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Publikationskulturen im Wandel in den Osteuropa- und Geschichtswissenschaften: Rankings, Internationalisierung und Bibliometrie als Herausforderung?

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg; Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg
Datum, Ort:16.10.2012, Marburg

Bericht von:
Johanna Schnabel, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg
E-Mail: <johanna.schnabelherder-institut.de>

Neue Publikationsformen, insbesondere die Zunahme elektronischer Veröffentlichungen, die sich die neueren Entwicklungen im World Wide Web zunutze machen, sowie die steigende Relevanz von Rankings wie der ERIH-Liste und des Web of Knowledge stellen wissenschaftliche Zeitschriften zunehmend auch in den Geisteswissenschaften vor neue Herausforderungen. Zitationsindexes wie der Hirsch-Faktor, der die Zitationen von Publikationen eines Autors erfasst, führen zu einem veränderten Verhalten in der Publikation wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse und erschaffen Sachzwänge, deren Auswirkung auf die wissenschaftliche Praxis zu hinterfragen sind. Der angesichts einer Verknüpfung von Gehaltfragen und Rankings insbesondere in Ostmitteleuropa zunehmende Zwang, in Zeitschriften zu publizieren, die in den einschlägigen Rankings und Listen vordere Plätze belegen, droht, kleinere, nichtenglischsprachige (Sparten-)Zeitschriften zu marginalisieren.

Der vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung organisierte Workshop „Publikationskulturen im Wandel in den Osteuropa- und Geschichtswissenschaften: Rankings, Internationalisierung und Bibliometrie als Herausforderung?“ diente dem Gedankenaustausch über die tagtägliche Arbeit im Rahmen des beschriebenen Wandels der Publikationskulturen und der Auseinandersetzung mit bibliometrischen Kategorien.

So berichtete NINA KANCEWICZ-HOFFMAN (Straßburg), Leiterin der Abteilung Humanities and Social Sciences der European Science Foundation, von der Pilotphase der ERIH-Liste, die der Qualitätssicherung und internationalen Vergleichbarkeit primär von Zeitschriften innerhalb einer einzelnen Disziplin dienen soll. Die ERIH-Liste sei als eine Art Peer Review zu verstehen und nicht als Grundlage für die Gewährung von Projektmitteln gedacht, wenngleich sie mittlerweile in einigen Staaten diesem Zweck diene. Dass die ERIH-Liste in ihrer bisherigen Form nicht mehr fortgeschrieben werden soll, löste einige Fragen im Anschluss an Kancewicz-Hoffmans Vortrag aus.

In Ihrem Vortrag zu qualitätsgesicherten Annotationsnetzwerken als Publikationsform in den Geistes- und Sozialwissenschaften präsentierte FABIENNE LORENZ (München) verschiedene Open Access-Projekte, die in Anlehnung an traditionelle Publikationsfahren dem Prinzip „publish early, update often“ neue Möglichkeiten wissenschaftlichen Arbeitens eröffnen sollen. Die Auffindbarkeit über Suchmaschinen, die Orientierung an Nutzerdimensionen, aber auch Aspekte wie Wiederverwendbarkeit und Weiterentwicklung stehen im Mittelpunkt von Projekten der Max Planck Digital Library, zu denen beispielsweise das Digital Scrapbook, die Living Reviews Journals oder der World Atlas of Language Structures (WALS) zählen.

Die klassische Print-Monografie sei nach wie vor das zentrale Publikationsmedium der Geschichtswissenschaft, stellte MARIO WIMMER (Zürich) in seinem Vortrag fest, in welchem er auf die Problematik standardisierter Bewertungen einging, die eine „übertriebene und unangemessene Zerstückelung der Darstellung der Arbeitsschritte angesichts der drohenden Bewertung“ zur Folge habe. Wimmers Querschnitt durch die Geschichte historischer Zeitschriften endete mit einem Plädoyer für Inhalt anstatt Anerkennung.

An den Vortrag von Lorenz anknüpfend präsentierte LILIAN LANDES (München) die Idee einer „lebendigen Rezension“ auf recensio.net, das als Alternative zur herkömmlichen Rezension angesichts der zwischen Beitrag und Kommentaren geschalteten Redaktion eine Art Web 1.5 darstellt. Die deutsche Geschichtswissenschaft sei noch längst nicht im Web 2.0 angekommen, wenngleich Überlegungen zum Wissenschaftler als Selbstvermarkter angestellt würden, der seine Forschungsergebnisse ohne zwischengeschalteten Verlag selbst im Web zur Verfügung stellt.

Dass Zeitschriften gerade in der Geschichtswissenschaft eine Daseinsberechtigung haben, zeigten die Berichte aus der Praxis. So glaubt HERMANN BEYER-THOMA (Regensburg) an die Zukunft der Fachzeitschrift. In seinem Diskussionsbeitrag schlug er ein Vorgehen vor, das den neueren Entwicklungen aufgeschlossen gegenübersteht und gleichzeitig danach strebt, Fachzeitschriften neben Rankings auch durch Kontaktpflege mit den Autoren, eine Orientierung am Leser sowie die gelegentliche Veröffentlichung von Themenheften interessant zu machen. Auch CHRISTOPH SCHUTTE (Marburg) warnte davor, sich komplett der Logik des Systems zu entziehen. Dennoch habe die redaktionelle Bearbeitung, gerade auch angesichts formaler und stilistischer Mängel zahlreicher eingereichter Texte, nach wie vor große Bedeutung. Dies unterstrich auch MANFRED SAPPER (Berlin), indem er auf die Rolle wissenschaftlicher Zeitschriften in der Ordnung von Wissen und dem Transfer von Wissen in die Öffentlichkeit hinwies.

Die Kopplung von Gehältern und Projektmitteln an Zitationsindizes wie den Hirsch-Faktor sei eine Realität, der man sich stellen müsse, so HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) in ihrem Schlusskommentar. Diese Vorgehensweise missachte jedoch die Tatsache langer Rezeptionsprozesse in der Geschichtswissenschaft, wo Autoren über einen langen Zeitraum hinweg und gegebenenfalls erst mit Verzögerung rezipiert würden: „Die Geschichtswissenschaft denkt in längeren Zeiträumen“. Es gelte also, sich weiterhin intensiv mit neuen technischen Möglichkeiten und den daraus resultierenden neuen Publikationsformen zu befassen, ohne indes traditionelle Zugänge und spezifische Logiken der Geschichtswissenschaft aus dem Auge zu verlieren.

Die Geschichtswissenschaft öffnet sich also allmählich, so lässt sich zusammenfassend feststellen, den vielfältigen Möglichkeiten digitalen Publizierens und Rezipierens. Während in anderen Disziplinen Zitationsindizes schon gang und gäbe sind, werden sie von den historischen Wissenschaften kritisch – teilweise aber auch skeptisch – betrachtet, wie einige Vorträge und Diskussionsbeiträge im Rahmen des Workshops zeigten. Es geht darum, sich einerseits die neuen Möglichkeiten zu Nutzen zu machen, wie die Vielzahl an Digitalisierungsprojekten verdeutlicht, ohne dabei andererseits disziplinspezifische Standards und Qualitätsmerkmale aufzugeben. Für eine Folgeveranstaltung scheint daher auch die stärkere Berücksichtigung rechtlicher Fragen wünschenswert.

Konferenzübersicht:

Heidi Hein-Kircher (Herder-Institut, Marburg): Begrüßung und Moderation

Nina Kancewicz-Hoffman (European Science Foundation, Strasbourg): "European Reference Index for the Humanities (ERIH): aims, procedures and impact for research in Europe"

Fabienne Lorenz (Max Planck Digital Library, München): "Referentialität und Interaktion. Qualitätsgesicherte Annotationsnetzwerke als Publikationsform in den Geistes- und Sozialwissenschaften"

Mario Wimmer (Eidgenössische TH Zürich): "Über Wirkung und Relevanz geschichtswissenschaftlicher Veröffentlichungen"

Lilian Landes (Bayerische Staatsbibliothek, München): "Wer filtert wann und zu welchem Ende? Wissenschaftliche Redaktionsarbeit im Wandel"

Stellungnahmen aus der Praxis

Hermann Beyer-Thoma (Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Regensburg)

Manfred Sapper (Osteuropa, Berlin)

Christoph Schutte (Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung, Marburg)

Heidi Hein-Kircher: Zusammenfassung und Kommentar

ZitierweiseTagungsbericht Publikationskulturen im Wandel in den Osteuropa- und Geschichtswissenschaften: Rankings, Internationalisierung und Bibliometrie als Herausforderung? 16.10.2012, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 21.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4582>.

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