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Everyday Coloniality. How Wars End. Practices of (Re)Making States after 1945

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:WCU Alltagsgeschichte Transnational Team at Hanyang University’s Research Institute of Comparative History and Culture (RICH); Jie-Hyun Lim (Hanyang Universität, Seoul); Alf Lüdtke (Universität Erfurt)
Datum, Ort:02.11.2012-03.11.2012, Seoul, Korea

Bericht von:
Daniel Hedinger, Berlin
E-Mail: <daniel.hedingerrz.hu-berlin.de>

Weit davon entfernt, eine reine Modeerscheinung zu sein, hat die postkoloniale Geschichtsschreibung in den letzten Jahren unsere Vorstellungen von Kolonialismus und Kolonialität grundlegend verändert. Insbesondere subalterne Perspektiven haben dabei Vielfalt, Dynamik und Langlebigkeit des Phänomens sichtbar gemacht. Dass sich das Konzept der Alltagsgeschichte wunderbar mit solchen Forschungsansätzen kombinieren lässt, belegt eine Reihe von Tagungen zum Thema „Everyday Coloniality”, die seit 2010 jährlich an der Hanyang Universität in Seoul stattfinden. Vom Tagungskonzept profitieren dabei beide Seiten: Einerseits die Alltagsgeschichte, ein in europäischen Zusammenhängen entwickelter Ansatz, der sich dadurch vermehrt mit außereuropäischen Kontexten konfrontiert sieht. Andererseits die Kolonialgeschichte, für die die Alltagsgeschichte eine willkommene theoretische Ergänzung darstellt.

Die diesjährige Tagung fokussierte darauf, was geschieht, wenn Kriege und in ihrer Folge koloniale Herrschaft enden: Wie lassen sich Prozesse der Staatenbildung nach 1945 mit postkolonialen und alltagsgeschichtlichen Ansätzen verknüpfen? Wo bleibt im Alltag das Vermächtnis des Kolonialismus sichtbar? Geographisch lag der Schwerpunkt der Veranstaltung auf Ostasien, wo der Kalte Krieg bekanntlich heißer war als anderswo. Dies wiederum erlaubte die Epochenmarke 1945 und damit gewohnten Chronologien aus neuer Perspektive zu betrachten. In einer keynote address mit dem Titel „Violence and the Remaking of States, 1949 and 1979” konstatierte MICHAEL GEYER (Universität Chicago) dann auch gleich zu Beginn die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen mit Staatenbildung in Europa und Asien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch für Europa sei zwar die Rede vom Ende des Krieges insofern zu relativieren, als die militärische Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten nach 1945 anhielt; doch die eigentliche Gewalt, die Kriege fanden anderswo statt. So gesehen fand Europa zum Frieden inmitten anhaltender militärischer Mobilisierung zu Hause, während man gleichzeitig imperiale Kriege in Übersee ausfocht. An diesem Punkt sei die Geschichte des Kalten Krieges in Europa und Asien auf vielfache Art und Weise verbunden und verwoben, lautete seine These.

Das erste Panel konzentrierte sich ganz auf die koreanische Halbinsel, wo die Staatenbildung nach dem Zusammenbruch des japanischen Imperiums ebenso turbulent wie blutig verlief. Den Anfang machte YOU JAE LEE (Universität Tübingen), der das Schicksal einer Gruppe von Benediktinern beschrieb, die seit dem frühen 20. Jahrhundert in Korea missioniert hatten und die im Vorfeld des Koreakrieges von der nordkoreanischen Seite interniert wurden. Gleichzeitig kam es jedoch auch zu Menschenrechtsverletzungen auf der Seite der Gegner, wie YOUNG-RAN HUR (Universität Ulsan) in ihrem Beitrag aufzeigte: Während des von ihr untersuchten „National Guidance Alliance Incident“ ermordete die südkoreanische Militärpolizei in der Gegend von Ulsan Hunderte angeblicher Kommunisten. Die Geschichte dieses Massakers blieb nicht nur für Jahrzehnte tabuisiert, sondern ist bis heute hochgradig politisiert und konfliktbeladen. Von der unmittelbaren Gewalterfahrung weg hin zum Alltäglichen im postkolonialen Korea führte CHUNG-KANG KIMS (Hanyang Universität, Seoul) Beitrag, der die Auswirkungen der so genannten April Revolution vom Frühjahr 1960 auf den koreanischen Film aufzeigte. Sie konstatierte, dass - für einen kurzen Moment vor dem Militärputsch von Chung-hee Park - demokratische, liberale und „westliche” Lebensstile auf den Leinwänden zur Darstellung kamen und offensichtlich den Geschmack der Konsumenten trafen.

In der folgenden roundtable discussion, geleitet von Eve Rosenhaft (Universität Liverpool) und Michael Kim (Yonsei Universität, Seoul) wurde insbesondere der Begriff der Kolonialität diskutiert. Den Abschluss des ersten Tages bildete ein filmischer Einschub. TAI-LI HU (Academia Sinica, Taipei) zeigte und kommentierte ihren Film „Returning Souls”. Im Mittelpunkt dieses ethnographischen Beitrags stand der Wiederaufbau eines traditionellen Gemeinschaftshauses der Amis, einer indigenen Gruppe in Taiwan. Das Haus diente einst rituellen Zwecken wie der Ahnenverehrung, die jedoch von den japanischen Kolonialbeamten unterdrückt wurde. Der Film dokumentierte auf eindrückliche Weise, wie schwierig und konflikthaft die Rekonstruktion des Gebäudes und der Rituale für die Amis war und zeigte damit das langanhaltende Erbe des japanischen Kolonialismus.

Daran anschließend standen zu Beginn des zweiten Tages Dekolonisierungsprozesse in Folge des Zusammenbruchs des japanischen Imperiums im Zentrum. HUI-YU CAROLINE TS’AI (Academia Sinica, Taipei) beschrieb den Wandel in Taiwan nach der japanischen Übergabe der Insel im Herbst 1945 aus der Perspektive chinesischen Polizeikader. Diese so genannten taiganban waren in Festlandchina ausgebildet worden, bevor sie in Taiwan nach dem Ende des Krieges wichtige administrative Funktionen übernahmen. Ts’ai betont, dass der Prozess der Dekolonisierung in Taiwan bis heute nicht abgeschlossen sei. CHAD DENTONS (Yonsei Universität, Seoul) Beitrag lieferte eine Mikrogeschichte einer einflussreichen und wohlhabenden japanisch-französischen Familie von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre. Deren Protagonistin Rosalie Kitazawa Fouque, in Japan geboren, war seit den 1930er-Jahren erfolgreich im Bergbaugeschäft im französischen Neukaledonien tätig. Doch während des Kriegs geriet die internationale Familie zwischen die Fronten und wurde in Australien interniert, bevor die meisten Mitglieder 1946 nach einer längeren Odyssee in ein nun völlig verändertes Japan zurückkehrten. JEONG-MI PARK (Hanyang Universität, Seoul) beschäftige sich mit Prostitution im postkolonialen Korea. Die koloniale Geschlechterordnung sei weitgehend intakt geblieben, auch weil konservative koreanische Frauenrechtlerinnen sowie die US-amerikanischen Militärbehörden wenig Interesse daran gezeigt hätten, die von den Japanern etablierte Ordnung in Frage zu stellen.

Das folgende Panel trug den Titel „Materiality: Desire, Knowledge, Sentiments”. SANG-ROK LEE (National Institute of Korean History, Seoul) untersuchte die Politik des Konsums in Korea während des Wirtschaftsbooms der 1970er-Jahre. In den Jahren der Diktatur ermöglichte die alltägliche Praktik des Konsums einerseits einen individuellen Auf- und Ausbruch, produzierte andererseits aber gesellschaftliche Risse, deren Nachwirkungen bis heute in Südkorea zu spüren sind. TAE-HO KIM (Seoul National University) vereinigte in seinem Vortrag konsumhistorische mit emotionsgeschichtlichen Ansätzen: Kim beschrieb, wie anfangs der 1970er-Jahre die südkoreanische Regierung die Reissorte „Tongil” einführte, was sich als „Wiedervereinigungsreis” übersetzen lässt. Für dieses Produkt der so genannten Grünen Revolution setzte sich auch Diktator Chung-hee Park persönlich ein; gleichzeitig stieß der Reis bei den Konsumenten auf großen Zuspruch. Für ein Jahrzehnt dominierte Tongil die Reiskultur Koreas und fungierte als eine Art Nationalreis. LINDA LAIs (City University, Hong Kong) Beitrag gab einen intimen Einblick in das Jahr 1997, den Zeitpunkt der britischen Übergabe Hong Kongs. Lai versuchte eine Art digitale Biografie Hong Kongs während der Dekolonisierung zu schaffen; dafür fokussierte sie auf den künstlerischen Umgang zweier Regisseure mit diesem historischen Moment.

Das letzte Panel war dem Thema „Boost of Nationalism: The Colonial in Postcoloniality” gewidmet. JACQUELINE AQUINO SIAPNOs (Universität Kioto) Paper diskutierte die Auswirkungen, die die Dekolonisierung in Osttimor insbesondere auf Geschlechterbeziehungen hatte. Sie unterstrich die Nützlichkeit des Konzepts der Alltäglichkeit, um in der postkolonialen Geschichte ethnographische Studien mit persönlich Erlebtem und der Kategorie gender zu verbinden. JIE-HYUN LIM (Hanyang Universität, Seoul) schlussendlich sprach zum Thema „Martydrom, Victimhood and Nation-Building. Imagining Israel in Post-colonial Koreas”. Sein Vortrag zeigte, dass es sich lohnt, aus überraschender und transnationaler Perspektive auf Zusammenhänge und Dynamiken zwischen Nationenbildung und Opferdiskursen in Korea und Israel zu blicken. Lim betonte, dass koreanische Intellektuelle sich bereits während der 1920er- und 1930er-Jahre für zionistische Projekte in Israel interessiert hätten. Gleichzeitig verglich er den gegenwärtigen Umgang beider Länder mit ihrer Vergangenheit.

Die Abschlussdiskussion, geleitet von Paul Corner (Universität Siena) und Su-hyeon Mun (Ulsan National Institute of Science and Technology), drehte sich einerseits um Vielfalt und Ambivalenz postkolonialer Erfahrung, andererseits um die Frage wie spezifische alltagsgeschichtliche Forschungsresultate sich mit breiteren, sozialgeschichtlichen Ansätzen kombinieren lassen.
ALF LÜDTKE (Universität Erfurt), einer der Initiatoren dieser Tagungsreihe, betonte abschließend die Vielfalt alltagsgeschichtlicher Fragestellungen, die von außereuropäischen Perspektiven nur zusätzlich profitieren könne. In diesem Zusammenhang wies er aber auch darauf hin, dass sich alltagsgeschichtliche Ansätze mit ihrem Fokus auf Herrschaft als soziale Praktik anböten, koloniale und nicht-koloniale Situationen zu vergleichen. Damit würde die Methode einen wichtigen Beitrag zur Frage leisten, ob überhaupt und (wenn ja) in wie fern sich sich koloniale Herrschaft von nicht-kolonialer unterschiede.

Konferenzübersicht:

Welcoming Remark
Jie-Hyun Lim

Introduction
Alf Lüdtke

Keynote Address
Michael Geyer (U Chicago, US)
Violence and the (Re)making of States, 1949 and 1979

Panel 1 Variants of State-socialism and Its Opposition (I)
You Jae Lee (U Tübingen, Germany)
The Pig of the Chief: Alltagsgeschichte of an early camp for political prisoners in North Korea, Oksadok, 1949-1954

Panel 2 Variants of State-socialism and Its Opposition (II)
Young-ran Hur (U Ulsan)
Missing histories and nationalization of local: A focus on the National Guidance Alliance Incident of Ulsan
Chung-kang Kim (RICH)
Making Democratic Nation: The Practice of Everyday Democracy in Early 1960’s South Korean Feature Films

Panel 3 Fracturing Colonial Mentality, a Cinematic Approach
Tai-Li Hu (Academica Sinica, Taiwan)
The Reconstruction of the Amis Ancestral House: Continuity of and Break-away from Colonial Mentality

Roundtable Discussion
Moderated by Eve Rosenhaft (U Liverpool, UK) and Michael Kim (Yonsei)

Film screening
Returning Souls (2011, 85 minutes) produced and directed by Tai-Li Hu

Panel 4 Liberation and Beyond: Coming to Terms with the Japanese Empire
Hui-yu Caroline Ts’ai (Academica Sinica, Taiwan)
Life Stories, Entangled Colonialities, and Oral History in Taiwan Studies: A Case Study of Taiganban, 1945-1949 [A study on the Squad of Chinese Police Cadres Who Came to Retrieve Taiwan from the Hands of Japanese in October 1945]
Chad Denton (Yonsei U)
The Slow Death of a Franco-Japanese Family, 1945 to 1958
Jeong-Mi Park (RICH)
Liberation or Purification? Prostitution, Women's Movement, and the Making of a Postcolonial State in South Korea, 1945-1948

Panel 5 Materiality: Desire, Knowledge, Sentiments
Sangrok Lee (National Institute of Korean History)
Desire for consumption and the politics of everyday life: South Korea in the 1970s
Taeho Kim (Seoul National Univ Hospital)
Rice for Unification and Independence: Colonial Legacy, the Cold War, and the Green Revolution in South Korea
Linda Lai (City U Hong Kong)
Documenting Sentiments in ‘Hong Kong 1997’ Video Diaries: Belly Buttons, Absent Cameras, Moving House, Fooling Around

Panel 6 Boost of Nationalism – the Colonial in Postcoloniality?
Jacqueline Aquino Siapno (Kyoto U, Japan)
Who are the people constituting ‘the state’? Living in a state official residence, everyday coloniality and post-coloniality in Timor Leste
Jie-Hyun Lim (RICH)
Martyrdom, Victimhood and Nation-Building: Imagining Israel in Post-colonial Koreas

Wrap-Up Discussion
Led by Alf Lüdtke

ZitierweiseTagungsbericht Everyday Coloniality. How Wars End. Practices of (Re)Making States after 1945. 02.11.2012-03.11.2012, Seoul, Korea, in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4668>.

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