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Transnationale Verflechtungen im östlichen Europa. Forschungskonzeptionen – Themenfelder – Vergleiche

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Deutsches Polen-Institut Darmstadt; J. G. Herder Forschungsrat; Technische Universität Chemnitz
Datum, Ort:26.10.2012-28.10.2012, Chemnitz

Bericht von:
Radoslaw Buraczynski, Institut für Slavistik, Technische Universität Dresden
E-Mail: <radekbur82googlemail.com>

Die diesjährige Jahrestagung des Herder-Forschungsrats, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Polen-Institut Darmstadt und der TU Chemnitz organisiert wurde, fand vom 26. bis 28. Oktober in Chemnitz statt. Sie nahm sich der historischen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Verflechtungsprozesse in Politik, Kultur und Wirtschaft in Mittel- und Osteuropa an, um Umrisse und Strategien für zukünftige Forschungsansätze zu erörtern. JÖRG HACKMANN (Stettin) und PETER OLIVER LOEW (Darmstadt) haben in ihrer Tagungseinführung auf die in den Sozial- und Geisteswissenschaften inzwischen lange Tradition der Erforschung von Verflechtungsprozessen hingewiesen. Die große Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen bringe eine konzeptuelle Unschärfe mit sich, insbesondere bei der Definition solcher Theoreme wie „transnational“ oder „Verflechtung“. Deshalb müssen diese in ihrer Anwendung auf das östliche Europa überprüft werden.

Ein erster Block der Tagung war konzeptionellen Überblicken z „transnationalen Verflechtungen im östlichen Europa“ aus der Perspektive verschiedener Disziplinen gewidmet. FRANK HADLER (Leipzig) stellte in seinem – gemeinsam mit MATTHIAS MIDDELL (Leipzig) verfassten – Vortrag die seit dem späten 19. Jhd. zunehmend intensiven Prozesse der gegenseitigen Verflechtungen der Staaten Mittel- und Osteuropas in einem globalen Kontext dar. Dabei wies er auf den dialektischen Charakter dieser Prozesse hin, die durch das Streben nach der Herausbildung eines Nationalstaates einerseits und nach der Transnationalisierung andererseits gekennzeichnet waren.

Der Vortrag von STEFAN GARSZTECKI (Chemnitz) galt dem Stand der politikwissenschaftlichen Forschung zu den transnationalen Verflechtungen in Europa. Diese werden seit mehreren Jahren hauptsächlich in Verbindung mit „Europäisierung“ diskutiert, einem Begriff, mit dem verschiedene Dimensionen der Auswirkungen des europäischen Integrationsprozesses auf die Mitgliedsstaaten erfasst werden. Garsztecki, der sich auf die Phänomene der Erinnerungspolitiken, Identitätsbildung in den Grenzregionen und Europäisierung des Alltags konzentrierte, wies darauf hin, dass der politische Druck der EU nicht mit Europäisierung von oben gleichzusetzen sei. Garsztecki plädierte daher für die Erfassung der Europäisierung als einen Bottom-Up-Prozess, der zur Entstehung Europas von unten führt.

REINHARD JOHLER (Tübingen) näherte sich dem Tagungsthema aus einer anthropologischen Perspektive und untersuchte in seinem Vortrag die Phänomene der Transkulturalität, Hybridisierung und Synkretisierung. Dabei beleuchtete er den Ursprung für die Begrifflichkeit, die er in den Arbeiten Hugo Schuchardt verortet sah. Die eigentlich europäische Herkunft dieser über den angelsächsischen Raum verbreiteten Terminologiemode könne, so Johler, nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mehrwert der Debatte vorrangig in einer metaphorischen Dimension zu suchen sei.

ANDREAS LANGENOHL (Gießen) beschäftigte sich mit den Verflechtungen im Bereich der Wissenschaftssprache; am Beispiel der Entstehung, Entwicklung und Etablierung der Gender Studies in Russland wurde gezeigt, auf welchem Wege wissenschaftliche Konzepte (hier das des „Gender“) zwischen verschiedenen Ländern kursieren, wie diese übernommen und internalisiert werden, vor allem aber mit welchen Problemen dieser Transfer nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher sozialer und kultureller Rahmenbedingungen verbunden sein kann.

Im zweiten Teil der Tagung standen verschiedene Fallstudien im Zentrum. HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) referierte vor dem Hintergrund eines Publikationsprojekts des Deutschen Polen-Instituts zur deutsch-polnischen Verflechtungsgeschichte vom 10. bis ins 21. Jahrhundert über die Anwendung des Konzepts „Transnationalität“ in der historischen Forschung zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte der Frühen Neuzeit. Diesen methodischen Problemen des Erfassens und der Darstellung der Geschichte zweier Länder war auch der Vortrag von GUIDO BRAUN (Bonn) gewidmet, diesmal am Beispiel eines deutsch-französischen Buchprojektes über die Verflechtungen der Geschichte beider Länder (für die auf elf Bände angelegte Reihe Deutsch-Französischer Geschichte hat Braun den vierten Band zur der Zeit von 1648 bis 1789 verfasst). Braun untersuchte die Gründe dafür, dass diese „verflochtene Geschichte“ zunehmend in einer „geteilten Erinnerung“ mündete. In seinem Vortrag vertrat er die Position, diese Geschichte solle nicht aus nationalstaatlicher Perspektive untersucht werden, sondern vielmehr müsse sie als eine Beziehungsgeschichte auf mehreren Ebenen erfasst werden. Neben den politischen Beziehungen wurde auf die Rolle der Verflechtungen im Bereich der Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft hingewiesen.

MILOŠ ŘEZNĺK (Chemnitz) beschäftigte sich mit grenzüberschreitenden Verflechtungen im sächsisch-tschechischem Grenzraum. Řezník beschrieb den Wandel der Handlungsstrategien der Grenzbewohner aufgrund der Veränderungen des Charakters dieser Grenze nach 1989 und der Welle der Regionalisierung der 1990er-Jahre. Die Auswirkung der Verflechtungsprozesse auf Identität der Grenzbewohner sei momentan völlig offen.

CORINNA FELSCH (Marburg) widmete sich in ihrem auf umfangreiches empirisches Material gestützten Vortrag dem Thema der Wahrnehmung und Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit beider Länder durch die nach Polen gereisten Deutschen. Anhand der Analyse von Reiseberichten von Teilnehmern an Reisen im Rahmen der Aktion Sühnezeichen, an Heimatreisen und an Studienreisen konnten unterschiedliche Muster der Aufarbeitung der deutsch-polnischen Vergangenheit zwischen den einzelnen Gruppen aufgezeigt werden. Felsch stellte fest, dass die wichtigste Auseinandersetzung über die Geschichtsauffassung nicht zwischen Deutschen und Polen, sondern innerdeutsch stattgefunden habe; unter anderem aus diesem Grund erweise sich das Konzept der „Versöhnung“ in diesem Kontext als nicht weiter tragfähig.

JOANNA RZEPA (Bremen) berichtete über eine Studie zur polnischen Migration in Norddeutschland. Die ersten Ergebnisse zeugen von starker Bindung dieser Gruppe an polnische Kulturcodes – die Internalisierung der Normen- und Wertesysteme des Aufnahmelandes scheint nicht mit einer Abschwächung der Anbindung an Polen einherzugehen. Unter diesem Gesichtspunkt erschien Rzepa der Begriff der „Transnationalität“ in Bezug auf Migration nicht ausreichend – es solle vielleicht durch Interkulturalität bzw. Transkulturalität ersetzt werden.

Das Referat von DAGMARA JAJEŚNIAK-QUAST (Frankfurt/Oder) war den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Vertretern beider politischen Blöcke im Kalten Krieg gewidmet. Die Hauptthese des Referats lautete, dass die Abschaffung der wirtschaftlichen Schranken nicht im institutionellen Rahmen der EWG erfolgte, sondern in den Freihandelszonen, die oft als Konkurrenz zur EWG entstanden – sie eröffneten Räume für die wirtschaftliche Verflechtung zur Zeit des Kalten Krieges.

CORINNE DEFRANCE (Paris) widmete sich der Kooperation in der pädagogischen Praxis, die am Beispiel der Zusammenarbeit von deutschen und französischen Historikern an der Schulbuchrevision nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt wurde. Der Vortrag beleuchtete die Geschichte der Entstehung und verschiedener Aufgabenbereiche der deutsch-französischen Schulbuchkommission, u.a. auch deren wichtigsten Projekts: des gemeinsamen Geschichtsbuchs, dessen erster Band 2006 erschien.

MARTIN SCHULZE WESSEL (München) untersuchte die Frage nach der Beeinflussung von Gesellschaften durch grenzüberschreitende Phänomene am Beispiel der großen religiösen Systeme, die universellen Anspruch erheben und in diesem Sinne auch (zumindest theoretisch) transterritorial sind. Wessel wies jedoch auf die gegenseitige Anpassung von Kirchen und säkularen Formen hin, die zu starken nationalen Variationen führten. Im Kontext der transnationalen Verflechtungen solle die Forschung zum Verhältnis zwischen Imperien und Religion durch zwei Fragen organisiert werden: 1) ob sich die Staaten historisch als Vorkampfer ihrer Staatsreligion verstanden hätten; und 2) in welcher Weise die transnationalen Wirkungen der Religion überhaupt auszumachen sind.

In MARTIN AUSTs (München) Vortrag ging es um Unterschiede in den Erinnerungskulturen Russlands, der Ukraine und Polens. Diese wurden am Beispiel der Darstellung im Film und der um diese Verfilmungen entbrannten öffentlichen Diskurse geschildert. Dabei untersuchte Aust, ob sich die Erinnerungsstränge zwischen diesen Ländern verflochten haben.

In den zusammenfassenden Bemerkungen von ULRIKE BRUMMERT (Chemnitz) und DIETER BINGEN (Darmstadt) wurde auf die begrifflichen Schwierigkeiten mit dem Terminus „Verflechtung“ hingewiesen – dieser solle nicht universell jede Form des Austausches bezeichnen, da nicht jede Beziehung mit Verflechtung gleichzusetzen sei. Das Letztere sei mehr als eine reine Transfergeschichte. Um diesem Phänomen besser gerecht zu werden, seien komparative Vorgehensweisen (bspw. zwischen West- und Südwesteuropa) empfohlen. Diese könnten auch helfen, die These von Wiederbelebung des Partikularen als Ergebnis der transnationalen Verflechtung zu verifizieren.

Dank der heterogenen fachlichen Hintergründe der Vortragenden hat die Tagung einen guten Überblick über den Stand der Forschung und die Unterschiede im Herangehen verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen an die Problematik der „Verflechtung“ gegeben. Noch wichtiger erscheint aber, dass im Ergebnis dieser Tagung der Begriff an sich – hier vor allem seine Tauglichkeit für die zukünftige Forschung – noch einmal kritisch hinterfragt wurde. Diesbezüglich scheint es den Bedarf nach ernsthaften konzeptuellen Überlegungen zu geben, die diesen Terminus besser präzisieren und damit fassbar für eine empirische Forschung zu machen.

Konferenzübersicht

Dieter Bingen, DPI, Reinhard Johler, HFR, Stefan Garsztecki, TU Chemnitz: Begrüßung

Jörg Hackmann, Stettin Peter Oliver Loew, Darmstadt Einführung in das Tagungsthema

Frank Hadler (Leipzig), Matthias Middell (Leipzig): Verflechtungen in Ostmitteleuropa in globalgeschichtlicher Perspektive

Stefan Garsztecki (Chemnitz) Politikwissenschaftliche Forschungskonzeptionen zu transnationalen Verflechtungen

Reinhard Johler (Tübingen): Ethnologisch-kulturwissenschaftliche Konzepte für transnationale Verflechtungen in Osteuropa

Andreas Langenohl (Gießen): Konzeptzirkulation im postsowjetischen Raum: Zum Beispiel ‚Gender’

Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen): Frühneuzeitliche Verflechtungen in der deutsch-polnischen Geschichte

Guido Braun (Bonn): Von der verflochtenen Geschichte zur geteilten Erinnerung. Methodische Überlegungen zur Darstellung der deutsch-französischen Geschichte im Zeitalter von Barock und Aufklärung

Miloš Řezník (Chemnitz): Grenzüberschreitende Verflechtungen (Deutschland und Tschechien seit 1989)

Corinna Felsch (Marburg): Geschichte und Versöhnung im deutsch-polnischen Kontext nach 1945 (Westdeutsche Reisen nach Polen zwischen 1970 und 1989)

Joanna Rzepa (Chemnitz): Migration und Transnationalität

Dagmara Jajeśniak-Quast (Frankfurt/Oder): Paneuropäische Wirtschaftsverflechtungen im Kalten Krieg

Corinne Defrance (Paris): Schulbuchrevision und transnationale Verflechtung

Martin Schulze Wessel (München): Kirche und Transnationalität

Martin Aust (München): Kriegserinnerung als Verflechtungsgeschichte. Polen, die Ukraine und Russland

Ulrike Brummert (Chemnitz), Dieter Bingen (Darmstadt) Zusammenfassung, Vergleich, Diskussion über Forschungsperspektiven

ZitierweiseTagungsbericht Transnationale Verflechtungen im östlichen Europa. Forschungskonzeptionen – Themenfelder – Vergleiche. 26.10.2012-28.10.2012, Chemnitz, in: H-Soz-u-Kult, 01.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4644>.

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