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Liedgut und Musik in der Geschichte der Freikirchen

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verein für Freikirchenforschung
Datum, Ort:28.09.2012–29.09.2012, Marburg

Bericht von:
Thomas Hahn-Bruckart, Evangelisch-Theologische Fakultät, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
E-Mail: <hahn-bruckartuni-mainz.de>

Gemeinsames Singen und Musizieren spielte in der Geschichte der Freikirchen eine bedeutende Rolle. Als Element möglichst breiter gottesdienstlicher Partizipation entsprach dies dem Ansatz der meisten freikirchlichen Ekklesiologien. Dabei übernahmen die Freikirchen zum einen das Liedgut der Kirchen, aus denen heraus sie entstanden, zum anderen entwickelten sich in ihrem Umkreis auch neue Liedtypen. Dies geschah häufig an der Schnittstelle unterschiedlicher kultureller Kontexte. Sowohl in interkultureller als auch in rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht stellen freikirchliches Liedgut und freikirchliche Musikpraxis daher Forschungsfelder dar, die in vielerlei Hinsicht ertragreiche Ergebnisse und fruchtbare Diskussionen versprechen.

Die Tagung in Marburg nahm sich dieser Forschungsfelder an, indem sie sowohl aus historisch-hymnologischer als auch aus praktisch-theologischer und soziologischer Perspektive die unterschiedlichen Dimensionen des Themas untersuchte und diskutierte. Die Interdisziplinarität der Zugangsweise spiegelte sich in der schlaglichtartigen Vielfalt der Vortragsthemen, mit der das Feld vermessen wurde.

GÜNTER BALDERS (Berlin), bis 2007 Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar Elstal und einer der profiliertesten freikirchlichen Hymnologen, begann die Tagung mit einem Vortrag, in dem er unter Verweis auf seine einschlägigen Publikationen[1] weniger eine allgemeine Einführung in die freikirchliche Liedgeschichte unterschiedlicher Provenienzen gab als vielmehr – mit methodologischen Vorüberlegungen zu Wert und Grenzen der Oral History – einen Bericht engagierter Zeitzeugenschaft hymnologischer Entwicklungen in den vergangenen 60 Jahren. Dabei kristallisierten sich als Schwerpunkte der Umgang mit angloamerikanischem Liedgut und die ökumenische Rezeption bestimmter Liedtypen heraus. Neben den Fragen nach Integration bzw. Desintegration angelsächsischer Heilslieder in die unterschiedlichen freikirchlichen Gesangbücher konnte Balders Rezeptionsvorgänge nachweisen, die ein und demselben Lied in den unterschiedlichen – nicht nur freikirchlichen – Konfessionen eine jeweils eigene kasuale Kontextualisierung zuwiesen. Rezeptionsgeschichtlich in interkultureller Perspektiver aufschlussreich war, dass über Missionskontexte der südlichen Hemisphäre ursprünglich angloamerikanisches Erweckungsliedgut plötzlich auch für mitteleuropäisch-landeskirchliche Zusammenhänge rezeptionsfähig wurde. Abschließend beschäftigte sich Balders mit einem unveröffentlicht gebliebenen Manuskript des frei-evangelischen Hymnologen Theophil Giffey aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das mehr als 1000 Biographien von Lieddichtern und Komponisten versammelt und auch in seiner äußeren Form als archivalisches Dokument für die Forschung ein reizvolles Objekt darstellt.

MANFRED WEINGARTEN (Verden/Aller), bis 2005 Propst des Sprengels Nord der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Gesangbüchern der Vorgängerkirchen der SELK und aktuellen hymnologischen Entwicklungen in seiner Kirche. Als besonderes Proprium der eigenen Tradition trat dabei ein zunächst „archaistisches“ Gesangbuch-Verständnis hervor, das vor allem um die Orientierung an den reformatorischen Ursprüngen selbst bemüht war und auch in den jeweiligen liturgischen, devotionalen und bekenntnisbezogenen Gesangbuch-Anhängen um möglichst große Nähe zu reformatorischen Vorlagen kreiste. So enthielt das sogenannte „Cromesche Gesangbuch“ von 1856 zum Beispiel fast alle Lutherlieder, aber nichts aus dem 19. Jahrhundert. Und auch das „Lutherische Kirchengesangbuch“ von 1956 beinhaltete nur zehn Lieder aus dem 19. Jahrhundert und fünf aus dem 20. Auch die relativ langen Gebrauchszeiten stellen ein der starken Traditionsorientierung geschuldetes Proprium dar. So war das „Missourische Gesangbuch“ von 1847 über 100 Jahre in Verwendung. Eine größere Durchlässigkeit stellt demgegenüber eine Besonderheit der neuesten Zeit dar und findet Niederschlag in gegenwärtigen Prozessen und Gesangbuchprojekten. Im Kontext anderer freikirchlicher Gesangbuchtraditionen sind hier also distinkte Besonderheiten festzustellen.

Die Musikwissenschaftlerin FRIEDLIND RIEDEL (Göttingen) und der Geograph SIMON RUNKEL (Bonn) stellten die Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojekts zum Lied- und Musikgebrauch in den Geschlossenen Brüdergemeinden vor, das auf innovative Weise kulturwissenschaftliche Zugangsweisen integrierte. Ausgehend von der These, dass Musik als zentraler Mechanismus anzusehen sei, über den Denominationen generiert würden, leuchteten sie auf den drei heuristischen Ebenen der „theological imagination“, der „churchscape“ und des „musicking“ die diskursiven Elemente aus, durch die im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion die „moralischen Topologien des Selbst“ entworfen würden, die schließlich zu entscheidenden Identitätsmarkern werden könnten. Als historisches Beispiel einer solchen moralisierenden Musikgeographie diente das Fehlen von Autoren- und Jahresangaben in den Gesangbüchern der Brüdergemeinden, das als ursprünglich theologischer Abgrenzungsmechanismus schließlich zu einem musikalisch-kulturellen Differenzmarker geworden sei.

HORST KRÜGER (Wuppertal) zeichnete in seinem Vortrag die Entstehungskontexte des Christlichen Sängerbundes im 19. Jahrhundert nach, indem er zunächst die Singbewegung der ersten Jahrhunderthälfte pointiert in den unterschiedlichen sie bestimmenden Aspekten skizzierte. Ihr ging es um eine feste lebensweltliche Verankerung gemeinschaftlichen Singens im Sinne einer tatsächlichen Veränderung des Lebensstils. Gegenüber dieser ganzheitlichen Sicht konstatierte Krüger für die Wende zum 20. Jahrhundert eine stärkere Funktionalisierung christlichen Chorgesangs für den Einsatz in Erweckungsveranstaltungen. Eine intensivere Anknüpfung an die Anliegen der Singbewegung habe es im 1879 gegründeten Christlichen Sängerbund erst wieder ab den 1920er-Jahren gegeben. Spitzensätze der damaligen Zeit seien gewesen, dass eine echte Erneuerung des Singens mit einer Änderung des Lebens einhergehen müsse und es nicht primär um Singen und Musik, sondern um den Menschen gehe. Gleichwohl war damit in musikalischer Hinsicht eine Abkehr von der Romantik und die Hinwendung zur Ästhetik der Dissonanzbehandlung verbunden, was Krüger an einigen Beispielen aus dem Liedschaffen Paul Ernst Ruppels aufzeigte. Wahrhaftigkeit in der Kongruenz aus persönlicher Disposition des Singenden, verkündigter Botschaft und der die Hörenden herausfordernden musikalischen Umsetzung waren wesentliche Leitlinien. Diese zum Teil als „neobarock“ empfundenen Formen stießen in den Gemeinden durchaus auf Kritik.

HOLGER ESCHMANN (Reutlingen), Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen, entfaltete die Frage nach Berechtigung und Wert (frei)kirchlicher Chorarbeit unter psychologischen, kybernetischen und liturgischen Perspektiven. Neben dem allgemeinen Beitrag des Singens zur seelischen Gesundheit des Menschen sei das gemeinschaftliche Singen im Gemeindekontext zum einen ein wirksames Gegengewicht gegen die Erfahrung der Individualisierung und Pluralisierung, zum anderen durch die Aneignung geistlicher Texte aber auch so etwas wie ein „emotional intensiver Bibelgebrauch“. Liturgisch müsse deutlich gemacht werden, dass Chormusik integraler Bestandteil des Gottesdienstes sei und nicht etwa nur Beiwerk zum „Eigentlichen“ der Wortverkündigung. Im Anschluss an Peter Bubmann entfaltete Eschmann die der gemeindlichen Chorarbeit eigenen anabatischen, katabatischen, horizontalen und reflexiven Dimensionen, was ihn schließlich zu dem Fazit führte, dass christliche Chorarbeit ganzheitlich als Einübung in einen alternativen Glaubens- und Lebensstil zu verstehen sei.

WOLFGANG KABUS (Augsburg), emeritierter Professor für Kirchenmusik an der Theologischen Hochschule Friedensau, beschäftigte sich unter Einbezug soziologischer und kulturphilosophischer Entwürfe mit dem Verhältnis der Kirchen zur popularen Musikkultur und führte damit in ein Spannungsfeld, das er mit einem vierfachen „Unbehagen“ von kirchlicher Seite charakterisierte. Einem von ihm konstatierten „kulturellen Unbehagen“ setzte er die Notwendigkeit einer neuen Theologie der Kultur entgegen, die ein grundsätzliches Ja zur Kultur der Gegenwart finde und sich produktiv auf sie einlasse. Gegenüber gesellschaftlich-soziologischen Vorbehalten machte er deutlich, dass eine sich als „ästhetische Inszenierung“ verstehende Postmoderne nicht mit geistlicher Oberflächlichkeit gleichgesetzt werden dürfe. Speziell in kirchenmusikalischer Hinsicht sei das „ästhetische Unbehagen“ gegenüber popularen Musikformen vor allem auf mangelnde fachliche Kompetenz zurückzuführen, sich mit diesen Formen wirklich auseinandersetzen zu können. Gegenüber theologischen Einwänden, in der popularmusikalischen „Erzählweise“ als Teil postmoderner Kultur eine „kulturelle Verwahrlosung“ zu sehen, machte er deutlich, wie sehr eine neue Semantik von kirchlicher Seite benötigt werde, um von den neuen Gegebenheiten kontemporären Lebensgefühls nicht abgehängt zu werden. Aus diesen Überlegungen leitete er seine Schlussthese ab, dass Popularmusik auf höchst eindrucksvolle Weise zeige, „dass es einer der größten protestantischen Irrtümer ist zu meinen, Religion sei nur eine Sache der bewussten Wahrnehmung“.

CLEMENS MUDRICH (Bautzen) gab einen Forschungsbericht über sein am Theologischen Seminar Beröa durchgeführtes Projekt, das auf breiter Datenbasis die gegenwärtige Lobpreiskultur in verschiedenen Kirchen untersuchte. Dabei verstand er Lobpreismusik – etwa im Gegensatz zur „Contemporary Christian Music“ – als dezidiert gottesdienstliche Musik mit dem Ziel, Menschen in die Anbetung Gottes zu führen. Auch er rekurrierte auf die grundsätzliche postmoderne Erlebnisorientiertheit, auf die die Kirchen auch im Hinblick auf die Musik- und Liedformen lange nicht so recht zu reagieren gewusst hätten. Die Notwendigkeit stetiger „Re-formation“ sah er, bedingt durch den kulturellen Wandel, daher auch für diesen Bereich gegeben. Gleichwohl müsse man auch den in frommem Egoismus, geistlichen Automatismen und theologischer Bedeutungsverengung liegenden Gefahren einer ausgeprägten Lobpreiskultur aufmerksam gegenüber stehen. Die aufgrund der ausführlichen Darstellung der heuristischen Rahmenbedingungen nur noch sehr punktuell mögliche Präsentation der Datenerhebung machte divergierende Akzentsetzungen und Zuordnungen von Lobpreiskultur und sonstigen Elementen gemeindlichen Lebens in den unterschiedlichen (Frei)Kirchen deutlich.

Resümierend lässt sich festhalten, dass durch den multiperspektivischen Zugang das Tagungsthema – wenn auch nur schlaglichtartig – in großer Breite ausgeleuchtet werden konnte. Eine stärkere Orientierung an konkreten Leitfragen hätte den unterschiedlichen Beiträgen dabei sicher mehr Kohärenz gegeben. In historischer Perspektive dürften bezogen auf das 19. Jahrhundert für zukünftige Forschungen besonders interkulturelle Fragestellungen von Bedeutung sein, da sich in den einschlägigen Transferprozessen theologische und kulturelle Motive miteinander verbanden und von daher die unterschiedlichen religionskulturellen Verflechtungen gewinnbringend analysiert werden könnten. Bezogen auf das 20. Jahrhundert liegen Forschungdesiderate unter anderem beim freikirchlichen Umgang mit jüdischstämmigen Komponisten und Liederdichtern und der Ausbildung und Beschäftigung freikirchlicher (Kirchen)Musiker. In eher praktisch-theologischer bzw. soziologischer Hinsicht könnte noch stärker nach der Differenzierung zwischen freikirchlicher und volkskirchlicher Musikpraxis gefragt werden.

Die Tagung hat gezeigt, wie fruchtbar das wissenschaftliche Gespräch unter den einzelnen Disziplinen ist, und machte in ihren Vorträgen zu einem guten Teil deutlich, wie interdisziplinäre Zugangsweisen aussehen können. Gerade die Integration kulturgeschichtlicher Perspektiven und Fragestellungen könnte in Zukunft verstärkt und mit Gewinn auf dieses Forschungsfeld angewandt werden.

Konferenzübersicht:

Johannes Hartlapp: Einführung in das Thema

Günter Balders: Liedgut und Musik in den Freikirchen – ein (persönlicher) Rückblick

Manfred Weingarten: Liedgut und Musik in den Gesangbüchern der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche und ihrer Vorgängerkirchen

Friedlind Riedel/Simon Runkel: „In Geist und Wahrheit“. Eine musikgeographische Analyse kultureller Praktiken christlicher Versammlungen der sogenannten Geschlossenen Brüder

Podiumsdiskussion: Die Arbeit der Gesangbuchausschüsse

Horst Krüger: Die Singbewegungen – Paul Ernst Ruppel und der Christliche Sängerbund

Holger Eschmann: Die Aufgabe des Chores in Gemeinde und Gottesdienst

Wolfgang Tost: Der Liedermacher als Evangelist

Wolfgang Kabus: Christliche Popularmusik – Die Kirche(n) als popkultureller Partner wider Willen

Clemens Mudrich: Der Gottesdienst als Lobpreisevent? Historische, praktisch-theologische und musikpsychologische Aspekte heutiger Lobpreiskultur

Johannes Hartlapp: Abschluss der Tagung

Anmerkung:
[1] Vgl. als Überblick Günter Balders, Art. „Lied / Kirchenlied V. Freikirchen“, in: Musik in Geschichte und Gegenwart Bd. 5, Kassel 1996, Sp. 103-110.125f.

ZitierweiseTagungsbericht Liedgut und Musik in der Geschichte der Freikirchen. 28.09.2012–29.09.2012, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 15.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4571>.

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