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26. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK)
Datum, Ort:16.11.2012-18.11.2012, Schwerte

Bericht von:
Andreas Henkelmann, Katholisch-Theologische Fakultät, Ruhr-Universität Bochum; Nicole Priesching, Institut für Katholische Theologie, Universität Paderborn
E-Mail: <ahenkelmannweb.de>; <nicole.prieschinguni-paderborn.de>

Zur 26. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK) versammelten sich vom 16. bis 18. November ca. 40 Historiker und Theologen aus Deutschland, Österreich sowie Luxemburg. Geleitet wurde die Tagung von Nicole Priesching (Paderborn) und Andreas Henkelmann (Bochum) in Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte des Erzbistums Paderborn. Die Generaldebatte setzte sich in diesem Jahr mit der Geschichte der Ökumenischen Bewegung auseinander.

Am Freitag Abend eröffneten zwei Referate zu Katholizismus und Politik in der frühen BRD die Tagung. PHILIPP KARST (Münster) stellte einen Ausschnitt seines Dissertationsprojekts zu Jesuiten und Politik in Westdeutschland und Italien vor. Jesuiten nahmen als katholische Elite eine wichtige Rolle innerhalb des Katholizismus ein, unter anderem durch Beratung von Politikern, Gewerkschaften und Unternehmern. Der Vortrag legte einen Schwerpunkt auf die politisch einflussreichsten deutschen Jesuiten: die Sozialethiker Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning. Auf der Basis ihrer Publikationen entwarf er ihre Haltung zu zwei Politikfeldern: zur Demokratie als Staatsform und zum Umgang mit der SPD. Beide versuchten, die Demokratie theologisch positiv zu begründen. Darüber hinaus forderten sie eine „berufsständische Ordnung“, mit der sie auf eine spezifisch katholische Demokratieform abzielten. Trotz Ablehnung eines „christlichen Sozialismus“ wurde Nell-Breuning zu einer Schlüsselfigur in der Annäherung von Katholizismus und SPD, wohingegen Gundlach diese sehr kritisch beurteilte.

Im Anschluss referierte BENEDIKT HAMPEL (Köln) über sein Dissertationsvorhaben zu Katholischen Studentengemeinden im geteilten Deutschland der 1960er-Jahre. Mit Blick auf das vorausgehende Referat lag der Schwerpunkt auf den von Jesuiten betreuten Gemeinden in der damaligen Bundesrepublik. Nach einem historischen Überblick über die Entwicklung Katholischer Studentengemeinden von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis um 1960 folgte eine Darstellung der studentischen Protestbewegung der 1960er-Jahre; zunächst ihrer praktischen Ausprägung, dann ihres theoretischen Hintergrundes. Es wurde eine Quellenauswahl zu verschiedenen Gemeinden der Bundesrepublik präsentiert und auf das vorläufige Ergebnis hin interpretiert, dass es in dieser Zeit zu einer generellen Politisierung Katholischer Studentengemeinden kam und sich eine Nähe zum Denken der Studentenbewegung nachweisen lässt. Auf den unterschiedlichen Umgang damit von seiten der Seelsorger wurde abschließend hingewiesen.

Den Samstag eröffnete THOMAS SCHULTE-UMBERG (Wien) mit seinem Vortrag zu „Bischofsernennungen in der Habsburgermonarchie 1848-1918“. Nach einer kurzen Einordnung des Themas – als Teil der Erarbeitung eines Lexikons der griechisch-katholischen und römisch-katholischen Bischöfe der Habsburgermonarchie von 1803-1918 – beschrieb er die normativen Voraussetzungen der Bischofsernennungen und deren Praxis. Erst nach 1900 versuchte die Kurie, das Ernennungsrecht des Kaisers deutlicher zu begrenzen. Der Ernennungsprozess zeigt sich als vielstufiges Verfahren mit verschiedenen Akteuren auf zentraler (Wien, nach 1867 auch Budapest; Rom), regionaler (Statthalter; Provinzialbischöfe) und lokaler Ebene (örtliche Behörden; Domkapitel, ‚öffentliche Meinung‘). Für ein Profil der Gruppe der ernannten Bischöfe lassen sich Charakteristika aufzeigen, die im Bedingungsgefüge des multiethnischen und multikonfessionellen Imperiums zu verorten sind.

Im Anschluss hielt CHRISTINA RATHGEBER (Berlin) ein Referat zum Verhältnis von katholischer Bevölkerung und preußischem Staat 1815-1871. Die Bildung einer katholischen Kollektividentität im 19. Jahrhundert ging der Politisierung des Katholizismus voraus. Hierfür waren die populären Volksmissionen, die primär von Jesuiten veranstaltet wurden, mitprägend. Die (klein-)bürgerlichen Teilnehmer verfolgten keine politischen Ziele, aber ihre begeisterte Partizipation an öffentlichen religiösen Veranstaltungen, die außerhalb der staatlichen Kontrolle lagen, besaß auch politische Implikationen. Der Versuch des Staates 1852, Volksmissionen einzuschränken und die Aktivität von Jesuiten in Preußen zu unterbinden, scheiterte unter anderem wegen einer enormen Petitionsbewegung seitens der katholischen Bevölkerung, meist unter Führung kommunaler Amtsträger. Dieser organisierte Widerstand gegen den versuchten Eingriff des zentralen, autoritären Staates ist als politische Haltung zu verstehen. Aufgrund der Vehemenz dieser Reaktion zeigte der Staat bis 1872 große Zurückhaltung bei Maßnahmen gegenüber den Katholiken.

CHRISTINA RIESE (Tübingen) stellte danach ihr Dissertationsprojekt „Hungerbedrohung und Sozialstrategie im Zeitalter der Konfrontation von katholischer Sozialmoral und kapitalistischer Moderne (1870–1929)“ vor, das im Rahmen des SFB „Bedrohte Ordnungen“ entsteht. Dabei lag der Fokus auf den inhaltlichen und methodischen Vorüberlegungen für das Projekt. Sie betonte, dass es durch den Blick auf Hunger und existenziellen Mangel möglich sei, die Bedrohungskommunikation und das Bewältigungshandeln des katholischen Milieus zu beschreiben und dabei die Verdichtungen und den Wandel seiner Ordnungsdiskurse zu beobachten. Anschließend zeigte sie in einem Beispiel, welche Ansprüche der katholische Diözesancaritasverband der Diözese Münster an die eigene Professionalität hatte. Daran anknüpfend wurde deutlich, dass die Unterbringung von Kindern auf dem Land durch eine doppelte Orientierung an Leibsorge und Seelsorge geprägt war, die im Rückgriff auf alte Muster neue Handlungsformen ermöglichte.

Nach der Mittagspause referierte NINA KOGLER (Innsbruck) zu ihrer bereits abgeschlossenen Dissertation „GeschlechterGeschichte der Katholischen Aktion im Austrofaschismus. Diskurse – Strukturen – Relationen“. Deklariert als „Christlicher Ständestaat“ setzte das austrofaschistische Herrschaftssystem der Demokratie in Österreich 1933/34 ein Ende. Die katholische Kirche stützte die autoritäre, mit faschistischen Elementen versetzte Staatsform, zumal diese eine politische Realisierung des Christentums versprach. Dem pluriformen Verhältnis zwischen katholischer Kirche und austrofaschistischem Staat näherte sich der Vortrag, indem Berührungspunkte zwischen den beiden hochkomplexen Systemen auf diskursiver, struktureller und symbolischer Ebene herausgearbeitet wurden. Zentrales Diskursfeld bildete die in zeitlicher Nähe zum „Ständestaat“ eingeführte Katholische Aktion, deren Genese und Transformationsprozess im österreichischen Kontext den Kern der Ausführungen bildeten. Als skizziertes Beispiel des Beziehungsfeldes von Politik und Staat wurden die katholischen und staatlichen Frauenorganisationen vorgestellt.

JENS RÖSCHLEIN (Münster) untersuchte in seinem Vortrag die „Zigeunerbilder“ in einer Rede Pauls VI. anlässlich der ersten Internationalen Wallfahrt der Sinti und Roma nach Rom 1965 und schlug davon ausgehend den Bogen zu den Anfängen einer institutionalisierten „Zigeunerseelsorge“ in der Bundesrepublik Deutschland. Angesichts der Erfolge der Pfingstkirchen kann das Integrationsversprechen Pauls VI., Sinti und Roma seien „in gewisser Weise im Herzen der Kirche“ als Aufruf zur Evangelisierung verstanden werden kann, deren Umsetzung in Deutschland jedoch sehr zögerlich vollzogen wurde. Die metaphorische Inkorporierung als „ewige Pilger“ meinte zwar die Wertschätzung einer traditionellen Kultur, die vermeintliche Nichtsesshaftigkeit traf jedoch nicht die Lebenswirklichkeit der meisten Sinti und Roma und leistete einer Stigmatisierung Vorschub.

URSZULA PĘKALA (Mainz) stellte ihr Habilitationsprojekt „Versöhnung als theologisch-politischer Diskurs nach dem Zweiten Weltkrieg: Kirchen in Deutschland, Frankreich und Polen im Vergleich“ (Arbeitstitel) vor. Darin befasst sie sich mit der kirchlichen Versöhnungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der gesamteuropäischen Perspektive. Es verbindet einen kirchengeschichtlichen und systematisch-theologischen Zugang mit der Diskursanalyse. Im Fokus des Projekts stehen drei Fragestellungen: nach dem Versöhnungsbegriff und seiner Anwendung in Bezug auf politische Kontexte; nach dem Selbstverständnis der kirchlichen Akteure im Versöhnungsprozess; nach dem Zusammenspiel von religiösen und außerreligiösen Faktoren im Versöhnungsprozess. Quellen der Untersuchung bestehen unter anderem in offiziellen Aussagen der Kirchenleitungen und Texten der christlichen Publizistik aus dem Zeitraum von 1945 bis 1990, an deren sich Merkmale des Versöhnungsdiskurses bzw. der Versöhnungsdiskurse festmachen lassen.

Am Abend führten die beiden Zeitzeugen Pfr. i.R. WERNER KÖNIG (Finnentrop) und Regionalbischof i.R. MARTIN BOGDAHN (München) über ihre Lebenserinnerungen in das Thema der Generaldebatte „Das II. Vatikanische Konzil und die Ökumenische Bewegung: Vorgeschichte und Folgen“ ein. Beide schilderten eindrucksvoll, wie Ökumene nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der Pastoral umgesetzt werden konnte – auch gegen Widerstände. Bewusst wurde dabei eine katholische und eine evangelische Perspektive gewählt. Eine solche ‚ökumenische‘ Herangehensweise prägte auch den anschließenden wissenschaftlichen Teil der Generaldebatte. Diese eröffnete die katholische Theologin Lucia SCHERZBERG (Saarbrücken) mit einem Vortrag über „Ökumene zwischen Nationalismus und Internationalismus“. Sie unterschied zwischen ökumenischen Bestrebungen, die sich auf die Volksgemeinschafts-Ideologie stützten, und ökumenische Kooperationen, die primär am Dialog über Lehrunterschiede (Vorläufer des sog. Jaeger-Stählin-Kreises) bzw. an einer ökumenischen Spiritualität (Una Sancta-Gruppen) orientiert waren. Allerdings gab es personelle Überschneidungen zwischen diesen Richtungen. Nach 1945 wurden in Deutschland die Initiativen aus den 1930er-Jahren weitergeführt; auch die „braunen Ökumeniker“ setzten ihre Arbeit unter Verzicht auf explizite Anleihen aus der NS-Ideologie fort, betonten aber in der Nachkriegszeit weiterhin die Bedeutung der Kircheneinigung für die nationale Identität des deutschen Volkes. Seit 1949 und vor allem dann im Zweiten Vatikanischen Konzil öffnete sich die katholische Kirche für die internationale Ökumene und trat in viele bilaterale Dialoge mit anderen Kirchen ein. Weitreichende Ergebnisse in der Aufarbeitung von Lehrdifferenzen wurden erzielt.

Das zweite Referat hielt die evangelische Kirchenhistorikerin MARGARETHE HOPF (Bonn), die ihren Vortrag unter den Titel „Das Zweite Vatikanische Konzil und die Ökumenische Bewegung oder eher Die Ökumenische Bewegung und das Zweite Vatikanische Konzil? Von der Weltmissionskonferenz in Edinburgh (1910) zur Erklärung ‚Ökumene jetzt‘ (September 2012)“ gestellt hatte. Hopf legte eingangs dar, dass der Ökumene-Begriff zur Zeit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils als „21. Ökumenisches Konzil“ oszillierte. Das gesamte begriffsgeschichtliche Bedeutungsspektrum stand im Raum. Mit der Einladung an nicht-römisch-katholische Beobachter und Gäste schien sich Rom gegenüber der ökumenischen Praxis und dem Ökumene-Begriff des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zu öffnen. Am Beispiel des von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandten Konzilsbeobachters Edmund Schlink, Professor für Dogmatik und Ökumenik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg, zeigte Hopf in einem zweiten Teil, welche Befugnisse und Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Konzil die Beobachter hatten. In einem dritten Teil zeigte Hopf, wie Schlink das Ökumenismusdekret „Unitatis redintegratio“ bewertete. Schlink war enttäuscht, hatte er sich doch aufgrund der von Johannes XXIII. betonten Vorstellung von der „Hierarchie der Wahrheiten“ Neugewichtungen und eventuell sogar Änderungen im dogmatischen Bestand erhofft. Hopfs „evangelische Beobachtungen zum 50jährigen Konzilsjubliäum“ schlossen den Vortrag ab.

Die anschließende Diskussion verdeutlichte, dass das Thema bislang trotz des großen auch medialen Interesses, das zum Beispiel das jüngst erschienen Papier „Ökumene Jetzt“ erfahren durfte, historisch gesehen bislang nur wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. So ist die Breitenwirkung der Ökumenischen Bewegung und die damit verbundene Frage nach ihrem Aufschwung durch das Vatikanum bislang nicht eingehend untersucht worden. Eine kulturgeschichtliche Einordnung des Themas fehlt bislang ebenfalls. Auch die Zusammenhänge zwischen „brauner Ökumene“ und der Ökumene nach 1945 erscheinen noch nicht ausreichend erforscht.

Die nächste Jahrestagung des SAK findet vom 15. – 17. November 2013 in der Katholischen Akademie in Schwerte statt.

Konferenzübersicht:

Philipp Karst, Jesuitische Positionen zur westdeutschen Nachkriegspolitik (1945 - 1958)

Benedikt Hampel, Jesuitische Studentenseelsorge und neomarxistische Ideen – Katholische Studentengemeinden im westlichen Deutschland der 1960er Jahre

Thomas Schulte-Umberg, Bischofsernennungen in der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918

Christina Rathgeber, Von der Kirchengesellschaft zur Kirche in der Gesellschaft: Katholische Bevölkerung und preußischer Staat, 1815 – 1871

Christina Riese, „Wir können die Kinder doch nicht verhungern lassen ...“. Bedrohungskommunikation und Bewältigungshandeln im Spannungsfeld von Leibsorge und Seelsorge zwischen 1916 und 1919

Nina Kogler, GeschlechterGeschichte der Katholischen Aktion im Austrofaschismus. Diskurse – Strukturen – Relationen

Jens Röschlein, „Die Zigeuner wollen weiter wandern wie Christus und mit Christus bis zum Ziel aller Strassen zum Morgen der ewigen Heimat“ - zu den Bildern der „Zigeunerseelsorge“ und ihren Anfängen in Deutschland

Urszula Pękala, Versöhnung als theologisch-politischer Diskurs nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Ökumenische Bewegung – Zeitzeugen erinnern sich: Pfr. i.R. Werner König, Finnentrop Regionalbischof i.R. Martin Bogdahn, München

Generaldebatte: Das II. Vatikanische Konzil und die Ökumenische Bewegung: Vorgeschichte und Folgen

Lucia Scherzberg, Ökumene zwischen Nationalismus und Internationalismus

Margarethe Hopf, Die Ökumenische Bewegung und das Zweite Vatikanische Konzil? von der Weltmissionskonferenz in Edinburgh (1910) zur Erklärung „Ökumene jetzt“

ZitierweiseTagungsbericht 26. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung. 16.11.2012-18.11.2012, Schwerte, in: H-Soz-u-Kult, 31.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4624>.

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