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18. Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager: „Zwangsarbeit, Ausbeutung und Kriegswaffenproduktion“

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Kai Michael Becker (Jena); Noah Benninga (Jerusalem); Dennis Bock (Hamburg); Henrike Illig (Bremen); in Zusammenarbeit mit dem Denkort „Bunker Valentin“ in Bremen-Farge; und dem Institut für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen, Inge Marszolek
Datum, Ort:31.08.2012-04.09.2012, Bremen

Bericht von:
Christine Eckel, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
E-Mail: <eckelchsu-hh.de>

Der „Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ fand 2012 zum 18. Mal statt. Die von Doktorand/innen organisierte Tagung bietet Nachwuchswissenschaftler/innen ein Forum, in dem sie ihre Forschungsarbeiten in möglichst hierarchiefreier Atmosphäre vorstellen und diskutieren können. Der Workshop hat zum Ziel, Nachwuchswissenschaftler/innen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen. Er findet jedes Jahr an einem anderen Ort statt und ist mit dem Besuch einer Gedenkstätte verbunden, womit der Austausch über die inhaltliche Konzeption und erinnerungskulturelle Praxis angeregt wird. Die Vorträge werden in 2013 in einem Sammelband publiziert.

Der Workshop zu „Zwangsarbeit, Ausbeutung und Kriegswaffenproduktion“ fand 2012 in Bremen statt. Die Unterstützung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ), der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Erinnern für die Zukunft e.V. und der Landeszentrale für politische Bildung Bremen ermöglichte die Anreise von etwa 30 Teilnehmer/innen (aus Israel, Polen, Tschechien, USA und Deutschland).

In ihrem einführenden Vortrag gab CHRISTIANE HESS den Teilnehmer/innen einen Überblick über die Geschichte des Workshops, der zum ersten Mal 1994 stattfand. Im Laufe der Jahre hat er sich dank der Organisator/innen, die in jedem Jahr neu aus dem Kreise der Teilnehmer/innen gewählt werden, einen Bekanntheitsgrad unter Wissenschaftler/innen und Stiftungen verschafft, nicht zuletzt durch die jährliche Publikation seiner Ergebnisse. Dennoch ist es gelungen, den hierarchiefreien Rahmen für Nachwuchswissenschaftler/innen beizubehalten.

Der öffentliche Gastvortrag von JENS-CHRISTIAN WAGNER (Mittelbau-Dora) „Vernichtung und Arbeit. Das Beispiel Mittelbau-Dora“ in der Villa Ichon in Bremen, der von Inge Marszolek moderiert wurde und zu dem etwa 50 Zuhörer/innen erschienen, bildete zusammen mit dem Besuch des „Denkorts Bunker Valentin“ den Einstieg in die Thematik der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, neuer Forschungsansätze, den Umgang mit den ehemaligen Zwangsarbeiter/innen nach 1945 in den verschiedenen Ländern und die Bedeutung solcher Orte in der pädagogischen Arbeit heute.

ANNA G. PIOTROWSKA (Krakau) gab in ihrem Vortrag „Music Making in Auschwitz as an Example of Enforced Labour” einen Überblick über die Forschungen zu den Lagerorchestern im KZ Auschwitz. Diese von der SS angeordnete „offizielle“ musikalische Betätigung ist vom heimlichen Musizieren zu trennen, das eine Überlebensstrategie der Häftlinge gegen die beabsichtigte Entmenschlichung durch die SS darstellte. Musik diente der „Ästhetisierung des Terrors“ durch die SS und gehörte zum Lageralltag, wie aus zahlreichen Zeitzeugenberichten hervorgeht. Mit Einführung der Lagerorchester wurde das Musizieren zu einer der zahlreichen Formen von Zwangsarbeit, ein Aspekt, der in der Nachkriegsrezeption der Lager noch wenig Beachtung fand und zum Teil noch heute diskutiert wird.

Einen anderen Aspekt von Zwangsarbeit stellte DMITRI STRATIEVSKI (Berlin) in seinem Vortrag „Vernichtung durch Arbeit? Sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand“ vor. Er untersuchte die Uneinigkeit, die in der historischen Forschung bezüglich der NS-Pläne zum Arbeitseinsatz dieser Gefangenengruppe herrscht. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Arbeitskraft gewann zwar nach dem Überfall auf die Sowjetunion und der Gefangennahme von über fünf Millionen Rotarmisten gegenüber ideologischen Vorgaben die Oberhand – gleichzeitig führten jedoch die katastrophale Unterbringung und Verpflegung zu einem Massensterben. Auch wenn ein Befehl der „Vernichtung durch Arbeit“ nicht nachzuweisen ist, führte das inkohärente Vorgehen der NS-Instanzen vor und während des Arbeitseinsatzes zu einer sehr hohen Sterberate (über 50%), die mit der Sterberate westeuropäischer Kriegsgefangener (unter 4%) kaum zu vergleichen ist.

ELISABETH BÜTTNER (Krakau) zeigte in ihrem Vortrag „German Prisoners of the Auschwitz Concentration Sub-Camps at Industrial Sites in Upper Silesia“ die Forschungsdesiderate zu der Gruppe der deutschen Häftlinge im KZ Auschwitz auf. Am Beispiel mehrerer Außenlager machte Büttner auf die schwierige Quellenlage aufmerksam, die die Gefahr birgt, stereotype Vorstellungen von Häftlingsgruppen zu reproduzieren. So müssten neben Berichten von Mithäftlingen, die deutsche Häftlinge zwar erwähnen, sich aber meistens auf als brutal charakterisierte Funktionshäftlinge beziehen, weitere Quellen erschlossen und herangezogen werden, um ein komplexeres Bild der deutschen Häftlinge in Auschwitz zu zeichnen.

JENS KOLATA (Tübingen/Wuppertal) stellte seine Regionalstudie „‚unbedingt als Arbeitsscheuer anzusehen‘. Die Verhaftungen durch die Gestapo im Rahmen der ‚Aktion Arbeitsscheu Reich‘ in Württemberg und Hohenzollern“ vor. Am Beispiel dieser Region untersuchte Kolata das Zusammenspiel institutioneller und ideologischer Voraussetzungen, die Vorbereitung und Durchführung der Verhaftungen, die Situation der Betroffenen im KZ Buchenwald und ihre Versuche, nach 1945 eine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus zu erlangen. Schwerpunkte seiner Studie liegen auf der bisher in der Forschung häufig vernachlässigten Rolle der kommunalen Verwaltungs- und Polizeibehörden und dem Verhältnis von ökonomischen und ideologischen Faktoren bei der Verfolgung sogenannter „Asozialer“.

TATSIANA VAITULEVICH (Göttingen) präsentierte in ihrem Vortrag „ From War to Postwar. The Return of Former Forced Labourers to the Postwar Netherlands and Belarus” ihre vergleichende Arbeit, in der sie Ähnlichkeiten und Unterschiede auf der materiellen, politischen und psychologischen Ebene untersucht. Deutlich wurde in den von Vaitulevich durchgeführten Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiter/innen aus beiden Ländern das Spannungsverhältnis zwischen individueller Erinnerung und nationalen Diskursen, das bis heute vorhanden ist.

MARCO BRENNEISEN (Mannheim) beschäftigte sich in seinem Vortrag „Die Rezeption der rechtsrheinischen Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof – Entstehung von Gedenkanlagen und Herausbildung lokaler Erinnerungskulturen” mit der Frage, ob die Vielzahl der vielschichtigen lokalen, regionalen und weiteren kollektiven Gedächtnisse überhaupt unter dem Begriff einer „nationalen Erinnerungskultur“ subsumiert werden können, wie es gemeinhin der Fall ist. An mehreren Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof untersucht Brenneisen, wie sich Erinnerungskulturen und kollektive Gedächtnisse analytisch bestimmen lassen und welche Akteure, Wahrnehmungsweisen, Handlungen und Prozesse dabei einbezogen werden sollten. Ein Fokus liegt insbesondere auf den sich wandelnden Selbstbildern lokaler Gemeinschaften, den Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Erinnerungsgruppen, der Netzwerkbildung lokaler Akteure sowie den jeweiligen Machtverhältnissen.

MORITZ LAUTENBACH VON OSTROWSKI (Hamburg) thematisierte in seinem Vortrag „Gedenken ohne Zeitzeugen. Vermittlungsformen bei Schülerführungen in Gedenkstätten“ ebenfalls die Weitergabe von Erinnerung. Aus linguistischer Perspektive untersucht er mithilfe der Funktionalen Pragmatik die Kommunikation an Gedenkstätten. Als Beispiel für sprachliches Handeln steht die Diskursart Schülerführung, die Lautenbach anhand transkribierter Passagen analysierte, wobei er insbesondere auf die Rolle der Guides in ihrer institutionalisierten Rolle als „Boten“ bzw. „Zeugen der Augenzeugen“ einging.

TANJA KINZEL (Berlin) stellte in ihrem Vortrag „Verschiedene fotografische Perspektiven auf die Zwangsarbeit im Ghetto Litzmannstadt“ zunächst die umfangreichen fotografischen Bestände vor. Die Untersuchung der Entstehungs- und Verwendungszusammenhänge der Aufnahmen erlaubt die Interpretation und den Vergleich der jeweiligen Perspektive der Fotografierenden (Polizei, SS, zivile Funktionäre, Judenrat; offiziell oder geheim angefertigte Aufnahmen), die in der Auswahl der Motive, des Blickwinkels, des Bildausschnitt usw. zum Ausdruck kommen.

KIMBERLY ALLAR (Clark University) stellte in ihrem Vortrag „Changing of the Guard: An Examination of the Nazi Concentration Camp SS from 1939-1945” vergleichende Überlegungen zur Rekrutierung und Ausbildung verschiedener Gruppen innerhalb der KZ-Wachmannschaften vor. Allars Ziel ist es, anhand der SS-Totenkopfverbände des KZ Dachau, der Aufseherinnen des KZ Ravensbrück und der Trawnikis – Gruppen, die sich in ihrer Zusammensetzung unter anderem in Geschlecht und Herkunft wesentlich unterschieden –, die Veränderungen der KZ-Wachmannschaften bis 1945 herauszuarbeiten.

TOMAS VOJTA (Prag) stellte in seinem Vortrag „The Obliteration of Mass Murder Traces in Treblinka” seine Forschungen zur Verbrennung der Ermordeten in Treblinka vor, einem Thema, das nur unzureichend erforscht ist, obwohl Treblinka zu den Vernichtungslagern mit den meisten Toten zählt. Vojta zufolge begannen die ersten Massenverbrennungen bereits im November/Dezember 1942, also vier Monate früher als in der Forschung angenommen. Sie waren ebenso wie die gesamte „Aktion Reinhardt“ von Improvisation und Pragmatismus der NS-Täter gekennzeichnet, die in Treblinka vor allem durch die Initiative der SS-Angehörigen Herbert Floss und Christian Wirth geprägt war.

Der 18. Workshop war, wie bereits in den Vorjahren, durch eine große thematische Bandbreite gekennzeichnet: Neben verschiedenen Perspektiven auf den Begriff der NS-Zwangsarbeit wurden aktuelle Forschungsarbeiten zu Häftlings- und Tätergruppen, zur Gedächtnisgeschichte der Lager und der Vermittlungsarbeit in KZ-Gedenkstätten vorgestellt. Auch wenn manche Vorträge nur indirekt dem Thema des Workshops „Zwangsarbeit, Ausbeutung und Kriegswaffenproduktion“ zugeordnet werden können, waren insbesondere die – häufig lebhaft – geführten Diskussionen von großem Nutzen für alle Teilnehmer/innen. Der kritische und fruchtbare Austausch zu Fragen der Methodik, der Quellenkritik und der eigenen Perspektive der Nachwuchswissenschaftler/innen aus den verschiedenen Disziplinen und Ländern hat zum Erfolg des 18. Workshops zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager wesentlich beigetragen. Zudem ermöglichten die hervorragenden Simultanübersetzungen von Imke Hansen es allen Teilnehmer/innen, sich auf deutsch oder englisch an den Vorträgen und Diskussionen zu beteiligen.

Konferenzübersicht:

Christiane Hess: Rückblicke – Einblicke – Ausblicke. 15 Jahre „Workshop zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“

Anna G. Piotrowska (Krakau): Music Making in Auschwitz as an Example of Enforced Labour

Dmitri Stratievski (Berlin): Vernichtung durch Arbeit? Sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand

Elisabeth Büttner (Krakau): German Prisoners of the Auschwitz Concentration Sub-Camps at Industrial Sites in Upper Silesia

Jens Kolata (Tübingen/Wuppertal): „unbedingt als Arbeitsscheuer anzusehen“. Die Verhaftungen durch die Gestapo im Rahmen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ in Württemberg und Hohenzollern

Tatsiana Vaitulevich (Göttingen): From War to Postwar. The Return of Former Forced Labourers to the Postwar Netherlands and Belarus

Marco Brenneisen (Mannheim): Die Rezeption der rechtsrheinischen Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof – Entstehung von Gedenkanlagen und Herausbildung lokaler Erinnerungskulturen

Moritz Lautenbach von Ostrowski (Hamburg): Gedenken ohne Zeitzeugen. Vermittlungsformen bei Schülerführungen in Gedenkstätten

Tanja Kinzel (Berlin): Verschiedene fotografische Perspektiven auf die Zwangsarbeit im Ghetto Litzmannstadt

Kimberly Allar (Clark University): Changing of the Guard: An Examination of the Nazi Concentration Camp SS from 1939-1945

Tomas Vojta (Prag): The Obliteration of Mass Murder Traces in Treblinka

ZitierweiseTagungsbericht 18. Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager: „Zwangsarbeit, Ausbeutung und Kriegswaffenproduktion“. 31.08.2012-04.09.2012, Bremen, in: H-Soz-u-Kult, 26.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4667>.

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