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Social Movements and the Change of Economic Elites in Europe after 1945

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Stefan Berger; Marcel Boldorf
Datum, Ort:08.11.2012–09.11.2012, Bochum

Bericht von:
Marcel Boldorf, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: <marcel.boldorfrub.de>

Die Konferenz fragte nach der Bedeutung der nationalsozialistischen Hegemonie in Europa für die Formation bzw. Reorganisation sozialer Bewegungen. Als Hinterlassenschaft des Krieges standen sich zwei Akteursgruppen gegenüber: zum einen die häufig an der Basis entstehenden sozialen Bewegungen, zum anderen Wirtschaftseliten, die sich dem Vorwurf der Kollaboration ausgesetzt sahen. Die Studien gingen von Deutschland als Aggressor aus und erweiterten die Betrachtungen auf die von der Wehrmacht besetzten Länder. Als Kontrastpunkt wurden zudem drei Fallbeispiele einbezogen, die sich neutralen Staaten (Schweden, Spanien) oder der Seite des Kriegsgegners (Großbritannien) zuwandten. Die wieder erstarkenden alten sozialen Bewegungen, das heißt die Arbeiter- und die Gewerkschaftsbewegung, formierten sich neu. Es kam zu informellen Zusammenschlüssen in so genannten antifaschistischen Komitees, die aber nur eine begrenzte Macht ausüben konnten. Stand diese Ausgangsthese zunächst im Zentrum des Interesses der Organisatoren, entwickelten sich auf der Tagung zahlreiche weiterführende Debatten, die sich der Neuformierung der Arbeiterinteressen in einer allgemeineren Perspektive näherten. Die Einteilung des Programms folgte geografischen Kriterien: Ausgehend von den beiden deutschen Staaten (I), betrachteten die folgenden Sektionen Westeuropa (II), Osteuropa (III), Nordeuropa (IV) und die nicht-besetzten Länder (V).

Einleitend führte STEFAN BERGER (Bochum) die Spannweite des Begriffs „soziale Bewegungen“ vor. Der Terminus kann für eine systematische Analyse verwendet werden, auch wenn er in den zeitgenössischen Diskussionen meist gar nicht vorkam. In beiden deutschen Staaten formierten sich im Rahmen der von den Alliierten gegebenen Möglichkeiten informelle Ausschüsse, die aber frühzeitig von den wieder zugelassenen politischen Parteien als Träger der politischen Souveränität abgelöst wurden. Die Referate zu den Westzonen von TILL KÖSSLER (Bochum) und zur sowjetischen Besatzungszone von MARCEL BOLDORF (Bochum) fokussierten beide auf den Montansektor, in dem die Arbeiterinteressen traditionell gut organisiert waren. Im Westen vermochte die kommunistische Partei über die Basisbewegung ihren Einfluss zu vergrößern. Im Osten geriet die Betriebsrätebewegung bald mit den institutionell verankerten Interessen der Gewerkschaften in Konflikt, wobei sich das offiziell favorisierte Organisationsschema behauptete. Interessanterweise stellten die sozialen Bewegungen in beiden Fällen die Eigentumsrechte der Unternehmer selten in Frage, weil sie sich auf Tagesprobleme konzentrierten.

XAVIER VIGNA (Dijon) und RIK HEMMERIJCKX (Sint-Amands) leuchteten die Fälle Frankreichs und Belgiens aus. Vigna zeigte, wie sich die links orientierte Nachkriegsregierung gegen die Selbstorganisation der Arbeiterinteressen stellte. Frühe Streikbewegungen (1947/48) zeugten von dem Zerwürfnis, das sich auf die Spaltung der Résistance im Zweiten Weltkrieg zurückführen ließ. Auch in Belgien spaltete sich die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung entlang von Problemen, die teils auf die Kollaboration, teils aber auch auf ältere Konfliktlagen (sozialistische versus christliche Gewerkschaftsbewegung) zurückgingen. Unabhängige, aus der Basis erwachsende soziale Bewegungen erwiesen sich auch in den beiden westeuropäischen Ländern als kurzfristiges Phänomen, denn sie gerieten bald zwischen die Stühle.

In den Referaten zu den osteuropäischen Ländern, der Tschechoslowakei von JAROMIR BALCAR (Bremen) und der Ukraine von TANJA PENTER (Hamburg), konnte lediglich das erstgenannte an die Fragestellungen zu den sozialen Bewegungen nahtlos anknüpfen. In der frühen Tschechoslowakei wurde die Beseitigung der NS-Herrschaft als nationale Revolution bezeichnet. Zunächst bündelten die wieder entstehenden Betriebsräte und Gewerkschaften viele unzufriedene Kräfte. Bald reihte sich diese soziale Bewegung in den gesellschaftlichen Aufbau ein und trug zum kommunistischen Staatsstreich von 1948 bei. Etwas größere Schwierigkeiten, an die Leitfragen anzuknüpfen, hatte das Referat zum ukrainischen Donezbecken (Donbass), das vor dem Zweiten Weltkrieg das wichtigste Steinkohlerevier der Sowjetunion war. Weil die technischen Eliten unter der NS-Herrschaft mit der Besatzungsarmee kollaborierten, sahen sie sich mit Rückkehr der Roten Armee 1944 einer Verfolgung ausgesetzt. Obwohl eine mit anderen europäischen Ländern vergleichbare Konfliktstellung vorherrschte, entstand keine soziale Bewegung, denn die Staatspartei dominierte das Nachkriegsgeschehen.

Die skandinavischen Länder wiesen wegen der Unterschiedlichkeit der Besatzungssituation ganz verschiedene Ausgangssituationen auf. NIELS WIUM OLESEN (Aarhus) zeigte für Dänemark, dass die zumindest bis 1943 vergleichsweise milde Besatzungsherrschaft keinen dramatischen Bruch bewirkte. Die kollaborierenden Kräfte blieben im Mai 1945 an der Macht und installierten eine Befreiungsregierung. Sie bildete den Garanten für stabile politische Verhältnisse, sodass sich keine Möglichkeiten für eine soziale Bewegung oder eine umwälzende Neuordnung des gesellschaftlichen Kräftegefüges eröffneten. Stabilität zeichnete auch den Fall Norwegens aus, auch wenn sich dort, wie HARALD ESPELI (Oslo) zeigte, die dem Nationalsozialismus nahe stehende Partei Nasjonal Samling den deutschen Interessen andiente. Allerdings drehte sich das politische Kräfteverhältnis um, denn zum ersten Mal konnte die Arbeiterpartei eine parlamentarische Mehrheit erringen. Es existierte eine um größere Unternehmen zentrierte soziale Bewegung, die sich drängender sozialer Probleme, wie zum Beispiel der Kollaboration der Wirtschaftseliten, annahm. Auch der Fall Finnlands, präsentiert von NIKLAS JENSEN-ERIKSEN (Helsinki), oszillierte zwischen Kontinuität und Wandel. Wie in den meisten anderen Fällen gelang es der traditionellen Wirtschaftselite auch hier, ihre Interessen zu verteidigen. Allerdings dominierten in Finnland während der „Jahre der Gefahr“ 1944–1948 andere Probleme. Im Zuge des beginnenden Kalten Krieges geriet das Land zwischen die Fronten, vermochte aber sein westliches parlamentarisches System gegen den Druck der Sowjetunion zu behaupten. Schließlich gelang es Schweden im Krieg, die Neutralität zu bewahren. LARS EKDAHL (Södertörn) erläuterte die Radikalisierung der schwedischen Arbeiterbewegung nach dem Krieg, auch wenn – wie in den anderen nordischen Ländern – eine spontane Basisbewegung kaum eine Rolle spielte. Wie ebenfalls für andere Beispiele gezeigt, war die Gewerkschaftsbewegung gespalten. Aus der Übergangsperiode bis 1948 erwuchs ein korporatives System, das als schwedisches Modell bekannt wurde. Ekdahl legte, wie andere Referenten vor ihm, den Akzent auch auf die Entstehung der Wohlfahrtsstaatlichkeit, die einen wesentlichen Anteil an der Befriedung des sozialen Konfliktpotentials hatte.

MARC PRAT SARBATÉS (Barcelona) widmete sich dem spanischen Fall und bezog dabei den Bürgerkrieg ein. Als sich das Franco-Regime etabliert hatte, bedeutete dies zwar eine starke Kontinuität in der Wirtschaftselite, aber dennoch hatten soziale Bewegungen einen gewissen Stellenwert, zum Beispiel während der Bestreikung des öffentlichen Nahverkehrs im Jahr 1951. Mit dem Rechtsruck, der im Gegensatz zur Nachkriegsentwicklung der meisten europäischen Ländern stand, bildete Spanien eine Art negative Folie der allgemein feststellbaren Liberalisierung. PETER ACKERS (Loughborough) wandte sich den industriellen Beziehungen in Großbritannien nach dem Krieg zu. Zwar gewannen die Gewerkschaften an Stärke, doch blieb der antagonistische Gegensatz zwischen Arbeiter- und Arbeitgeberinteressen bestehen. Die traditionelle Konfrontation endete erst im Thatcherismus. Ackers' besonderes Augenmerk galt der Rolle von Hugh Clegg und den Schriften der Oxford School für industrielle Beziehungen.

Die Tagung vereinigte 13 Länderbeispiele zur europäischen Nachkriegsgeschichte, die einerseits zwar die Vielfalt der Fälle, andererseits aber auch gemeinsame, übergreifende Entwicklungslinien veranschaulichten. Antifaschismus und Liberalisierung waren die Gebote der Stunde, von denen nur die sich formierenden Diktaturen auf der iberischen Halbinsel und im sowjetischen Einflussbereich deutlich abwichen. Soziale Bewegungen waren häufig die Träger dieser Ideen, auch wenn ihre Gestalt sehr vielfältig war. Nicht immer entstanden neben den traditionellen Institutionen, das heißt den Arbeiterparteien, Gewerkschaften und Betriebsräten, spontane und neue Organisationsformen. Wo sie aufkamen, war ihnen allerdings meist nur eine kurze Existenz beschieden, weil sie schnell von den wieder etablierten Strukturen vereinnahmt wurden. Trotz des Willens zur politischen Veränderung und zur Bestrafung der Kollaborateure vermochten sich die wirtschaftlichen Eliten durchweg gut zu behaupten. Jenseits der Verfolgung mittels juristischer Methoden gab es kaum Angriffe auf die Eigentumsrechte, zumindest nicht aus den Reihen der sozialen Bewegungen. Wenn es in den osteuropäischen Ländern, aber zum Beispiel auch in Frankreich oder Großbritannien zu Verstaatlichungen kam, hatten diese meist einen anderen politischen Hintergrund. Insgesamt führte die in allen europäischen Ländern zu leistende wirtschaftliche Rekonstruktion aber rasch zu einem an pragmatischen Kategorien orientierten Verhalten.

Konferenzübersicht

Marcel Boldorf (Bochum): Introduction

Stefan Berger (Bochum): Concepts of „social movements“ - Some methodological reflections

Session 1: Germany

Till Kössler (Bochum): Worker´s protest movements and trade union politics in West Germany, 1945–1951

Marcel Boldorf (Bochum): Social movements and the change of business elites in East Germany

Session 2: Western and Southern Europe

Xavier Vigna (Dijon): France after 1945 : When a left-wing government tried to control the social movement

Rik Hemmerijckx (Sint-Amands): Social movements and the change of economic elites: the Belgian case

Session 3: Eastern Europe

Jaromír Balcar/Jaroslav Kucera (Bremen/Prag): Social movements within a "National Revolution": Czechoslovakia after 1945

Tanja Penter (Hamburg): Rebuilding the Donbass – the impact of Nazi-Occupation on workers, engineers and the economic development of the postwar Soviet Union in late Stalinism

Session 4: Northern Europe

Niels Wium Olesen (Aarhus): Change or return to normalcy. The Danish transition from war to peace

Harald Espeli (Oslo): Political radicalisation and social movements in liberated Norway (1945–1947)

Niklas Jensen-Eriksen (Helsinki): Continuity and change: New social movements and traditional economic elites in postwar Finland

Lars Ekdahl (Södertörn): The Swedish labour movement and post-war radicalisation

Session 5: Non-occupied countries

Marc Prat Sarbatés (Barcelona): Economic elites and labour movement under surviving fascism: Spain in the 1940s

Peter Ackers (Loughborough): Saving British social democracy? Hugh Clegg, the Oxford School of academic Industrial Relations and the 1965–68 Donovan Commission on Trade Unions and Employers Association

General discussion: European patterns of post-war recovery

ZitierweiseTagungsbericht Social Movements and the Change of Economic Elites in Europe after 1945. 08.11.2012–09.11.2012, Bochum, in: H-Soz-Kult, 14.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4602>.

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