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Bildpolitik – Grenzen des Darstellbaren. Fotografie und Karikatur in den Böhmischen Ländern und in Deutschland

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Datum, Ort:23.11.2012–24.11.2012, Mainz

Bericht von:
Frauke Wetzel, Dresden
E-Mail: <frauke.wetzelgmail.com>

Fotografien und Karikaturen prägen unser Bild von Geschichte wesentlich. Für die Wahrnehmung und Deutung der (Beziehungs-)Geschichte von Tschechen und Deutschen spielen Bilder eine große Rolle. So zählt zum Beispiel das Bild von Jiří Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher beim symbolischen Zerschneiden des Eisernen Vorhangs 1989 zu den „Ikonen“ der gemeinsamen Erinnerung. Bilder konstruieren nicht nur Wirklichkeit, sondern werden inszeniert, um medial Emotionen zu vermitteln, Aufmerksamkeit zu generieren und auch zum Handeln anzuregen. Bilder und Karikaturen nehmen teil am Geschehen und dokumentieren bzw. paraphrasieren es. Somit können Bilder als Quelle für historische Sachverhalte und in ihrer Funktion betrachtet werden und als Dokumente für die Untersuchung von historischem Sehverhalten dienen.[1]

Mit dem Thema Bildpolitik befasste sich die Jahrestagung der Historischen Kommission für die böhmischen Länder, die am 23. und 24. November 2012 an der Universität Mainz stattfand. Konzipiert wurde die Tagung von Theresa Langer (Frankfurt am Main / Passau), als Kooperationspartner traten der Fachbereich Kulturanthropologie/Volkskunde am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft, vertreten durch Sarah Scholl-Schneider, und der Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, vertreten durch Jan Kusber, auf.

Die Mainzer Tagung beschäftigte sich mit Teilbereichen der visual history [2], mit Fotografien und Karikaturen, wobei im Mittelpunkt die Veröffentlichungspraktiken standen und der zeitliche Schwerpunkt auf der Mitte des 20. Jahrhunderts, der regionale Fokus auf der Tschechoslowakei, und hier besonders auf den Grenzgebieten, lag. Die „Grenzen des Darstellbaren“ wurden in interdisziplinärer Runde diskutiert – so konnte die Frage nach der Bedeutung des „iconic turn“ für die Beschäftigung mit den böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet werden.

Den Auftakt der Tagung bildete ein Besuch des Archivs der dpa Deutsche Presse-Agentur picture alliance in Frankfurt/Main. Das Bild hat in den Medien das Wort in seiner Bedeutung überholt. Dieser Bedeutungswandel des Bildes zeigt sich unter anderem an der Größe der dpa-Bilddatenbank mit über 23 Millionen Fotos, die das komplette 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart bebildern.[3]

In seiner Begrüßung hob ROBERT LUFT (München) die Bedeutung des transdisziplinären Ansatzes bei der Betrachtung der visuellen Medien hervor. Kompetenzen könnten so zusammengeführt werden und Begriffe, die in den einzelnen Disziplinen verschiedenen verstanden würden, klarer definiert werden.

JENS JÄGER (Köln) weitete mit seinem Eröffnungsvortrag „Bildjournalismus und Propaganda“ den Blick über Deutschland und Tschechien hinaus. Die von ihm verfasste Grundlagenliteratur zur Fotogeschichte [4] referierend, lud er zu einer Diskussion über die bildhistorischen „Schätze“ in Ostmitteleuropa ein. In dieser Region seien Fragen eröffnet worden, die die Debatte über Fotogeschichte allgemein sehr befruchten könnten. Jäger skizzierte die Entwicklung und Funktion von Bildjournalismus und Propaganda und wies auf die Probleme hin, die ihre Erforschung aufwirft: in erster Linie fehlende Quellen für die Erfassung der Rezeption von Bildern. Als produktiv erweise sich die Analyse des Auswahlprozesses, der vor der Veröffentlichung von Bildmaterial stattfindet, denn er mache Intentionen und Vermittlungswünsche sichtbar. Auch die Häufigkeit der Reproduktion könne etwas über die Rezeption von Bildern aussagen. Bilder hätten aber auch eine Eigendynamik, deren Wirkung nicht vorhersehbar sei und sich daher auch weniger zur zielgerichteten Propaganda nutzen lasse. Jäger verwies auf die Bedeutung und den Zusammenhang von Text und Bildern. Diese seien als Gesamtheit eines Kommunikationsangebots zu betrachten, aber auch getrennt zu untersuchen. Schließlich sei die Untersuchung von Pressestellen und Agenturen ein Forschungsdesiderat.

THERESA LANGER eröffnete die Präsentationen von derzeit entstehenden Dissertationen mit der Vorstellung ihres Promotionsprojekts an der Universität Passau mit dem Titel „Grenzlandfotografie. Die fotografische Darstellung der tschechischen Grenz¬gebiete in tschechischen Printmedien im ersten Nachkriegsjahrzehnt“. Anhand des Fotobildbandes „Budujeme pohraničí“ (Wir bauen das Grenzland auf)[5] analysierte sie die Erzählstrategie des Propagandabandes und dessen beabsichtigte Wirkung, Arbeitskräfte vor allem in die landwirtschaftlichen Gegenden des entsiedelten Grenzlandes zu locken. Die Leerstellen, das was nicht abgebildet wurde, waren die Ruinen, die Städte und die Misserfolge in diesem Besiedlungsvorgang. Moderatorin EVA PLUHAŘOVÁ-GRIGIENÉ (Hamburg) regte an, den Bildband vor dem Hintergrund der ebenfalls 1950 begonnenen Strömung „nová fotografie“ (Die neue Fotografie), weiter zu untersuchen und zu fragen, in wie weit sich hier die Diskussion über die Darstellung der neuen „sozialistischen Landschaft“ durchsetzen konnte.

PETR KARLÍČEK (Děčín/Ústí nad Labem) verdeutlichte mit seinem Beitrag über das sudetendeutsche Satiremagazin „Der Igel“, das zwischen 1935 und 1938 in einer Auflage von 20.000 Exemplaren erschien, wie fruchtbar Karikaturen für die Analyse des Zeitgeistes sein können. Er zeigte die Darstellung von Freund- und Feindbildern, informierte über die Akteure, Redakteure und politischen Vertreter, und verglich den „Igel“ und seinen Umkreis mit anderen zeitgenössischen satirischen Zeitungen in Deutschland und in der Tschechoslowakei.

Im Anschluss daran stellte EVA PALIVODOVÁ (Plzeň/Praha) ihr Dissertationsprojekt „Images of the Enemy in Photographs and Caricatures in Czechoslovakia 1948-1956“ vor. Anhand der Typologisierung von Jaroslav Jerman [6], der zwischen inneren Feinden (Kapitalisten, Kulaken, Agenten, Spione) und äußeren Feinden (Imperialisten, Emigranten, Vatikan) unterscheidet, ging sie der bildlichen Umsetzung solcher Feindbilder in tschechoslowakischen Zeitungen und Zeitschriften nach (Rudé Pravo, Československý voják, Vlasta, Dikobraz). In der Diskussion wurde nach den Unterschieden zwischen den Medien Fotografie und Karikatur und ihrer Vergleichbarkeit gefragt – eine Frage, die sowohl für die entstehende Arbeit als auch für die Tagung nicht in Gänze beantwortet werden konnte.

Insgesamt konnte die Tagung aufgrund ihrer Kürze viele Punkte nur anschneiden. So wäre eine verstärkte Einbeziehung des ästhetischen Blicks auf Bild und Karikatur wünschenswert gewesen. Fotografien und Karikaturen in ihren Produktionsbedingungen (Agenturen, Verlage, Redakteure, Medien) blieben ein Desiderat. Die Frage nach der visual consumption und der Rezeption von visuellen Medien allgemein blieb offen. Die Quellenlage und Untersuchungsmöglichkeiten hierzu scheinen begrenzt zu sein, was im Einzelfall aber zu prüfen wäre. Auch der erwähnte Aspekt des Einsatzes von Fotografien und Karikaturen in der Geschichtsdidaktik würde es verdienen, in einer weiteren Tagung diskutiert zu werden. Die Auseinandersetzung mit visuellen Medien für den deutsch-tschechischen bzw. den böhmischen Kontext sollte unbedingt fortgesetzt werden.

Konferenzübersicht:

Robert Luft (München): Begrüßung

Jens Jäger (Köln): Bildjournalismus und Propaganda

Moderation: Sarah Scholl-Schneider (Mainz)

Theresa Langer (Frankfurt am Main / Passau): Grenzlandfotografie. Die fotografische Darstellung der tschechischen Grenz¬gebiete in tschechischen Printmedien im ersten Nachkriegsjahrzehnt

Petr Karlíček (Děčín / Ústí nad Labem): My a oni: Karikatury sudetoněmeckého satirického časopisu Der Igel (1935-1938) / Wir und sie: Die Karikaturen des sudetendeutschen Satiremagazins der Igel (1935-1938)

Moderation: Eva Pluhařová-Grigiené (Hamburg)

Eva Palivodová (Plzeň / Praha): Images of the Enemy in Photographs and Caricatures in Czechoslovakia 1948-1956

Schlussdiskussion: Perspektiven und Desiderata der geschichtswissenschaftlichen Forschung über visuelle Medien im deutsch-tschechischen Kontext

Anmerkungen:
[1] Gerhard Paul (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006.
[2] Gerhard Jagschitz, Visual History, in: Das audiovisuelle Archiv Nr. 29/30 (1991), S. 23-51.
[3] <www.picture-alliance.com/> (10.12.2012).
[4] Jens Jäger, Photographie: Bilder der Neuzeit. Einführung in die Historische Bildforschung, Tübingen 2000.
[5] Zdeněk Forman / Vojtěch Jasný /Karel Kachyňa, Budujeme pohraničí [Wir bauen das Grenzland auf], Praha 1950.
[6] Jaroslav Jerman, O obraně země proti vnitřním i vnějším nepřátelům Komunistická strana Československa [Über die Landesverteidigung gegenüber den inneren und den äußeren Feinden der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei], Praha 1952.

ZitierweiseTagungsbericht Bildpolitik – Grenzen des Darstellbaren. Fotografie und Karikatur in den Böhmischen Ländern und in Deutschland. 23.11.2012–24.11.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4543>.

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