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Nichtwissen. Driburger Kreis 2012

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Driburger Kreis, Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik e. V.
Datum, Ort:26.09.2012–28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Verena Lehmbrock, Jena
E-Mail: <verena.lehmbrockgmail.com>

Ausgehend von der durch Londa Schiebinger und Robert Proctor 2008 eingeführten Wortneuschöpfung „Agnotology“ beschäftigte sich der Driburger Kreises 2012 mit dem Thema Nichtwissen. Bereits in der Eingangsdiskussion wurde deutlich, dass Nichtwissen kein homogenes Phänomen ist und dementsprechend zahlreiche Nichtwissenskonzepte denkbar sind. Während Proctors und Schiebingers Taxonomie zwischen drei Dimensionen unterscheidet – lost realm (verlorenes, nicht wahrgenommenes Wissen), native state (Noch-nicht-wissen) und strategic ploy (unterdrücktes Wissen, Desinformation) – sind andere, etwa in der Soziologie, Medizin, Psychologie oder in den Wirtschaftswissenschaften seit den 1970er-Jahren entwickelte Typen bekannt, darunter known unknowns (bekanntes Nichtwissen), unknown unknowns (unbekanntes Nichtwissen), tacit knowledge, Tabus oder verdrängtes Wissen.[1] 17 Teilnehmer/innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz diskutierten auf Basis der genannten Typen und im Rahmen von neun Vorträgen Nichtwissensphänomene aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln heraus (Wissenschafts- und Medizingeschichte, Filmwissenschaft, Soziologie, Historische Epistemologie, Geschichte der mathematischen Physik).

EIKE HARDEN (Hamburg) und BEN MIRWALD (Regensburg) befassten sich mit der Rolle von Nichtwissen in historischen didaktischen Konzeptionen. Harden stellte für Joachim Jungius’ Lehrpraxis (1587-1657) fest, dass er mit dem Aufdecken von Irrtümern vor Schülern zugleich einen ethischen wie didaktischen Zweck verfolgte – einerseits Demut im Sinne eines sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ zu vermitteln und andererseits zu weiteren Forschungen anzuregen. Mirwald wies auf eine verbreitete Annahme in historischen Positionen zur Astronomiedidaktik um 1900 hin, der zufolge die Zurückhaltung von Lehrbuchwissen (als gewolltes Nichtwissen) und stattdessen die „unvoreingenommene“ Beobachtung von Himmelsphänomenen den Lernprozess und somit die Produktion von Wissen begünstige. Als eine zusätzliche Dimension brachte er das Nichtwissen der Lehrer zur Sprache, die nur in seltenen Fällen astronomische Fachkenntnisse besaßen. LAURENS SCHLICHT (Frankfurt am Main) zeigte ausgehend von Marin Cureau de la Chambres „Kunst der Menschenkenntnis“ (1659-69) und anhand der Zurückweisung dieses Werks durch Condorcet im 18. Jahrhundert, inwiefern in verschiedenen Wissensregimen der Stellenwert von Lüge und Verstellung variieren kann. Schlicht stellte dies in einen Zusammenhang mit divergierenden Zeitkonzeptionen: während die Lüge vor dem Hintergrund einer ewig, sich kreisförmig wiederholenden Zeitvorstellung nicht mehr als „ein Kräuseln auf dem Meer der Wahrheit“ bedeute, stelle die Lüge bei einer strahlförmig in die Zukunft weisenden Zeitvorstellung einen gefährlichen „Staudamm“ im Strom der Wahrheit dar. JULIA SCHÖNING (Bielefeld) zeigte anhand der im „Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis“ in den 1920er- und 30er-Jahren diskutierten Thematik des wissenschaftlichen Okkultismus, inwiefern die wissenschaftliche Erforschung okkulter Praktiken von Vertreter/innen monistischer Positionen deshalb abgelehnt wurde, weil im damaligen Kontext eine Bestätigung der Fähigkeit der Medien für möglich gehalten werden konnte. Die Befürchtung, dass sich die geistige Kraft der Medien bestätigen könnte, führte demnach dazu, ein Nichtwissen über diese Phänomene vorzuziehen. ANDREAS ANTON (Freiburg) blickte aus einer wissenssoziologischen Perspektive auf Verschwörungstheorien und arbeitete heraus, inwiefern eine Zuschreibung von Wissen und Nichtwissen in Abhängigkeit dazu steht, ob es sich um eine orthodoxe (allgemein geteilte) Theorie handelt oder um eine heterodoxe. STEFAN HALFT (Passau) thematisierte mit dem Genre des Mad Scientist filmische Narrationen, in denen ein Nichtwissen über mögliche Folgen spätmoderner Technowissenschaft zu globalen Apokalypsen führt. Deutungsmuster in Mad Scientists-Filmen repräsentieren kulturelle Wahrnehmungen von Wissenschaft und gleichzeitig die Regulierung dieser Wahrnehmung, so Halft. GEORG KOPSKY (Wien) bot eine Deutung der modernen mathematischen Physik als Produktionsstätte von Nichtwissen an, da diese durch den Hinweis auf die mathematische Inkonsistenz von Formeln, die in physikalischem Wissen eingebettet sind, dieses Wissen in Frage zu stellen vermag. JEANNETTE MADARÁSZ-LEBENHAGEN (Mainz) befasste sich mit dem (Nicht-)Wissen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen in der DDR und BRD ab Mitte der 1950er-Jahre. Anschaulich konnte sie zeigen, wie die Erkrankung von Frauen an einer „Männerkrankheit“ vor dem Hintergrund zeitgenössischer Geschlechterbilder, Präventionskonzepte sowie politischer Ansprüche bis in die 1980er-Jahre hinein – trotz gegenteiliger Studien – in beiden Staaten nicht gewusst werden konnte. Insofern wurde deutlich, inwiefern die Produktion von Nichtwissen ähnlich wie die Produktion von Wissen anhand ihrer Einbettung in spezifische Kontexte untersucht werden kann. Abschließend zeigte KAROLINA SIGMUND (Wien) anhand eines Beispiels aus der österreichisch-ungarischen Militärpsychatrie um 1900, welche Spielräume der Militärarzt Bruno Drastich in der Rechtfertigung des eigenen Nichtwissens hatte. Der aggressiven Nachfrage von psychiatrischen Gutachten in Militärgerichtsprozessen versuchte er unter anderem durch das Versprechen eines zukünftigen, medizinischem Fortschritts zu begegnen.

Fazit: In den Diskussionen der Beiträge wie auch in der Schlussdiskussion wurde es als paradoxe Situation wahrgenommen, dass offenbar Wissen entsteht, sobald über Nichtwissen nachgedacht wird. Eine uns alle interessierende Frage war, inwiefern man sich Nichtwissen methodisch nähern kann. Während einige Teilnehmer/innen dafür argumentierten, dass bestimmte Typen des Nichtwissens schlichtweg nicht erkennbar seien (etwa unknown unknowns), betonten andere, dass gerade in der historischen Analyse auch vormalige unknown unknowns retrospektiv zugeschrieben werden können. Nach den Produktionsbedingungen von Nichtwissen zu fragen erschien Einigen – analog zur Frage nach den Produktionsbedingungen von Wissen – ebenso produktiv zu sein wie die Frage nach einem Handeln mit oder durch Nichtwissen. Ferner beschäftigten uns auch verstärkt Fragen der Terminologie: Ob der Begriff Nichtwissen für die meisten der kennengelernten Typen oder Formen überhaupt angemessen sei, etwa für das tacit knowledge oder das Tabu, wurde angezweifelt. Denn die Beschreibung von Nichtwissenstypen geschehe meistens über Spezifizierung eines Wissens, etwa als Noch-Nicht-Wissen, Nicht-Wissen-Wollen etc. Die Übersetzung des englischen Begriffs ignorance mit „Nichtwissen“ erschwere außerdem in der deutschen Diskussion den Versuch, Wissen und Nichtwissen nicht als Gegensatzpaar und damit Nichtwissen nicht als eine Kategorie der Negation zu begreifen, wohingegen im Englischen beispielsweise die Formel „ignorance as knowledge“ gängig sei. Ein weiteres häufiges Diskussionsthema betraf das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen. Dies wurde unter anderem als mikrodynamischer Prozess begriffen, in dem die Grenzen zwischen dem Reich des Wissens und des Nichtwissens permanent verschoben werden und zudem jeweils abhängig von der Perspektive auf sie sind. Ein gemeinsam erzielter Konsens betraf schließlich die Feststellung, dass das Bewusstsein für Nichtwissensphänomene den Blick auf die eigenen Forschungsmaterialien verbreitert und sensibilisiert habe. Einige Teilnehmer/innen hatten ihr Projekt erstmals aus einer Nichtwissensperspektive betrachtet und waren dabei auf neue Möglichkeiten der Strukturierung gestoßen. Ein separates Forschungsfeld für Nichtwissensphänomene, wie von Schiebinger und Proctor gefordert, hielten die meisten Teilnehmer/innen jedoch nicht für plausibel, da dafür die Verquickung von Wissen und Nichtwissen zu stark sei.

Konferenzübersicht

Begrüßung und Vorstellungsrunde

Timo Engels (Flensburg): Einführungsvortrag

Eike Harden (Hamburg): Nichtwissen in der "wissenschaftlichen Revolution“. Eine neue Forschung und Lehre bei Joachim Jungius (1587-1657)

Laurens Schlicht (Jena): "Das vielleicht nützlichste Werk, das jemals unternommen wurde“. Marin Cureau de la Chambres Art de Connoistre les Hommes

Ben Mirwald (Regensburg): Beobachten, nicht Wissen. Unvoreingenommenheit als Konzept in der Astronomiedidaktik

Julia Schöning (Bielefeld): Der Keplerbund zur Förderung der Naturerkenntnis als "Hüter der Wissenschaftlichkeit“ am Beispiel der Debatte um den modernen Okkultismus

Andreas Anton (Freiburg): Unwirkliche Wirklichkeiten. Zum (Un-)Wissen von Verschwörungstheorien

Stefan Halft (Passau): "I played with dangerous knowledge”. Kulturelle Regulierung und Pathologisierung von Wissenschaft am Beispiel des Mad Scientist

Georg Kopsky (Wien):Moderne mathematische Physik als Produktionsstätte von Nicht-Wissen

Jeannette Madarász-Lebenhagen (Mainz): Nicht wahrgenommenes Wissen? Gender in der Prävention chronischer Herz-Kreislaufkrankheiten

Karolina Sigmund (Wien): Entwürfe von Nicht-Wissen und "Fortschritt“ militärpsychiatrischen Wissens in Österreich-Ungarn um 1900

Abschlussdiskussion, Themenwahl 2013 und Organisatorisches

Anmerkung:
[1] Vgl. Marlys H. Witte u.a., A curriculum on medical ignorance, in: Journal of Medical Education 1989 Jan; 23(1), S. 24-9.

ZitierweiseTagungsbericht Nichtwissen. Driburger Kreis 2012. 26.09.2012–28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-Kult, 07.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4688>.

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