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Urban-Activism-Scholarship: Global Discourses in Local, Historical and Contemporary Contexts

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:IGK 1705 „Die Welt in der Stadt: Metropolitanität und Globalisierung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“, Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin
Datum, Ort:02.11.2012–03.11.2012, Berlin

Bericht von:
Marcela Arrieta / Johanna Rohlf, Technische Universität Berlin
E-Mail: <marcela.arrietametropolitanstudies.de>; <johanna.rohlfmetropolitanstudies.de>

Auf der ersten Jahrenskonferenz des Internationalen Graduiertenkollegs Berlin – New York – Toronto „Die Welt in der Stadt: Metropolitanität und Globalisierung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ wurden Fragen bezüglich der Verbindungen zwischen Wissenschaft, Stadt und Aktivismus diskutiert. Das von der DFG geförderte Graduiertenkolleg am Center for Metropolitan Studies an der Technischen Universität Berlin, initiiert und geleitet von Dorothee Brantz (CMS, TU Berlin) und Alexander Nützenadel (HU Berlin), besteht seit Mai 2012 und erörtert anhand verschiedener Dissertationsprojekte aus interdisziplinärer Sicht die Zusammenhänge zwischen Metropolitanität und Globalisierung aus historischer und gegenwärtiger Perspektive.

Ziel dieser ersten Jahreskonferenz war es zum einen, verschiedene Formen von städtischem Aktivismus aus historischer und gegenwärtiger Perspektive zu betrachten und die bestehenden und wachsenden Verbindungen zwischen Wissenschaft und städtischen Protesten zu analysieren und kritisch zu hinterfragen; zum anderen aber auch, neue – unkonventionelle – Formen sozialen Engagements im städtischen Raum zu beleuchten.

Im Verlauf der Konferenz bildeten sich zwei Schwerpunkte heraus, die von den verschiedenen Vortragenden und Diskutanten addressiert wurden. Ein erster Schwerpunkt war das Hinterfragen von Termini und Theorien. MARGIT MEYER (Berlin) stellte zunächst die Frage nach der Bedeutung von städtischem Aktivismus und betonte, dass die Bedeutung der Stadt für soziale Bewegungen in verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedlich – und manchmal nur am Rande – wahrgenommen werde. Sie zeigte anhand von Theoretikern wie Harvey, Lefebvre und Merriefield, dass der Stadt aufgrund verschiedener Auffassungen von Urbanität entsprechend eine unterschiedlich stark ausgeprägte Wichtigkeit für die Entstehung von sozialen Bewegungen zugeordnet wird.

Der Keynote Vortrag von ROGER KEIL (Toronto) “Occupy the Strip Malls: Universities, Communities and Politics in the Post-Suburban Metropolis” stellte den Gebrauch des Begriffs „Urbanität“ in Frage. Am nordamerikanischen, kanadischen Beispiel argumentierte Keil, Urbanität werde mit Zentralität verwechselt, urbane Proteste und Entwicklungen seien auch suburbane Phänomene, da der Großteil der Bevölkerung nicht im Zentrum der Stadt lebe. Er gab in Bezug auf das Thema der Konferenz Impulse für eine stärkere Auseinandersetzung mit Suburbanisierung. Wichtig und aufschlussreich in Bezug auf verschiedene Orte innerhalb der Stadt war außerdem die Diskussion um den Begriff „öffentlicher Raum“, der im Verlauf der zwei Tage immer wieder zur Sprache kam und dem sich ein Panel widmete. LYNN STAHELI (Durham) stellte in Frage, ob es „den öffentlichen Raum“ als solchen überhaupt gebe. Sie argumentierte, es sei erstrebenswert, um „öffentlichen Raum“ zu kämpfen, man müsse sich jedoch immer fragen, für wen, wann und unter welchen Bedingungen ein Ort öffentlich sei. ANNIKA HINZE (New York) regte an, Begrifflichkeiten wie diesen stets kritisch zu hinterfragen und über Konnotationen und unbewusste Bewertungen von Begriffen wie „Gentrifizierung“ zu reflektieren. ANDREJ HOLM (Berlin) analysierte in seinem Vortrag die Beziehungen zwischen einer sich verändernden Wohnungspolitik, aufkommenden sozialen städtischen Protest und der Aufgabe von Akademikern im Kontext der Mieterrechtsbewegung die Bevölkerungsgruppe, die mit Mietproblemen konfrontiert ist. Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten betreffe dies nicht länger nur die arme Bevölkerung, sondern auch die untere Mittelschicht. Außerdem nahm er eine für die Konferenz sehr fruchtbare Differenzierung des Begriffs des „akademischen Aktivisten“ vor. Es gebe vier verschiedene Ausprägungen: Wissenschaftler, die über Aktivismus forschen, Wissenschaftler, die selbst aktiv werden, Wissenschaftler, die Aktivismus unterstützen und das Nutzen von akademischen Mitteln zur Mobilisierung von Aktivismus.

Ein zweiter Schwerpunkt der Konferenz war das breite Spektrum an Beispielen für städtischen Protest in Geschichte und Gegenwart. BELINDA DAVIS (Newark) dokumentierte am Beispiel von Westberlin in den 1960er- und 1970er-Jahren, wie soziale Bewegungen und Aktivismus imaginäre Stadtbilder aufbauen und zu einer Manifestierung der Stadtidentiät beitragen können. LISA VOLLMER (Berlin) zeigte anhand eines noch früheren Beispiels, dass die Mieterbewegungen in Berlin zwischen 1872 und 1932 zu einem neuen Verständnis des „Politischen“ beitrugen, indem verschiedenste soziale Gruppierungen mit einem gemeinsamen Einwand protestierten, sich organisierten und sich so zu politischen Akteuren entwickelten. JESSICA SEWELL (Xi'an Jiaotong-Liverpool University) konnte in ihrem Vortrag “Occupying the City: Spatial Tactics in the Suffrage Movement and Beyond” Geschichte und Gegenwart verbinden; sie verglich die Nutzung des öffentlichen Raums durch die Frauenwahlrechts-Proteste in Kalifornien im Jahr 1911 und die Occupy Wallstreet Bewegung 2011/12 und diskutierte die unterchiedlichen Ausprägungen von öffentlichen Räumen. MARIANNE MAECKELBERG (Leiden University) präsentierte in ihrem Paper “The Rise of Prefigurative Politics as Strategy in Global Social Movement Networks” anhand der spanischen Proteste 2011/12 („Movimiemto 15-M“) zwei Modelle, in denen die Orte eine zentrale Rolle spielen für die Bewegung und die Werte, für die gekämpft werden.

Weitere Beispiele für städtische Proteste in der Gegenwart waren die Gesprächsrunden über Urban Renewal (mit MATTHEW GRIFFEN, Deadline, Berlin; CORDELIA POLINA, TU Berlin, Think Berlin; REGINA VILJASAAR, Linnalabor, Tallinn; THORBEN WIEDITZ, York University, Toronto und der Moderation von UTE LEHRER, York University und ANNA STEIGEMANN, IGK-Fellow, Berlin) und „Urban Gardening“. Zentral in dieser letztgenannten Gesprächsrunde unter der Moderation von DOROTHEE BRANTZ (IGK-Sprecherin, Berlin) und CHRISTIAN HAID (IGK-FELLOW, Berlin) waren neben einer Reihe von anschaulichen Beispielen und eines Dokumentarfilms von ELLA VON DER HEIDE (Munich) und Severin Halder (Berlin), die Debatte über die Vorteile, aber auch die kritische Betrachtung dieser Form von sozialem Protest: Inwiefern ist „Urban Gardening“ eine Gelegenheit, die Umgestaltung von städtischem Raum aktiv mitzutragen, soziale Randgruppen zusammenzuführen und andere städtische Proteste anzuregen und zu organisieren, wie es zum Beispiel MIRANDA MARTINEZ (New York) für die Stadt New York vorschlug. Oder inwieweit besteht in der Form des „Urban Gardening“ das Problem der Institutionalisierung durch die Stadt oder durch die beteiligte Gruppe selbst? DARREN PATRICK (Toronto) zeigte in seinem Vortrag “'The High Line is Totally Gay': Refiguring the Ground of Gay Green Gentrification in New York City” durch eine Analyse der beiden Gründer der Bewegung, inwieweit Aktivismus gleichzeitig auch Gentrifizierung produzieren kann.

Auffällig in der gesamten Konferenz waren die unterschiedlichen Formen von Protest, die direkt oder indirekt anhand von Beispielen aus verschiedenen Disziplinen wie der Geschichte, der Stadtplannung, der Politikwissenschaft, der Kunstwissenschaft und der Musikwissenschaft zur Sprache kamen. So zum Beispiel RICARDO CAMPOS (Lisbon), der in seinem Vortrag “Urban Visual Culture and the Aesthetics of Transgression: The Case of Graffiti and Street Art Scenes in Lisbon” über Proteste in Lissabon sprach und BEATE KUTSCHKE, die sich anhand verschiedener Musikszenen in West- und Ost-Berlin mit Protesten in den 1960er- und 1970er-Jahren beschäftigt; sie ordnet diese Form des Protests als eine soziale und politische Auseinandersetzung mit symbolischen Mitteln ein – entfernt von physischer Gewalt. Ein interessantes Beispiel für eine innovative Form von städtischem Aktivismus lieferte der Beitrag von EMILY BERESKIN (Berlin) zur strategischen Nutzung von Tourismuskampagnen für soziale Bewegungen in Nordirland. Hinsichtlich der Heterogenität der Beiträge stachen auch die vielen anderen internationalen Beispiele hervor – zum Beispiel „Planning Agenda of post 2000's in Istabul: Imposed Urban Transformation Projects Versus People“ von GÜLDEN ERKUT (Istanbul), die die unterschiedlichen kulturellen und räumlichen Gegebenheiten von Stadt in den Fokus rückten: Welche Rolle spielt die individuelle Stadt in Bezug auf den städtischen Aktivismus? So wurde diskutiert, dass städtischer Aktivismus zwar ein globales Phänomen ist, sich jedoch lokal ausprägt. Und welche Rolle spielt der Ort in der Stadt? Faktoren wie Zeit und Raum wurden als kritisch und wichtig für den Erfolg von städtischem Protest klassifiziert.

Belebend waren die verschiedenen Formate, in denen die Themen präsentiert und diskutiert wurden. Vorträge (mit Kommentaren von ROSEMARY WAKEMAN, Fordham University; ANNIKA HINZE, Fordham University; STEFANIE BÜRKLE, TU Berlin und KANISHKA GOONEWARDENA, University of Toronto) Gesprächsrunden, Diskussionen im Plenum, die Buchpräsentation des Sammelbandes „Thick Space: Approaches to Metropolitanism“ (Transcript 2012) von den Herausgebern SASHA DISKO und DOROTHEE BRANTZ und ein Film zum Thema „Urban Gardening“ von Ella von der Haide erlaubten einen breiten Blickwinkel auf Theorie und Praxis von städtischem Aktivismus. Abschluss und gleichzeitig ein Höhepunkt der Konferenz war die Exkursion zum Mariannenplatz und dem Künstlerhaus Bethanien. Unter der Leitung von Sema Binia von der Berliner Geschichtswerkstatt und im Gespräch mit zwei Mitgliedern der Band „Ton Steine Scherben“ wurden der politische Protest und die Hausbesetzungen im Bezirk Kreuzberg zu Beginn der 70er Jahre an einem praktischen Beispiel erörtert und durch interessante Zeitzeugenberichte bereichert. Theoretisches Verständnis und Überlegungen zu städtischem Aktivismus konnten so abschließend noch einmal ganz konkret zur Praxis in Beziehung gesetzt werden.

Conference Overview:

Welcome: Dorothee Brantz (IGK-Director, TU Berlin) and Alexander Nützenadel (IGK-Co-Director, HU Berlin)

Panel 1: On the History and Meaning of Urban Social Movements

Belinda Davis (Rutgers University): Cities, Imaginary Geographies, and Imagining. New Forms of Activism: 1960s-70s West Berlin and Beyond

Marianne Maeckelbergh (Leiden University): The Rise of Prefigurative Politics as Strategy in Global Social Movement Networks

Margit Mayer (FU Berlin): The Role of Urbanity in City-Based Social Movements

Roundtable 1: Urban Renewal and Citizen Protest
Cordelia Polinna (TU Berlin & Think Berlin)
Matthew Griffin (Deadline, Berlin)
Regina Viljasaar (Linnalabor, Tallinn)
Thorben Wieditz (York University)

Film Screening: "Another World is Plantable!" (by Ella van der Haide)

Roundtable 2: Urban Gardening as a Form of Urban Protest
Ella von der Haide (Munich)
Severin Halder (FU Berlin)
Miranda Martinez (City University New York)
Discussion with Moderators and the Audience

Book Presentation: “Thick Space: Approaches to Metropolitanism” (Bielefeld: Transcript, 2012)
Dorothee Brantz (Editor) / Sasha Disko (Editor)

Keynote Lecture: Roger Keil (York University): Occupy the Strip Malls: Universities, Communities and Politics in the Post-Suburban Metropolis

ZitierweiseTagungsbericht Urban-Activism-Scholarship: Global Discourses in Local, Historical and Contemporary Contexts. 02.11.2012–03.11.2012, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 02.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4677>.

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