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Kampf oder Dialog? Begegnung von Kulturen im Horizont von Augustins De ciuitate dei

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg (ZAF); Istituto Patristico Augustinianum, Rom; Villanova University, Pennsylvania
Datum, Ort:25.09.2012-29.09.2012, Rom

Bericht von:
Christof Müller, Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg
E-Mail: <cmuelleraugustinus.de>

Begegnung von Kulturen, Kulturkampf, Kulturkritik, aber auch kultureller Dialog und Kulturenverschmelzung prägen entscheidend den thematischen Vordergrund wie auch den entstehungsgeschichtlichen Hintergrund von De ciuitate dei, dem apologetischen, (geschichts)philosophischen und dogmatischen Monumentalwerk des spätantiken Denkers und Bischofs Aurelius Augustinus (354-430). Dieser Befund gilt vor allem in Bezug auf das Verhältnis von paganer und biblisch-christlicher Religion, Weltdeutung und Tradition, aber ebenfalls im Blick auf die generelle Kulturengemengelage im Römischen Reich und im Mittelmeerraum inklusive der Völkerwanderung wie auch im Blick auf unterschiedliche kirchliche ‚Kulturen’ und theologische ‚Subkulturen’.

Bislang existierten hier und da sporadische Einzelveröffentlichungen zur Thematik, doch war eine diesbezügliche umfassende Tagung bzw. eine entsprechende Beiträge bündelnde Publikation ein Forschungsdesiderat. Dabei ist die Thematik um kulturelle Begegnung, Kulturkampf und Kulturendialog gegenwärtig in vielen geisteswissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Diskursen national wie international präsent und bedarf dringend einer ergänzenden Fundierung von Seiten der Spätantike.

Diese ‚Deckungslücke’ sollte durch das Symposion „Kampf oder Dialog? Begegnung von Kulturen im Horizont von Augustins De ciuitate dei“ mit seinen rund 25 Vorträgen (à 30 Minuten) und seinen großzügigen Diskussionseinheiten (jeweils 20 Minuten) ein Stück weit geschlossen werden – ein Ziel, für das sich auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Bischofskonferenz finanziell engagierten, ist Augustins Schrift Vom Gottesstaat in Bezug auf die Frage nach der Kulturenbegegnung doch gleichsam ein Brennspiegel, dessen Rezeption nicht nur im Mittelalter, sondern bis in die Neuzeit, Moderne, ja ‚Postmoderne’ hinein kaum überschätzt werden kann (siehe vor allem die wirkungsgeschichtlichen Vorträge des Tagungsprogramms).

Um die erwähnte Komplexität des Konferenzgegenstandes vorzustrukturieren, wurden den Referierenden – in der Regel weltweit führende Expertinnen und Experten[1] – fünf inhaltliche Sektionen vorgegeben, in die sich ihre Referate einfügten: nach dem die Breite und Tiefe wie auch die Aktualität der Thematik aufzeigenden Eröffnungsvortrag waren dies die Abteilungen ‚Hermeneutik’, ‚Begegnungsfeld innerpagane Kulturen’, ‚Begegnungsfeld pagane/christliche Kulturen’, ‚Begegnungsfeld innerbiblisch-innerchristliche Kulturen’ und ‚Wirkungsgeschichte’. Bei der genaueren Bestimmung der Vortragsthemen und der Auswahl der renommierten Referierenden, aber auch der lediglich mitdiskutierenden Teilnehmenden (deren Zahl bewegte sich zwischen 50 und 100) wurde unter anderem der Internationalität der weltweit gut vernetzten Augustinus-Forschung Rechnung getragen: Von den referierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stammte rund ein Dutzend aus dem deutschen, die andere Hälfte hingegen aus dem angelsächsischen, italienischen und französischen Sprachraum; die Vorträge und Diskussionen im Augustinianum wurden jeweils in die Konferenzsprachen Deutsch, Englisch und Italienisch simultanübersetzt.

Die Tagung zeichnete sich von ihrem Thema und – entsprechend – von der Zusammensetzung der Teilnehmenden her zudem durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität aus. Die Referierenden und die zahlreich und rege Mitdiskutierenden entstammten unter anderem den wissenschaftlichen Fachgebieten (in der Regel universitären Fakultäten/Fachbereichen) Theologie, Altphilologie, Philosophie, Geschichtswissenschaft und Pädagogik. Da die Fragestellung des Symposions bislang in keinem der genannten Fachgebiete hinreichend ventiliert worden war, gingen vom Symposion für alle vertretenen Disziplinen neue Erkenntnisse und Impulse aus – dazu einige Beispiele: Die Theologie konnte die konkret-situative Verortung von De ciuitate dei innerhalb der spätantiken Apologetik differenzierter erfassen; die Altphilologie konnte ihre Aufmerksamkeit für die kritische Rezeption pagan-antiker Kultur-, Literatur- und Sprachelemente bei Augustinus schärfen; die Philosophie konnte neue Aspekte der Entwicklung und Wandlung geistesgeschichtlicher Begriffe, Topoi und Systeme entdecken; die Geschichtswissenschaft konnte ihre Theorien und Erkenntnisse über spätantike Strömungen und Konflikte – geistiger, politischer wie militärischer Natur – anhand konkreter historischer Zeugnisse überprüfen und spezifizieren; die Pädagogik konnte neue Aspekte für ihr(e) Menschenbild(er) und ihre Kultur- und Konflikttheorie(n) hinzugewinnen. Die jeweiligen Wissenszuwächse in den einzelnen Disziplinen wurden nochmals dadurch multipliziert, dass der Blick und der Diskurs über den jeweiligen ‚Zaun’ des eigenen hinaus und auf das Gebiet des je ‚fremden’ Fachbereichs führten.

Kommen wir zu den Referaten im Einzelnen: In seinem breit und meinungsfreudig angelegten Eröffnungsvortrag konfrontierte JOHN M. RIST (Cambridge, U.K.) das Denken Augustins mit einem aktuellen ‚ideologischen Multikulturalismus’, der von der Gleichwertigkeit aller Kulturen ausgehe. Augustins Konzept der ‚ciuitas dei’ biete einen Ansatz zur Dekonstruktion eines solchen Kulturrelativismus’, insofern dieses Konzept einen unverrückbaren, transzendent verankerten Maßstab zur Verfügung stelle, an dem der Wert der innerweltlich vorfindlichen Gesellschaftordnungen zu messen sei und von dem her eine wahrhaft fundierte Idee einer umfassenden Einheit der Menschheit aufleuchte, während die ‚Multikulturalisten’ zwar ein Ideal postulierten, aber für ihr Konstrukt und ihr Wertgefüge kein metaphysisch tragfähiges Fundament böten.

Von den fünf inhaltlichen Sektionen des Symposions maßen die Veranstalter der ersten, der grundlegenden ‚Hermeneutik’ von De ciuitate dei gewidmeten, besondere Bedeutung für eine sachgemäße Erhellung der Thematik der Tagung bei. Diese Akzentsetzung erwies sich im Verlauf der diesen Bereich abdeckenden vier Vorträge als durchaus gerechtfertigt und sinnvoll, präsentierten die Referierenden unter diesem Vorzeichen doch durchweg die Augustinus-Forschung innovativ vorantreibende Analysen und Reflexionen, die nicht zuletzt darin konvergierten, dass sie die Schrift De ciuitate dei und ihren Kultur-(Konflikt-)Begriff weit stärker als bisher von deren rhetorischer, adressatenorientierter, performativer und sprachpragmatischer Dimension her verstanden. CHRISTIAN TORNAU (Würzburg) vermochte aufzuzeigen, dass Augustinus nicht nur in den antipaganen Büchern 1-10 seines Monumentalwerkes seine Motive (zum Beispiel sein Bild ‚des Heiden’) und Gedankengänge von argumentationsstrategischen Zielen und Techniken her entwickelt, sondern – methodisch analog – ebenfalls in den exegetisch und dogmatisch unterfütterten Büchern 11-22. THERESE FUHRER (Berlin) ergänzte und vertiefte diese These durch einen gleichsam ‚konstruktivistischen’ Interpretationsansatz, demzufolge für Augustins ‚Konstruktion’ seiner Welt- und Geschichtsanschauung und der dieser entgegengesetzten Positionen dem Bibeltext der Genesis entscheidende Bedeutung und eine ‚performative Kraft’ zukomme. Parallel zur Basisformel des Symposions ‚Kampf oder Dialog?’ fragte CHRISTOF MÜLLER (Würzburg) in seinem Beitrag, ob ‚Polemik oder Protreptik’ die hermeneutische und apologetische Grundausrichtung von De ciuitate dei ausmachten. Das konstatierte spannungsvolle, ja nachgerade dialektische ‚sowohl als auch’ von Polemik und Protreptik sieht Müller unter anderem durch die augustinische Klammer einer rhetorischen und pastoralen Pragmatik im Zeichen einer ‚aptum’-Theorie zusammengehalten, die insbesondere in den De ciuitate dei flankierenden Briefen Augustins ihren expliziten Ausdruck sowie in dessen religionspolitischen Haltungen ihre Umsetzung finde – eine Umsetzung, die zum vermeintlichen Wohle des weltanschaulichen Gegners auch Zwangsmaßnahmen rechtfertige. Wie sehr Augustinus sein Monumentalwerk aus seinem Selbstverständnis als ‚christlicher Cicero’ heraus entwirft und realisiert, bildete schließlich den Mittelpunkt der reizvollen These von JAMES J. O’DONNELL (Washington, D.C.).

Kulturenbegegnung innerhalb der paganen Welt und Wirklichkeit bzw. unabhängig von der Auseinandersetzung Heidentum/Christentum – wenn auch freilich immer im Horizont von De ciuitate dei – bildete die Leitidee der zweiten Sektion des Symposions, innerhalb derer ALEXANDER DEMANDT (Berlin) die Osmose zwischen römischer und germanischer Kultur exemplifizierte; dabei wurde deutlich, dass diese beiden Nationalitäten und Mentalitäten sich keineswegs ausschließlich oder vorrangig kriegerisch begegneten, sondern die Germanen zahlreiche materielle, ideelle und zumal sprachliche Größen der Römer übernahmen; umgekehrt stellte sich die ‚Völkerwanderung’ der Germanen keineswegs stets als kämpferische Eroberung des Römischen Reiches, sondern häufig als schleichende ‚Landnahme’ dar. HANS ARMIN GÄRTNERS (Heidelberg) Vortrag machte deutlich, dass Augustinus mit seiner vom Christentum her gespeisten Kritik an den römischen Werten der ‚gloria’ und der ‚concordia’ Diskussionsfelder betritt, die sich bereits innerhalb binnenpaganer ‚Kulturkämpfe’ als solche, eben konfliktuale, konstituiert hatten. Eine analoge Feststellung traf für die Religionsgeschichte und mit besonderem Blick auf das Terminologische die Analyse von KONRAD VÖSSING (Bonn): die großen religiösen Begriffe ‚religio’, ‚cultus’ und ‚superstitio’ seien in der paganen Auseinandersetzung und Literatur ähnlich uneindeutig und fließend wie im frühchristlichen und augustinischen Gebrauch, so dass das verbreitete Unterfangen, eine Kontrastierung von paganer versus christlicher Religiosität auf die vermeintlich unterschiedliche Semantik dieser Begriffe zu gründen, in die Irre führe.

Differenzierte Einzelanalyse statt generalisierende Deutungsschablonen – dieses methodische Programm stand auch bei der dritten Sektion des Symposions Pate, die sich dezidiert mit der Begegnung von ‚paganen’ und ‚biblisch-christlichen’ Traditionen, Werten und Ideen im Kontext von De ciuitate dei beschäftigte. Ein unübersehbarer Schwerpunkt der Beiträge lag hier auf dem Gebiet der Philosophie – zum einen wohl deshalb, weil der Geist der paganen Antike in den philosophischen Lehren besonders dicht auf den Begriff gebracht und damit greifbar wurde, zum anderen wohl auch deshalb, weil Augustinus seine ‚heidnischen Gegner’ in dieser ‚Kampfdisziplin’ als besonders stark und bedrohlich einschätzte. So war es folgerichtig, dass GIOVANNI CATAPANO (Padova) diese Sektion sogleich mit einer Analyse des augustinischen Begriffs von ‚philosophus’ und ‚philosophia’ eröffnete; ergänzt und vertieft wurden seine Beobachtungen durch die Referate von JAMES WETZEL (Villanova, Pa.) und NELLO CIPRIANI (Rom), die sich speziell mit der Korrelation von Augustins eigenem Philosophieverständnis und demjenigen der Platoniker bzw. des Varro befassten. Während Wetzel herausarbeitete, dass Augustinus mit seiner Verurteilung des Platonismus als Hybris in De ciuitate dei subkutan zugleich seine eigene enge Platonismus-Affinität in früheren Phasen seiner geistigen Entwicklung bekämpfte, illustrierte Cipriani die weit weniger biographisch und emotional belastete Rezeption Varros durch Augustinus, insofern und soweit sie an dessen Philosophie des ‚summum bonum’ und der ‚beatitudo’ anknüpfte, um die christliche Eschatologie anthropologisch plausibel zu machen und intellektuell zu verantworten. Angesichts dessen wirkte die Beobachtung von ERIC REBILLARD (Ithaca, N.Y.) desto spannender, dass sich Augustinus auf dem Felde des paganen Kultes hingegen überaus polemisch mit Varro auseinandersetzte und zum Beispiel in der Rekonstruktion der Verehrung der Göttin ‚Caelestis’ in De ciuitate dei wie auch in einigen Sermones einen ‚Popanz’ aufbaute, der, zumal in Augustins Zeiten, kaum (mehr) ein Fundament in der Realität besaß – eine konkrete Bestätigung der Grundthese von Tornau (siehe Sektion ‚Hermeneutik’), dass die Figur ‚des Heiden’ in De ciuitate dei in massiver Weise rhetorisch stilisiert und inszeniert ist. Interessante Facetten zum Bild der augustinischen Verhältnisbestimmung von ‚pagan’ und ‚christlich’ steuerten auch die Vorträge von CHRISTOPH HORN (Bonn), MICHAEL ERLER (Würzburg) und ROBERT DODARO (Rom) bei. Horn demonstrierte anschaulich und unter Verwendung von Parallelstellen aus De trinitate, wie produktiv und originell Augustinus in De ciuitate dei Buch 16 alttestamentarische Erzählung (Turmbau zu Babel) und neuplatonische Geist- und Erkenntnistheorie amalgamisiert, um zu einer Theorie einer ‚Mentalsprache’ zu kommen, die aller Differenz kultureller Konkretionen vorausliege bzw. diese als transzendentes Ideal überwölbe. Was den Konflikt von ‚paganem Polytheismus’ und ‚biblisch-christlichem Monotheismus’ betrifft, findet sich den Ausführungen von Erler zufolge in De ciuitate dei neben allerlei schroffen Kontrastierungen durchaus ein Motiv, das in der antik-rhetorischen Tradition der ‚Homologie’, der taktisch-situativen Anpassung an die gegnerische Argumentationslogik, stehe: Dieser zufolge versuche Augustinus aufzuzeigen, dass insbesondere das Gottesverständnis des Porphyrius vor dem Hintergrund sokratischer Reflexionen dem Monotheismus eigentlich weit näher stehe, als Porphyrius selbst habe wahrnehmen können oder wahrhaben wollen. Ein subtiles Ineinander von Anknüpfung, Abgrenzung und Überbietung in Augustins Umgang mit paganer Tradition demonstrierte schließlich der Vortrag von Dodaro in Bezug auf die ‚aptum’- und ‚decorum’-Theorie des Verfassers von De ciuitate dei, der in kritischer Adaption Ciceros dem antiken Ideal des guten Politikers und seiner Rhetorik die Gestalt Christi als des Herrn des Gottesstaates und Zentrums der Heiligen Schrift entgegengesetzt habe.

In der vierten Sektion des Symposions beschäftigten sich die Vorträge mit Kulturenvielfalt und deren teils produktiver, teils agonaler Dynamik innerhalb des biblisch-christlichen und kirchlich-theologischen Horizonts – auch für diese Fragestellung erwies sich De ciuitate dei als ergiebige Fundgrube. Die multimediale Präsentation von KARLA POLLMANN (St. Andrews, U.K.) eröffnete diese Abteilung mit einem grundlegenden Panorama der biblisch inspirierten augustinischen Darstellung von Geschichte und ‚Heilsgeschichte’ im zweiten Hauptteil seines Monumentalwerks, und zwar speziell mit dem Blick auf die darin enthaltenen Dimensionen und Wertungen von Einheit und Pluralismus. Ein diesem Blick verwandter Skopus lag den Ausführungen von VITTORINO GROSSI (Rom) zugrunde, der Augustins Bemühen insbesondere in Buch 14 skizzierte, den Antagonismus der beiden ‚ciuitates’ wie auch die Differenz der soziologischen Entitäten ‚Römer’, ‚Christen’ und ‚Barbaren’ durch eine das Plurale zusammenhaltende, gemeinsame Anthropologie zu überbrücken, wenn nicht gar zu überwinden. Der Vortrag von PAULA FREDRIKSEN (Boston, Ma.) thematisierte den alten und elementaren Konflikt von israelitisch-jüdischer und christlicher ‚Kultur’ in einer seiner Brechungen im augustinischen Oeuvre; anders als zum Beispiel in seinem polemischen Traktat Aduersus Iudaeos stilisiere Augustin in den Stephanus-Passagen von De ciuitate dei die Juden in erster Linie nicht als Christus-Mörder und Christenverfolger, sondern, über ihren Dienst am Kerygma des Alten Testaments, als Zeugen etlicher auch für Christen wahrer Glaubensinhalte. Eine ähnliche Grundstimmung und Grundbestimmung in der Korrelation von Judentum und Altem Testament auf der einen und Christentum und Neuem Testament auf der anderen Seite konstatierte ISABELLE BOCHET (Paris) in ihrer Feinanalyse von Augustins Behandlung von Psalm 72 (73) in den Büchern vom Gottesstaat. VOLKER H. DRECOLL (Tübingen) schließlich nahm die Zuhörer mit hinein in seinen Erkenntnisprozess, der ihn, ausgehend von der Hypothese einer Nähe der augustinischen und der pelagianischen Retter-Christologie, letztlich zu der entgegengesetzten Einsicht führte, dass Augustinus in De ciuitate dei selbst auf diesem Felde nicht den Ausgleich, sondern, vor allem per Subtext, die Konfrontation mit der pelagianischen Theologie-‚Kultur’ suche – unter anderem im Kontext der latent gnadentheologisch durchdrungenen Engellehre von Buch 11.

Resümieren wir zu guter Letzt Sektion 5, den Ausblick auf die Wirkungsgeschichte von De ciuitate dei unter der Fragestellung nach ‚Kampf oder Dialog’. Die in dieser Abteilung angesiedelten Referate wollten und konnten freilich nur einige wenige Schlaglichter auf die nachgerade unüberschaubare Rezeption des «magnum opus et arduum» Augustins werfen (wie er selbst seine Bücher vom Gottesstaat charakterisierte). GAETANO LETTIERI (Rom) und MILES HOLLINGWORTH (Durham, U.K.) zeichneten in ihren Beiträgen in einigen großen Linien die Bedeutung dieser augustinischen Schrift und ihrer strukturellen Anlage – protologisch, geschichtlich und eschatologisch entworfener Aufriss zweier antagonistischer ‚ciuitates’ mit je unterschiedlicher Haltung, Orientierung und Praxis – für die westliche Kultur nach und kamen zu einer insgesamt positiven Würdigung, und zwar vor allem hinsichtlich des kritischen Potentials der ‚ciuitas’-Lehre, einer Neigung abendländischer, zumal neuzeitlicher Subjektivität zur Selbstverabsolutierung (‚ciuitas terrena’) entgegenzuarbeiten – Augustins Bild von Mensch, Gesellschaft und Kultur steht Lettieri zufolge der ‚Postmoderne’ daher näher als der ‚Moderne’ – und demgegenüber die Vision einer von Demut und Liebe geprägten Kultur (‚ciuitas dei’) zu umreißen, die Subjektivität auf Intersubjektivität und Transsubjektivität hin offenhalte. Eher bestimmte Einzelbereiche der die Mentalitäts-, Religions- und Geistesgeschichte betreffenden Reflexe der dualen ‚ciuitas’-Lehre Augustins referierten DOMINIK BURKARD (Würzburg) und WINFRIED BÖHM (Würzburg), ersterer im Blick auf die christlichen Konfessionen und ihre Volkskultur(en) zu Beginn der Neuzeit, letzterer im Blick auf Rousseau, der Menschenbild und Kulturbegriff von De ciuitate dei ebenso intensiv wie kritisch rezipiert habe. WOLFGANG HÜBNERS (Münster) disziplinenübergreifende Beschäftigung mit Michel Butor, dem großen französischen Autor des 20. Jahrhunderts, und dessen Roman „La Modification“ setzte sodann den Schlusspunkt der Tagung; der facettenreiche Vortrag machte anschaulich, in welch subtiler und origineller Weise Butor die augustinische Polemik gegen die römischen ‚Sondergötter’ aufgreift, jedoch ‚gegen den Strich’ interpretiert und in den Dienst seiner eigenen psychologischen Konzeption und literarischen Konstruktion von ‚Kultur(en)’ stellte.

Insgesamt waren das Thema des Symposions, seine Aufbereitung, der internationale und interdisziplinäre Zuschnitt der Tagung und die durchweg hohe bis herausragende Qualität sowie der häufig innovative Gehalt der einzelnen Referate, aber auch so manche Diskussionsbeiträge hervorragend geeignet, das eingangs beschriebene Forschungsdesiderat gründlich aufzuarbeiten – dies gilt im Allgemeinen wie auch im Blick auf die jeweiligen Einzeldisziplinen – und dabei zwischen spätantikem und gegenwärtigem Horizont, jedoch auch zwischen theoretisch-hermeneutischer und praktisch-gesellschaftlicher Dimension zu vermitteln. So können die Ergebnisse des Symposions mittelbar dazu beitragen, den gegenwärtigen gesellschaftlich-politischen Diskurs zur Frage der ‚Kulturenbegegnung’ auf ein historisch erfahrungsgesättigteres Fundament zu stellen. Von den genannten Voraussetzungen her steht zu erwarten, dass die wissenschaftlichen Erträge der Tagung weltweit wahrgenommen und aufgenommen werden, nicht zuletzt mittels des das Symposion dokumentierenden Sammelbandes, dessen Publikation in der Reihe ‚Cassiciacum. Res et Signa’ (Verlag Echter, Würzburg) für das Jahr 2014 zu erwarten ist.

Konferenzübersicht:

John M. Rist (Cambridge, U.K.): Can De ciuitate dei Help Us Deconstruct Multiculturalism?

Christian Tornau (Würzburg): Rhetorik – Philosophie – Exegese. Die Argumentationstechnik Augustins in De ciuitate dei

Therese Fuhrer (FU Berlin): Augustins Genesis-Exegese in ciu. 11-14. Die performative Kraft des Bibeltexts

Christof Müller (ZAF, Würzburg): Polemik oder Protreptik? Apologetische Ansätze in De ciuitate dei und einigen korrespondierenden Epistulae

James J. O’Donnell (Washington, D.C.): Augustine – ‚Cicero redivivus’

Alexander Demandt (FU Berlin): Kulturkontakte zwischen Römern und Germanen in der Spätantike

Hans Armin Gärtner (Heidelberg): ‚Gloria humana’ und ‚concordia’ im ‚imperium Romanum’ (ciu. 5,17) und die Vorläufigkeit der Kulturen (ciu. 19,17)

Konrad Vössing (Bonn): Das Verhältnis ‚religio’ – ‚cultus’ – ‚superstitio’ im Spiegel von Augustins De ciuitate dei

Giovanni Catapano (Padova): L’uso del termine ‚philosophus’ nel De ciuitate dei

James Wetzel (Villanova, Pa.): «nulli nobis quam isti propius accesserunt» (ciu. 8,5). Augustine’s Inside Adversaries

Christoph Horn (Bonn): Augustinus’ Philosophie der Sprache in De ciuitate dei 16,6

Nello Cipriani (Augustinianum, Rom): Il De philosophia di Varrone e l’escatologia del De ciuitate dei

Michael Erler (Würzburg): ‚Imitari potius quam inuocare’ (ciu. 10,26). Augustinus, Sokrates, Porphyrios und der pagane Polytheismus

Eric Rebillard (Ithaca, N.Y.): Augustine and Roman Religion. The City of God and the Sermones ad populum

Robert Dodaro (Augustinianum, Rom): ‚Decorum’ Theory as Tactic in Augustine’s City of God

Karla Pollmann (St. Andrews, U.K.): Unity, Plurality, and Salvation History in the Second Part of Augustine’s City of God

Paula Fredriksen (Boston, Ma.): Augustine, Jews and Judaism, and the Figure of St. Stephen

Isabelle Bochet (Paris): Psalm 72 (73) in the City of God. From the Old to the New Covenant

Vittorino Grossi (Augustinianum, Rom): Per nuovi rapporti tra cristiani romani e barbari. Una nuova antropologia (ciu. 14)

Volker H. Drecoll (Tübingen): Christus als Retter bei Augustin und Pelagius – Vergleich zweier Mentalitäten

Gaetano Lettieri (La Sapienzia, Rom): Teologia politica ed escatologia. Il De ciuitate dei come matrice del pensiero politico occidentale

Miles Hollingworth (Durham, U.K.): The Intellectual Conscience in Religion and Thought. Augustine’s Depiction of Western Culture in De ciuitate dei

Dominik Burkard (Würzburg): Konfessionsspezifische Rezeptionskulturen? Zur frühneuzeitlichen Aneignung von Augustins De ciuitate dei

Winfried Böhm (Würzburg): Le due città di sant’Agostino come provocazione per le culture pedagogiche

Wolfgang Hübner (Münster): Parigi - Roma - Parigi. Gli dei speciali da Agostino (ciu. 4,8-11 e 6,9) e Michel Butor (1957)

Weitere Programmpunkte

Guntram Förster/Andreas E.J. Grote (ZAF, Würzburg): Vorstellung des Corpus Augustinianum Gissense Online und weiterer Projekte des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg

Aufführung der Kirchenoper Augustinus – ein klingendes Mosaik (W. Hiller/W. Böhm) in der Kathedrale Sant’Ignazio

Exkursion zur Päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo und Empfang der Symposions-Teilnehmer bei Benedikt XVI.

Anmerkung:
[1] Siehe deren dichte Präsenz in der elektronischen Augustinus-Bibliographie unter <www.augustinus.konkordanz.de> (09.01.2013).

ZitierweiseTagungsbericht Kampf oder Dialog? Begegnung von Kulturen im Horizont von Augustins De ciuitate dei. 25.09.2012-29.09.2012, Rom, in: H-Soz-u-Kult, 30.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4618>.

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