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Social Networking in South-Eastern Europe, 15th–19th Centuries

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Ivan Parvev, Maria Baramova, Grigor Boykov, Center of Excellence in the Humanities “Alma Mater”, Universität Sofia
Datum, Ort:26.10.2012–27.10.2012, Sofia

Bericht von:
Aneliya Stoyanova, Historische Fakultät, Universität Sofia “St. Kliment Ohridski”
E-Mail: <aneliya_a_stabv.bg>

Die sozialen Netzwerke in Südosteuropa im 15. – 19. Jh. im historischen Kontext zu verorten war das Ziel des internationalen Workshops, der Ende Oktober 2012 in Sofia stattfand. Organisiert wurde dieser Workshop von dem Center of Excellence in the Humanities “Alma Mater” der Sofioter Universität “St. Kliment Ohirdski”. Die Problematik formeller und informeller Netzwerke, die man zum Zweck der Informationssuche, Wohltätigkeit, dem Ausbau von Abhängigkeiten, Machterhalt, Spionage- und Nachrichtendienste, der Entwicklung von Handelsnetzwerken im weltlichen und religiösen Umfeld aufbaute und aufrechterhielt, wurde thematisch dargestellt und inspirierend diskutiert. Mit kurzen Begrüßungsworten eröffnete IVAN PARVEV (Sofia) den Workshop. MACHIEL KIEL (Bonn) führte dann in die Tagung ein, indem er auf die generelle Frage einging, was man unter dem Begriff “Netzwerk” versteht soll und ob die Netzwerke, wenn sie einmal geschaffen sind, imstande sind, sich quasi von selbst zu perpetuieren uns sich gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

AMY SINGER (Tel Aviv) eröffnete die erste Sektion des Workshops mit dem Vortrag über die osmanische Wohltätigkeit als Netzwerk. Der Hauptantrieb zur Wohltätigkeit seien die individuelle Barmherzigkeit und Glaubensüberzeugung, doch auch der Wunsch, sich als ein Teil der Gesellschaft öffentlich zu definieren. Dank des Verantwortungsgefühls des Individuums gegenüber der Gesellschaft sei, laut Singer, eine Art Versicherungsnetzwerk entstanden. Die Vormoderne wurde als Ära des freiwilligen Gebens beschrieben. Die Mehrheit der Bevölkerung sei gleichzeitig Spender und Bezieher gewesen, denn jene extreme Situation habe den ersten zum zweiten machen können. Aus diesem Netzwerk träten vor allem Kriminelle und sehr wohlhabende Menschen aus. Interesse erweckte auch die theologische Ansicht, laut der jeder Mensch ein Spender sein könne, weil nicht nur die materiellen Güter als Spende gälten. Die Autorin betrachtete die Wohltätigkeit und das Patronat als zwei zusammenhängende Ideen und differenzierte verschiedene informelle und formelle Netzwerke mit eigenen Regeln und Normen. Anhand konkreter Beispiele sprach Singer über die Imaret- und Waqfsysteme als Netzwerke des freiwilligen Gebens, an denen auserwählte Gruppen, wie zum Beispiel Intellektuelle oder Geistliche, teilnehmen durften.

GRIGOR BOYKOV (Sofia/ Bilkent) widmete sich den ständigen politischen Machtkämpfen zwischen der dominierenden politischen Elite verkörpert durch den Sultan und sein engstes Umfeld und den zentrifugalen Kräften in den Provinzen in der “Classical Age” des Osmanischen Reiches. Einerseits wuchs die Autorität und Macht der osmanischen Dynastie, die die Zentralisierung des Reiches anstrebte, andererseits stellten einzelne Gruppen in der Gesellschaft diese Tendenz in Frage, indem sie ihre Netzwerke bildeten und verschiedene politische Forderungen erhoben. Die Warlords an der Grenze, die in der Gründungszeit des Reiches ihre Länder nahezu selbstständig regierten, die wandernden Abdalen und ländlichen Nomaden und die von Anatolien in Richtung Balkan migrierenden Yörüken stellten sich praktisch gegen die Zentralisierung und unterstützten mit Hilfe prominenter militanter Derwische nicht selten sozial-religiöse Bewegungen mit radikalen, antiosmanischen Ansätzen. Das starke Bündnis zwischen dem Sunni Sufi Orden und den Osmanen, aus dem Netzwerke innerhalb der osmanischen Führungselite hervorgingen, wurde zum eigentlichen Instrument für das Durchsetzen der osmanischen Zentralisierungsdoktrin.

Am Beginn der zweiten Sektion stand der Beitrag von HEDDA REINDL–KIEL (Bonn). Reindl–Kiel zeigte in ihrem Vortrag, wie die ganze Gesellschaft in einem Netzwerk involviert werden könne. Die meisten Tätigkeiten der osmanischen Verwaltung waren sowohl mit passiver, als auch mit aktiver Bestechung verbunden, die als Geschenk, Schenkung oder Spende bezeichnet wurde und eigentlich als eine Form legaler Korruption anzusehen ist, die nicht gegen die Gesetze verstieß. Es fehlte zudem an einer klaren Differenzierung zwischen den Begriffen „Geschenk“ und „Bestechung“. Reindl-Kiel erörterte konkrete Beispiele gut erhaltener Register der gekauften und bezogenen „Geschenke”, die von verschiedenen Paschas geführt wurden und zahlreiche Namen enthielten, die als Attest für den Bestand solcher Netzwerk dienen. Aus dem Register des walachischen Fürsten Nicolae Mavrogheni wird deutlich, dass manche christlichen Vasallen diese osmanische Praxis übernahmen und ähnliche Geschenkaustausch-Netzwerke bildeten.

MICHAEL URSINUS (Heidelberg) sprach über das Tekye als Mittelpunkt eines Netzwerks und schloss mit seinem Vortrag die Sektion ab. In einführenden Worten wies er auf die verschiedenen Arten des Austausches der Vormoderne hin, bei denen nicht immer der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund stand. Ursinus behalf sich einer ausführlichen Liste 'der Spenden' aus dem Archiv des Sheykh Shemsuddin el-Khalveti, um ganz konkrete Daten zeigen und analysieren zu können. Das detaillierte Spendenregister enthielt Informationen über die vom Sheykh vergebenen Geldgeschenke im Verlauf einiger Jahre. Die Spenden gingen an Vertreter verschiedener “Netzwerke” – die des Haushalts, des Großhaushalt, des Personals und der Gäste. Der Vortrag erweckte Fragen über das Verhältnis des Sheykhs zu der christlichen Bevölkerung aus den nahen Dörfern und ob das Register Teil der Memoiren des letzten ist.

In der dritten Sektion machte GÜNHAN BÖREKÇİ (Istanbul) mit dem Beitrag über die personellen und sozialen Netzwerke der Machtvermittler in Istanbul im frühen 17. Jahrhundert den Anfang. Einleitend ins Thema war die Beschreibung des Machtvermittlers als eine Mittlerperson, die durch informelle Netzwerke in der Lage war, großen Einfluss auszuüben, denn im patrimonialen System war der Patron eines Menschen Klient eines anderen. Um verstehen zu können, wie die Netzwerke der höfischen Machtvermittler im 17. Jahrhundert funktionierten, müsse man sie als neue Art und Weise, die Hofinteressen durchzusetzen, betrachten. So wurden die Favoriten des Sultans zu Stellen auf hohem Rang befördert. Der Beitrag beschrieb die ethnische und religiöse Solidarität unter Machthabern gleichen Ursprungs und die entscheidende Rolle, die die Herkunft in vielen Fällen spielte. Es wurde der Frage nachgegangen, was für eine Rolle die persönlichen Netzwerke, die für die Familie und den Haushalt sehr bedeutend waren, in der alltäglichen politischen Praxis spielten.

In seinem Beitrag zeigte IVAN PARVEV (Sofia) anhand von zwei Fallstudien aus der Zeit der habsburgischen Übermacht auf dem Balkan, dass obwohl für Wien der Aufbau von umfassenden Spionagenetzwerken im Osmanischen Reich keinen Vorrang hatte, da man die militärische Überlegenheit als viel wichtiger erachtete, die kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel dennoch erfolgreiche Netzwerke bilden konnten, um Einfluss zu üben und Information zu sammeln. Die erste Fallstudie befasste sich mit der militärischen Spionage der Kaiserlichen in den Kriegsjahren 1688–89. Informanten waren vor allem Überläufer von den Truppen des Grafen Thököly, der als Verbündeter der Osmanen gegen die Habsburger kämpfte, Kriegsgefangene, die über die Frontlinie zu der Armee Leopold I. Zuflucht fanden, sowie ortsansässige Christen. Bei der zweiten Fallstudie, die die Friedenjahre 1713–1714 umfasste, wurde deutlich, wie es dem Resident Fleischmann gelang, ein effektives Spionagenetzwerk aufzubauen. Dadurch konnte er nicht nur korrekte Insider-Informationen nach Wien weiterleiten, sondern in bestimmten Fällen die osmanische Politik im habsburgischen Sinne teilweise beeinflussen.

HARALD HEPPNER (Graz) widmete sich in seinem Beitrag der Vernetzung in den Innerösterreichischen Länder im 16.–18. Jahrhundert. Aus dem einleitenden Kommentar wurde klar, dass obwohl die Geschichte Innerösterreichs gut erforscht ist, es an auf die Netzwerke fokussierten Studien mangelt. Die Türkengefahr führte einerseits zu einer Kooperation auf Landesebene und andererseits zwischen den Landesoberen und dem habsburgischen Monarch, was wesentlich zum Entstehen eines Verteidigungsnetzwerks beitrug. Ihrer geographischen Lage entsprechend war es Pflicht der Innerösterreichischen Länder, die Kroatisch–Bosnische Militärgrenze zu verwalten und zu bewachen. Aufgrund ihrer komplizierten Verhältnisse war das keine leichte Aufgabe, zur Ausführung derer der Informationskanal aus Kroatien nach Graz große Hilfe leistete. Heppner befasste sich auch mit den stabilen und unstabilen Faktoren, die Einfluss auf das Netzwerk ausübten.

Danach kam MARIA BARAMOVA (Sofia/ Mainz) mit dem Vortrag über die soziale Vernetzung während der Habsburgischen Großbotschaft des Grafen Damian Hugo von Virmont in Istanbul 1719–1720 zu Wort. Sie schilderte, wie Virmont auf dem Weg zur osmanischen Hauptstadt informelle Beziehungen pflegte und Nachrichtennetzwerke aufbaute, die seinen Aufgaben als Diplomat förderlich sein könnten. Der Austausch von Großbotschaften nach einem unterzeichneten Frieden war ein Usus in den habsburgisch-osmanischen Beziehungen, der nach Passarowitz (1718) wieder seine Anwendung fand. In der obersten sozialen Ebene, so Baramova, stand das Verhältnis zum Großwesir und den hoch gestellten Beamten, in der mittleren – die Kommunikation mit den anderen ausländischen Diplomaten und den örtlichen Behörden und in der niedrigsten – die Beziehung zu den Häftlingen und den einheimischen Christen. Renegaten, die zuvor habsburgische Bürger waren, dienten auch oft als Informationsquelle.

Die letzte Sektion begann mit dem Beitrag von CHRISTO MATANOV (Sofia). Er befasste sich mit den Klosternetzwerken in den bulgarischen Ländern und fing mit der Aussage an, dass der allerwichtigste Austausch der von Informationen war, und das sowohl auf horizontaler, als auch auf vertikaler Ebene. Als Einleitung gab Matanov einige allgemeine Informationen über die Kirchenorganisation nach der osmanischen Eroberung Südosteuropas, über die territorialen Verluste und die Einschränkungen beim Kirchen- und Klosterbau. Viele Klöster waren etwas mehr als religiöse Einrichtungen, dort konnte man soziale Kontakte knüpfen und aktuelle und nützliche Informationen bekommen, zu der ein spezielles Klosternetzwerk Zugang bot. Interessant ist, dass die als “Bastionen des Christentums” angesehenen Klöster anscheinend im Kontakt zu den osmanischen Behörden blieben und wirtschaftlich in der Lage waren, ihre Funktion als Pilgerstätte aufrecht zu erhalten. Konkret wurde das Klosternetzwerk im Sandschak Kjustendil skizziert, der während der osmanischen Eroberung des Westbalkans auf dem Feldzugsweg stand und sich oft hoher Besuche erfreute, was sich gut auf die Wirtschaft und die Infrastruktur auswirkte.

Den letzten Vortrag hielt OLGA KATSIARDI-HERING (Athen). Sie sprach über die Mehrebenen-Gesellschaft und die Handelsnetzwerke der von Thessalien, Mazedonien, Epirus und anderen Ländern des Balkans nach Ungarn migrierenden Vertreter der griechischen orthodoxen Gemeinde. Die verschiedenen Verhältnisse und Abhängigkeiten der Menschen bildeten Familien-, Freundschafts-, Handelsnetzwerke, die mit Hilfe der gemeinsamen griechischen Sprache die Gemeinde zusammenhielten. Einerseits bot die Habsburger Monarchie den einwandernden Händlern zahlreiche Privilegien, andererseits versuchten die Osmanen, diesem Prozess entgegen zu wirken. Natürlich spielte aber das Gastland dabei die führende Rolle. Die Orthodoxen bildeten ihre eigenen Gemeinden, was eine zukünftige Entstehung von Nationalismen ermöglichte. Logischerweise bestanden die örtlichen Behörden auf ihre Integration in die Gesellschaft vor Ort, doch das gelang nicht immer. Anschließend beschrieb Katsiardi-Hering die verschiedenen sozialen Netzwerke zwischen Immigranten und den offiziellen Behörden, sowie ihr Zusammenleben im habsburgischen Sozium.

Als Fazit des Workshops wurde festgehalten, dass in der Frühen Neuzeit und in der Moderne die Menschen eigentlich nicht atomisiert waren, sondern im Rahmen von Netzwerken agierten. Sie konnten solche selbst schaffen oder aber, sich einem bereits existenten sozialen Netzwerk anschließen, um als Teil eines „größeren Ganzen“ darin wirken zu können. Soziale Netzwerke gab es sowohl im Osmanischen Balkan, als auch im habsburgischen Südosteuropa, wobei in beiden Fällen soziale (und Landes-)Grenzen leicht über das „social Networking“ überwunden werden konnten. Es wurden auch verschiedene Forschungsansätze diskutiert, sowie die Perspektive der sozialen Netzwerke als ein “großes Thema” für zukünftige Archivarbeiten aufgezeichnet.

Konferenzübersicht:

Section 1: Charity and Patronage: Formal and Informal Networks of Dependencies in Ottoman Society

Amy Singer (Tel Aviv): Ottoman Charity: A Networked Perspective

Grigor Boykov (Sofia / Bilkent): Alliances of Patrons and Clients: Subduing the Unruly Ottoman Subjects in the Süleymanic Age

Section 2: The Meaning of Donations: Social Dimensions of the Ottoman Gifting System

Hedda Reindl-Kiel (Bonn): Networks in Kind: The Ottoman Gifting System with Regards to the Balkan Provinces and Hungary

Michael Ursinus (Heidelberg): The Tekye as a Focus of Social Networking (according to the lists of 'donations' in Sheykh Shemsuddin el-Khalveti's Manastir family archive)

Section 3: In the Spider’s Web: Power Brokerage and Espionage

Günhan Börekçi (Istanbul): On the Personal and Social Networks of Power Brokers in Istanbul in the Early Seventeenth Century

Ivan Parvev (Sofia): „There is no place where espionage cannot be used“. Habsburg Spy Networking in the Ottoman Empire, 1689–1714

Section 4: Confessional Profiles and Political Needs: the ‘Habsburg Way’

Harald Heppner (Graz): The Inneraustrian Estates in the 16th–18th Centuries

Maria Baramova (Sofia / Mainz): Social Networking “En passant”. The Habsburg Great Embassy of Count Damian Hugo von Virmont to Constantinople 1719–1720

Section 5: The Value of News: Information Channels in Ottoman and Habsburg Realms

Christo Matanov (Sofia): The Monasteries as Centers of Informational Contacts, 15th–16th Centuries. Case Study: The Monastery of St. Joakim of Osogovo

Olga Katsiardi-Hering (Athens): Friendship, Communal and Official Links in the Social-Information Networks among the Southeastern Merchants and Intellectuals (18th–19th Centuries)

ZitierweiseTagungsbericht Social Networking in South-Eastern Europe, 15th–19th Centuries. 26.10.2012–27.10.2012, Sofia, in: H-Soz-u-Kult, 26.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4598>.

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