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Wissenschaftsakademien im Zeitalter der Ideologien. Politische Umbrüche – wissenschaftliche Herausforderungen – institutionelle Anpassung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften sowie Projektgruppe zur Geschichte der Leopoldina an der Humboldt-Universität zu Berlin
Datum, Ort:22.11.2012–24.11.2012, Halle (Saale)

Bericht von:
Torsten Kahlert, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <kahlertogeschichte.hu-berlin.de>

Seit 2008 ist die 1652 in Schweinfurt gegründete Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina zugleich Nationale Akademie der Wissenschaften. Um ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten, insbesondere die Frage nach Verstrickungen in der NS-Zeit zu klären, hat die Akademie ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das unter der Leitung des Wissenschaftshistorikers Rüdiger vom Bruch, die Geschichte der Leopoldina von der späten Kaiserzeit bis zur Nachkriegszeit erarbeiten soll.[1] Teil des Forschungsprojekts bildete die hier zu besprechende Arbeitstagung, die gemeinsam von der Forschergruppe und der Leopoldina organisiert worden ist und vom 22. bis 24. November 2012 im frisch renovierten neuen Hauptsitz der Leopoldina in Halle an der Saale unter dem Titel “Akademien im Zeitalter der Ideologien” stattfand.

RÜDIGER VOM BRUCH (Berlin) führte in seinem Vortrag in das Tagungsthema ein. Ziel der Tagung sei es, allgemeine institutionen- und wissenschaftsgeschichtliche Entwicklungslinien und Kontexte der deutschen und europäischen Akademiengeschichte im „Zeitalter der Ideologien“ mit Blick auf den spezifischen Ort der Akademien zu befragen. Dabei würden die Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die NS-Zeit im Vordergrund stehen.

Während die Akademien in Nordeuropa, wie BERND HENNINGSEN (Berlin) im ersten Vortrag ausführte, eine weitgehend bruchfreie Entwicklung vollzogen, habe die österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien innerhalb von zwei Jahrzehnten gleich vier Brüche erlebt, wie MITCHELL ASH (Wien), der zugleich im Namen von JOHANNES FEICHTINGER (Wien) sprach, darlegte. Ash und Feichtinger zufolge genoss die Wiener Akademie in der Zwischenkriegszeit, während der von ihr ungeliebten Republik, eine größere Autonomie als in der NS-Zeit, die von den meisten ihrer Mitglieder dennoch freudig begrüßt wurde. KATRIN STEFFEN (Lüneburg) kontrastierte diese Beispiele mit dem ganz anders gelagerten polnischen Fall. In Polen hätten die wissenschaftlichen Gesellschaften und Akademien zwar eine nicht unwichtige Rolle bei der nationalen Selbstfindung gespielt, sich aber bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs durch eine Distanz zum Staat ausgezeichnet.

Zeitlich weiter zurück ging der Beitrag von MARTIN GIERL (Göttingen), der das Verhältnis von universitärer und außeruniversitärer Forschung am Beispiel der Göttinger Akademie der Wissenschaften untersuchte und dabei die These vertrat, die Göttinger Akademie habe sich im Zuge des Entstehens des Kartells der deutschen Akademien der Wissenschaften von einer “Publikationsakademie” zu einer “Arbeitsakademie” gewandelt. Die Heidelberger Akademie, so UDO WENNEMUTH (Karlsruhe), die eine vergleichsweise späte Gründung gewesen sei, habe paradoxerweise gerade in dieser Zeit, Anfang der 1920er-Jahre, als sie ihr Vermögen durch die Inflation verloren habe, begonnen, relativ aufwändige Großprojekte zu etablieren. Ihr erstes Projekt widmete sie der Geschichte der Heidelberger Universität. Dies interpretierte Wennemuth als einen einen Akt der Emanzipation gegenüber der Universität.

Einen wichtigen Baustein für das Verständnis der Frage, was eine Akademie eigentlich sei oder sein solle, bildete der Vortrag des Wissenssoziologen RUDOLF STICHWEH (Bonn). Ausgehend von einer idealtypischen Akademientypologie, warf Stichweh, einen Blick auf die long durée der Wissenschaftsgeschichte. Auf welche Frage und welches Problem, so Stichweh die übliche Perspektive umkehrend, waren die Akademien eigentlich eine Antwort? Die Beantwortung dieser Frage führte für ihn zu dem Problem, wie Kommunikation zu organisieren sei. Das Verständnis dieser Problematik erleichtere ein Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Teilsystemen. So sei das politische System ein Teilsystem mit besonders ausgeprägter Organisation; Kunst oder Familie hingegen seien mit weniger oder gar keiner Organisation ausgestattet. Wissenschaft wäre in einer solchen Konstellation in der Mitte dieser Positionen einzuordnen. Zu den Struktureigentümlichkeiten von Akademien gehöre in der Regel eine starke Hierarchie, Seniorität und räumliche Beschränkung. Letztlich aber sei die Geschichte der Akademie als Typus und in ihren konkreten Beispielen von ihrer wichtigsten Konkurrenz geprägt: der Universität. Während die Akademien einen elitären, staatsnahen und auf den Nationalstaat ausgerichteten Charakter aufwiesen, sei die Universität nicht nur Forschungs-, sondern auch Erziehungs- oder Bildungsanstalt.

An den Bildungsbegriff knüpfte auch der Abendvortrag von HEINZ-ELMAR TENORTH (Berlin) an. Tenorth spannte einen Bogen über 200 Jahre Wissenschaftsgeschichte und maß den Bildungsbegriff sowohl in seinem Anspruch als auch in seiner Beziehung zur Akademie aus. Der emphatischen Begeisterung für die sittlich-moralische Kraft der Wahrheitssuche und der Bildung, wie sie seit Beginn des 19. Jahrhunderts propagiert worden sei, stellte Tenorth die katastrophalen und grausamen Wirkungen während der NS-Zeit gegenüber. Wissenschaft, das haben die Untersuchungen der letzten beiden Jahrzehnte zu Verstrickungen wissenschaftlicher Institutionen in die nationalsozialistischen Verbrechen gezeigt, habe dabei alles andere als sittlich gewirkt. In der Analyse der heutigen Stellung der Akademien konnte Tenorth dann aber doch eine Verbindung von Bildung zur Wissenschaft ziehen. In Begriffen des Dialogs und des Austauschs, die sich in der Aufgabe der Beratung von Politik, der Übersetzung innerfachlicher Ergebnisse insbesondere bei gesamtgesellschaftlichen Streitfragen konkretisieren, sei immerhin doch eine Verbindung von Bildung und Akademie erkennbar.

Im Rahmen der Sektion zur Frage nach dem Umgang der Akademien mit öffentlichen Erwartungen, untersuchte zunächst ARNE SCHIRRMACHER (Berlin) die Strategien von Akademien und anderen außeruniversitären Einrichtungen in der Zwischenkriegszeit, Wissen zu vermitteln und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Ein wichtiges Mittel bildeten nach Schirrmacher die populärwissenschaftlichen Zeitschriften, die in den 1920er-Jahren in Deutschland in großer Zahl und Vielfalt erschienen sind. Die von Karl Kerkhoff als Leiter der Reichszentralstelle (die ‘PR-Agentur der Akademien’) geleitete und von den großen Akademien in Deutschland in Auftrag gegebene Zeitschrift “Forschung und Fortschritte” habe – wie andere populärwissenschaftliche Zeitschriften auch – sowohl dem gestiegenen Bedürfnis nach wissenschaftlicher Erklärung als auch umgekehrt der Legitimierung der wissenschaftlichen Institutionen in einer veränderten politischen Umgebung gedient. Obwohl vom Stil her eher veraltet, konnte sich das Korrespondenzblatt immerhin bis 1940 halten, bevor es vom stärker staatlich angebundenen Deutschen Wissenschaftlichen Dienst (DWD) übernommen wurde.

Im Anschluss daran erörterte PETER NÖTZOLD (Berlin) für denselben Zeitraum das Verhältnis von Geltungsanspruch und Wirklichkeit der deutschen Akademien. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei ein Bedeutungsverlust der Wissenschaftsakademien reflektiert worden; den Akademien, insbesondere auch der Preußischen Akademie, wäre es jedoch nicht gelungen, sich zu reformieren. Stattdessen, so Nötzold, hätten die Akademien versucht, sich über die Gründung eines Kartells der Deutschen Akademien ihren Alleinvertretungsanspruch zu sichern, was jedoch allein mittels einmaliger jährlicher Treffen nicht habe erreicht werden können.[2] Jürgen Kocka unterstützte und erweiterte die These vom Bedeutungsverlust der Akademien in der Diskussion. Es hätte, so Kocka, die Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft – und damit auch ihre erfolgreiche Nachfolgerin, die die Max-Planck-Gesellschaft – nicht gegeben, wenn die Akademien einen Reformprozess in Angriff genommen hätten.

Während in der vorherigen Sektion die Akademien als institutionelles und organisatorisches Ganzes betrachtet wurden, standen in der folgenden ausgewählte Disziplinen im Mittelpunkt. HEIKO STEUER (Freiburg im Breisgau) stellte am Beispiel der Göttinger Akademie das Verhältnis der Akademien zur Ur- und Frühgeschichte vor. WOLFGANG KÖNIG (Berlin) untersuchte das Verhältnis der Akademien zu den Technikwissenschaften. Während die Leibnizsche Akademie im 18. Jahrhundert mit ihrem Leitspruch “theoria cum praxi” ein unproblematisches Verhältnis zu Technik gehabt habe, seien aus Sicht der Akademien die aufsteigenden Technikwissenschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts in das Konzept der reinen und zweckfreien Wissenschaft nicht integrierbar gewesen. Nachdem sich die Fronten um 1900 verhärtet hatten, hätten sich die Spannungen erst in den 1920er-Jahren, nicht zuletzt durch die inzwischen erfolgte Anerkennung der technischen Hochschulen, gelockert. Die Leopoldina sei mit ihrer naturwissenschaftlich-medizinischen Ausrichtung dabei eher die Ausnahme unter den Akademien gewesen. Der Lieblingstechniker des Kaisers, Adolf Slaby, so König, sei Mitglied der Leopoldina geworden, während ihm die Aufnahme in die Akademien von Berlin und Göttingen verwehrt geblieben sei.

In einer zweiten Teilsektion zu diesem Thema standen die Psychologie, die Psychiatrie und die Anatomie im Mittelpunkt. Während HORST GUNDLACH (Würzburg / Heidelberg) die Wandlungen der erst spät institutionalisierten Disziplin der Psychologie und ihr Verhältnis zu den Akademien in Berlin und Leipzig erörterte, verfolgte HEINZ SCHOTT (Bonn) Wirken und Rezeption des medizinischen Anthropologen Viktor von Weizsäckers. Weizsäckers Ausgangspunkt sei die Kritik an der unterkomplexen naturwissenschaftlichen Medizin gewesen; er habe die Freudsche Psychoanalyse für seine Arbeit entdeckt und zusammen mit seinen experimentellen Forschungen in den 1940er-Jahren die medizinische Anthropologie begründet. Schließlich ergänzte FLORIAN STEGER (Halle/Saale) das Bild um die Anatomen in den verschiedenen Akademien, für die er auf der Grundlage bibliographischer und Mitgliederverzeichnisse einen relativen Bedeutungsverlust konstatierte.

Den Abschluss des zweiten Konferenztages bildet eine öffentliche Podiumsdiskussion, die unter dem Titel “Utilitas oder Curiositas” der heutigen Bedeutung der Wissenschaftsakademien nachspürte. Neben dem Präsidenten der Leopoldina, JÖRG HACKER (Halle), nahmen daran auch der Präsident der österreichischen Akademie der Wissenschaften, HELMUT DENK (Wien), JÜRGEN RENN und JÜRGEN KOCKA (beide Berlin) teil. JÜRGEN KAUBE (Frankfurt am Main), vom Feuilleton der FAZ, hatte die Moderation übernommen. Über die Ausgangsfrage herrschte Einigkeit: Es sei die Neugier und der Nutzen gewesen, der zur Gründung der Akademien geführt habe. Während in den Vorträgen der Tagung der Verlust an Autonomie im Zeitalter der Ideologien analysiert und kritisch behandelt wurde, blieb die Frage nach der Politikberatung als eines von drei Aufgaben heutiger Akademien (neben Langzeitvorhaben und Repräsentation) überraschend unkontrovers. Für die Leopoldina, in dessen erst kürzlich neu eingeweihten und in der Tat sehr repräsentativen Räumlichkeiten die Tagung ja stattfand, stellt die Politikberatung erklärtermaßen eines ihrer Kerngeschäfte dar, die sie teilweise zusammen mit anderen Akademien betreibt, wie Jörg Hacker an einigen Beispielen zeigte. Dennoch bleibe die Frage, so Kaube, ob diejenigen die beraten werden sollen, nicht schon sehr gut beraten seien und zwar von Firmen, die sie dafür bezahlen. Renn erwiderte, dass es eher Aufgabe der Akademie sei, Diskurse zu initiieren. Hacker ergänzte, dass es die notwendige Distanz und Unabhängigkeit der Akademie(n) sei, die ihren Gutachten Gehör verschaffen könne. Kaube fasste zusammen: Politikberatung sei ebenso wie Gesellschaftsberatung schwierig. Letztere könne auch deshalb nicht wirklich funktionieren, weil Gesellschaft keine Adresse habe. Schwierig sei es aber auch – und das gelte auch für den Journalisten, so Kaube – die konkreten Wirkungen und Effekte akademischer Politikberatung zu messen.

In den Vorträgen des letzten Konferenztages stand dann die NS-Zeit im Mittelpunkt. Eröffnet wurde die Sektion zu Führungsprinzipien von Wissenschaftsakademien im „Dritten Reich“ von JENS THIEL (Berlin), der die Auseinandersetzungen um das Führerprinzip in der Preußischen Akademie zum Gegenstand seines Vortrags machte. Das Führerprinzip sei dort zwar gescheitert, habe aber die von einigen ihrer Mitglieder und anderen Zeitgenossen als strukturelle Modernisierung betrachtete Einführung eines effizienteren Präsidialsystems nach dem Krieg und damit längst fällige Reformen begünstigt. Analog dazu untersuchte MATTHIAS BERG (Berlin) den Fall der Bayerischen Akademie und den ihres Präsidenten, des Historikers Karl Alexander von Müller. Anders als Theodor Vahlen in Berlin, habe Müller keinen martialischen Stil vertreten. Als Wissenschaftler angesehen, galt er aber gleichzeitig auch als zuverlässiger Parteigänger der NSDAP. Wie in Berlin war der Beschluss, die jüdischen Mitglieder aus den Akademien zu entfernen, 1938 auch in München ohne institutionellen Widerstand umgesetzt worden. Berg zu Folge habe Müller in beide Richtungen, Partei und Mitglieder, gearbeitet. Als ihm letztere ihre Zustimmung versagten, verlor er sein Amt. Hierin sah Berg einen letzten Rest institutioneller Selbstbestimmung der Bayerischen Akademie.

Die Frage des Führerprinzips für die Leopoldina untersuchten die Brüder MICHAEL und JOACHIM KAASCH (Halle an der Saale). Im Gegensatz zur Berliner Akademie hatte die Leopoldina schon in den 1870er-Jahren Präsidialstrukturen geschaffen. Kaasch verglich Johannes Walther als Präsident während der Weimarer Republik mit Emil Abderhalden, der das Amt des Leopoldina-Präsidenten ab 1932 innehatte. Während unter Walthers Präsidentschaft die Gefahr bestand, dass sich die Leopoldina zu einem fast nur noch lokal wirksamen „Verein“ entwickelte, vertrat der ursprünglich aus der Schweiz stammende Abderhalden den Anspruch, die Leopoldina wieder zu einer nationalen Akademie zu machen. Abderhalden war zwar nicht Mitglied der NSDAP, habe aber ebenso widerstandlos den Ausschluss der jüdischen Mitglieder durchgeführt wie seine Kollegen an allen anderen Akademien.

Den Abschluss der Tagung bildeten drei Vorträge, die der Beteiligung von Akademiemitgliedern an nationalsozialistischen Verbrechen und dem Ausschluss von Mitgliedern gewidmet waren. SABINE SCHLEIERMACHER (Berlin) beleuchtete mit dem Atlas des deutschen Lebensraumes in Mitteleuropa ein bisher wenig untersuchtes Forschungsprojekt, an dem sich die direkte Verstrickung von Wissenschaftlern mit NS-Verbrechen aufzeigen und nachweisen lässt. ANNETTE HINZ-WESSELS (Berlin) verglich den Umgang mit den Verbrechen in der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Leopoldina. Sie kam zu dem Ergebnis, dass beide Akademien schon auf Grund ihrer Mitgliederzahlen nicht nur verschieden stark in die NS-Verbrechen involviert waren, sondern dass sie auch nach 1945 sehr unterschiedlich agierten. Während die Nachfolgerin der Preußischen Akademie der Wissenschaften, schnell und entschlossener reagierte und die an den Verbrechen beteiligten Mitglieder schon vor ihrer Wiedereröffnung als Deutsche Akademie der Wissenschaften 1946 ausschloss, verfolgte die zunächst inoffiziell weiter bestehende Leopoldina eine andere Strategie. Auch mit ihrer offiziellen Wiedereröffnung, in einer Phase der stillen Rehabilitierung Anfang der 1950er-Jahre, wurden kaum Mitglieder überprüft oder gar ausgeschlossen. Nach einer Untersuchung des Ministeriums für Staatssicherheit seien in den 1960er-Jahren sechzig Leopoldina-Mitglieder in der NSDAP organisiert gewesen. Das geringe Aufsehen, dass diese beachtliche Kontinuität erregte, erklärte Hinz-Wessels, gerade mit Blick auf die wesentlich exponiertere Stellung der Berliner Akademie, durch die randständige Lage der Leopoldina.

Im Vortrag von SYBILLE GERSTENGARBE (Halle) stand der Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus der Leopoldina im Zentrum. Neben genauen Zahlen – von den circa 13 Prozent oder 106 jüdischen Mitgliedern konnte Gerstengarbe 94 Streichungen nachweisen – beschrieb Gerstengarbe detailliert die Verfahren der Ausschließung. So wurden die Streichungen mit Bleistift auf den Personalblättern markiert; den ausgeschlossenen Mitgliedern selbst jedoch nicht mitgeteilt. Nach Kriegsende wurden die Streichungen wieder rückgängig gemacht. Da zu vielen der ausgeschlossenen Mitgliedern jedoch kein Kontakt mehr bestand, tauchten aber auch einige Mitglieder in dem neuen Nachkriegsverzeichnis auf, die während der NS-Zeit in Konzentrationslagern umgebracht worden waren.

In seinem Abschlusskommentar fasste Rüdiger vom Bruch die Leitlinien und Ergebnisse der Tagung zusammen. Aus unserer heutigen Perspektive erstaune es noch immer, so vom Bruch, wie lange es gedauert habe, bis sich die wissenschaftlichen Institutionen mit der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit beschäftigten. Die vergleichsweise späte Herausdrängung der jüdischen Wissenschaftler/innen während der NS-Zeit deute auf eine insgesamt geringere Bedeutung der Akademien gegenüber anderen wissenschaftlichen Institutionen hin. Dennoch lasse sich die Geschichte einer wissenschaftlichen Institution wie einer Wissenschaftsakademie nicht allein mit Blick auf die Institution selbst erzählen. Sie gelinge nur durch eine möglichst breite kontextuelle Einbettung. Insgesamt zeigten die Beiträge vergleichend betrachtet eine große Vielschichtigkeit und Farbigkeit.

Die Tagungsdramaturgie einer räumlichen und zeitlichen Einkreisung auf die Akademien in der NS-Zeit kann als gelungen angesehen werden. Mittlerweile gehört die Institutionengeschichte der NS-Zeit zu den vielbeackerten Feldern der Wissenschaftsgeschichte. Während die Forschergruppe um Rüdiger vom Bruch die Erforschung der Geschichte einer einzelnen Institution anstrebt, konnte sie mit dieser Tagung zeigen, welchen Nutzen und Gewinn die zeitliche und geografische Überschreitung der häufig üblichen Grenzen darstellen kann, sei es der Blick auf Nord-, Ost- und Mittelosteuropa oder die zeitliche Einbeziehung des gesamten 20. Jahrhunderts als „Zeitalter der Ideologien“.[3] Vor allem die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, die bewusst in den meisten Vorträgen ausgeklammert blieb, bietet noch reichlich Potential für empirische Forschung. Hier ließe sich eine gewinnbringende Fortsetzung des Konzepts sehr gut vorstellen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und einführende Einordnung

Jörg Hacker ML (Präsident der Leopoldina)

Rüdiger vom Bruch (Leiter des Projektes zur Geschichte der Leopoldina)

Sektion I: Wissenschaftsakademien und politische Umbrüche
Moderation: Jürgen Kocka ML (Berlin)

Bernd Henningsen (Berlin): Positionsbestimmungen: Die Akademien Nordeuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Mitchell Ash und Johannes Feichtinger (Wien): Die Österreichische Akademie der Wissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Eine Gelehrtengesellschaft, mehrere Institute, vier politische Umbrüche

Katrin Steffen (Lüneburg): Imperiale Ordnungen und nationaler Aufbruch: Wissenschaftsakademien und Gelehrten-Gesellschaften in Polen im 20. Jahrhundert

Sektion II: Die Wissenschaftsakademien im wissenschaftlichen Institutionengefüge
Moderation: Volker Roelcke ML (Gießen)

Rudolf Stichweh (Bonn): Akademien wissenschaftssoziologisch betrachtet

Martin Gierl (Berlin): Die Göttinger Akademie der Wissenschaften zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung um 1900

Udo Wennemuth (Karlsruhe): Konzepte und Möglichkeiten der Wissenschaftsförderung durch die Heidelberger Akademie der Wissenschaften von ihrer Gründung bis zum Ende der Weimarer Zeit

Öffentlicher Abendvortrag
Moderation: Jörg Hacker ML (Präsident der Leopoldina)

Heinz-Elmar Tenorth ML (Berlin): Bildung durch Wissenschaft – Der Ort der Akademien

Sektion III: Wissenschaftsakademien im Umgang mit öffentlichen Erwartungen
Moderation: Michael Grüttner (Berlin)

Arne Schirrmacher (Berlin): Zwischen akademischer Rede und öffentlichem Diskurs: Kommunikationsstrategien der Akademien in der Zwischenkriegszeit

Peter Nötzoldt (Berlin): Die deutschen Wissenschaftsakademien: Geltungsanspruch und Wirklichkeit

Sektion IV: Wissenschaftsakademien und neue wissenschaftliche Herausforderungen (I)
Moderation: Helmuth Trischler (München)

ausgefallen Christian Geulen (Konstanz): Wissen, Wissenschaft und Ideologie: Zur Bedeutungsgeschichte des Rassenbegriffs im 20. Jahrhundert

Heiko Steuer (Freiburg): Ur- und Frühgeschichtsforschung in der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen während des Dritten Reichs und in den Nachkriegsjahrzehnten: Kontinuität oder Wandel?

Wolfgang König (Berlin): Integration in bewegten Zeiten: Die Technik in den deutschen Wissenschaftsakademien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Führung durch das Archiv der Leopoldina

Sektion IV: Wissenschaftsakademien und neue wissenschaftliche Herausforderungen (II)
Moderation: Alfons Labisch ML (Düsseldorf)

Horst Gundlach (Würzburg/Heidelberg): Die Metamorphosen der Psychologie zwischen 1860 und 1940 und deren Reflexe in den Akademien zu Berlin und Leipzig

Heinz Schott ML (Bonn): Medizinische Anthropologie in Akademien: Zur Kritik der naturwissenschaftlichen Medizin am Beispiel Viktor von Weizsäckers

Florian Steger (Halle): Medizinische Forschung im Dritten Reich: Die Anatomie und die Akademien

Öffentliche Podiumsdiskussion
Moderation: Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Utilitas oder Curiositas: Zur Bedeutung der Wissenschaftsakademien heute

Teilnehmer:
- Jörg Hacker ML (Präsident der Leopoldina)
- Helmut Denk ML (Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)
- Jürgen Renn ML (Berlin)
- Jürgen Kocka ML (Berlin)

Sektion V: Führungsprinzipien von Wissenschaftsakademien im Dritten Reich
Moderation: Andreas Kleinert ML (Halle)

Jens Thiel (Berlin): Vom Sekretarsprinzip zur Präsidialstruktur: Das Scheitern des „Führerprinzips“ an der Preußischen Akademie der Wissenschaften

Matthias Berg (Berlin): Der Präsident als Führer? Karl Alexander von Müller, die Bayerische Akademie der Wissenschaften und der Nationalsozialismus

Michael Kaasch/Joachim Kaasch (Halle): Forscher als Führer? – Die Präsidenten der Leopoldina in Weimarer Republik und NS-Zeit

Sektion VI: Akademiemitglieder und nationalsozialistische Verbrechen
Moderation: Brigitte Lohff (Hannover)

Annette Hinz-Wessels (Berlin): Zum Umgang wissenschaftlicher Akademien mit den Medizinverbrechen ihrer Mitglieder im Nationalsozialismus

Sabine Schleiermacher (Berlin): Nationalsozialistische Raumplanung und Volkstumsforschung

Gedenken und Erinnern
Moderation: Heinz Schott ML (Bonn)

Sybille Gerstengarbe (Halle): Die Leopoldina und ihre jüdischen Mitglieder

Abschlusskommentar und -diskussion
Rüdiger vom Bruch (Leiter des Projektes zur Geschichte der Leopoldina): Die Leopoldina und andere Wissenschaftsakademien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Anmerkungen:
[1] Vgl.: <www.leopoldina.org/de/ueber-uns/akademien-und-forschungsvorhaben/geschichte-der-deutschen-akademie-der-naturforscher-leopoldina-in-der-ersten-haelfte-des-20-jahrhunderts/> (02.01.2013)
[2] In der Sektion IV: „Wissenschaftsakademien und neue wissenschaftliche Herausforderungen“ musste der ankündigte Vortrag von Christian Geulen zum Rassebegriff leider entfallen.
[3] Für den Tagungsband sind noch weitere Beiträge angekündigt worden.

ZitierweiseTagungsbericht Wissenschaftsakademien im Zeitalter der Ideologien. Politische Umbrüche – wissenschaftliche Herausforderungen – institutionelle Anpassung. 22.11.2012–24.11.2012, Halle (Saale), in: H-Soz-Kult, 29.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4616>.

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