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Why Emotions Matter: Interdisciplinary Reflections from History and the Social Sciences

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:DFG-Graduiertenkolleg 1599 "Dynamiken von Raum und Geschlecht"
Datum, Ort:23.10.2012, Kassel

Bericht von:
Benjamin Christoph Seyd, Promotionskolleg "Zeitstrukturen des Sozialen", Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <benjamin.seyduni-jena.de>

Für diejenigen, die meinen, dass wissenschaftliche Konjunkturen rationalen Erwägungen folgen, mag es erstaunlich klingen, wenn mehr als zwanzig Jahre nach Beginn der "Gefühlsrenaissance", die sich quer über Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften erstreckt, ein interdisziplinärer Workshop mit der Frage aufwartet, was es eigentlich auf sich hat mit dem wissenschaftlichen Interesse an Gefühlen. So geschehen am 23. Oktober 2012 in Kassel, wo – ausgehend vom DFG Graduiertenkolleg "Dynamiken von Raum und Geschlecht" – die Veranstalterinnen Sabrina Funkner, Johanna Neuhauser und Babette Reicherdt genau wissen wollten "Why Emotions Matter". Doch während es inzwischen tatsächlich weitgehend unstrittig ist, dass Gefühle für sozial- und geisteswissenschaftliche Erklärungen unverzichtbar sind, ist keineswegs klar, inwiefern und warum das so ist und welche methodischen Schlüsse daraus zu ziehen sind. Mit einer gewissen Freude an Spitzfindigkeiten ließe sich anmerken, dass die vielbeschworene 'emotionale Wende' insofern selbst als Beleg für die mangelhafte Rationalität menschlicher Motive zu dienen vermag.

Ganz in diesem Sinne zog die australische Mittelalterhistorikerin PHILIPPA MADDERN (Perth) zum Auftakt ihres Eröffnungsvortrags eine Parallele zu den Gender Studies. Diese hätten sich in den Jahren ihrer Entstehung in einer ähnlichen Lage befunden wie die Emotionsforschung heute: getragen von großem Enthusiasmus, aber mit einer höchstens schwachen Ahnung hinsichtlich der Konstitution ihres Gegenstands – was sich in einem enormen Qualitätsgefälle der entstandenen Arbeiten ausdrückte. Für die historische Forschung bemerkte Maddern dabei, dass Emotionen dort klassischerweise (z.B. bei Lucian Febvre) zwar keineswegs abwesend gewesen seien, dabei aber jedes Bewusstsein für die Problematik des Gegenstands gefehlt habe (was sich vermutlich für andere Sozialwissenschaften in ganz ähnlicher Weise konstatieren ließe). Wo dieses Bewusstsein dann entstanden sei, habe es sich zunächst auf eine ganze Reihe von Fragen gerichtet, die sich nun, so Maddern, zunehmend als "langweilig" erwiesen. So sei etwa bezüglich der Frage nach dem Verhältnis von Körper und Kultur "Frieden ausgebrochen": Körper und Kultur seien in Emotionen so untrennbar miteinander verschränkt, dass die Frage sinnlos sei. Daran änderten auch Untersuchungen der Tierforschung nichts, die im Übrigen mehr und mehr offenbarten "that culture is natural to primates". Auch die Frage nach der Zahl der Basisemotionen sei überflüssig, da nicht nur Anlässe, Ausdruck und Wertungen von Emotionen historisch variierten, sondern auch deren Klassifikation selbst. Deshalb sei es nicht sinnvoll, einzelne, diskrete Emotionen als Analysekategorien heranzuziehen. Stattdessen gelte es, so Maddern in ihrem eher tentativen Fazit, Emotionen als "intensely relational phenomena" anzuerkennen, in denen sich Natur und Kultur, inneres Selbst und äußere Umwelt verbänden und die dementsprechend vielfältige Rollen im Sozialen spielten. Nähern sollte man sich ihnen, so Maddern, dabei nicht als diskrete Einheiten, sondern über ihre Komponenten (also physische Erregung, Qualia, Kognitionen, Handlungsimpulse), um eine genauere Erklärung historischen Wandels zu liefen. Als "echte Neuerung" historiografischer Analyse könne sich dabei beispielsweise die Kategorie der ‚emotionalen Arbeit’ herausstellen.

Aus soziologischer Perspektive unterschied CHRISTIAN VON SCHEVE (Berlin) dann die Frage nach der Definition von Emotionen von der nach ihrer Funktion, um von hier aus den Stand der Emotionssoziologie darzustellen. Auch er betonte, dass jede Unterscheidung diskreter Emotionen, die einen Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt – egal, ob auf der Grundlage von Körperreaktionen, Ausdruck oder kognitivem Gehalt –, an der Berücksichtigung des Kontextes scheiterte. Die Annahme klar unterscheidbarer Grundgefühle sei deshalb, so von Scheve in erfrischender Deutlichkeit, eine "gefährliche Idee". Deren Vermeidung stelle uns allerdings vor die Herausforderung, Gefühle nicht umgekehrt auf kulturell hervorgebrachte kognitive Urteile zu reduzieren, sondern die Körperlichkeit der Gefühle auf andere Weise im soziologischen Blickfeld zu behalten. Dazu sprach sich von Scheve dafür aus, Gefühle als Konzeptualisierungen und Kontextualisierungen grundlegender affektiver Reaktionen zu verstehen, die sich im Rahmen von dimensionalen Modellen (etwa entlang der Achsen starke-schwache Erregung und positive-negative Valenz) systematisieren ließen: mit ebenso (historisch und kulturell) flexiblen wie fließenden Übergängen. Auch von Scheve ging es also darum, sich der simplen Entgegensetzung von Natur und Kultur zu entziehen: Entscheidend sei, dass Emotionen nicht biologisch, sondern soziologisch und kulturell real seien. Und erst dadurch erlangten sie ihre komplexe Koordinationsfunktion für Handeln, Interaktion und soziale Ordnungsbildung. Entsprechend seinem eben skizzierten Modell unterschied von Scheve idealtypisch auch zwei Arten der soziologischen Thematisierung von Emotionen: Zum einen ein Vorgehen, das den Schwerpunkt auf die Kontextualisierungen und Konzeptualisierungen und damit auf die Rekonstruktion einer Emotionskultur sowie der sie tragenden Diskurse und Praxen legt, und um das sich insbesondere Arlie Hochschild verdient gemacht hat; sowie zum Anderen eines, das die Emotionsgenerierung und ihre sozialstrukturellen, kulturellen und kognitiven Bedingungen nachzuvollziehen sucht, wie es sich exemplarisch etwa bei Theodore Kemper findet. Eher diesem zweiten Ansatz war dann auch eine abschließend vorgestellte Studie von Scheves zu soziostrukturellen Unterschieden in der affektiven Besetzung von Begriffen zuzuordnen.

Die anschließende Diskussion der ersten beiden Beiträge konzentrierte sich vor allem auf den Wert der Natur-Kultur-Unterscheidung. Zwar wurde allgemein zugestimmt, dass eine strikte Unterscheidung von Kultur und Natur insbesondere in Bezug auf Gefühle keinen Sinn habe, zu Bedenken gegeben wurde aber, dass die Unterscheidung analytischen Wert habe, um ein Kontinuum (Maddern) von Natur-Kultur-Verhältnissen zu erschließen. Claudia Jarzebowski wies darauf hin, dass ohne eine solche Differenzierung die Gefahr bestehe, implizite Annahmen über "die Natur" der Reflexion zu entziehen. Benjamin Seyd verwies dazu auf das spiegelbildliche Problem, mit einem kulturalistischen Blick auf Gefühle deren körperliche Dimension wieder aus dem Blick zu verlieren und damit zugleich ihren analytischen Mehrwert – ihr Potenzial zu "echter Neuerung" – zu verschenken. Die "Hybridität der Gefühle" zwischen Kultur und Natur müsse deshalb gerade als Herausforderung statt als Absage an Versuche verstanden werden, ihr konzeptionell beizukommen. Auch, wenn im Ergebnis – wie Maddern zusammenfasste – weniger neue Antworten auf alte Fragen gefunden als neue Fragen aufgeworfen würden.

Der zweite Teil des Workshops wurde mit einem Vortrag der Frühneuzeithistorikerin CLAUDIA JARZEBOWSKI (Berlin) eingeleitet, die exemplarisch – am Beispiel der Memoiren Christina von Schwedens – den Nutzen der Emotionsanalyse für die historische Forschung diskutierte. Dabei fragte sie nach den narrativen Funktionen, die der Darstellung von Emotionen in Christinas Autobiographie zukommt. Verbreiteten Einwänden, die auf die vermeintliche Irrationalität oder Innerlichkeit der Gefühle abstellten, hielt sie dabei entgegen, dass es sich sowohl bei der Unterscheidung rational/irrational als auch bei der Vorstellung einer kohärenten Persönlichkeit um spezifisch moderne Ideen handle – und Gefühle demnach weder so verstanden werden müssten noch zur Zeit Christinas so verstanden worden seien. Jarzebowski zufolge fungieren der Verweis auf und die Schilderung von Gefühlen in der Selbstdarstellung Christinas als Autoritätstopoi, die an Schlüsselstellen der Erzählung das Narrativ geradezu erblühen lassen. Als rhetorisches Mittel dienen sie Christina dazu, ihre ungewöhnliche Selbstcharakterisierung – Christina war laufend bemüht, die Bedeutung ihres Alters und ihres Geschlechts herunterzuspielen – mit Tiefe und Glaubwürdigkeit auszustatten. Insofern fungierten Gefühle in Christinas Erzählung als "Marker von Differenz". Deren Wirkung wird noch verstärkt, indem Christina ihren Gefühlen ein transzendentes Moment bescheinigt: Laut Jarzebowskis verwandelt Christina ihren Körper in ihren Gefühlsausbrüchen in ein Gefäß göttlicher Zuwendung ("turning her body into a container of God's love"), deren Licht die weltlichen Unterscheidungen von Alter und Geschlecht verblassen lässt. Somit lieferte Jarzebowski ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Rede über Gefühle Körper performativ zu prägen vermag: "Feelings", so Jarzebowski, "make the body"!

Damit war allerdings die – im Anschluss heiß diskutierte – Frage berührt, welche Aussagen historische Forschung über Gefühle machen kann und ob es sich in Jarzobewskis Fall überhaupt um Aussagen über Gefühle im strengen Sinne und nicht nur über eine spezifische rhetorische Variation – um bloße Rede über Gefühle – handle. Läuft nicht, so der Einwand, das Interesse an Gefühlen letztlich ins Leere, wenn man sich diesen nie unmittelbar, sondern nur über ihre textliche Repräsentation zu nähern vermag? Oder verdient genau umgekehrt die Repräsentation von Gefühlen besondere Aufmerksamkeit, nicht nur ob der besonderen sozialen Bedeutung der Gefühle, sondern darüber hinaus, weil – ganz im Sinne Jarzebowskis – die Repräsentationen (künftige) Gefühle erst konstituieren? Entscheidender, als danach zu fragen, was Christina 'wirklich' fühlt, wäre demnach, zu erkennen, dass Christinas Thematisierung ihrer Gefühle weder bedeutungslos, noch voraussetzungslos, noch folgenlos ist – und dem/r Forschenden insofern einen wichtigen Zugang in sein Material offeriert.

Der verbleibende Teil des Nachmittags war schließlich der Diskussion von Problemstellungen aus drei Dissertationsprojekten gewidmet, in denen Emotionen jeweils auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielen.

Anknüpfend an die eher globalen Überlegungen von Scheves und Madderns fragte zunächst BENJAMIN SEYD (Jena), was die sogenannte 'affektive Wende' der Sozialwissenschaften zu leisten vermag und an welche Voraussetzungen sie gebunden ist. Ausgangspunkt war ihm dabei die These, dass die Kritiken am linguistic turn – an Sprache, Bedeutung, Struktur und Rationalität – zwar wohlbegründet sind, der Sozialtheorie dabei aber eine Reihe "begrifflicher Zombies" hinterlassen haben, mit denen sich Gesellschaft allenfalls noch ex negativo („post-...“) beschreiben lässt. In dieser Situation verbinde sich mit der 'affektiven Wende' die Hoffnung, den Sozialwissenschaften einen neuen Zugang zu ihrem Gegenstandsbereich zu bahnen, der auch die materielle Ebene in den Blick nimmt. Denn in Affekten, so Seyd, artikuliere sich die Materialität von Bedeutung ebenso wie die Bedeutung von Materie. Umso mehr komme es allerdings auf die Frage der plausiblen Konzeptionalisierung der Verbindung von Körper und Kognition an, die im Zentrum der emotionstheoretischen Debatte steht. Seyds zentrale These dazu war, dass Affekte weder als Reaktion auf einen spezifischen Reiz noch als spezifische kognitive Urteile, sondern als Verunsicherungserfahrungen und somit letztlich als Bewältigungsmechanismen für Erwartungsunsicherheit verstanden werden sollten. Außerdem schlug er in diesem Zusammenhang eine Unterscheidung von Affekten im genannten Sinne und Emotionen als deren subjektiver Interpretation und Aneignung vor. Den Vorteil einer solchen Perspektive sah er in einem differenzierteren Verständnis sozialen Wandels, das genau dort einsetzt, wo herkömmliche Erklärungen nicht mehr greifen, nämlich bei der Verunsicherung etwa von Interessen, Überzeugungen, Identitäten oder Bedeutungen.

Stärker empirisch orientiert waren demgegenüber die Überlegungen von QINGHUA SHI (Tübingen) und Babette Reicherdt (Kassel), die jeweils vertieften, vor welche Herausforderungen sich historische Forschung durch das Einbeziehen von Emotionen gestellt sieht. Dabei ging es Shi um das Potenzial der Emotionsthematisierung für ein vertieftes Verständnis des deutschen Antisemitismus. Dessen emotionale Aufladung wird zwar prinzipiell anerkannt, jedoch zuallermeist als Nebenprodukt anderer, primärer Faktoren betrachtet. Dagegen diskutierte Shi verschiedene Möglichkeiten, Emotionen auch als Explanans ernst zu nehmen –sowie die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, derlei Einsichten empirisch fruchtbar zu machen. BABETTE REICHERDT (Kassel) schließlich fragte nach dem Einfluss von Gefühlen auf die Konstitution von Gemeinschaft in deutschen und schweizerischen Klarissenkonventen des 16. Jahrhunderts. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der (performativen) Konstruktion von Geschlecht in Abhängigkeit von Raum und Körperlichkeit. Auch für Reicherdt war die entscheidende Frage an dieser Stelle, welcher methodische Stellenwert den detailliert geschilderten Emotionen im Rahmen ihrer Quellenanalyse zukommen kann: Was tragen Gefühle zur Ordensgemeinschaft bei und wie lassen sie sich anhand historischer Dokumente rekonstruieren, ohne der Befangenheit des gegenwärtigen Blicks zum Opfer zu fallen?

Auch am Ende blieb also offen, „why emotions matter“. Und hätte der Workshop das vermessene Anliegen verfolgt, eine mehr als vorläufige Antwort auf die selbstgestellten Fragen zu finden, er wäre gescheitert. Doch der Gefühlsbesorgte weiß um die Grenzen und Vorläufigkeit seiner Rationalisierungen, die dieser Oktobertag eindrucksvoll vor Augen geführt hat. An der Fruchtbarkeit emotionstheoretischer Überlegungen kann derweil ebenso wenig Zweifel bestehen wie an dem Bedarf nach weiterer Systematisierung der emotionstheoretischen Debatte. Der Kasseler Workshop hat dazu einen kleinen, aber nennenswerten Beitrag geleistet.

Konferenzübersicht

I. Theoretical Introduction to the Research Of Emotions

Philippa Maddern (University of Western Australia, Medieval History): “Changing the History of Culture or changing the Nature of History? How the History of Emotions affects Historiography.”

Christian von Scheve (Freie Universität Berlin, Sociology): “The Sociology of Emotion: Between Cultural Analysis and Affective Science.”

II. Emotions in Context – Discussion of Research Projects

Claudia Jarzebowski (Freie Universität Berlin, Early Modern History): “How to do to Politics with Emotions: Christina of Sweden in her Memoirs (1626-1689).”

Benjamin C. Seyd (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Sociology): “Feeling Change. Six Theses on the Relevance of Affect for Social Theory.”

Qinghua Shi (Universität Tübingen, History): “History of Emotions: A New Perspective on the History of Anti-Semitism.”

Babette Reicherdt (Universität Kassel, History): “Community and Gender in Convent Spaces: Body, Emotion and Relationship in Chronicles of 16th Century German and Swiss Convents of the Order of Saint Clare.“

ZitierweiseTagungsbericht Why Emotions Matter: Interdisciplinary Reflections from History and the Social Sciences. 23.10.2012, Kassel, in: H-Soz-Kult, 16.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4705>.

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