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Erfahrungen, Akteure, Räume: Dimensionen des Siedlerimperialismus in transnationaler Perspektive

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Universität Trier, Lehrstuhl für Internationale Geschichte, DFG-Projekt „Siedlerimperialismus in Nordamerika und Australien“
Datum, Ort:11.12.2012, Trier

Bericht von:
Björn Beyen, Abteilung für Anglo-Amerikanische Geschichte, Universität zu Köln / Hanno Scheerer, Arbeitsbereich Internationale Geschichte, Universität Trier
Email: <bjoern.beyengmx.de>; <scheereruni-trier.de>

Am 11. Dezember 2012 lud der Lehrstuhl für Internationale Geschichte der Universität Trier zu einem Workshop rund um die Thematik des Siedlerimperialismus ein. Dieser fand im Rahmen des durch die DFG geförderten Projekts „Siedlerimperialismus in Nordamerika (1789-1851) und Australien (1788-1850)“, geleitet von Ursula Lehmkuhl (Universität Trier) und Norbert Finzsch (Universität zu Köln), statt. Der Workshop brachte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, die sich mit siedlerimperialistischen Prozessen in unterschiedlichen historischen Kontexten der Anglosphäre beschäftigten.

In ihren einführenden Worten skizzierte URSULA LEHMKUHL (Trier) die zentralen Forschungsfragen des Projekts, denen sich auch dieser Workshop widmete. Ziel sei es, den siedlerimperialistischen Prozess der Landnahme, Verdrängung, und Auslöschung indigener Völker in Nordamerika und Australien genauer zu untersuchen. Dieser Prozess verlief langsam und nicht stetig gewaltsam: Phasen der offenen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den europäischen Kolonisten und der indigenen Bevölkerung wechselten sich ab mit Phasen des low intensity warfare oder der friedlichen Kohabitation. Das Projekt interessiert sich insbesondere für die Faktoren, die das Umschalten zwischen diesen Phasen erklären. Um diese Faktoren fassen zu können, werden sowohl die politisch-gouvernementalen Ordnungsansätze des Siedlerimperialismus, als auch die Mikropraktiken der Siedler an der Frontier untersucht. Die historischen Erfahrungen Nordamerikas und Australiens werden dabei in vergleichender Perspektive und unter verflechtungsgeschichtlichen Fragestellungen in Bezug zueinander gesetzt. Dies spiegelten auch die Beiträge des Workshops wider: Hanno Scheerer und Julius Wilm konzentrierten sich mit ihren Beiträgen auf die Vereinigten Staaten. Björn Beyen beschäftigte sich mit Australien, und Rebecca Burke mit Neuseeland. Eva Bischoff nahm die verflochtene Geschichte des Siedlerimperialismus in den USA und Australien auf, und Ursula Lehmkuhl präsentierte weiterführende Forschungsperspektiven, mit denen Formen der Kohabitation in Australien und Kanada vergleichend untersucht werden sollen.

Im ersten Vortrag stellte HANNO SCHEERER (Trier) quantitative Methoden zur Erfassung des Siedlerimperialismus im alten amerikanischen Nordwesten vor. Auf das Forschungsparadigma der grounded history (Karen Halttunen) aufbauend, machte er deutlich, dass „Land“ eine zentrale Analysekategorie für die Erforschung des Systems des Siedlerimperialismus ist: Der Konflikt zwischen Siedlern und Indigenen war stets ein Konflikt um Land. Daher sei es notwendig, den Landnahmeprozess durch europäische Siedler auf der Grundlage eines konkreten physischen Raums historisch nachzuzeichnen. Unter Benutzung digitaler Geoinformationssysteme (GIS) und am Beispiel des Virginia Military District – ein ca. 17.000 km² großes Gebiet im heutigen Staat Ohio – zeigte Scheerer, dass euro-amerikanische Siedler klare Präferenzen in der Wahl ihres Landes verfolgten. Dabei orientierten sie sich an – auch aus indigenen Wissensbeständen – gewonnenem Wissen über „gutes“ und „schlechtes“ Land. Diese Differenzierung lässt sich auch heute noch anhand von rekonstruierten Vegetationskarten nachzeichnen. Die genauen Kenntnisse über die Qualität des Landes bedingten ein spezifisches Landnahmemuster. Die Besiedlung folgte nicht einem linearen Besiedlungsmuster entlang einer sich langsam verschiebenden Siedlungsgrenze. Vielmehr drangen euro-amerikanische Siedler schnell in das Hinterland vor, wenn dort wertvolles Land vorhanden war, so dass Siedlungsinseln entstanden. Durch ihre schnelle Ausbreitung bargen diese Siedlungsinseln ein erhebliches Konfliktpotential mit der indigenen Bevölkerung.

In seinem Vortrag zum „Congressional Design of the First U.S. Homestead Laws“ konzentrierte sich JULIUS WILM (Berlin) auf die politisch-gouvernementalen Ordnungsansätze des Siedlerimperialismus. Durch eine Analyse der Kongressdebatten zur Verabschiedung des Florida Armed Occupation Act (1842) und des Oregon Donation Land Claim Act (1850) zeigte Wilm auf, dass der Siedlerimperialismus der Vereinigten Staaten des mittleren neunzehnten Jahrhunderts zunehmend durch den amerikanischen Kongress erwünscht war. Waren siedlerimperialistische Prozesse an der Frontier bis dahin als ein politisch schwer zu kontrollierendes Übel angesehen worden, nutzte die Regierung diese nun als Steuerungsinstrument zur Landeroberung und wirtschaftlichen Ausdehnung. Land wurde an Siedler vergeben, bevor die indigene Bevölkerung dieses abtrat oder es durch militärische Operationen erobert und anschließend vermessen wurde. Insbesondere im Falle von schwer zugänglichem Territorium und widerstandsfähigen indigenen Gruppen sollten so Kosten für Armeeeinsätze eingespart werden. Dieser Prozess wurde wohlüberlegt gesteuert. So wurden beispielsweise Prämien für Ehefrauen gezahlt, um die Sesshaftigkeit von Siedlern zu forcieren. Mit seinem Fokus auf die impulsgebende Rolle des Staates leistete Wilm einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der politischen Verflechtungen innerhalb des siedlerimperialistischen Netzwerks.

BJÖRN BEYEN (Köln) widmete sich in seinem Beitrag der postkolonialen Dimension des Siedlerimperialismus, genauer den indigenen Landrechten in Australien in der jüngsten Geschichte. Ausgehend von der Theorie Michel Foucaults zum Begriff des Dispositiv interpretierte Beyen die Anerkennung von Native Title Anfang der 1990er-Jahre als die Entstehung eines Notstands für die bestehenden Machtverhältnisse. Dies sei daran sichtbar, dass die euro-australische Bevölkerung die Landbesitzverhältnisse als bedroht wahrnahm. Am Fall der Native Title-Klage der Yorta Yorta (1994-2002) ging Beyen nun der Frage nach, welche Strategien entwickelt wurden, um den Notstand abzuwenden. Die Urteile in der Klage bestimmten, dass kein ¬Native Title existiere. In seiner Analyse stellte Beyen vor allem die Konstruktion von Tradition und aboriginality im Urteil als solche Strategie heraus: Für die Urteilsfindung fand ein äußerst statisches Konzept von Tradition Anwendung. Dementsprechend wurden Veränderungen von indigenen Lebensweisen im Laufe der Kolonialisierung als Aufgabe von Tradition per se begriffen. Der für den Nachweis von Native Title notwendige kontinuierliche, traditionelle Bezug zum Land wurde für die Yorta Yorta so praktisch unmöglich. Diese Konzeption von Tradition knüpfte an koloniale Denkmuster an, welche Aborigines als „zeitloses“, „sich nicht veränderndes Volk“ konstruierten. Der Beitrag zeigte somit, wie auch im postkolonialen Siedlerstaat koloniales Wissen weiter wirkt und bestehende Machtverhältnisse absichert.

REBECCA BURKE (Wellington, Neuseeland) diskutierte in ihrem Vortrag die These, dass die Prozesse und Effekte des Siedlerkolonialismus auf der ganzen Welt zwar ähnlich waren, die unmittelbaren Kontexte der kolonialen Erfahrung – sowohl für die Indigene Bevölkerung, als auch für die europäischen Siedler – sich jedoch häufig substantiell unterschieden. Ausgehend von dieser These plädierte Burke für eine lokale, mikrohistorische Betrachtungsweise des Siedlerkolonialismus, die sie in der von ihr präsentierten Analyse der Beziehungen zwischen europäischen Siedlern und den Māori in Wellington anwandte. Bezug nehmend auf Richard Whites Konzept des middle ground stellte Burke heraus, dass die Kontakte zwischen europäischen Siedlern und den Māori in Wellington vor der Mitte der 1840er-Jahre grundsätzlich kooperativ waren. Durch den Austausch von Wissen und Handelsgütern und durch das gegenseitige Erlernen der Sprache bildete sich schnell eine neuartige Form des Zusammenlebens heraus, die Aspekte der europäischen Siedlerkultur und der Māori-Kultur vereinte. Mit dem zunehmenden demographischen Druck durch zuströmende Siedler brach dieses fragile Gefüge jedoch schnell zusammen. Kriegerische Auseinandersetzungen, die in Wellington vor 1840 keine Rolle gespielt hatten, waren die Folge. Sie müssen, so Burke, als zentrale Wendepunkte in der Geschichte der europäischen Kolonialisierung Neuseelands betrachtet werden.

EVA BISCHOFF (Trier) diskutierte in ihrem Vortrag die verflechtungsgeschichtlichen Dimensionen der kolonialen Erfahrung der Quäker in Nordamerika und Australien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert. Inhaltlich konzentrierte sie sich dabei auf das Verhältnis zwischen humanitärem und pazifistischem Anspruch der global vernetzten Quäkergemeinde und dem Alltagsleben an der kolonialen Frontier. Sie ging dabei der Frage nach, wie humanitäre Werte und christliche Moral das koloniale Alltagsleben von Quäkern und ihre Interaktion mit Aborigines formten und im Gegenzug, wie die Frontier-Erfahrungen der Siedler ihre Einstellungen veränderten. Bischoff zeigte anhand einer Analyse von Nachlässen ausgewählter Quäkerfamilien, dass diese den Abschluss von Landabtretungsverträgen mit indigenen Völkern befürworteten, um gewaltsame Konflikte zu vermeiden. Bischoff sieht darin einen Effekt des im kollektiven Gedächtnis der translokalen Quäkergemeinde zirkulierenden kolonialen Wissens, konkret des im Jahr 1682 von Gouverneur William Penn abgeschlossenen „Great Treaty“. Die Existenz eines solchen Vertrags mit den Leni Lenape/Delaware wird zwar aus Perspektive der heutigen Forschung angezweifelt, war jedoch für die Quäker des frühen 19. Jahrhunderts fester Bestandteil nordamerikanischer Quäkergeschichte. Jedoch lässt sich daraus nicht notwendig eine durchweg friedliche Kohabitation von Quäkern und Aborigines folgern. Während des Black War (1828-1832) zögerten einzelne Quäker beispielsweise nicht, im Falle eines Angriffs das Militär zu Hilfe zu rufen. Insgesamt schienen die Quäker pragmatisch mit dem Phänomen Gewalt an der Frontier umzugehen: Sie unterstützten humanitäre Anliegen und Ziele im Umgang mit der indigenen Bevölkerung, waren aber wenig kompromissbereit wenn es um den Schutz des Lebens der eigenen Familie und dem der Arbeiter sowie die Sicherung ihres Eigentums ging.

Im letzten Beitrag des Workshops präsentierte URSULA LEHMKUHL (Trier) gemeinsam mit ALEXANDER BRÄUER (Trier) eine in Planung befindliche Weiterführung des Forschungsprojekts „Siedlerimperialismus in Nordamerika und Australien“. Während das gegenwärtige Projekt vornehmlich nach den Gründen für den Erfolg des Systems Siedlerimperialismus fragt, könnte in weitergehenden Untersuchungen die Frageperspektive umgedreht werden und nach den Gründen für die Resilienz und Beharrungskraft der indigenen Völker angesichts der durch den Kolonialismus ausgelösten disruptiven Wandlungsprozesse gefragt werden. Resilienz, so Lehmkuhl, beschreibt die Fähigkeit einer sozialen Einheit bestandsgefährdenden Veränderungsprozessen standzuhalten und neue bzw. modifizierte kulturelle und politische Handlungsoptionen zu entwickeln. In einer Weiterführung des middle ground-Konzeptes von White würde Resilienz als untersuchungsleitende Perspektive den Blick für die sozio-ökologischen Kontextbedingungen von Kohabitation schärfen. Historisch-empirisch ließe sich die Frage nach der adaptiven Kapazität bzw. der Erneuerungs-, Reorganisations- und Entwicklungsfähigkeit indigener Gruppen beispielsweise durch den Vergleich der Interaktion und Kohabitation indigener Bevölkerung und europäischer Siedler in der Swan River Colony in Westaustralien und der Red River Colony in den kanadischen Prärien untersuchen.

In einer anregenden Abschlussdiskussion setzten sich die Teilnehmer insbesondere mit der Bedeutung und dem Nutzen der in den einzelnen Vorträgen vorgestellten heuristischen Konzepte für die Analyse des Systems Siedlerimperialismus auseinander. Der Ansatz der grounded history kann dabei helfen, siedlerimperialistische Prozesse besser fassbar zu machen, indem das Land als physischer Ort in das Zentrum der Betrachtung gerückt und damit der Fokus auf lokale Gegebenheiten und Besonderheiten gelegt wird. Das Foucaultsche Konzept des Dispositiv als Analysemethode der Machtverhältnisse und Wissenskonstruktionen in Bezug auf die Landeroberung und Landbesitzsicherung, macht Veränderung in diesen Bereichen sichtbar. Derart beleuchtet wird das Handeln zur Machtsicherung kontextuell erklärbar. So könnten die Auslöser für das Umschlagen von friedlicher Kohabitation in Gewalt und vice versa fassbarer werden. Auch Richard Whites Konzeption des middle ground hilft, derartige Umbrüche besser zu verstehen: Ausgehend von gegenseitigen Interessen entwickelten sich spezifische Interaktionsformen zwischen Indigenen und Siedlern, in denen Gewalt nie vollständig abwesend war, jedoch über neu entstehende Kommunikations- und Austauschsysteme kanalisiert wurde. Die Ambivalenzen innerhalb dieser Systeme brachen auf, wenn sich eine ausgewogene, gegenseitige Interessenlage aufhob, beispielsweise durch die Bedrohung von bestehenden oder prospektiven Besitzverhältnissen. Physische Gewalt brach im Zusammenhang mit ganz spezifischen, lokal und zeitlich begrenzten Konflikten aus. Die Lösung solch begrenzter Konflikte führte in der Regel dazu, dass das System wieder umschaltete auf friedliche Interaktionsformen. Insgesamt ermöglichte der Workshop einen anregenden Austausch von Perspektiven, sowohl in Bezug auf theoretische Ansätze, als auch auf Ergebnisse aus verschiedenen Falluntersuchungen.

Konferenzübersicht:

Ursula Lehmkuhl (Trier): Begrüßung und thematische Einführung

Sektion I: Dimensionen der Landnahme: Messen & Ordnen

Hanno Scheerer (Trier): Settlers, Surveyors, Speculators: Settler Imperialism in Ohio’s Virginia Military District

Julius Wilm (Berlin): “No Man will go to Oregon unless you hire him to go there”: The Congressional Design of the First U.S. Homestead Laws

Björn Beyen (Köln): Koloniale Reorganisation im postkolonialen Siedlerstaat? Der Native-Title-Fall der Yorta Yorta in Australien

Sektion II: Dimensionen der Frontier: Zwischen Middle Ground und Low Intensity Warfare

Rebecca Burke (Wellington): “Friendly Relations Between the Two Races were Soon Established”: Māori-Pākehā Interaction in Wellington, 1840-1860

Eva Bischoff (Trier): Arms and Amelioration: Negotiating Quaker Peace Testimony and Settler Violence in 1830s Van Diemen’s Land

Ursula Lehmkuhl (Trier) / Alexander Bräuer (Trier): Cultures of Resilience: Innovation and Persistence in Western Australia and the Canadian Prairies, 1830-1860

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Erfahrungen, Akteure, Räume: Dimensionen des Siedlerimperialismus in transnationaler Perspektive. 11.12.2012, Trier, in: H-Soz-u-Kult, 09.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4692>.

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