Mythos und Realität“ überschriebene Sektion. Seinen Vortrag über „die Entstehung des Preußenbildes im 19. Jahrhundert“ spannte er breit von Friedrich I. bis Wilhelm II. und zeigte auf, dass die borussische Historiographie des 19. Jahrhunderts Preußen überhaupt erst erfunden habe. Historiker, Schriftsteller und die große Gruppe der Publizisten hätten sich ihren Platz in der staatlichen Erfolgsgeschichte Preußens aktiv erschrieben, nur wenige seien gegenüber der teleologischen Linie von Königsberg bis Königgrätz bzw. Sedan skeptisch gewesen. Zu ihnen habe, so bemerkte Kroll nicht ohne Hintersinn, ausgerechnet Gustav Freytag gehört.

ANDREAS SCHULZ (Berlin) verabreichte in seinem anschließenden Referat über zeitgenössische „Kritik am Preußen-Mythos“ gewissermaßen das Gegengift zu den bei Kroll behandelten Preußen-Apologeten. Anhand der Namen Börne, Gervinus, Gagern, Aegidi, Freiliggrath und anderen zeigte Schulz, dass die Kritik an der mythischen Überhöhung des noch als Konglomerat unverbundener Herrschaften ins 19. Jahrhundert gestarteten Verlierers von Jena/Auerstedt vielfältig war. Sie beschränkte sich keineswegs nur auf Stimmen aus dem liberalen Süddeutschland oder den nicht protestantischen Rheinlanden, sondern kam auch aus Preußen selbst, und zwar sowohl von Schriftstellern als auch von Professoren – also von preußischen Staatsbeamten.

Mit DAVID BARCLAY (Kalamazoo) trat dann ein amerikanischer Historiker an das Rednerpult, der als Schüler Gordon A. Craigs seit 1974 im fernen Michigan zur Geschichte Brandenburg-Preußens forscht. Barclay sprach über den Wandel der europäischen Sicht auf Preußen im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Über Madame de Staël, die bekanntlich voll des Lobes war, kam er zu weiteren Beispielen positiver Preußenrezeption in Kunst, Kultur und Kulturpolitik. Vornehmlich englische und us-amerikanische Stimmen ließ er wohlwollend über Humboldts Universitätsidee und deren (vermeintliche) Umsetzung oder den hohen kulturellen Sinn hinter der Stiftung der Friedensklasse des Ordens „Pour le mérite“ sprechen. Als einen scharfen Kontrast führte Barclay die Ablehnung der kulturellen Sendung des wilhelminischen Preußens an. Dieser kraftstrotzenden „Kultur“ sei in England und besonders in Amerika am Vorabend des Ersten Weltkrieges die angloamerikanischen „civilisation“ entgegen gestellt worden. Preußen habe, so Barclay, seine kulturelle und kulturstaatliche Leitfunktion in dem Moment verloren, als Preußen-Deutschland in der Form des selbstbewussten deutschen Kaiserreichs aus dem Status einer kulturell anregenden Mittelmacht in den einer nach Gleichberechtigung oder sogar kontinentaler Suprematie strebenden Großmacht gewachsen war.

In seinem großen Abendvortrag unter dem Titel „Kulturstaat – Machtstaat – Bürgerkultur. Preußen im 19. Jahrhundert“ band WOLFGANG NEUGEBAUER (Berlin) die genannten Aspekte zusammen und erweiterte sie um zahlreiche andere zu einem vielfarbigen Strauß. Schon um 1770, so konstatierte Neugebauer, ließen sich kulturstaatliche Bestrebungen in Brandenburg-Preußen in nennenswertem Umfang fassen, und auch wenn der preußische Ministerpräsident Otto von Manteuffel noch 1851 einen „Militär- und Beamtenstaat“ vor sich sah, hatten sich die Realitäten längst geändert. Neben diese beiden Säulen des preußischen Staates sei mit dem Kulturbürgertum eine dritte getreten, dessen Bürgerkultur den Kulturstaat eingefordert habe. Die Begriffe seien, wie Wolfgang Neugebauer an etlichen Beispielen ausführte, keine Addition gewesen, sondern hätten sich kausal bedingt. „Bildungsaristokratische Netze“ hätten dafür Sorge getragen, dass „Beamte ihre Perspektiven aus der Welt jenseits der Amtsstuben“ erweitert hätten, eine Bemerkung, die bei dem mehrheitlich im öffentlichen Dienst beschäftigen Zuhörern insofern für Erheiterung sorgte, als Neugebauer ausführte, dass ein dreistündiges Zuspätkommen zum Dienst bei einem Ministerialbeamten des Kaiserreichs durch die inhaltlichen Anregungen in Gesprächen auf dem Weg ins Büro durchaus gerechtfertigt gewesen sei. Macht- und Kulturstaat seien mit neuen Elementen wie dem bürgerlichen Mäzenatentum eine eigentümlich friedliche Koexistenz eingegangen. Daher seien auf der Basis neuer Forschungen zur Kulturstaatlichkeit Preußens auch die Begriffe Militär-, Macht- und Beamtenstaat neu zu justieren.

Ein Thema Neugebauers griff MICHAEL MAURER (Jena) am Beginn der Sektion „Bildungspolitik und kulturelle Infrastruktur“ mit seinem Vortrag „Staatliche Schulpolitik und bürgerliches Bildungsideal“ auf, mit dem der Freitagvormittag eröffnet wurde. Maurer rekurrierte auf die Anliegen der Kulturbürger, indem er verdeutlichte wie fruchtbar der Prozess der Übergangs der Schulhoheit an den Staat gewesen sei – wobei dieser wie erwartet auch die bürgerlichen Schulanliegen verwaltet habe. Schon am Beginn und erst recht im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts sei der Schulsektor etwa durch die Gründung von Lehrerseminaren in einer Art professionalisiert worden, die auch ausländische Beobachter wie Victor Cousin auf den Plan gerufen habe.

Neben einer Expansion der systemischen Tiefe nahm SUSANNE KILL (Berlin) auch eine Exploration des Raumes in den Blick. Der Bau der Osteisenbahn, der nicht linear von, sondern stückchenweise zwischen Berlin und Königsberg erfolgte, sei nicht nur ein infrastruktureller Meilenstein für die Wirtschaft und das Militär gewesen. Gerade für die Verdichtung und Vertiefung der Kulturstaates Preußen sei die Verlegung der Gleise in die östlichen Provinzen wichtig gewesen. Die alte Feststellung Franz Schnabels, wonach Liberalismus und Eisenbahnbau zusammenhängen, bestätigte sich in vielfacher Hinsicht an jener Zivilisationsanbindung Preußens an sein namensgebendes östliches Ende. Aber nicht nur durch die Erhöhung der Reisefrequenz des Publikums fand ein innerpreußischer Kulturaustausch entlang der Breitengrade statt. Kulturexporte gab es bei dem Staatsprojekt Osteisenbahn auch ganz direkt durch den Bau der an Berliner Reißbrettern gezeichneten Bahnhofsbauten mit Parkanlagen und ganzen Eisenbahnsiedlungen. Der Kulturstaat wuchs entlang der Gleise in die Fläche.

Im Anschluss referierte STEFAN FISCH (Speyer) über „Kulturpolitik und Städteplanung“ und stellte dabei neben anderen, früheren Beispielen wie München, Mannheim und Karlsruhe, wo die Monarchen entscheidend in den Städtebau eingegriffen hätten, Berlin in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Im Jahrhundert der Industrialisierung und der damit einhergehenden Herausbildung von Metropolen sei die Stadt enorm gewachsen. Rein organisch sei dieser Vorgang jedoch nicht vonstatten gegangen, vielmehr hätten bauwütige Spekulanten eine staatliche Regulierung des Baubooms notwendig gemacht, diese dann jedoch nur so weit wie zwingend notwendig befolgt. Noch heute ablesbar seien die Auswüchse in den riesigen Mietskasernenvierteln mit den zahlreichen engen Hinterhöfen, die nur gerade so die bau- und feuerpolizeilichen Vorschriften einhielten. Berlin sei hier durch die frühe Entwicklung in den Nachteil des „Firstcomers“ geraten, dessen einmal festgelegtes Kataster eine spätere Neu-Kartierung juristisch unmöglich gemacht habe. Städte mit späteren Gründerzeitbauten hätten aus den Fehlern des zu engen Bauens in Berlin lernen können.

Die dritte Sektion „Bürgerlichkeit und Kulturstaat“ eröffnete KLAUS GERLACH (Berlin) mit einem Vortrag über „Staatstheater und Bürgertheater in Preußen“. Gerlach lieferte einen geradezu enzyklopädischen Durchlauf durch die Theaterentwicklung Preußens im 18. und 19. Jahrhundert und stellte neben der Breite der Theaterlandschaft vor allem die verschiedenen Finanzierungsmodelle und Trägerschichten von Theatern vor. Neben privaten Liebhabertheatern habe es professionell als Aktiengesellschaften geführte Häuser gegeben, die freilich im historischen Rückblick allesamt von den später an die erste Stelle getretenen Hoftheatern verdeckt würden.

MATTHIAS KORNEMANN (Berlin) knüpfte als letzter Redner in seinem Referat über „Staatsorchester und bürgerliche Musikkultur in Preußen“ direkt an die Ausführungen Klaus Gerlachs an. Vor allem am Beispiel der Berliner Singakademie, deren altes Gebäude im heutigen Berlin das Maxim-Gorki-Theater beherbergt, exemplifizierte Kornemann die Entwicklung der Orchesterlandschaft Preußens und in erster Linie Berlins. Dass heute die Berliner Staatsfinanzen unter der Finanzierung der Klangkörper und Opernhäuser ächzten, sei am Beginn des 19. Jahrhunderts keineswegs vorgezeichnet gewesen. Wie bei den Theatern seien die Gründungen anfangs privater Natur gewesen, wobei sich die Idee institutionalisiert habe, dass „Musik eine Hauptrolle bei der moralischen Bildung eines anständigen Bürgers spielen solle“.

Die Tagung vereinte auf vielfältige Art und Weise neue methodische Ansätze und inhaltliche Schwerpunktsetzungen. Da ein nicht geringer Teil der Ertrages der Zusammenkunft im Potsdamer Militärgeschichtlichen Forschungsamt aus den hier nicht im einzelnen auszuführenden Diskussionsbeiträgen resultierte, bleibt zu hoffen, dass diese Kommentare und Ergänzungen aufnehmenden Beiträge bald gedruckt vorliegen werden.

Konferenzübersicht

Begrüßung und Einführung: Gisela Mettele (Jena)

Sektion I: Kulturstaat Preußen? Mythos und Realität

Frank-Lothar Kroll (Chemnitz): Die Entstehung des Preußenbildes im 19. Jahrhundert

Andreas Schulz (Berlin): Kritik am Preußen-Mythos

David Barclay (Kalamazoo, USA): Preußen in europäischer Sicht

Öffentlicher Abendvortrag: Wolfgang Neugebauer (Berlin): Kulturstaat — Machtstaat — Bürgerkultur. Preußen im 19. Jahrhundert

Sektion II: Bildungspolitik und kulturelle Infrastruktur

Michael Maurer (Jena): Staatliche Schulpolitik und bürgerliches Bildungsideal

Dr. Susanne Kill (Berlin): Die kulturelle Erschließung des ländlichen Raums. Der Bau der Ost-Eisenbahn

Stefan Fisch (Speyer): Kulturpolitik und Städteplanung

Sektion III: Bürgerkultur und Kulturstaat

Klaus Gerlach (Berlin): Staatstheater und Bürgertheater in Preußen

Matthias Kornemann (Berlin): Staatsorchester und bürgerliche Musikkultur in Preußen

Anmerkung:
[1] Vgl. www.bbaw.de/forschung/pak/uebersicht (26.02.2013).

ZitierweiseTagungsbericht Preußen als Kulturstaat im 19. Jahrhundert. 7. Wissenschaftliche Tagung der Otto-von-Bismarck-Stiftung. 29.11.2012-30.11.2012, Potsdam, in: H-Soz-u-Kult, 21.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4706>.

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