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10. Arbeitstagung „Gender studies in der historischen Pädagogik“

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Arbeitsbereich Historische Erziehungswissenschaft, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Datum, Ort:29.06.2012-30.06.2012, Lutherstadt Wittenberg

Bericht von:
Beate Ronneburger, Universität Hildesheim
E-Mail: <ronneburuni-hildesheim.de>

Bereits zum 10. Mal trafen sich (Nachwuchs)Wissenschaftler/innen auf der Arbeitstagung „Gender studies in der historischen Pädagogik“. Ausgerichtet wurde diese Tagung vom Arbeitsbereich Historische Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Pia Schmid, Dayana Lau, Klemens Ketelhut). Anlässlich dieses kleinen Jubiläums ließ Pia Schmid die Entwicklung des Themenspektrums Revue passieren. Sie konstatierte, dass anfangs vor allem Projekte zur Pädagogik des 18. Jahrhunderts, zur Geschichte des Lehrerinnenberufs, der Sozialen Arbeit wie auch zum Einfluss der Frauenbewegung präsentiert und diskutiert wurden, Themen, die in den letzten Tagungen weniger präsent waren Auf der diesjährigen Tagung reichte das Themenspektrum von Rousseau über Soziale Arbeit im 19. Jahrhundert bis zu sozialen Bewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Das bewährte Format der Tagung wurde beibehalten: Zuerst wurde das jeweilige Projekt präsentiert. Anschließend wurde es von einer Expertin/einem Experten kommentiert. Die Kommentatorin/der Kommentator ging hierbei insbesondere auf das methodische Vorgehen, die Auswahl der Quellen und die (ersten) Ergebnisse ein.

Zum Auftakt der Tagung gab BETTINA REIMERS (Berlin) einen Einblick in die Bestände des Archivs der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF). In ihrem Vortrag „Dokumente zur Alltagsgeschichte und Frauenforschung im Archiv der BBF“ ging sie zunächst auf die Geschichte des Archivs und den Umfang des Bestands ein. Anschließend zeigte sie auf, welche Quellen die Wissenschaftlerin bzw. den Wissenschaftler im Archiv erwarten. Hierzu gehören unter anderem Vorlässe, Nachlässe und Unterlagen aus Institutionen wie dem Berliner Lehrerverein sowie noch nicht erschlossene Bestände wie der Bestand des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes. So kann beispielsweise zu Berufsbiografien von Lehrerinnen und Lehrern oder Pädagoginnen geforscht werden, was Reimers am Beispiel von Gertrud Rosenow und Gerda Mundorf zeigte.

DAYANA LAU (Halle) stellte in ihrem Beitrag „Frauen in den Sozialwissenschaften. Lebensentwürfe und die Veränderung von Wissenschaft am Beispiel Florence Kelleys (1859-1933)“ Ergebnisse ihres Promotionsvorhabens vor. Anhand der Berufsbiographie von Florence Kelley zeigte sie, welche Impulse Frauen in den USA zur Generierung sozialwissenschaftlichen Wissens außerhalb der Universitäten gaben, welche Kritik sie an wissenschaftlich arbeitenden Männern übten, welche Motive ihrer Beteiligung an der Forschung zugrunde lagen (unter anderem der so genannte „weibliche Blick“), wie sie soziale Arbeit und Forschung verbanden und welche Forschungsmethoden Frauen dabei entwickelten. Im Kommentar wurde unter anderem dazu angeregt, die internationale Perspektive stärker im Rahmen des Forschungsvorhabens zu berücksichtigen. In der sich anschließenden Diskussion wurde zum Beispiel darüber nachgedacht, was unter dem so genannten „weiblichen Blick“ zu verstehen sei. Es wurde dafür plädiert, zwischen der Sprache der Akteurinnen des 19. Jahrhunderts und der der Wissenschaftlerin heute zu unterscheiden.

JUDITH SCHERER (Halle) ging in ihrem Vortrag „Bildersprache in Leselernbüchern – ein Vergleich von bildlichen Darstellungen in Fibeln aus der ehemaligen DDR und der BRD in den 1970er Jahren“ der Frage nach, wie Geschlecht in Leselernbüchern bildlich transportiert wird. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sowohl in der DDR als auch in der BRD in den 1970er-Jahren rollenstereotype Bilder von Frauen und Männern in Fibeln dominierten, obwohl sich die Erziehungsvorstellungen und Geschlechterleitbilder der beiden Länder deutlich unterschieden. So wurden zum Beispiel Frauen in der Fibel der DDR zwar sowohl in der Rolle der Mutter als auch in der Rolle der Berufstätigen dargestellt, sie wurden jedoch eher in Frauen zugeschriebenen Berufen und äußerlich durch lange Haare und Rock als Frau identifizierbar abgebildet. In der Diskussion wurde beispielsweise der Frage nachgegangen, wie zu erklären sei, dass trotz der unterschiedlichen Geschlechterleitbilder und Erziehungsvorstellungen sowohl in der Fibel der DDR als auch in der Fibel der BRD geschlechterrollenstereotype Bilder dominierten.

ELIJA HORN (Hildesheim) analysierte für seinen Beitrag „Deutschsprachige Reformpädagoginnen in Indien in den 1920er und 30er Jahren“ unter anderem Briefe, Beiträge aus Schülerzeitungen und Autobiographien von Pädagoginnen, die nach Indien reisten. Die Analyse erfolgte im Rahmen seiner Dissertation, die den Austausch zwischen Deutschland und Indien sowie die Rezeption von indischem Gedankengut in Deutschland in den 1920er- und 1930er-Jahren als Forschungsgegenstand hat. Am Beispiel von zwei Lehrerinnen der Odenwaldschule zeigte er Motive für die Indienreisen von Pädagoginnen zu dieser Zeit und Erfahrungen der Frauen im Land sowie das Bild, das sie von Indien vermittelten. Elija Horn arbeitete heraus, dass die von ihm erforschten Akteurinnen aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Indien gingen. Die Spanne reichte von der Sinnsuche bis zum gut bezahlten Arbeitsplatz. Im Plenum wurde über den relativ heterogenen Quellenkorpus und die Zuordnung der Pädagoginnen zur Reformpädagogik diskutiert.

ELKE KLEINAU (Köln) bewies in ihrem Vortrag „Botanik und die Disziplinierung der weiblichen Leidenschaften: Rousseau und zeitgenössische Bildungskonzepte für Mädchen und Frauen“, dass selbst zu dem ausgiebig in der Forschung behandelten Jean-Jacques Rousseau noch ein Beitrag zu leisten ist. Sie analysierte Rousseaus Briefe an Madame Delessert, die ihre Tochter in Botanik unterrichten wollte und sich deswegen an Rousseau wandte. Im Rahmen ihrer Analyse setzte sich Elke Kleinau sowohl mit dem Botanikdiskurs zu Rousseaus Zeit als auch mit Rousseaus Gestaltung der Lernprozesse auseinander. So zeigte sie anhand von Rousseaus Briefen, dass er ein Anhänger Linnés war. Linné wurde zu dieser Zeit sehr kontrovers diskutiert. Sie zeichnete außerdem nach, wie Rousseau Lernprozesse als selbsttätiges Lernen an und mit der Natur anlegte. Rousseau ging es jedoch nicht nur um die Vermittlung botanischen Wissens, so Elke Kleinau. Vielmehr verfolgte er mit dem Unterricht in Botanik auch die Intention, die weiblichen Leidenschaften zu zügeln. Diese Deutung wurde im Plenum debattiert und gefragt, inwiefern nach Rousseau tatsächlich nur die weiblichen und nicht ebenso die männlichen Leidenschaften gezügelt werden sollten.

Am folgenden Tag stellte EVELYN KAUFFENSTEIN (Hildesheim) in ihrem Beitrag „Eine Historiographie der Mädchenarbeit – Perspektiven der Sozialen Bewegungsforschung“ die theoretischen und methodischen Überlegungen ihres Promotionsvorhabens vor. Der Ausgangspunkt ihres Projekts ist, dass die Geschichte der Mädchenarbeit bisher kaum erforscht wurde. In den vorhandenen Darstellungen zur Entwicklung der Mädchenarbeit dominiert hierbei ein bestimmtes Narrativ, das der Geschichte der Mädchenarbeit nicht gerecht wird. Damit ist verbunden, dass Anliegen der ersten Jahre der Mädchenarbeit in Vergessenheit geraten, die heute durchaus erinnerungswürdig und für die Bestimmung des Standortes der Mädchenarbeit relevant sind. Evelyn Kauffenstein beabsichtigt in ihrem Projekt Methoden der Geschichtswissenschaft und Theorien der Forschung zu sozialen Bewegungen einzusetzen. Im Gespräch wurde vor allem das methodische Vorgehen vertieft.

Im anschließenden Vortrag „Die Stimme erheben, ergreifen das Wort. Studien zur weiblichen Bildungsbiographie“ ging MECHTHILD HETZEL (Darmstadt) aus philosophischer Perspektive der Frage nach, welche Möglichkeiten es für Frauen gibt, die Stimme zu erheben. Hierzu setzte sie sich unter anderem mit Texten von Luce Irigaray und Virginia Woolf auseinander. Sie fokussierte das Nicht-zu-Wort-Kommen, das Zu-Wort-Kommen und das Gehört-Werden von Frauen. In ihren Ausführungen zum Gehört-Werden ging sie der Frage nach, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Frauen wahrgenommen werden. Im Kommentar wurde etwa die Frage aufgeworfen, inwiefern bei diesem Thema der gesellschaftliche Kontext stärker zu berücksichtigen wäre. Hierauf erwiderte Mechthild Hetzel, dass es ihr um eine systematische und nicht um eine historische Darstellung gegangen sei. Einigkeit bestand dahingehend, dass es sich bei dem Thema „die Stimme erheben“ insgesamt um ein gesellschaftlich relevantes Thema handelt, das nicht nur Frauen betrifft.

KARLA VERLINDEN (Köln) hat in ihrem Beitrag „Sexualität im Kontext der Studentenbewegung“ Ergebnisse ihres Promotionsvorhabens präsentiert. Der Ausgangspunkt ihres Projekts ist das Forschungsdesiderat zu Sexualität und „68“. Hierzu gehört insbesondere der von 68erInnen erinnerte Umgang mit den Sexualitätsnormen der 68er-Bewegung. Innerhalb des feministischen Diskurses wurde bisher die Ansicht vertreten, dass die Sexualitätsnormen der 68erInnen, beispielsweise der Duktus einer besitzanspruchslosen Beziehungsführung, den Bedürfnissen von Frauen zuwider liefen und Frauen ‚Opfer‘ dieser Normen waren. Auf der Basis von narrativen Interviews, die Karla Verlinden mit Hilfe eines hermeneutischen Interpretationsverfahrens ausgewertet hat, konnte unter anderem resümiert werden, dass 68erInnen durchaus die Sexualitätsnormen der Bewegung kritisch prüften und im Spiegel ihrer eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen reflektierten. In der anschließenden Diskussion wurde auf die theoretischen Texte, aus denen die 68erInnen ihre Sexualtheorie und -praxis generierten, eingegangen.

Auch der folgende Beitrag, der zugleich den Abschluss der Tagung bildete, widmete sich der 68er-Forschung. BEATE RONNEBURGER (Hildesheim) skizzierte in ihrem Referat „Erziehung und Geschlecht im pädagogischen Denken und Handeln von Akteurinnen und Akteuren der Kinderladenbewegung (1968-1977)“ ihr Promotionsvorhaben und präsentierte erste Ergebnisse des Projekts. Das Anliegen ihres Vorhabens ist, zur Erforschung der bisher kaum im Rahmen der Studien zu „68“ berücksichtigten pädagogischen Dimensionen von „68“ beizutragen. Beate Ronneburger konzentriert sich in ihrem Projekt auf den Geschlechteraspekt in der Pädagogik der Kinderläden. Sie zeigte, dass zur Zeit der Kinderladenbewegung der Männeranteil am pädagogischen Fachpersonal in alternativen Kinderbetreuungseinrichtungen relativ hoch war, während die Beteiligung von Vätern durchaus problematisiert wurde. In der Diskussion wurde unter anderem angeregt, weitere Erklärungen für die relativ geringe Beteiligung von Männern an der Kindererziehung in Betracht zu ziehen.

Die Tagung bot eine gelungene Auseinandersetzung mit einem breiten Spektrum an Themen und theoretischen sowie methodischen Zugängen.

Obwohl das Themenspektrum von „Frauen in den Sozialwissenschaften“ über „Deutschsprachige Reformpädagoginnen in Indien der 1920er und 30er Jahre“ bis zu „Sexualität im Kontext der Studentenbewegung“ reichte, zog sich die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen, die zu der jeweiligen Zeit bestehenden Geschlechterzuschreibungen zu überschreiten, als roter Faden durch die Beiträge. An den Vorträgen war zugleich abzulesen, dass in der Erziehungswissenschaft zunehmend zu „68“ gearbeitet wird. Dies ist insofern bedeutsam als sich die Erziehungswissenschaft lange Zeit nicht an der Forschung zu „68“ beteiligt hat, obwohl die pädagogischen Dimensionen von „68“ evident sind, wie Meike Sophia Baader gezeigt hat. Hier zeichnet sich somit ein Wandel ab, der einen Gewinn für die erziehungswissenschaftliche Forschung darstellt.

Bei den theoretischen und methodischen Zugängen deutet sich an, dass erste Schritte unternommen werden, in der Forschung der historischen Erziehungswissenschaft theoretische Ansätze aber auch methodische Zugänge der Sozialwissenschaften und Geschichtswissenschaften zu kombinieren. Dies ist in der historischen Erziehungswissenschaft alles andere als selbstverständlich. [1] Insbesondere für die Erforschung der pädagogischen Dimensionen von „68“ ist die Triangulation geschichts- und sozialwissenschaftlicher Theorien und Methoden Erkenntnisgewinn bringend. Das zeigt das von Meike Sophia Baader geleitete DFG-Projekt „Die Kinderladenbewegung als case study der antiautoritären Erziehungsbewegung. 1968 und die Pädagogik in kultur-, modernitäts- und professionsgeschichtlicher Perspektive (1965-1977)“. In Anbetracht dessen ist es wünschenswert, diese Form der Theorien- und Methoden-Triangulation weiter zu verfolgen.

Konferenzübersicht:

Bettina Reimers (Berlin): Dokumente zur Alltagsgeschichte und Frauenforschung im Archiv der BBF

Dayana Lau (Halle): Frauen in den Sozialwissenschaften. Lebensentwürfe und die Veränderung von Wissenschaft am Beispiel Florence Kelleys (1859-1933)

Judith Scherer (Halle): Bildersprache in Leselernbüchern – ein Vergleich von bildlichen Darstellungen in Fibeln aus der ehemaligen DDR und der BRD in den 1970er Jahren

Elija Horn (Hildesheim): Deutschsprachige Reformpädagoginnen in Indien in den 1920er und 30er Jahren

Elke Kleinau (Köln): Botanik und die Disziplinierung der weiblichen Leidenschaften: Rousseau und zeitgenössische Bildungskonzepte für Mädchen und Frauen

Evelyn Kauffenstein (Hildesheim): Eine Historiographie der Mädchenarbeit – Perspektiven der Sozialen Bewegungsforschung

Mechthild Hetzel (Darmstadt): Die Stimme erheben, ergreifen das Wort. Studien zur weiblichen Bildungsbiographie

Karla Verlinden (Köln): Sexualität im Kontext der Studentenbewegung. Erste Ergebnisse einer qualitativen Studie

Beate Ronneburger (Hildesheim): Erziehung und Geschlecht im pädagogischen Denken und Handeln von Akteurinnen und Akteuren der Kinderladenbewegung (1968-1977)

Anmerkung:
[1] Ingrid Miethe, Systematisieren – Generieren – Generalisieren. Der Beitrag deskriptiver und genetisch-strukturaler Typen zur Theoriebildung, in: Jutta Ecarius /Burkhard Schäffer (Hrsg.), Typenbildung und Theoriegenerierung. Methoden und Methodologien qualitativer Bildungs- und Biographieforschung, Opladen 2010, S. 73-90.

ZitierweiseTagungsbericht 10. Arbeitstagung „Gender studies in der historischen Pädagogik“. 29.06.2012-30.06.2012, Lutherstadt Wittenberg, in: H-Soz-u-Kult, 04.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4593>.

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