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Arbeit im Nationalsozialismus

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Michael Wildt/Marc Buggeln, auf Einladung des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ an der Humboldt-Universität zu Berlin
Datum, Ort:13.12.2012-15.12.2012, Berlin

Bericht von:
Pina Bock, Universität Leipzig
Email: <pinabockweb.de>

Die Tagung „Arbeit im Nationalsozialismus“ wurde von Michael Wildt und Marc Buggeln organisiert und fand auf Einladung des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ an der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Sie ging der Frage nach, welchen Stellenwert Arbeit als Begriff, aber auch als soziale, politische und kulturelle Praxis im Nationalsozialismus hatte. Hierbei war die Reflexion der inkludierenden und gleichermaßen exkludierenden Funktion von Arbeit, besonders in Bezug auf die „Volksgemeinschaft“, von zentraler Bedeutung. Bereits die Oberthemen der Panels – Traditionen des Arbeitsbegriffs, Arbeit und „Volksgemeinschaft“, Institutionen der Arbeit im Nationalsozialismus, Zwangsarbeit und Arbeit, Verfolgung, Vernichtung – , aber besonders die zahlreichen Beiträge der Tagung verwiesen auf die Vielschichtigkeit des Gegenstandes. Quer zu diesen unterschiedlichen Perspektiven wurden immer wieder verbindende Fragen nach einer deutschen Spezifik sowie nach historischen Kontinuitäten und Brüchen von Arbeit thematisiert.

Einige dieser Fragen warf bereits ALF LÜDTKE (Erfurt/Seoul) in seiner Keynote am Beispiel des Topos „deutscher Qualitätsarbeit“ auf und unterstrich die historische Langlebigkeit dieser Idee, die spätestens in den 1890er-Jahren relevant wurde und zumindest bis in die 1960er-Jahre virulent blieb. Dabei verwies er auch auf die zahlreichen Kontexte, in denen man sich positiv auf deutsche Qualitätsarbeit bezog. So zum Beispiel im militärischen Sinne, an der Front oder auch im „Ruhrkampf“, von gewerkschaftlicher Seite, in der Abwehr von Taylorismus und Entfremdung, in der nationalsozialistischen Propaganda, aber auch im Zuge des Wiederaufbaus nach Ende des Krieges 1945. Trotz solcherlei unterschiedlicher Akteure und Funktionen zeichnete sich „deutsche Qualitätsarbeit“ zu jeder Zeit durch die Betonung besonderer (Hand-)Fertigkeit, der Ehre der Arbeit sowie eines speziellen (und ausschließenden) deutschen Momentes aus. Diese in Deutschland schichtübergreifende Vorstellung von Arbeit, so Lüdtke, sei nicht allein als Resultat von Propaganda zu begreifen, sondern in genauso starkem Maße Teil der ganz alltäglichen Verständigungsprozesse gewesen. Viele der Aspekte (wie Militarisierung, Propaganda, Exklusion, etc.), die Lüdtke in seinen Anmerkungen thematisierte, wurden im weiteren Verlauf der Tagung wieder aufgegriffen.

Im ersten Panel Traditionen des Arbeitsbegriffs beschäftigte sich INGE MARSZOLEK (Bremen) mit der „Inszenierung der Arbeit am 1. Mai 1933“. Den 1. Mai 1933, der unter dem bezeichnenden Motto „Ehret die Arbeit, achtet den Arbeiter“ stand, kennzeichneten zwei Aspekte: zum einen die Inszenierung als „Medienevent“, zum anderen die Umschreibung des Arbeitsbegriffs und des Arbeiters im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Dazu gehörten die Überwindung des Klassenkampfes, die Betonung von Stolz und Modernität sowie besonders die Militarisierung von Arbeit. Gerade diese Gleichsetzung von Arbeitern und Soldaten als zentrales Narrativ des Nationalsozialismus wurde als Novum der NS-Arbeitsideologie betont. MICHAEL WILDT (Berlin) verwies in seinem Vortrag zum „Begriff der Arbeit bei Hitler“ auf diesen wichtigen Aspekt der NS-Arbeitsideologie: die öffentliche und offizielle Wertschätzung der Arbeiter und der Arbeit. Diese sei zwar vor allem eine symbolische gewesen, dürfe aber in ihrer integrativen Wirkung nicht unterschätzt werden. Wildt machte dabei deutlich, dass der Begriff der Arbeit, wie ihn Hitler entwickelte, eng verschränkt war mit antisemitischen Ausschlüssen wie der Unterstellung, dass Juden unfähig seien, hart zu arbeiten. Hier verwies Wildt auch auf Traditionen aus dem 19. Jahrhundert sowie, was die Idealisierung von Arbeit als Quelle gesellschaftlichen Reichtums und die Stigmatisierung von „Faulheit“ betrifft, Überschneidungen mit sozialistischen Ideen.

Hieran anschließend zeigte KATHARINA SCHEMBS (Berlin), die sich der Darstellung von Arbeit und Arbeitern im peronistischen Argentinien (1946-1955) widmete, anhand von Graphiken, wie auch in Argentinien eine besondere Wertschätzung von (manueller) Arbeit propagiert wurde. Sie bestätigte hiermit eindrücklich die Anschlussfähigkeit bestimmter Bilder von und über Arbeit, die für den Nationalsozialismus zentral waren, für andere politische Systeme. In allen drei Vorträgen wurde deutlich, dass Frauen in der Inszenierung von Arbeit und Arbeitern keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielten.

Im anschließenden Kommentar verwies JÜRGEN KOCKA (Berlin) - eher konträr zu Lüdtke - darauf, dass der NS-Arbeitsbegriff sich nicht im Besonderen auf die Qualitätsarbeit bezogen, sondern eher eine anti-hierarchische Vorstellung von Arbeit propagierte habe. Nicht nur manuelle Arbeit, sondern auch unbezahlte Arbeit hätte eine hohe Wertschätzung erfahren. Neu sei vor allem der Rassismus gewesen, besonders in Form von Repression und Ausschluss, sowie die Militarisierung von Arbeit.

Das zweite Panel näherte sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Aspekt Arbeit und „Volksgemeinschaft“. ULRICH PREHN (Berlin) veranschaulichte anhand von „Fotografien der Arbeit in Deutschland“ einen Wandel von Bildern des Arbeiterkampfes in den 1920er-Jahren hin zu weitestgehend gleichgeschalteten Bildern der Arbeit nach 1933. Die Fotografien der Arbeit verwiesen fortan vor allem auf Gemeinschaft, Ordnung und die Gleichheit der Betriebe. Nach Kriegsbeginn sollten besonders Bilder von Betriebsausflügen auch der Inklusion und der positiven Erinnerung dienen. STEFANIE SCHÄFERS (Luxemburg) ging im Anschluss auf „Die Ausstellung 'Schaffendes Volk' Düsseldorf 1937“ ein. Auf der überdimensional großen Ausstellung sollten die verschiedenen Errungenschaften deutscher Kunst, Technik, Architektur u.v.m. gezeigt werden. Sie sollte Ausdruck der zukünftigen Autarkie der deutschen „Volksgemeinschaft“ sein, wenn auch in der Umsetzung der Ausstellung Mängel und Widersprüche nicht zu übersehen waren.

MARTIN BECKER (Frankfurt am Main) beleuchtete eindrücklich die Veränderungen im Arbeitsrecht. Hier kam es nach 1933 zu einem ganz klaren Bruch, da mit der Auflösung der Verfassung auch das Arbeitsrecht ausgehebelt wurde. An die Stelle von frei ausgehandelten Arbeitsverträgen, Tarifen, Gewerkschaften und Privatrecht trat die Betriebs- und „Volksgemeinschaft“ als einziger und willkürlicher Bezugsrahmen. Das führte gleichzeitig zu einer Vereinzelung sowie zu einer totalen Vergemeinschaftung der Arbeitnehmer, deren individuelle Freiheitsrechte zugunsten von Betriebs- und „Volksgemeinschaft“ negiert wurden. Der letzte Beitrag von NICOLE KRAMER (Frankfurt am Main) befasste sich mit der „'stillen Reserve' der 'Volksgemeinschaft'“, der Rolle der Frauenarbeit im Nationalsozialismus. Darin ging sie auf drei Ebenen der Frauenarbeit im NS ein: die Entprivatisierung von Hausarbeit, welche Ausdruck fand in Maßnahmen wie dem Ehestandsdarlehen und der Doppelverdienerkampagne, des Weiteren auf die Aktivierung für unbezahlte, außerhäusliche „Ehren“-Arbeit und zuletzt auf geschlechtsspezifische Erwerbsarbeit. Diese Erwerbsarbeit hing eng zusammen mit einem Phasenmodell, das Frauen erlaubte, vor der Ehe und nach dem Erwachsenwerden der Kinder zu arbeiten. Deutlich wurde, dass Frauen zwar von Teilen der Erwerbsarbeit ausgeschlossen wurden, jedoch gleichzeitig – an ihrem Platz – in die „Volksgemeinschaft“ integriert werden sollten.

KIRAN KLAUS PATEL (Maastricht) griff in seinem Kommentar besonders die Frage nach einer gesellschaftlichen Praxis der Aneignung oder des Widerstandes und nach den hierarchischen oder anti-hierarchischen Elementen von Arbeit im Nationalsozialismus auf, wobei in der Diskussion, gerade in Bezug auf die „Frauenarbeit“, deutlich wurde, dass ein Verständnis von Geschlechterkomplementarität genau nicht von Gleichheit ausgehe und somit anti-hierarchisch sei, sondern dass Ungleichheit – nicht nur in Bezug auf Geschlechter – eher ideologisch überwölbt wurde.

DETLEV HUMANN (Bad Bentheim) eröffnete das dritte Panel zu den Institutionen der Arbeit mit einem Beitrag zur „'Arbeitsschlacht' als Krisenüberwindung“, in dem er auf die nationalsozialistischen Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit einging. Solche Maßnahmen waren zum Beispiel die Verdrängung von Frauen aus der Erwerbsarbeit, aber auch der sogenannte Arbeitsplatztausch, Notstandsarbeiten, Arbeitsdienst und die Landhilfe. Dabei betonte er auch die Unbeliebtheit vieler dieser Maßnahmen, rassistische Aspekte und Grenzen der Maßnahmen. Trotzdem konstatierte er auch einen propagandistischen Erfolg der „Arbeitsschlacht“. Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit spielten die Deutsche Arbeitsfront, mit der sich RÜDIGER HACHTMANN (Potsdam) in seinem Beitrag zu „Arbeit und Arbeitsfront“ beschäftigte, und „Die deutsche Arbeitsverwaltung 1933-1945“, der sich KARSTEN LINNE (Hamburg) widmete, wichtige Rollen. Hachtmann verwies auf den Namen „Arbeitsfront“, der die Arbeit statt den Arbeiter betone – die DAF wollte nie eine ArbeiterInnenvertretung im gewerkschaftlichen Sinn sein. Ebenfalls seien Bellizismus, Rassismus und Antisemitismus handlungsleitende Elemente der Arbeitsfront gewesen. Nicht zuletzt sei ein positiver Bezug auf Henry Ford zu beobachten, weshalb Hachtmann den Nationalsozialismus als „Kriegsfordismus“ fasste. Linne stellte in seinem Beitrag die zunehmende Verstaatlichung und die Bedeutung der Arbeitsverwaltung für die Kriegsvorbereitung dar. Spätestens mit der Einführung des Arbeitsbuches sei die Tätigkeit der Arbeitsverwaltung nicht mehr durch Vermittlung, sondern durch Kontrolle und Zwang geprägt gewesen. Freier Arbeitsplatzwechsel war kaum mehr möglich, und bezeichnenderweise wurde der Begriff „Arbeitsmarkt“ von offizieller Seite verboten.

Kontrolle und Zwang spielten auch in den Ausführungen von IRENE RAEHLMANN (Bamberg) zum „Kaiser Wilhelm Institut für Arbeitspsychologie“ eine Rolle. Es ging diesem Institut und seinen Forschern darum, aus vermeintlich rein wissenschaftlichem Interesse in Ernährungsexperimenten mit Zwangsarbeitern Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit zu untersuchen. Zynisches Ergebnis dieser Forschungen war, dass die Leistungsbereitschaft – für mehr Essen mehr zu arbeiten – die Leistungsfähigkeit der „Versuchspersonen“ nicht selten übertraf. Raehlmann verwies in ihrem Vortrag zudem eindrücklich auf die Schwierigkeiten autonomer Wissenschaft sowie auf personelle wie institutionelle Kontinuitäten.

DIETMAR SÜSS (Jena) ging im Kommentar besonders auf die semantische Verschiebung des Arbeitsbegriffs im Nationalsozialismus ein. Grade in diesem Panel sei die Bedeutung der Militarisierung für diesen sehr deutlich geworden. Weiterhin brachte Süß den Begriff der Leistung – Nationalsozialismus als rassistische Leistungsgemeinschaft – ins Spiel und fragte, was in diesem Sinne Arbeit insgesamt über den Nationalsozialismus aussagen könne.

An diese Frage knüpfte dann auch das folgende Panel zu Zwangsarbeit an, welches von MARC BUGGELN (Berlin) eröffnet wurde. Er beschäftige sich vor allem mit der Entwicklung und Bedeutung des Begriffs und mit Fragen nach begrifflichen Möglichkeiten der Differenzierung von Zwangsarbeit. Er schlug dafür die Unterscheidung in freie Arbeit und unfreie Arbeit vor. Unfreie Arbeit wurde dann von Buggeln nochmal abgestuft nach Arbeitspflicht und Zwangsarbeit, letztere wiederum gegliedert in Zwangsarbeit, Sklavenarbeit und Sklavenarbeit mit hoher Sterblichkeitsrate. Buggeln wies darauf hin, wie wichtig theoretisch fundierte und differenzierte Begrifflichkeiten seien, um den jeweiligen Umständen, Bedingungen und ideologischen Elementen von Arbeit im Nationalsozialismus gerechter werden zu können. CHRISTOPH THONFELD (Taipei) beleuchtete eindrücklich die Perspektive der Zwangsarbeiter. Er beschrieb auf der Grundlage von Zeitzeugeninterviews, welche Rolle Arbeit für KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zivildeportierte gespielt hatte. Dabei wurde besonders deutlich, dass es hierbei große Unterschiede gab und (Zwangs-)Arbeit sowohl unmittelbar mit Leben und Tod zusammenhängen als auch als stabilisierendes Alltagsmoment wahrgenommen werden konnte. Aus biographischer Perspektive stimmte Thonfeld mit Buggeln darin überein, dass eine begriffliche Differenzierung von Zwangsarbeit notwendig sei. Beide wiesen auch auf Unterschiede zwischen Zwangsarbeit im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten hin. Einen exemplarischen Blick auf Letztere warf SABINE RUTAR (Regensburg/Jena) in ihrem Vortrag zu „Arbeit und Überleben in Jugoslawien (1941-1944/45)“. Sie wies auf die regionalen Unterschiede in den Bergwerken in Jugoslawien hin, auf die Rolle der Machthaber vor Ort, auf die historisch bedingten Konflikte zwischen Bevölkerung und Regierung sowie unter den verschiedenen Ethnien und auch den Partisanen. Rutar betonte im Zusammenhang mit der Heterogenität Südosteuropas und zahlreichen Machtverschiebungen, Brüchen und Verflechtungen die Bedeutung der Sozialregion und des social engineering. Beide Begriffe könnten zur Untersuchung der Arbeitsbeziehungen in der Region hilfreich sein.

In ihrem Kommentar ging TANJA PENTER (Hamburg) auf die politische Dimension von Begrifflichkeiten wie Zwangsarbeit oder auch Sklavenarbeit ein. Begriffe und Kategorien sollten möglichst konkret in ihrem historischen und politischen Kontext gefasst werden. Gleichzeitig seien aber die Begriffe für die Entschädigung und die öffentliche Anerkennung der Opfer des Nationalsozialismus von enormer Bedeutung. Auch die Diskussion drehte sich weiter um die Frage nach dem Nutzen oder Schaden von Kategorien und Begriffen der Zwangsarbeit.

Das letzte Panel zu Arbeit, Verfolgung, Vernichtung knüpfte einerseits an diese theoretischen Fragen an, ging aber, darüber hinaus, ganz explizit auf Arbeit und Zwangsarbeit als Ideologie und Praxis der Exklusion ein. JULIA HÖRATH (Berlin) hielt dabei in Bezug auf „'Arbeitsscheue' und 'Volksgenossen'“ fest, dass für sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den frühen Jahren des NS-Regimes noch eine Chance der „Besserung“ und damit auch der Reintegration in die „Volksgemeinschaft“ bestanden habe. HARRIET SCHARNBERG (Halle/Hamburg) machte allerdings sehr deutlich, wie scharf die nationalsozialistische Trennlinie zwischen deutscher Arbeit und jüdischer Nichtarbeit gezogen wurde und wie wenig Bilder von „arbeitenden“ – zur Arbeit gezwungenen – Juden mit einer Möglichkeit zur Teilhabe an der deutschen, arbeitenden Gemeinschaft zu tun hatten. Auch im Vortrag von ANDREA LÖW (München) zur „Arbeit in den Ghettos“ spielte Hoffnung, wenn auch weniger auf Integration als vielmehr auf das Überleben, eine große Rolle. Sie beschrieb aus Perspektive der GhettobewohnerInnen in Lodz und Krakau, dass die Verfolgten lange Zeit davon ausgingen, dass wer Arbeit hatte und arbeiten konnte, nicht deportiert werden würde. Gerade diese Logik bedeutete zugleich Selektion, indem „Arbeitsfähigkeit“ zum entscheidenden Kriterium für das Überleben oder Sterben wurde. JENS-CHRISTIAN WAGNER (Nordhausen) und STEFAN HÖRDLER (Washington) beleuchteten die entmenschlichende und in zynischer Weise rationalisierte Ideologie und Praxis der „Menschenselektion“. Wagner machte anhand des KZ-Lagerkomplexes Mittelbau-Dora die Dimensionen der Ausbeutung, Demütigung und des Tötens durch Arbeit deutlich. Seiner Meinung nach sei dabei jedoch nicht „Vernichtung durch Arbeit“ das Ziel gewesen, vielmehr sollten die Häftlinge „maximal verwertet“ werden, wobei ihr Tod in Kauf genommen wurde. Ähnlich argumentierte Hördler, der im Besonderen für das letzte Jahr einen Rückgang rassistischer oder antisemitischer Kriterien für die Selektion von Häftlingen konstatierte. Stattdessen hätte die Arbeitsfähigkeit die entscheidende Rolle für das Überleben der Häftlinge gespielt. Wer als krank oder arbeitsunfähig galt, wurde „negativ selektiert“, was den sicheren Tod bedeutete.
In seinem Kommentar machte ALEXANDER NÜTZENADEL (Berlin) darauf aufmerksam, dass sich in diesem Kontext nicht klar zwischen rassistischem oder ökonomischem/rationalem Handeln im Nationalsozialismus unterscheiden lasse. Es habe sich eine Mischform gezeigt, die sich nicht exakt zu einer Seite hin auflösen lasse. Außerdem warf er nochmal die Frage nach dem Ausschluss durch Arbeit auf.

In der Abschlussdiskussion wurden verschiedene zentrale Aspekte der Tagung aufgegriffen und zusammengeführt. Sehr deutlich wurde im Rahmen der Tagung, dass Arbeit im Nationalsozialismus nicht nur semantische Verschiebungen erfahren, sondern auch oder sogar besonders als Praxis an Bedeutung gewonnen hatte. Arbeit, als konkretes Mittel der Inklusion und Exklusion in bzw. aus der „Volksgemeinschaft“, sei als soziale Praxis von Herrschaft zu verstehen. Hier wurde noch einmal speziell auf die bedeutsamen Veränderungen im Arbeitsrecht, aber auch solche Maßnahmen wie die Einführung von Arbeitsbüchern verwiesen.
In diesem Sinne zeigte die Tagung, dass Arbeit auch einen bedrohlichen, kontrollierenden und destruktiven Charakter aufweisen kann. Hier könnte auch Marc Buggelns Ansatz, zwischen unfreier und freier Arbeit zu unterscheiden, einen Ansatz bieten, den Zwangscharakter von Arbeit schon früher und weiter zu diskutieren.

Im Gegensatz zu eher positiven Assoziationen mit Arbeit, wie jene des Fortschritts oder der Emanzipation durch Arbeit, wurde im Besonderen anhand des Themas Zwangsarbeit deutlich, dass Arbeit auch Bedrohung oder Vernichtung heißen kann. Diese destruktive Seite der Arbeit müsste umfassender beleuchtet werden.

In der Frage nach Kontinuitäten und Brüchen zeichnete sich die gesamte Tagung über die Tendenz ab, zwischen ideologischen und praktischen Elementen zu unterscheiden. Dass es schon im 19. Jahrhundert eine Überhöhung von Arbeit gegeben hatte, wurde besonders von Wildt und Lüdtke betont. Gleichzeitig wurde aber anhand verschiedener Beiträge sichtbar, dass erst der Nationalsozialismus die „Ehre der Arbeit“ zur offiziellen Staatsdoktrin machte. Lüdtke schlug vor, nicht von einer Kontinuität, sondern von einem Anknüpfen an vorangegangene Ideen zu sprechen. Es wurden auch klare Brüche festgestellt, vor allem im Bezug auf die (gewaltsame) Praxis der (Zwangs-)Arbeit. Hier sei der Krieg als klare Zäsur zu verstehen.

Weitgehend ungeklärt blieb auf der Tagung die Frage nach der Spezifik eines deutschen bzw. nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs und auch der Praxis, da trotz kleiner vergleichender Ansätze der komparative Aspekt keinen Platz mehr finden konnte. Vielleicht wird dies bei einer nächsten Tagung ja weiterführend diskutiert werden.

Konferenzübersicht:

Key Note Lecture
Alf Lüdtke: Deutsche Qualitätsarbeit: Ladungen, Resonanzen und Zuspitzungen einer Vorstellung

Panel 1: Traditionen des Arbeitsbegriffs

Inge Marßolek: Vom Proletarier zum ‚Soldaten der Arbeit‘. Zur Inszenierung der Arbeit am 1. Mai 1933

Michael Wildt: Hitlers Konzept der Arbeit

Katharina Schembs: Der Arbeiter als Zukunftsträger der Nation. Bildpropaganda im peronistischen Argentinien (1946-1955)

Kommentar: Jürgen Kocka

Panel 2: Arbeit und „Volksgemeinschaft“

Ulrich Prehn: Von roter Glut zu brauner Asche? Fotografien der Arbeit in Deutschland von den 1920er-Jahren bis in den Zweiten Weltkrieg – eine Bestandsaufnahme in Graustufen

Stefanie Schäfers: Die Ausstellung „Schaffendes Volk“ 1937

Martin Becker: Die Betriebs- und die Volksgemeinschaft als Grundlage des „neuen" NS-Arbeitsrechtsideologie im NS-Rechtssystem

Nicole Kramer: Die ‚stille Reserve‘ der Volksgemeinschaft. Frauenarbeit im Dritten Reich

Kommentar: Klaus Kiran Patel

Panel 3: Institutionen der Arbeit im Nationalsozialismus

Detlev Humann: Die ‚Arbeitsschlacht‘ als Krisenüberwindung

Rüdiger Hachtmann: Arbeit & Arbeitsfront – Ideologie & Praxis

Karsten Linne: Von der Arbeitsvermittlung zum ‚Arbeitseinsatz‘: Die deutsche Arbeitsverwaltung 1933-1945

Irene Raehlmann: Die Forschungen des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie im Nationalsozialismus

Kommentar: Dietmar Süß

Panel 4: Zwangsarbeit

Marc Buggeln: Unfreie Arbeit im Nationalsozialismus. Dimensionen und Vergleichsaspekte

Sabine Rutar: Arbeit und Überleben in Jugoslawien. Regionale Bergbaugesellschaften unter NS-Besetzung (1941-1944/45)

Christoph Thonfeld: NS-Zwangsarbeit in biographischer Perspektive und als Zuschreibungsressource

Kommentar: Tanja Penter

Panel 5: Arbeit, Verfolgung, Vernichtung

Julia Hörath: „Arbeitsscheue“ und „Volksgenossen“. Leistungsbereitschaft als Kriterium für In- bzw. Exklusion

Harriet Scharnberg: „Juden lernen arbeiten!“ Ein antisemitisches Motiv in der deutschen Bildpresse 1939-1941

Andrea Löw: Arbeit in den Ghettos. Rettung oder temporärer Vernichtungsaufschub?

Jens-Christian Wagner: Arbeit und Vernichtung in Dora-Mittelbau

Stefan Hördler: „Arbeitsunfähigkeit“ und „Arbeitsfähigkeit“ als Selektionskriterien

Kommentar: Alexander Nützenadel

Abschlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Arbeit im Nationalsozialismus. 13.12.2012-15.12.2012, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 25.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4669>.

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