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Zur Konkurrenz der Erinnerungskulturen in Deutschland, Frankreich und Polen

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Friedrich-Ebert-Stiftung (FES); Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK); Universität Bordeaux III
Datum, Ort:11.03.2012–15.03.2012, Berlin

Bericht von:
Sina Diehl, Universität Gießen; Kawthar El-Qasem, Bauhaus-Universität Weimar; Jens Kolata, Bergische Universität Wuppertal; Ingo Reiff, Universität zu Köln
E-Mail: <sinamailt-online.de>; <kawtharhotmail.de>; <j.kolatauni-wuppertal.de>; <ingo.reiffuni-koeln>

Die Tagung „Zur Konkurrenz der Erinnerungskulturen in Deutschland, Frankreich und Polen“ fand vom 11. bis 15. März 2012 in Berlin statt. Das Programm, an dem Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende aus jenen drei Ländern teilnahmen, bestand aus Besuchen verschiedener Gedenkstätten in und um Berlin sowie aus Vorträgen von Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Frankreich und Polen, die das Thema multiperspektivisch beleuchteten.

Schnell kristallisierte sich die Ausgangsthese heraus, dass die Konkurrenz der Erinnerungskulturen sich im Wesentlichen in einer Opferkonkurrenz äußert. Der Begriff des Opfers ist für Erinnerungskulturen generell zentral, er wird jedoch sehr unterschiedlich gedeutet. Ins Lateinische übersetzt, lässt er sich in zwei Teilbedeutungen aufgliedern: zum einen in ‚sacrificium‘ als eine rituell dargebrachte Opfergabe, zum anderen in ,victima‘ als ein unverschuldetes und unfreiwilliges Erleiden von Gewalt. Zum Beispiel gefallene Soldaten und getötete Widerstandskämpfer werden vielfach zum ‚sacrificium‘, zu Protagonisten eines heroischen Opfertodes stilisiert. Zivile Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit – also in Bezug auf den Nationalsozialismus Opfergruppen wie Juden, Sinti und Roma oder Menschen mit Behinderung – werden hingegen als ‚victima‘ behandelt. Zwischen den Begriffsebenen als auch zwischen den genannten Gruppen besteht ein Spannungsverhältnis, eine Opferkonkurrenz, die sich in der Entwicklung der Erinnerungskultur niederschlägt. Zur Konkurrenz zwischen ‚sacrificium‘ und ‚victima‘ in Westdeutschland kam durch die Wiedervereinigung eine weitere Konkurrenz hinzu, nämlich jene zwischen der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Erinnerung an den Stalinismus und den Realsozialismus in der SBZ und der DDR. Opferkonkurrenz ist allerdings kein singulär deutsches Phänomen – das erinnerungskulturelle Spannungsverhältnis kann nur richtig verstanden werden, wenn die deutsch-deutsche Erinnerungskultur mit Entwicklungstendenzen der Erinnerungskulturen in Nachbarstaaten verglichen wird.

Ein solcher Vergleich war das Anliegen der Tagung. Einführend forderten die Organisatoren Friedhelm Boll (Kassel) und Thomas Rey (Kassel) einen Dialog der Erinnerungskulturen, um transnationale Konkurrenzen auszuhebeln und im Sinne eines Humboldtschen Gleichschritts von Denken und Wissen einen Wissenstransfer zwischen den Kulturen zu ermöglichen. Außerdem kann eine Kontextualisierung des jeweils nationalen Erinnerns in den europäischen Zusammenhang dazu dienen, die Wissensbestände der unterschiedlichen kulturellen Räume miteinander zu verknüpfen und nationale Mythen als solche offenzulegen.

In seinem Einführungsvortrag wies BERND FAULENBACH (Bochum) darauf hin, dass die Erinnerung an Vergangenes sehr stark durch die Gegenwart geprägt ist, aus der heraus erinnert wird, wobei er Erinnerungskultur als den Umgang mit Vergangenheit im öffentlichen Raum definierte. Die Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart mit Bedeutung versehen wird, dass also die Erinnerung einer ständigen Veränderung unterliegt, bedingt das Phänomen, dass mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Geschehen Gesichtspunkte in den öffentlichen Diskurs einrücken, die zuvor nicht thematisiert wurden. Diese zeitliche Verschiebung ergibt sich etwa aus kollektiver Traumatisierung; so war in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg eine Differenzierung der Opfergruppen nicht ausgeprägt, da das Trauma der Kriegserfahrung noch zu gegenwärtig war. Auch in Frankreich und Polen hat sich der Erinnerungsfokus im Laufe der Jahrzehnte verändert, allerdings von anderen Ausgangspunkten her, da die Rollen- und damit auch Selbstbilder bezüglich der Kriegsereignisse divergierten. Selbstbilder sind für die Aufarbeitung der Vergangenheit wesentliche Faktoren. Ein großer Teil der Deutschen nahm sich über Jahrzehnte als besiegt und nicht als befreit wahr, während sich das hegemoniale französische Selbstbild als Sieger in seinem nationalen Geist gestärkt sah. Polen hingegen hatten mehrheitlich ein martyrologisches Selbstbild, fühlten sich nicht als Befreite, sondern nach der Überwältigung durch das nationalsozialistische Deutschland als durch die Sowjets ein zweites Mal besetzt. Dies wurde aber in der Regel nicht artikuliert, da die Sowjetunion als offizielle Schutzmacht die Deutungshoheit hatte. An der bis heute andauernden Entwicklung der deutsch-polnisch-französischen Modi und Bedingungen des Erinnerns an den Zweiten Weltkrieg zeigt sich die komplexe, interdependente, transnationale Dimension europäischer Erinnerungskulturen. Durch die Teilung Europas ergaben sich im Umgang mit der Vergangenheit starke Unterschiede. Bis heute ist eine Zweiteilung der europäischen Erinnerungslandschaft zu beobachten; während westliche Erinnerungskulturen sich intensiv mit der Erinnerung an den Holocaust beschäftigen, sind osteuropäische Gesellschaften nach dem Ende des Kalten Krieges verstärkt an der Aufarbeitung der kommunistischen Regime in den jeweiligen Staaten interessiert. Bis in die Gegenwart manifestiert sich die Aufarbeitung der Vergangenheit in nationalen Prozessen, diese sind jedoch heute kommunikativer ausgelegt als früher.

In ihrem Referat über die Erinnerung an den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland, Frankreich und Polen wies HÉLÈNE CAMARADE (Bordeaux) auf die komplexen Erinnerungskonkurrenzen hin, die zum einen von einer deutsch-deutschen, zum anderen von einer binationalen Konkurrenz geprägt sind. Der deutsche Widerstand wurde in der frühen BRD anfangs insgesamt negativ gesehen, da die empfundene „Niederlage“ für einen erheblichen Teil der Bevölkerung das Ergebnis von Verrat am Vaterland war. Ab den 1950er-Jahren wurde des 20. Julis 1944 und an die Weiße Rose, ergo des konservativen und studentischen Widerstands gedacht, ab den 1960er-Jahren wurde auch an den Arbeiterwiderstand erinnert. Erst ab Mitte der 1980er-Jahre setzte die Erinnerung an den kommunistischen Widerstand ein. Der DDR dagegen diente der antifaschistische Widerstand von Beginn an als Gründungsmythos, hinter dem alle anderen Widerstandsgruppen zurück zu treten hatten. Nachdem in Frankreich der dominante Résistance-Mythos eine Wahrnehmung des deutschen Widerstands verhindert hatte, begann in den 1980er-Jahren die Forschung über deutsche Emigranten im französischen Widerstand. In Polen wird dagegen der deutsche Widerstand erst ab den 1990er-Jahren verstärkt wahrgenommen. Nur kirchliche Randgruppen befassten sich bereits ab den 1970er-Jahren mit Vertretern des deutschen kirchlichen Widerstands wie z.B. Anna Morawska mit ihren Arbeiten über Dietrich Bonhoeffer.

ETIENNE FRANÇOIS (Berlin) betrachtete in seinem Beitrag den Wandel der Erinnerungskultur in Frankreich. In den ersten Nachkriegsjahren lag deren Augenmerk vor allem auf der Résistance. Dementsprechend wurden auch am Widerstand unbeteiligte Franzosen, die von Deutschen etwa im Zuge von Vergeltungsaktionen getötet wurden, als Märtyrer und somit als Opfer im Sinne der ‚sacrificia‘ stilisiert, jedoch in der Opferhierarchie niedriger angesiedelt als die Résistance-Kämpfer. Galt die französische Nation, bis auf die kleine „Vichy-Clique“ (derer man sich in Säuberungsaktionen nach dem Krieg entledigt hatte) gemeinhin als integer, kam es Anfang der 1970er-Jahre zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der französischen Kollaboration. Während die französischen Juden eine spezifische Erinnerung an jüdische Opfer zunächst abgelehnt hatten, wurden sie im Zuge des Wandels der Erinnerung in den 1980er-Jahren, der die bisherige ‚Meistererzählung‘ aufbrach und zu einer Änderung des Opferbegriffs führte, als zentrale Opfergruppe anerkannt. François wies abschließend darauf hin, dass sich der Kontext der französischen Erinnerungskultur neuerdings bzgl. der kolonialen Vergangenheit des Staates erweitert, insbesondere hinsichtlich des Algerienkriegs, um dessen Erinnerung ein strittiger Diskurs im Gange ist.

JAN M. PISKORSKI (Szczecin) betonte in seinem Beitrag zur polnischen Erinnerungskultur, dass darin der Zweite Weltkrieg nach wie vor als Trauma fortwirke. Er verglich dies mit kollektiven Traumata in früheren historischen Phasen, wie etwa den erinnernden Umgang mit dem Peloponnesischen und dem Dreißigjährigen Krieg. Als Reaktion auf das kollektive Trauma sei in Polen ein „Erinnerungstsunami“ losgebrochen. Dieser habe eine Menge „Versöhnungskitsch“ hervorgebracht, der in Polen mittlerweile vielfach mit Überdruss wahrgenommen werde. Normativ betrachtet sei dieser aber immer noch sinnvoller als ein Fortwirken alter nationaler Feindbilder. Piskorski wies in seinem Vortrag auch auf die Diskrepanz zwischen politischer und öffentlicher Meinung hin und mahnte die Notwendigkeit an, öffentliche Debatten „klug, frei und verantwortlich“ zu führen, um einen Missbrauch der Erinnerung zu vermeiden.

ALEIDA ASSMANN (Konstanz) erläuterte die Gründe für das „gespaltene Gedächtnis Europas“, in welchem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust als europäischer Gründungsmythos und jene an die Verbrechen des Stalinismus als nationale Leidensgeschichten im ehemaligen Ostblock miteinander konkurrieren. Assmanns Lösungsvorschlag zur Aufhebung dieser Erinnerungskonkurrenz besteht in einem „dialogischen Erinnern“. Anders als bei der nationalen Identitätsbildung üblich, ist dieses Erinnern nicht der Stabilisierung eines positiven Selbstbildes – etwa in den Rollen als Sieger, Widerstandskämpfer oder Opfer – und der Konstruktion von historischer Kontinuität verpflichtet, sondern vielmehr der Anerkennung der eigenen Schuld und des Leides der jeweils Anderen. In der Etablierung eines solchen Kommunikationsprozesses sieht Assmann Chancen für die Etablierung einer gemeinsamen europäischen Identität.

Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats und Landesvorsitzende des VDK Niedersachsen, ROLF WERNSTEDT (Hannover), stellte in seinem Beitrag die Rolle des Volksbundes innerhalb der (west-)deutschen Erinnerungskultur dar. Bis zur Wehrmachtausstellung seien zahlreiche VDK-Funktionäre noch vom Bild einer „sauberen Wehrmacht“ ausgegangen. Wernstedt betonte, dass der juristische Begriff des Kriegstoten nicht, wie oft angenommen, ausschließlich die gefallenen Angehörigen der Wehrmacht und der Waffen-SS berücksichtigt. Vielmehr inkludiert der Begriff auch politisch und ‚rassisch‘ Verfolgte, Todesopfer des alliierten Bombardements, Kriegsgefangene, getötete Homosexuelle und Zwangsarbeiter. Wernstedt hob hervor, dass die Kriegsgräber, deren Erhalt und Pflege die Kernaufgabe des VDK ist, aufgrund dieser Heterogenität eine Herausforderung, aber zugleich auch eine Chance für die Erinnerungskultur darstellten. Die Beschäftigung mit Kriegstoten, die der VDK mittlerweile zu einem Schwerpunkt seiner Jugend- und Bildungsarbeit gemacht hat, ermöglicht eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Gruppen und eine Auseinandersetzung mit den zahllosen Nuancierungen und Abstufungen in der Darstellung von Opfern und Tätern.

Neben den beschriebenen Vorträgen bildeten Besuche von Gedenkstätten und Erinnerungsorten in und um Berlin den zweiten Schwerpunkt des Programms. Besichtigt wurden das ‚Denkmal für die ermordeten Juden Europas‘ und der dazu gehörende Ort der Information, die Kriegsgräberstätte ‚In den Kisseln‘ sowie die Gedenkstätte und das Museum in Sachsenhausen, die an die ‚doppelte Geschichte‘ des nationalsozialistischen Konzentrationslagers (1936-1945) und des sowjetischen Speziallagers (1945-1950) ebendort erinnern. Besucht wurden desweiteren die ‚Gedenkstätte Berliner Mauer‘ in der Bernauer Straße, die ‚Gedenkstätte deutscher Widerstand‘ im Bendlerblock und das Haus der Wannsee-Konferenz als expliziter ‚Ort der Täter‘. Diese Besichtigungen boten einen facettenreichen, wenn auch naturgemäß ausschnittweisen Überblick über die erinnerungskulturelle Landschaft in der deutschen Hauptstadt.

Im Folgenden sei auf einzelne zentrale Diskussionsstränge eingegangen, die sich als roter Faden durch die Veranstaltung zogen. Sowohl die Besuche als auch die Vorträge und Diskussionen vergegenwärtigten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern grundsätzliche Aspekte von Erinnerungskultur, die für die Opferkonkurrenzen von Bedeutung sind. Durchweg war eine Heterogenität der Erinnerungsinhalte und der Art des Gedenkens festzustellen, bedingt durch den zeitlichen Abstand zum Geschehen, die gegenwärtige Situation, den „Willen der Gesellschaft“ (GÜNTER MORSCH, Sachsenhausen), die politische Konstellation und das politische Interesse, den Grad der Mythologisierung bestimmter Sichtweisen und der politischen Verwendbarkeit, aber auch aufgrund der unterschiedlichen medialen, juristischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung und Repräsentation einzelner Themenkomplexes und Aspekte. Bemerkenswert sei beispielsweise, dass in Deutschland und Frankreich Fernseh- und Filmproduktionen wie etwa der amerikanische Mehrteiler ‚Holocaust‘ (1978) und Claude Lanzmanns Dokumentarfilm ‚Shoah‘ (1985) erst zu einer maßgeblichen Veränderung der Aufarbeitung der eigenen Geschichte und zu einer neuen Opferhierarchie geführt haben.

Hinsichtlich der Problematisierung von Geschichtsrezeption spielte auch die Gestaltung der Erinnerungsorte eine besondere Rolle. Dabei wurden unter anderem Fragen der Authentizität diskutiert, etwa inwiefern ein authentischer Erinnerungsort bei Besuchern mehr Interesse weckt beziehungsweise zum besseren Verständnis der Geschehnisse beiträgt als ein gestalteter Gedächtnisort. Die besuchten Erinnerungsorte weisen ein breites Spektrum an Umgangsweisen mit dieser Problematik auf. In der Gedenkstätte Berliner Mauer wurden Mauerüberreste um Metallstäbe ergänzt, in der Gedenkstätte Sachsenhausen wurden zu DDR-Zeiten zum einen Rekonstruktionen erstellt, zum anderen kam es aber auch zu dekonstruktiven Maßnahmen, um Raum für künstlerische Interpretationen zu schaffen. So wurde die zu DDR-Zeiten errichte Rindmauer abgetragen, die die Architektur des totalen Terrors durchbrach, wobei allerdings auch ihre Baufälligkeit ein Motiv bildete. Inzwischen herrscht in der Konzeption der dortigen Gedenkarbeit der Grundsatz vor, authentische Relikte auf jeden Fall zu konservieren. Der Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, Günter Morsch, unterschied hierbei heuristisch – wenn auch begrifflich nicht allgemeingültig – die zwei Begriffe ‚Denkmal‘ (als aus der Vergangenheit erhaltenes Relikt) und ‚Mahnmal‘ (als ex post errichtetes, symbolisches Objekt der Erinnerung).

Für die Betrachtung von Erinnerungskulturen nicht weniger wichtig als die Gestaltung der Orte ist der Sprachgebrauch. Die Definition von Begriffen wie ‚Opfer‘ und ‚Täter‘ bedingt auf der einen Seite sowohl praktische Ansprüche des Gehört-Werdens, der Entschädigung und der Rehabilitation als auch auf der anderen Seite die juristische bzw. politische Ahndung vergangener Verbrechen. Darüber hinaus wirkt sich der Sprachgebrauch hinsichtlich solcher Begriffe auch entscheidend auf die kollektive Interpretation des Geschehenen und dessen Auswirkung auf das jeweilige Selbstbild einer Gruppe oder Nation aus. Bei allen Bemühungen um sprachliche Objektivität bleiben die Kategorien Täter, Opfer oder Widerstandskämpfer letztlich oftmals unbefriedigend. So berichtete Etienne François vom Beispiel ehemaliger französischer Résistance-Kämpfer, die später verantwortlich für Verbrechen des Kolonialismus in Algerien waren.

GUIDO THIEMEYER (Cergy-Pontoise, Paris) machte in seinem Beitrag zusammenfassend deutlich, dass sich aus der schieren Menge erinnerungswürdiger Taten und dem oftmals zu konstatierenden Ausmaß an Gewalt angesichts der Heterogenität der Opfergruppen automatisch eine Konkurrenz der Erinnerungskulturen ergebe. Die stetige Konjunktur der Erinnerung und das bleibende Bedürfnis nach Gedenken zeugten vom andauernden Versuch der Sinngebung hinsichtlich der Katastrophe(n) des 20. Jahrhunderts, an dem sich sowohl einzelne Opfergruppen als auch Nationen beteiligen. Gleichzeitig dienten Erklärungen, Interpretationen, Erinnern und Gedenken einer Rechtfertigung Europas aus der Katastrophe heraus und ermöglichten es, neue nationale, religiöse und insbesondere europäische Identitäten zu schaffen.

Die im Laufe der Tagung behandelten unterschiedlichen Ebenen, auf denen in der Erinnerungskultur Konkurrenzen entstehen können, differenzierte Thiemeyer in der Abschlussdiskussion. Demnach gibt es erstens eine individuelle Konkurrenz, da vielen verschiedenen Menschen und Schicksalen gedacht wird. Jeder einzelnen Opfergruppe ist daran gelegen, Gehör zu finden und auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Hinzu kommt an Orten wie Sachsenhausen, an denen die ‚doppelte Geschichte‘ des Ortes verschiedene Täter- und Opfergruppen hervorgebracht hat, zweitens eine ideologische Konkurrenz, sodass in diesen Fällen das Erinnern und Gedenken nur gelingen kann, wenn man es schafft, allen Betroffenen gerecht zu werden. Aus dieser Erkenntnis speist sich in Sachsenhausen das von MORSCH verteidigte dezentrale Erinnerungskonzept, bei dem an verschiedenen über das Lagergelände weit verstreuten Örtlichkeiten unterschiedlicher Gruppen gedacht wird. Drittens entsteht eine politische Konkurrenz, wenn politische Institutionen, die wiederum interessengeleitet sind, versuchen, auf die Erinnerungs- und Gedenkkultur einzuwirken. Die Akzeptanz eines solchen Einflusses hängt auch vom Selbstbild der jeweiligen Nation und dem vorherrschenden Staats- und Politikverständnis ab; gegenüber Deutschland scheint dies etwa im zentralistischen Frankreich leichter möglich, während die Einflussnahme politischer Akteure auf die zivile Aufgabe der Gedenkstätten in Deutschland kritischer beobachtet wird. Damit hängt auch viertens die ökonomische Konkurrenz zusammen: Der für ihre Finanzierung relevante ‚Erfolg‘ einer Gedenkstätte wird in der Regel an der Besucherzahl im Vergleich zu den anderen ‚Wettbewerbern‘ festgemacht. Der bei einer Führung abschließend geäußerte, zunächst merkwürdig anmutende Satz „Vielen Dank, dass Sie sich für uns entscheiden haben“ klang in diesem Kontext im Nachhinein weniger überraschend. Fünftens ergibt sich aus den unterschiedlichen Erfahrungen der verschiedenen Länder und der Rezeption der Ereignisse eine nationale Konkurrenz, wie sie im Laufe der Tagung an den Beispielen der Opferkonkurrenz zwischen Deutschland und Frankreich sowie zwischen Deutschland und Polen behandelt wurde.

Nicht zuletzt liegt – sechstens – eine religiöse Konkurrenz in der Erinnerungskultur vor, die sich zwischen der religiösen Tradition der aktuellen Träger des Erinnerns und der Religionszugehörigkeit derjenigen, derer gedacht werden soll, manifestiert. Dies zeigt sich deutlich im Kontext des Gedenkens in Form von Kriegsgräbern; obwohl längst nicht alle Personen, die juristisch als Kriegstote oder Opfer eingestuft wurden, einer christlichen Religion angehörten – neben Juden starben auch atheistische und zu einem geringen Teil muslimische Menschen – orientiert sich die Gedenkkultur stark an christlichen Traditionen.

Am Ende der Tagung schloss sich der Kreis: Die eingangs von Friedhelm Boll und Thomas Rey aufgestellten Forderungen nach Dialogizität und Transfer von Erinnerungskulturen fanden sich in Aleida Assmanns Konzept des dialogischen Erinnerns wieder. Diese Art des Erinnerns basiert auf dem Bewusstsein von Schuld und Verantwortung und ist begründet im multiperspektivischen Interesse, der historischen Wahrheit näher zu kommen. Die Grundbedingung für diese Form des Gedenkens ist die Anerkennung der eigenen Schuld und des auf Seiten der Anderen verursachten Leids. Diese Art des Erinnerns ist komplex, dialogisch, transnational und multiethnisch angelegt und ermöglicht ein breiteres und differenziertes Bild des Geschehenen, der Rolle der Beteiligten, der zugrundeliegenden Strukturen und der nationalen Mythen. Auf diesem Wege werden intra- und international Brüche innerhalb von und zwischen Erinnerungskulturen sichtbar, die, als Offenheit für den Wandel interpretiert, letztlich für die Chance einer transnational gestalteten, gemeinsamen Zukunft stehen. Die Ergebnisse der Tagung sind als Broschüre über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel zu bestellen.

Konferenzübersicht:

Friedhelm Boll (Kassel) / Thomas Rey (Kassel): Begrüßung und Einführung

Bernd Faulenbach (Bochum): Konkurrenz der Erinnerungskulturen

Hélène Camarade (Bordeaux): Konflikte um die Erinnerung an den deutschen Widerstand

Etienne François (Berlin): Die Erinnerung an den Holocaust in Frankreich und die Opferkonkurrenz

Jan M. Piskorski (Szczecin) Die Erinnerung an den Holocaust in Polen und die Opferkonkurrenz

Aleida Assmann (Konstanz): Das gespaltene Gedächtnis Europas und das Konzept des dialogischen Erinnerns

Rolf Wernstedt (Hannover): Deutsche Erinnerungskulturen seit 1945

ZitierweiseTagungsbericht Zur Konkurrenz der Erinnerungskulturen in Deutschland, Frankreich und Polen. 11.03.2012–15.03.2012, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 20.08.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4606>.

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