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Imperiale Biographien. Elitekarrieren in den Vielvölkerreichen der Romanows, Habsburger und Osmanen (1850-1918)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Malte Rolf, Otto-Friedrich-Universität Bamberg; Tim Buchen, Technische Universität Berlin / Deutsches Historisches Institut Warschau
Datum, Ort:19.07.2012-21.07.2012, Bamberg

Bericht von:
Benedikt Tondera, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover
E-Mail: <benedikt.tonderahist.uni-hannover.de>

Geboren 1818 in Dęblin, gestorben 1882 in Tashkent: Alleine an den Eckpunkten der Biografie des Generals Konstantin von Kaufman lassen sich die erstaunlichen Dimensionen von dessen Aktionsradius erahnen. Mobilität, Flexibilität und Mehrsprachigkeit – diese für die postmoderne Arbeitswelt typischen Attribute treffen bereits für den Lebensweg Kaufmans zu, dessen Karrierestationen ihn unter anderem in den Kaukasus und nach Wilna führten, bevor er Generalgouverneur von Turkestan wurde. Sie waren durchaus typisch für die Biografien der imperialen Eliten des 19. Jahrhunderts, die auf intensivste Weise mit den Reichstrukturen verwoben waren. Die beruflichen Karrieremuster dieser Personen führten sie an eine Vielzahl von Orten und Provinzen der Reiche und sorgten dafür, dass die Selbstentwürfe jener Menschen in hohem Maße die imperialen Kontextsetzungen und die eigenen Erfahrungen reichsweiter Mobilität verarbeiteten. Das Konzept der „imperialen Biografien“ setzt an diesem Punkt an, um die historische Forschung weiter anzuregen, sowohl was die Rolle von mobilen Eliten und Experten als Faktoren des Wandels in Vielvölkerreichen angeht, als auch in Bezug auf die Reichsbilder, Loyalitäten und Identitäten, auf deren Fundamenten diese Personen agierten. Schließlich – dafür steht das Beispiel Kaufmans exemplarisch – eröffnet der Blick auf imperiale Biografien auch neue Perspektiven auf imperiale Mobilitätsmuster, Karrierewege und Elitenzirkulation.

Nach der Auftakttagung in Berlin im Mai 2012 versammelte eine zweite Tagung im Juli in Bamberg neue Forschungsbeiträge zu dem Konzept der imperialen Biografien. Die Organisatoren MALTE ROLF und TIM BUCHEN (beide Bamberg) verwiesen in ihren Eröffnungsstatements auf das innovative Potential der Verknüpfung individueller Lebensläufe mit den spezifischen Bedingungen des imperialen Kontextes. Was aus späterer, nationalstaatlich geprägter Perspektive oftmals den Eindruck einer zerrissenen, sprunghaften und brüchigen Identität erweckt habe, sei von den Zeitgenossen keineswegs als widersprüchlich oder problematisch empfunden worden, weil diese sich ganz selbstverständlich in den imperialen Strukturen verortet hätten.

MORITZ CZAKY (Wien) machte dies in seiner Keynote speech am Beispiel der „Mehrfachidentitäten“ prominenter Bürger der Habsburgermonarchie deutlich. Intellektuelle wie Béla Balázs und Eduard von Bauernfeld hätten sich selbstverständlich in den „konkurrierenden und sich überlappenden Kommunikationsräumen“ Mitteleuropas bewegt und sich erst nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend unter Druck gesetzt gesehen, sich innerhalb der neu entstehenden Nationalstaaten eindeutig zu verordnen. Die sechs Panels der Konferenz griffen daran anschließend die Vielschichtigkeit imperialer Biografien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.

ULRICH HOFMEISTER (Bochum) und MAXIMILIAN KONRAD (Heidelberg) befassten sich in dem Auftaktpanel mit dem eingangs erwähnten russischen General Konstantin von Kaufman, der in seiner Laufbahn insbesondere als Generalgouverneur von Turkestan (1867-1882) Spuren hinterließ. Hofmeister betonte dabei die ambivalente Rolle, die die Berufung Kaufmans in die zentralasiatische Provinz in dessen Karriere spielte. Zunächst enttäuscht über die Versetzung an die vermeintlich bedeutungslose Peripherie, entpuppten sich die Abgelegenheit Turkestans und dessen lose rechtliche Integration in das Zarenreich für Kaufman im Laufe der Jahre als Glücksfall. Als oberste zivile und militärische Autorität des Generalgouvernements mit weitreichenden Befugnissen habe sich Kaufman im toten Winkel des Imperiums sein eigenes kleines Reich geschaffen. Ähnlich beurteilte Maximilian Konrad den Werdegang Kaufmans. Die spezifischen Erfahrungen im Umgang mit der Nationalitätenproblematik und Religionsfragen in den Nordwestgebieten und dem Kaukasus hätten ihm dabei geholfen, ähnliche Probleme in Turkestan effizient zu lösen. Eine kritischere Sicht auf Kaufman steuerte JULIA OBERTREIS (Freiburg) in ihrem Kommentar bei. Das bis heute auch in der westlichen Forschung positive Bild des Generals sei einer unkritischen Rezeption der heroisierenden russischen Geschichtsschreibung geschuldet. Tatsächlich sei die Amtszeit Kaufmans in Turkestan auch von Misserfolgen etwa in der Schulpolitik geprägt gewesen, die es deutlicher hervorzuheben gelte.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit einem zweigeteilten Panel zum Thema „Loyalität und Politik“. FREDERIK LINDSTROM (Malmö) stellte in seinem Vortrag die imperiale österreichische Elite in den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreichs als „Reformklasse“ vor, die sich stark mit den staatlichen Strukturen des Imperiums identifizierte und gleichzeitig engagiert an deren Erneuerung arbeitete. HEIKO BRENDEL (Mainz) befasste sich mit dem k. u. k. Militärgouverneur Heinrich Karl Graf Clam Martinic, den er als überzeugten Monarchisten charakterisierte, der in Zeiten des aufkommenden Nationalismus an der Idee des Großreiches Habsburg festhielt und auf dessen räumliche Expansion mittels der Unterwerfung Serbien-Montenegros drängte. STEPHAN LEHNSTAEDT (Warschau) nahm in seinem Vortrag die Tätigkeit des k.u.k.-Gesandten Leopold von Andrian-Werburg unter die Lupe. Von Andrian-Werburg diente von 1915-1917 in Warschau und setzte sich dort im Verlauf des Ersten Weltkrieges für eine Anbindung eines vereinten Polens an die Doppelmonarchie ein. In seinem Kommentar verwies PIETER JUDSON (Swarthmore) darauf, dass bei der Beschreibung imperialer Biografien die strukturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Großreichen beachtet werden müssen. In Österreich-Ungarn habe im 19. Jahrhundert ein besonderes Staatsbürgerverständnis geherrscht, bei dem eine gemeinsame „Leitkultur“ keine Rolle spielte, sondern die gemeinsame Sprache und die Rechtsstaatlichkeit als Identitätsanker dienten. Die zunehmende Nationalisierung sei hier in erster Linie eine politische Entwicklung gewesen, die nicht von der breiten Bevölkerung getragen worden sei.

Eine Art Kollektivbiografie präsentierte ALEXA VON WINNING (Tübingen) im zweiten Teil des Panels. Sie stellte die russische Adelsfamilie Mansurov als „Bindeglied zwischen Individuum und Imperium“ in den Jahren 1850-1917 vor. Von Winning setzte sich dabei mit den Faktoren auseinander, die dafür gesorgt hätten, dass sich das Leben der imperialen Eliten mit den Strukturen des Reiches geradezu symbiotisch verschränkte. Als Identitätsanker für die Familie hätten der Zar und die Religion gedient; sie spielten laut von Winning in der familiären Kommunikation und Lebensplanung eine zentrale Rolle. MATTHIAS STADELMANN (Erlangen-Nürnberg) ordnete in seinem Kommentar die seitens von Winning am konkreten Beispiel dargelegten Wechselbeziehungen zwischen Imperium und Adelsfamilie in einen breiteren historischen Kontext ein und wies darauf hin, dass hier auch auf Brüche geachtet werden müsse; etwa wenn adelige Familien von der politischen Linie abwichen oder die Konkurrenz zwischen verschiedenen Vertretern der Adelselite zu Neid und Missgunst führten.

Das dritte Panel befasste sich mit Forschern, Wissenschaftlern und Experten im Zarenreich. GUIDO HAUSMANN (München) stellte zu Beginn den Theologen und Orientalisten Nikolaj I. Il’minskij vor, der als junger Wissenschaftler zu Studienzwecken zwei Jahre ins Osmanische Reich reiste. Die dort gesammelten Kenntnisse über den Islam nutzte Il'minskij später unter anderem für seine missionarische Tätigkeit in Kasan, wo er ein Netz muttersprachlicher religiöser Schulen für getaufte Nichtrussen begründete. Eine für das ausgehende 19. Jahrhundert typische Expertengruppe stand im Mittelpunkt des Vortrages von KATJA BRUISCH (Moskau). Sie berichtete von Agrarexperten, die sich um die Jahrhundertwende aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen formierten und die Reform der russischen Landwirtschaft als Schlüsselfrage für die Modernisierung des Russischen Reiches betrachteten. Bruisch sieht in der steigenden politischen Bedeutung dieser Expertengruppe ein Indiz für den sozialen und kulturellen Wandel, der sich in der Schlussphase des Zarenreiches vollzog. Mit der Biografie eines Agrarexperten befasste sich auch LUTZ HÄFNER (Bielefeld) in seinem Vortrag über Aleksandr Arkad’evič Kaufmann, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Landwirtschaftsministerium tätig war. Kaufmann hatte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts soziologische Studien zur Umsiedlung (pereselenie) von Bauern aus dem russischen Kernland nach Sibirien durchgeführt und kritisierte auf dieser Grundlage die ab 1904 von der zarischen Regierung forcierte Ansiedlung von Bauern an der russischen Peripherie. Er war, so Häfner, Teil einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts wachsenden und an Einfluss gewinnenden weltweiten Gemeinschaft von Fachleuten, die über nationale und imperiale Grenzen hinaus dachten und einer rationalen Ethik verpflichtet waren. Zu dieser Gruppe zählten auch die in Zentralasien von 1887-1917 tätigen Hydraulikexperten aus dem Russischen Reich und dem Ausland, die laut MAYA K. PETERSON (Harvard) eine „gemeinsame Sprache der Modernisierung und des Fortschritts sprachen“. Während Kaufmann allerdings wissenschaftliche Argumente gegen landwirtschaftliche Umsiedlungsprojekte der Regierung anführte, beschrieb Peterson die Hydraulikexperten als regierungsnahe Pragmatiker, deren Bewässerungspläne für Turkmenistan Ausdruck von technischen Machbarkeitsphantasien waren. Das karge Steppenland sollte durch die Versorgung mit Wasser zu einem fruchtbaren Baumwollanbaugebiet umgestaltet werden und durch die Ansiedlung russischer Bauern ins Imperium integriert werden. Dass sich die russischen Ingenieure dabei auch des Know Hows amerikanischer und britischer Experten bedienten, ordnete MARTIN KOHLRAUSCH (Leuven) in seinem Kommentar als Indiz dafür ein, dass sich das Russische Reich um die Jahrhundertwende in einem wirtschaftlich-technischen Wettbewerb mit anderen Staaten befand und hier aus einer Position der Schwäche agierte. Auch MATTHIAS SCHWARTZ (Berlin) vertrat die Auffassung, dass die russischen Experten letztlich an den festgefahrenen staatlichen Strukturen scheiterten und die Vorstellung eines „engineering empires“ letztlich ein utopisches Projekt blieb.

Den Einfluss einer anderen elitären Gesellschaftsgruppe beleuchtete das vierte Panel zu Unternehmerkollektiven. VERENA DOHRN (Göttingen) stellte den jüdischen Kaufmann Chaim Kahan vor, der Mitte des 19. Jahrhundert im Gouvernement Grodno zur Welt kam und bis zu seinem Tod 1916 ein Ölimperium errichtete, das sich von Brest bis Baku erstreckte. Kahan profitierte dabei von einer Reihe von politischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen im Russischen Reich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die es ihm ermöglichten, „aus den alten Standesgrenzen und ethno-konfessionellen Gruppenbeschränkungen auszubrechen und im Reichsmaßstab zu agieren“ so Dohrn. Weniger Erfolg attestierte MATTHIAS WINTERSCHLADEN (Bonn) der Moskauer Unternehmergruppe um Pavel Rjabušinski und Aleksandr Konovalov in ihren Bemühungen, die russische Gesellschaft nach der Revolution von 1905 ihren liberal-demokratischen Vorstellungen gemäß umzubauen und die althergebrachte zarische Ordnung zu überwinden. Zwar sei es der sogenannten „molodaja gruppa“ um Rjabušinski gelungen, ihre Vorstellungen eines spezifisch russischen Weges zum Kapitalismus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und mit der von ihr dominierten Progressistischen Partei 1915 in Fraktionsstärke in die Vierte Duma einzuziehen, dennoch habe sie es nicht vermocht, die Kräfte der alten Ordnung ernsthaft in Gefahr zu bringen. Einen sehr spezifischen Blick auf Unternehmerbiografien stellte LUMINITA GATEJEL (Regensburg) vor. Sie betrachtete zwei beispielhafte Schicksale von Kaufmännern, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Triest und Bukarest im internationalen Getreidehandel involviert waren. Gatejel machte dabei deutlich, dass der von weitgehender Autonomie und rechtlicher Unklarheit gekennzeichnete Status der Donaufürstentümer dazu führte, dass die Kaufmänner weitreichende internationale Netzwerke nutzen konnten und mussten, um die Warenströme durch die verschiedenen Handelsstädte der sie umgebenden Imperien zu koordinieren und ihr unternehmerisches Risiko zu minimieren. KLEMENS KAPS (Pablo de Olavide, Sevilla) befasste sich ebenfalls mit den strukturellen Ursachen unternehmerischen Erfolges und Misserfolges, wobei er zwei polnische Unternehmerbiografien im galizischen Raum des ausgehenden 19. Jahrhunderts betrachtete. KLAUS GESTWA (Tübingen) setzte sich in seinem Kommentar zu den Beiträgen des Panels kritisch mit dem Konzept der „imperialen Biografien“ auseinander. Die vorgestellten Unternehmerbiografien seien nicht in erster Linie durch den imperialen Staat geprägt gewesen, sondern durch neue weltumspannende Entwicklungen in den Bereichen Technik, Wirtschaft und Wissenschaft; ihre Lebensgeschichten seien auch mit klassischen wirtschaftsgeschichtlichen Ansätzen erzählbar.

Der letzte Tag der Konferenz begann mit einem Panel zu ethnischer Elitenmobilität. OLGA KURILO (Frankfurt/Oder) sprach am Beispiel des Architekten Carl Schmidt über Mobilitätsmuster und Moblitätsgrenzen Deutscher im späten Zarenreich. Kurilo attestierte Schmidt eine „hybride Identität“, die einerseits eine starke Loyalität zum Russischen Reich und andererseits das bevorzugte Verkehren in deutschen Kreisen beinhaltete. DOBRINKA PARUSHEVA (Plovdiv/Sofia) betrachtete die Elitenzirkulation bulgarischer und rumänischer Eliten in der Moldau, der Walachei und Ostrumelien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als aus den ehemaligen osmanischen Provinzen die Staaten Bulgarien und Rumänien hervorgingen. Parusheva beschäftigte sich hier insbesondere mit der Frage, warum es im neugegründeten Rumänien eine starke Kontinuität der Verwaltungseliten gab, während dies in Bulgarien nicht der Fall war. Ähnlich wie Klaus Gestwa bezweifelte PETER HASLINGER (Marburg/Gießen) in seinem Kommentar, dass das Konzept der imperialen Biografien erkenntnisfördernd für die von Kurilo und Parusheva vorgetragenen Fallbeispiele sei. Es handele sich hierbei um eine ex post-Zuschreibung, die die Komplexität der vorgestellten Lebensläufe nicht erfasse.

Das abschließende sechste Panel befasste sich mit imperialen Biografien in Nationalstaaten. Mit dem Slowenen Jože Plečnik stellte STEVEN MANSBACH (Maryland) einen Architekten vor, für den das Ende der Habsburger Monarchie persönlich und beruflich wie eine Befreiung wirkte und der mit der Umgestaltung des südlichen Gartens der Prager Burg in den 1920er-Jahren der jungen tschechoslowakischen Demokratie ein Gesicht gab. Weniger glücklich gestaltete sich der Übergang von der imperialen Provinz zum Nationalstaat aus der Sicht des Polen Aleksander Lesnicki, mit dem sich MARTIN MÜLLER-BUTZ (Jena) beschäftigte. Der 1866 in Minsk geborene Jurist genoss im Russischen Reich den Ruf eines gefragten Polen-Kenners und war beruflich außerordentlich erfolgreich. Seine gemäßigte Haltung in der Frage der polnischen Unabhängigkeit und die Nähe zum Russischen Imperium machten ihn allerdings nach der Gründung der Zweiten Polnischen Republik ab 1918 zu einem Außenseiter im dortigen politischen Leben. IRYNA VUSHKO (Jena) beschrieb in ihrem Vortrag die Anpassungsschwierigkeiten, mit denen die sozialdemokratischen Politiker des Habsburgerreiches beim Übergang in die Nachfolgerstaaten zu überwinden hatten. Zum Abschluss des Panels verfolgte MERAL AVCI (Aachen) die Spuren des deutschen Chemikers Fritz Arndt in der Türkei. Arndt lehrte von 1915-1918 sowie ab 1933 als Emigrant aus NS-Deutschland für fast zwanzig Jahre im Rahmen der sogenannten deutsch-türkischen Bildungshilfe an der Istanbuler Universität. Laut Avci hatten Arndts Aufenthalte aufgrund ihrer langen Dauer eine nachhaltige Wirkung auf die türkischen Chemiewissenschaften und führte diese näher an die europäische Forschungslandschaft heran. In ihrem Kommentar betonte KATRIN STEFFEN (Lüneburg), dass der in den Vorträgen gewagte „Sprung“ über die Epochengrenzen 1918 bzw. 1945 und der Blick auf Kontinuitäten zwischen Imperien und Nationalstaaten sowie Transferprozesse zwischen verschiedenen Regionen neue Perspektiven auf historische Probleme eröffne. Eine ähnliche Ansicht vertrat auch ULF BRUNNBAUER (Regensburg) in seinem Kommentar. Der Erste Weltkrieg sei für die dargestellten Protagonisten kein epochaler Einschnitt gewesen, sondern ein Wendepunkt, der neue Chancen und Risiken geboten habe.

Insgesamt machte die Bamberger Konferenz deutlich, dass die imperialen Biografien einen Blick auf die Vielschichtigkeit der Eliten und ihrer Selbstbilder in den Großreichen ermöglichen. Dabei zeigte sich, dass zwischen den betrachteten Imperien deutliche und charakteristische Unterschiede in Hinblick darauf existieren, wie sie die Biografien der dort lebenden Menschen strukturierten.

Die Neuartigkeit des methodischen Zugriffs über die imperialen Biografien kann darin gesehen werden, dass hier die karrierebedingenden Strukturen und Selbstbilder und die daraus abgeleiteten Herrschaftspraktiken und -konzepte zusammen und in Beziehung stehend betrachtet werden.

Konferenzübersicht

Begrüßung: Godehard Ruppert (Bamberg)

Eröffnung: Malte Rolf / Tim Buchen (Bamberg): Was sind Imperiale Biografien und was können sie uns über die Vielvölkerreiche sagen? Überlegungen zum biografischen Zugang zu Elitekarrieren

Keynote speech: Moritz Csaky (Wien): Mehrfachidentitдten in einem komplexen kulturellen System. Die Habsburgermonarchie - ein 'Staat der Kontraste'

Panel I: Eine Familie im Dienst des Imperiums: die Kaufmans

Ulrich Hofmeister (Bochum): Das Potential in der Peripherie: Konstantin von Kaufman in Turkestan (1867-1882)

Maximilian Konrad (Heidelberg): Konstantin. P. von Kaufman – Der Kolonisator Turkestans

Kommentar: Julia Obertreis (Freiburg)

Panel II: Loyalitäten und Politik (Teil 1)

Fredrik Lindstrцm (Malmö): Imperial Heimat. Some Reflections on the Identification of the Imperial Austrian Elite with the State and the Empire

Heiko Brendel (Mainz): Der k.u.k. Militдrgeneralgouverneur: Heinrich Karl Graf Clam Martinic (1863-1932)

Stephan Lehnstaedt (Warschau): Polenexperte und Preußenfeind. Leopold von Andrian-Werburg als k.u.k.-Gesandter in Warschau, 1915 bis 1917

Kommentar: Pieter Judson (Swarthmore)

Panel II: Loyalitäten und Politik (Teil 2)

Alexa von Winning (Tübingen): Die Familie als Bindeglied zwischen Individuum und Imperium: Politisches und religiцses Engagement der Mansurovs, 1850-1917

Kommentar: Matthias Stadelmann (Erlangen-Nürnberg)

Panel III: Forscher, Wissenschaftler und Experten im Zarenreich

Guido Hausmann (München): Nikolaj I. Il’minskij (1822-1892)

Katja Bruisch (Moskau): „[…] dass die Zukunft uns gehört“: Agrarexperten im ausgehenden Zarenreich

Lutz Häfner (Bielefeld): Im Dienste des Imperiums, der Gesellschaft und der Bauern: Die 'Träume' A. A. Kaufmans von pereselenie und Kolonisation Sibiriens und Turkestans, 1890er Jahre bis 1918

Maya K. Peterson (Harvard): Engineering Empire: Russian and Foreign Hydraulic Experts in Central Asia, 1887-1917

Kommentare: Martin Kohlrausch (Leuven) / Matthias Schwartz (Berlin)

Panel IV: Unternehmerkollektive

Verena Dohrn (Göttingen): Von Brest bis Baku. Das „Ölimperium“ des Chaim Kahan

Matthias Winterschladen (Bonn): Die „jungen“ Moskauer Unternehmer um Pavel Rjabušinskij und Aleksandr Konovalov. Eine imperiale Elite im Kampf gegen das zarische Regime

Luminita Gatejel (Regensburg): Kaufmännische Lebenswelten in Siebenbürgen und den Donaufürstentümern im 19. Jahrhundert

Klemens Kaps (Sevilla): Imperiale Netzwerke, regionales Lobbying, wirtschaftspolitischer Gestaltungsraum. Galizische Unternehmer zwischen Zentrum und Peripherie in der späten Habsburgermonarchie (1880-1914)

Kommentar: Klaus Gestwa (Eberhard Karls Universität Tübingen)

Panel V: Ethnische Elitenmobilität

Olga Kurilo (Frankfurt/Oder): Mobilitätsmuster und Mobilitätsgrenzen der Deutschen im Berufsfeld: Der Architekt Carl Schmidt und seine Karriere im spдten Zarenreich

Dobrinka Parusheva (Plovdiv / Sofia): From Provincial Elite to National State’s Government Members: Circulation of Bulgarian and Romanian Elites in the Late Nineteenth Century

Kommentar: Peter Haslinger (Marburg / Gießen)

Panel VI: After Empires: Imperiale Biografien in Nationalstaaten

Steven Mansbach (Maryland): A “Garden of Democracy” for the Czechoslovak Republic: Joze Plecnik and the Transformation of the Prague Castle

Martin Müller-Butz (Jena): Von Russland nach Polen: Zum Potential imperialer Biografien im postimperialen Zeitalter am Beispiel von Aleksander Lednicki

Iryna Vushko (Jena): Socialism and Democracy at the End of Empire: Social Democrats between the Austrian Empire and Nation States

Meral Avci (Aachen): Fritz Arndts Spuren in der türkischen Geschichte

Kommentare: Katrin Steffen (Lüneburg) / Ulf Brunnbauer (Regensburg)

Abschlusskommentar: Mark Häberlein (Bamberg)

ZitierweiseTagungsbericht Imperiale Biographien. Elitekarrieren in den Vielvölkerreichen der Romanows, Habsburger und Osmanen (1850-1918). 19.07.2012-21.07.2012, Bamberg, in: H-Soz-u-Kult, 13.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4686>.

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