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„Geschichte wird gemacht. Von der Quelle zum Text“ - Doktorand/innenworkshop

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Lina Nikou / Janine Schemmer / David Templin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Datum, Ort:21.09.2012, Hamburg

Bericht von:
Hannah Jonas, Eberhard Karls Universität Tübingen
E-Mail: <hannah.jonasuni-tuebingen.de>

Eigentlich müsste die Arbeit nur noch geschrieben werden. Wie entsteht jedoch aus einer unübersichtlichen Menge an Material eine stringente und lesbare Geschichte? Welche Rolle spielt der Autor selbst im Text? Welche Vorstellungen und Konventionen beeinflussen das Schreiben? Wie wirken sich Zeit(druck) und Raum auf die Ergebnisse aus? Wie erzeugt man eine angemessene Distanz zum Material und der Sprache der Quellen, ohne den Bezug zum Gegenstand zu verlieren?

Fragen zum Schreibprozess des Historikers bildeten den Knotenpunkt des Doktorandenworkshops „Geschichte wird gemacht – Von der Quelle zum Text“ an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

Die Organisator/innen konzipierten die Veranstaltung bewusst nicht als „Schreibwerkstatt“ mit praktischen Übungen, sondern stellten die Reflexion des Schreibprozesses selbst ins Zentrum der Überlegungen. Die Frage, wie Geschichte „entstehe“ sei zwar nicht neu, betonte Lina Nikou – im Namen der Veranstalter/innen – in ihrem einleitenden Kommentar, jedoch werde die Diskussion über das Schreiben und das Verfassen von Forschungsergebnissen in der deutschen Geschichtswissenschaft vernachlässigt. Umso erfreulicher erschien das große Interesse am Thema, das Referenten wie Teilnehmer in lebhaften Debatten an den Tag legten.

ALEXANDER KRAUS (Münster) berichtete, wie ihn die Auseinandersetzung mit dem eigenen Material dazu veranlasst hatte, einen Blick hinter die Kulissen der Wissensproduktion zu werfen. Gemeinsam mit Birte Kohtz war aus der Beschäftigung mit diesem Thema ein Interviewprojekt entstanden, in dem die beiden Autoren zehn Historiker zu ihrer individuellen Arbeitsweise befragten.[1] Warum hatten diese ihre Geschichte auf eine bestimmte Art und nicht anders erzählt? Zentral für das Ineinandergreifen von Erkenntnis- und Schreibprozess der Interviewten schien vor allem die Auseinandersetzung mit der Ordnung zu sein. Unfähig, das angewendete Ordnungssystem durchzuhalten, bewegten sich die befragten Historiker in ihrem Schreiben zwischen gefühltem Chaos und drastischer Reduktion. Das Schreiben habe dabei eine Eigendynamik entwickelt, die zur Verdichtung von Gedanken und zum Entstehen neuer Erkenntnisse führte. Eine katalytische Funktion für die Textproduktion wies Kraus vor allem den Hindernissen und Hemmnissen des Schreibens zu, aber auch der Fähigkeit, sich auf Zufälle einlassen zu können. Denkanstöße für die Wissenschaftspolitik ergaben sich nach Kraus zum einen daraus, dass kreative Herangehensweisen durch die Standardisierung der Forschung zunehmend eingeschränkt würden und sich Fragen der Qualität damit in die Wissenschaftsverwaltung verlagerten. Zum anderen sei angesichts der engen Verzahnung von Erkenntnis- und Schreibprozess zu kritisieren, dass dem Schreiben in der universitären Lehre nur eine untergeordnete Rolle zukomme. Es bedürfe deshalb einer wesentlich höheren „Textkorrekturintensität“ an der Universität.

Diskutiert wurden im Anschluss insbesondere die Fragen, ob Forschungs- bzw. Graduiertenkollegs als Unterstützung oder Einengung des Forschers zu begreifen seien und ob nicht dem Ideal des Wissenschaftlers als kreativem Künstler auch „klassische“ Arbeitsprozesse des Wissenschaftlers im universitären Umfeld gegenübergestellt werden müssten.

Von der Entstehung ihrer Dissertation [2] als „Schreiben an der Grenze zum Scheitern“ berichtete ULRIKE KLÖPPEL (Berlin). Auch sie betonte das produktive Element von Krisen und Blockaden. Die Schreibhemmung sei gewissermaßen notwendig, da sie mit Pausen einhergehe. Im Zurücktreten vom Gegenstand werde die erforderliche Distanz geschaffen, die es ermögliche, Gedanken wieder klarer zu fassen. Das Schreiben sei demnach eine Übung des Selbstbezuges und der Intuition, in deren Verlauf affektive Momente der Scham überwunden und vom Vertrauen ins eigene Tun abgelöst würden. Ebenso konstitutiv für den Schreibprozess sei nach Klöppel die Interaktion mit einem Gegenüber. Mit dessen Hilfe werde das eigene Möglichkeitsfeld überschritten und die Frage „Ist es eigentlich interessant, was ich schreibe?“ gespiegelt. Letztlich schreibe man sich immer auch in einen bestimmten Diskurs ein, dessen Regeln durch die Wahl der Begriffe eingehalten oder überschritten werden könnten. Daher sei es hilfreich, sich auch ein genaues Bild von seiner Leser/innenschaft und deren sprachlichen Konventionen zu machen.

Problematisiert wurde in der anschließenden Diskussion die Rolle der Pause. Zwar waren sich die Diskutanten weitgehend einig, dass Pausen zum Schreiben gehören und ein produktives Element darstellen, jedoch wurde auch die Frage aufgeworfen, ob man sich vom Zeitfaktor und vom Unverständnis der Umwelt überhaupt lösen könne – besonders da oft mehrere Projekte gleichzeitig bearbeitet werden müssten.

KLARA LÖFFLER (Wien) beschrieb ausgehend vom Standpunkt des ethnographischen Arbeitens das Schreiben als Kulturtechnik, das zum einen einer gewissen Abstraktion des Mündlichen bedürfe und zum anderen per se als Form der Popularisierung, in Form einer „Übersetzung“ für andere Diskursteilnehmer verstanden werde. Die Sprache diene in ihrer Reflexivität als Aufforderung, den eigenen Standpunkt sowohl zum eigenen Material als auch zu einem Gegenüber in Beziehung zu setzen. Eine disziplinierende Funktion sprach sie dabei wissenschaftlichen Standards zu, die insbesondere bei Qualifikationsarbeiten den wichtigsten Bezugsrahmen stellten. Trotz – oder gerade wegen – der vielen Formen des „Formatdrucks“ (durch Zeitschriften, Verlage, Scientific Communities) sei es hilfreich und wichtig, sich für Freiräume und Spielereien weiteren Themenfeldern zuzuwenden, die wiederum produktiv für die Arbeit sein könnten.

Diskutiert wurde zum einen die Frage, ob Schreiben Abstraktion und Popularisierung zugleich sein könne. Laut Löffler gehöre diese Ambivalenz von „Übersetzung“ und Reflexivität zum Wesen der Sprache und müsse beim Schreiben immer wieder bedacht werden. Zum anderen wurde erörtert, welche Formatmöglichkeiten Nachwuchswissenschaftlern überhaupt zur Verfügung stehen. Auch wenn der Rahmen für Qualifikationsarbeiten eher eng gesteckt sei, wurde dafür plädiert, dass Doktoranden sich unbedingt Freiräume für kreative Ansätze schaffen und erhalten sollten.

Über die Herausforderung, Quellen überhaupt „zum Sprechen“ zu bringen, sprach MATTHIAS ZAFT (Halle). In seinem Plädoyer für „Akribie in der Reflexion“ ging es vor allem um das Nachdenken darüber, wie der „Klang“ einer historischen Arbeit zustande kommt. Dazu müsse sich der Autor nicht nur der Materialität seiner Quellen bewusst sein, sondern auch mit der Gebundenheit der eigenen Denk- und Vorstellungswelt umgehen. Einfluss auf das Forschungsergebnis habe nicht zuletzt auch der „Ort“ der Untersuchung – seien es reale Räume wie zum Beispiel das Archiv und der Schreibtisch oder aber imaginierte Orte, die der Visualisierung des Untersuchungsgegenstands dienen. In einem unterhaltsamen Bericht zur Genese seiner Dissertation [3] beschrieb Zaft, wie er zunächst unbewusste Denkmuster aufdecken und abschütteln musste, um die geeignete Methode für sein Material zu finden, die zugleich auch den individuellen Neigungen entsprach. In diesem Fall war die Linguistik der Schlüssel zu den Quellen: in einem moralisch aufgeladenen Themenfeld schützte die linguistische Methode ihn davor, sich zum Anwalt bestimmter Akteure zu machen, und brachte stattdessen neue Erkenntnisse über die zugrundeliegenden Narrative an die Oberfläche.

Die Diskussion behandelte insbesondere die Rolle des „Raumes“ für die Schreibarbeit. So wirke sich nicht nur der Ort des Forschens auf das Schreiben aus, sondern auch die Kenntnis des Autors/ der Autorin über den „Ort des Geschehens“ der zu beschreibenden Ereignisse. Es sei zu empfehlen, die Wirkungsstätten der jeweiligen Akteure persönlich aufzusuchen und damit den Raum als Quellengattung ernst zu nehmen.

JAN KUNZE (Hamburg), CHRISTIAN DIETRICH (Frankfurt/Oder) und MARIE SCHENK (Hamburg) stellten im letzten Teil der Veranstaltung Kapitel ihrer laufenden bzw. unlängst abgeschlossenen Dissertationen zur Diskussion. In den Gesprächen wurde deutlich, wie sehr die Verfügbarkeit und Sprache der Quellen sowie der individuelle Blickwinkel der Autor/innen die Forschungsergebnisse beeinfluss(t)en. Den Kern der anschließenden Debatte bildeten daher Fragen nach Nähe und Distanz zum Material. Mögliche distanzschaffende Faktoren schienen zum einen theoretische Zugriffe (wie beispielsweise die Begriffsgeschichte) zu sein. Sie ermöglichen zwar eine gewisse Emanzipation von der „Eigenerzählung“ des Materials, bergen jedoch gleichzeitig die Gefahr der frühzeitigen Erstarrung des Erkenntnisprozesses. Zum anderen wurde auch eine Differenzierung durch „Mehrstimmigkeit“ der Erzählung vorgeschlagen – insbesondere bei Themen, die eine starke moralische Komponente besitzen.

In der Abschlussdiskussion fielen die Meinungen zum Wert einer solchen Veranstaltung durchweg positiv aus. Mit den Fragen nach dem Zusammenhang von Schreib- und Erkenntnisprozess, nach dem Verhältnis des Autors zu seinem Material und nach äußeren, den Schreibprozess beeinflussenden Faktoren, wie denen des Ortes und der Zeit, wurden Felder besprochen, die in wissenschaftlichen Veranstaltungen selten thematisiert werden. Da diese Themen immer auch mit sehr persönlichen Gesichtspunkten (wie Momenten des Scheiterns und Zweifelns) verbunden sind, ist es nicht zuletzt der Offenheit der Referenten und Teilnehmer zu verdanken, dass ein produktiver Dialog überhaupt stattfinden konnte. Als Aufforderung, den Spaß an der Wissenschaft und am Schreiben (wieder-) zu entdecken, kann man sich nur freuen, wenn zukünftig weitere Veranstaltungen ähnlichen Formats angeboten werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Dorothee Wierling, Lina Nikou

Panel I: Zwischen Arbeit und Passion

Alexander Kraus (Münster): Basteln an der Geschichte. Ein Interviewprojekt über die Praxis geschichtswissenschaftlicher Wissensproduktion.

Ulrike Klöppel (Berlin): Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken…

Panel II: ForscherInnen und Quellen im Text

Klara Löffler (Wien): (Selbst)Reflexionen – Der Forscher im Text oder: Wir sind immer mindestens zu zweit.

Matthias Zaft (Halle): Der Ton macht die Musik? Quellen im Text.

Panel III: Projektdiskussionen

Jan Kunze (Hamburg): Die Protestbewegungen von 1968 in Mexiko und Brasilien: Zwischen lokalem Protest und globaler Revolte.

Christian Dietrich (Frankfurt/Oder): Von verweigerter Anerkennung bis zum Selbstbild. Identitätsbildungsprozesse des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ in den Jahren von 1893 bis 1914.

Marie Schenk (Hamburg): Die Machbarkeit von Menschenbildern. Vorstellungen von Behinderung in der humangenetischen Beratung und ihre Kritik in der Bundesrepublik der 1960er bis 1990er Jahre.

Anmerkungen:
[1] Alexander Kraus / Birte Kohtz (Hrsg.), Geschichte als Passion. Über das Entdecken und Erzählen der Vergangenheit. Zehn Gespräche, Frankfurt am Main 2011.
[2] Ulrike Klöppel, XX0XY ungelöst. Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität, Bielefeld 2010.
[3] Matthias Zaft, Der erzählte Zögling. Narrative in den Akten der deutschen Fürsorgeerziehung, Bielefeld 2011.

ZitierweiseTagungsbericht „Geschichte wird gemacht. Von der Quelle zum Text“ - Doktorand/innenworkshop. 21.09.2012, Hamburg, in: H-Soz-Kult, 22.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4556>.

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