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Zwischen Macht und Schicksal: Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Abteilung für Regionalgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Historisk Samfund for Sønderjylland; Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte; Stadtarchiv Flensburg
Datum, Ort:26.10.2012–27.10.2012, Flensburg

Bericht von:
Simon Huemer, Historisches Seminar, Abteilung für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins im Mittelalter / Früher Neuzeit, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
E-Mail: <simon_huemergmx.de>

Aus Anlass des 600. Todestages der dänischen Herrscherin Margarete I. am 28. Oktober 1412 bei Flensburg gestalteten am 26. und 27. Oktober 2012 die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Historisk Samfund for Sønderjylland und die Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte zusammen mit dem Stadtarchiv Flensburg eine zweitägige Vortragsreihe in der ehemaligen Klosterkirche im Altenstift zum Heiligen Geist zum Thema „Zwischen Macht und Schicksal. Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten“. Ziel der Tagung war es, nicht nur besagte acht Herrscherinnen biografisch vorzustellen, sondern vielmehr, ihr Handeln in ein Spektrum zwischen Macht und Schicksal einzuordnen und damit den bisherigen Stand der Forschung um weitere Zugänge und Erkenntnisse zu bereichern.

Mit seinem Abendvortrag „‘Das tat sie mit großer Klugheit‘. Margrete I., die Herrscherin dreier Reiche (1353-1412)“ eröffnete OLIVER AUGE (Kiel) die Tagung und führte anhand der energischen und durchsetzungsfähigen Herrscherin in die Thematik der Handlungsspielräume von Fürstinnen ein. Am Ende ihrer Regierungszeit hinterließ Margrete I. ihrem Nachfolger Erich von Pommern die drei skandinavischen Königreiche, die durch sie in der Kalmarer Union auf dynastischem Wege miteinander verbunden worden waren. Die Quellen berichten von ihrer großen Klugheit, ihrer Umsichtigkeit, ihrer List und Schläue, denen niemand widerstehen konnte. In diesem Zusammenhang betonte Auge das Erklärungsbedürfnis der männlichen Chronisten angesichts der Erfolge der dänischen Regentin, die sich zielstrebig aus der zweiten Reihe der Anwartschaft auf die Herrschaft im dänischen Königreich hervorgearbeitet hat. Der Vortag analysierte die Handlungsoptionen und das politische Wirkungsfeld Margretes. Dieses Wirkungsfeld wies, so Auge, mehrere Konstanten auf: Erstens die Notwendigkeit, die eigene Herrschaft in Dänemark zu legitimieren; zweitens die Sicherung der Besitzansprüche der dänischen Krone auf das Herzogtum Schleswig; drittens die Wahrung der Ansprüche auf den schwedischen Thron in Opposition zum Mecklenburger Albrecht III. In Bezug auf den ersten Punkt vermied es Margrete, sich selbst als Königin zu etablieren, sondern nahm die Macht stets nur als Regentin für ihren Sohn Olaf oder ihren Ziehsohn Erik wahr. In ihren Aktionen gegen die Mecklenburger und die Schauenburger Grafen zeigte die Regentin taktische Weitsicht, da sie stets darauf bedacht war, die jeweiligen Konfliktherde voneinander zu isolieren und ihre Gegner vor der militärischen Konfrontation auf diplomatischen Wege zu schwächen. Zum Abschluss betonte Auge noch einmal die großen Stärken Margretes, machte aber auch auf die Schwäche und Unfähigkeit ihrer Gegenspieler aufmerksam, durch welche es der Königin erleichtert wurde, über ihre männlichen Konkurrenten zu triumphieren.

Die Vormittagssektion, die Herrscherinnen und Fürstinnen aus einem Zeitraum vom Hochmittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts umfasste, wurde durch ein Referat von DETLEV KRAACK (Plön) mit dem Titel „Margarete Sambiria (um 1230-1282)“ eingeleitet. Der Vortrag wurde mit einer Präsentation der Quellenlage zu Margarete Sambiria eröffnet, die es nur schwerlich ermögliche, eine Biografie nach modernen Maßstäben zu schreiben. Allerdings zeige ihre Geschichte erstaunliche Parallelen zu Margrete I., wie Kraack betonte. Als Tochter des Pommerellenfürsten Sambor II. wurde sie an den jüngsten Sohn Waldemars II., Christoph, verheiratet. Durch den Tod seiner Brüder, Erik und Abel, rückte Christoph 1252 auf den dänischen Thron vor. Mit dem Tod ihres Mannes 1259 sah sich die Witwe mit den gleichen Problemen und Herausforderungen konfrontiert, denen auch ihre große Namensvetterin gegenüberstand. Neben der Herrschaftssicherung durch die Regentschaftsübernahme für ihren unmündigen Sohn musste sie sich im Konflikt um das Herzogtum Schleswig gegen die Holstengrafen beweisen. Sie verstand es in diesem Rahmen, Gegner durch Zugeständnisse aus den Streitigkeiten auszuschalten und unbeteiligte Parteien auf ihrer Seite in den Konflikt einzubinden. In seinem Fazit betonte Kraack noch einmal die Entsprechungen zwischen dem Leben Margarete Sambirias und dem Margretes I., die auch, so vermutete er, der großen Margrete nicht unbekannt gewesen sein dürften.

CARSTEN JAHNKE (Kopenhagen) vertrat in seinem Vortrag mit dem Titel „Dorothea von Brandenburg (1430-1495). Verdrängt, vergessen und doch überaus machtvoll“ die These, dass es sich bei Dorothea um eine der wichtigsten Herrscherinnen in der nordischen Geschichte handele, die im Konflikt mit ihrem Sohn Johann I. einer regelrechten damnatio memoriae zum Opfer gefallen sei. Dorothea war durch ihre Ehe mit dem Unionskönig Christoph III. zu einer der reichsten Frauen in Skandinavien geworden. Dieser Reichtum und ihre Fähigkeit, diesen zu mehren, begründeten ihren Einfluss auf ihren zweiten Ehemann Christian von Oldenburg. Jahnke betonte, dass es Dorothea nach dem Tod Christophs gelang, sich in dem entstandenen Machtvakuum zu einer Regentin ohne Reichsrat zu entwickeln. Aus dieser Lage heraus arrangierte sie ihre eigene Verheiratung mit Christian von Oldenburg. In der Ehe trat sie dann als Gläubigerin ihres Mannes auf, da dieser zur Finanzierung seiner Herrschaft auf Kredite seiner Frau angewiesen war, was zu einer regelrechten Arbeitsteilung in der Herrscherfamilie führte, indem Christian repräsentierte und Dorothea als Financier und Schuldenverwalter ihres Mannes auftrat. Die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten hatte sie erst erreicht, als sie ihrem jüngsten Sohn Friedrich gegen den Willen seines Bruders Johann I. die Herzogtümer Schleswig und Holstein verschaffen wollte.

Im dritten Vortrag zu „Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg (1628-1685)“ referierte CARSTEN PORSKROG RASMUSSEN (Aarhus) über die dynastischen Handlungs-spielräume einer Fürstin des 17. Jahrhunderts, indem er die These aufstellte, dass die Denkmuster der Fürstin sich stärker als diejenigen des Königs in einem dynastischen Rahmen bewegten. So lag das Wirkungsfeld für die Gattin Friedrichs III. hauptsächlich im traditionellen Bereich der Heiratspolitik und der Repräsentation. Rasmussen zeigte auf, wie die Königin mit der Verheiratung ihrer Kinder in die Herrscherhäuser nach Schweden und Schleswig-Holstein-Gottorf, den Gegner des dänischen Königshauses um die Vormacht-stellung in Skandinavien, eine Form von Friedenspolitik zu initiieren versuchte, indem sie eine dynastische Allianz den Interessen der Länder und Staaten entgegenstellte. Im Rahmen der herrschaftlichen Repräsentation sorgte Sophie Amalie für eine Modernisierung des königlichen Hofes und durch den Bau des Barockschlosses Amalienborg knüpfte sie an das Niveau ihrer Zeit an. Dies war eine Tätigkeit, die ihr den Ruf einer Verschwenderin einbrachte, da sie ihr Leibgeding, die Insel Falster, herunterwirtschaftete und ihre Rolle als Landesmutter vernachlässigte. Was von Sophie Amalie bleibt, so betonte Rasmussen, ist das facettenreiche Bild einer schon in ihrer Zeit umstrittenen Herrscherin.

Das letzte Referat der Vormittagssektion hielt LARS N. HENNINGSEN (Flensburg) über „Louise Auguste (1771-1843)“, die als uneheliche Tochter der dänischen Königin Caroline Mathilde und des Kabinettsminister Johann Friedrich Struensee geboren, allerdings offiziell doch als Tochter König Christians VII. anerkannt wurde. Ihre Heirat mit dem Herzog von Augustenburg Christian August II. stellte ein mustergültiges Beispiel einer dynastischen Eheverbindung dar, indem die Frau als Objekt zur Übertragung von Erb- und Besitzrechten fungierte. Da durch die Verbindung zwischen Louise Auguste und Christian August das männliche und weibliche Erbrecht vereinigt waren, wurde durch diese Ehe die dynastische Einheit des dänischen Gesamtstaates im Falle des Aussterbens der männlichen Linie der Oldenburger auf dem dänischen Thron gesichert. Henningsen unterstrich in seinem Vortrag die schicksalhafte Bedeutung dieser erbrechtlichen Verbindung für das weitere Leben der Herzogin, die sich in dem Moment, in dem sich die Interessen des dänischen Königshauses mit denen des Augustenburger Hauses entzweiten, zwischen zwei rivalisierenden Dynastien wiederfand. Das Bemerkenswerte an der Person von Louise Auguste war, so unterstrich Henningsen, dass sie selbst sich nicht der Position ihres Ehemannes anschloss, sondern sich gegenüber ihrem Bruder loyal verhielt und damit Eigenständigkeit demonstrierte, allerdings ihren Kindern als Stammhaltern der Dynastie ihres Mannes dessen Position vermittelte.

Die Nachmittagssektion umfasste zwei Herrscherinnen und eine gewählte Landesmutter aus dem 19. und 20. Jahrhundert und wurde eröffnet durch ELIZZA ERBSTÖSSER (Oberursel) mit ihrem Referat zu „Kaiserin Auguste Victoria (1858-1921)“. Erbstößers Anliegen war es, das bisherige Bild der Kaiserin als einer Frau im Schatten ihres Mannes zu revidieren. Die Eheleute führten eine Ehe dem Preußischen Landrecht entsprechend und grenzten sich damit entschieden von den ehelichen Verhältnissen der Eltern des Kaisers ab. Allerdings zeigte die Kaiserin ein bemerkenswertes Engagement und Interesse im Rahmen der Sozial-, Familien- und Bildungspolitik und versuchte ihren Mann auf entsprechende Missstände in diesen Bereichen aufmerksam zu machen. Die größten Einflussmöglichkeiten, so betonte Erbstößer, erwuchsen Auguste Viktoria durch ihre Funktion als Stütze ihres Mannes, der dieser zusehends mehr bedurfte. So war die Kaiserin eine Vermittlerin zwischen dem Kaiser und seinem Kabinett und ließ sich in dieser Position während des Ersten Weltkriegs durch Hindenburg und Tirpitz instrumentalisieren. In dem Wunsch ihren Mann für die Nachkriegszeit zu schonen, ebnete sie dadurch dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg und der im Kaiserreich entstehenden Militärdiktatur den Weg. Diese Tatsache, so Erbstößer, werfe einen Schatten auf die Biografie der letzten deutschen Kaiserin, die ihr Leben im Exil begann und es im Exil beschloss.

Bereits der Lebensweg Auguste Viktorias zeigte im Rahmen ihres sozialen Engagements, worin die Rolle von gekrönten Häuptern im 20. Jahrhundert bestehen würde. Das zweite Referat mit dem Titel „Dronning Ingrid (1910-2000). ‚In Nordschleswig wurde ich richtig dänisch‘“ von INGE ADRIANSEN (Sønderburg) präsentierte eine Königin an der Zeitwende der Institution Monarchie, die als altehrwürdige Herrschaftsinstanz in eine neue Rolle in einem parlamentarischen System überführt werden musste. Bereits mit der festen Residenz des Kronprinzenpaares in Nordschleswig erwuchs ihr eine öffentliche Aufgabe, da es galt, diesen nach dem 1. Weltkrieg gewonnen Landesteil in den dänischen Staat zu integrieren. Hatten vor allem die Väter des Kronprinzenpaares Schwierigkeiten, sich mit ihrer Rolle in einem parlamentarischen System zu Recht zu finden, war Friedrich IX. bereits ein völlig unpolitischer Monarch, der das soziale Engagement seiner Frau mit Interesse begleitete. Ihr größtes Handlungsfeld, so Adriansen, hatte die Königin in ihren zahlreichen sozialen Projekten in Nordschleswig. Herauszuheben sei ihr Kontakt zum sozial-demokratischen Reichstagsmitglied Jens Peter Nielsen, der ihr nuancierte Einblicke in die allgemeinen Lebensumstände der bedürftigen Teile ihrer Untertanen ermöglichte. Die Folge war eine verstärkte Hinwendung und Öffnung der Monarchie zum dänischen Volk und damit die Entstehung des modernen Volkskönigtums.

Mit dem letzten Vortrag der Tagung „Die gewählte Landesmutter. Heide Simonis als erste Ministerpräsidentin Deutschlands“ von BETTINA MUNIMUS (Berlin) verließ die Tagung endgültig die dynastischen Gestade und endete mit den neuen demokratisch legitimierten Machthabern des 20. Jahrhunderts. Der Vortrag analysierte die Sonderstellung, die Heide Simonis in der politischen Geschichte der Bundesrepublik eingenommen hat, indem sie als erste Frau die männliche Bastion des Amtes des Ministerpräsidenten eroberte und diese zwölf Jahre innehatte. Um sich in der durch Männer dominierten politischen Szene zu behaupten, so Munimus, nahm Simonis nicht nur die vermeintlich männlichen Tugenden der Konflikt- und Durchsetzungsfähigkeit an, sondern suchte ebenfalls, sich in der männlichen Domäne des Finanzressorts zu profilieren, und mied damit explizit Betätigungsfelder, die landläufig für Politikerinnen reserviert waren. Neben dieser bewussten Annahme der ‚männlichen Hosenrolle‘ wurde der Aufstieg Simonis‘ ebenfalls durch den Ausfall oder die Diskreditierung männlicher Konkurrenten begünstig. Handlungsmöglichkeiten und Bewährungschancen ergaben sich somit für sie, wie auch bei einigen der vorgestellten Damen, aus dem Scheitern ihrer männlichen Gegenspieler.

Die Tagung hat einen wichtigen Beitrag zu einem von der regionalgeschichtlichen Forschung in dieser Region bisher wenig oder kaum beachteten Untersuchungsgestand geleistet, indem einerseits nicht nur erste Ergebnisse präsentiert, sondern andererseits auch neue Richtungen und Perspektiven zur Erforschung der Geschichte Nordeuropas aufgezeigt wurden. Eine derartige Entwicklung in der Regionalgeschichte lässt sich zu den Bemühungen zur Über-windung der Paradigmen der klassischen Landesgeschichte rechnen, da man gerade anhand der Untersuchung von Herrscherinnen die Vernetzung von unterschiedlichen Regionen aufdeckt und im dynastischen Sinne Großregionen mit ihrer ganz eigenen Dynamik analysiert.

Konferenzübersicht:

Öffentlicher Abendvortrag

Oliver Auge: „Das tat sie mit großer Klugheit“. Margrete I., die Herrscherin dreier Reiche. (1353-1412)

Vormittagssektion

Detlev Kraack: Margarete Sambiria (1230-1282)

Carsten Jahnke: Dorothea von Brandenburg (1430-1495). Verdrängt, vergessen und doch überaus machtvoll

Carsten Porskrog Rasmussen: Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg (1628-1685)

Lars N. Henningsen: Louise Auguste (1771-1843)

Nachmittagssektion

Elizza Erbstößer: Kaiserin Auguste Victoria (1858-1921)

Inge Adriansen: Dronning Ingrid (1910-2000). „In Nordschleswig wurde ich richtig dänisch“

Bettina Munimus: Die gewählte Landesmutter. Heide Simonis als erste Ministerpräsidentin Deutschlands

ZitierweiseTagungsbericht Zwischen Macht und Schicksal: Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten. 26.10.2012–27.10.2012, Flensburg, in: H-Soz-Kult, 29.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4607>.

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