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HT 2012: Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum, Ort:25.09.2012–28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Julia Schnaus, Universität Regensburg
E-Mail: <julia.schnausgeschichte.uni-regensburg.de>

Abfall entsteht in jeder Gesellschaft durch Produktion und Konsumtion, im Laufe der Zeit hat sich der Umgang damit jedoch stark gewandelt. Ob der Abfall eher als nutzbare Ressource oder unerwünschtes Material angesehen wird, hängt mit der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Situation eines Landes zusammen. Aus diesen Aspekten folgt, dass eine multidimensionale Betrachtung des Themas „Abfall“ sinnvoll ist, um verschiedene Facetten des Begriffes beleuchten zu können.

Sektionsleiter ROMAN KÖSTER (München) ging in der Einleitung zunächst auf das Definitionsproblem ein, denn was unter „Abfall“ verstanden werde, sei keineswegs in allen Betrachtungsweisen identisch. Zunächst fasse man darunter alles, was keinen ökonomischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Wert habe sowie auf dem Markt einen zu geringen Preis erziele. Eine wirtschaftliche Betrachtungsweise beschäftige sich vor allem mit Marktaspekten, die allerdings nicht ausreichend seien, um das Phänomen „Abfall“ vollständig erklären zu können. Neben die wirtschaftsgeschichtliche müsse auch eine umwelt-, technik- sowie alltagsgeschichtliche Herangehensweise treten. Die Auswahl der Referenten spiegele die Anforderung einer multidimensionalen Betrachtungsweise wieder. Die jeweiligen Forschungsrichtungen beschäftigen sich laut Köster mit verschiedenen Akteuren, die Abfall produzierten, beseitigten oder sich theoretisch damit auseinandersetzten, also beispielsweise Hausfrauen, der Stadtreinigung und dem Staat, der vor allem in den Weltkriegen sehr stark in die Wiederverwertung eingegriffen habe. Im Mittelpunkt der Sektion stünden demnach die Interdependenzen zwischen Akteuren, Strukturen und der Distribution von Abfall vor dem Hintergrund der jeweiligen disziplinären Betrachtungsweise. Der in der Konferenzübersicht angekündigte Vortrag von Reinhold Reith (Salzburg) musste aufgrund von Krankheit entfallen.

Eine eher alltagsgeschichtliche Betrachtungsweise nahm HEIKE WEBER (Berlin) in ihrem Vortrag „Schaffet Werte aus Nichts“ ein. Im Fokus ihres Vortrages standen das Mitwirken von Frauen am Recycling während des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie ein Vergleich der beiden Arten von Abfallentsorgung, insbesondere lag der Fokus auf der Verwertung von Küchenresten. Im Ersten Weltkrieg war laut Weber die Mobilisierung der Frauen für die Wiederverwertung markant. Müll sei als Ressource regelrecht ausgebeutet worden. Dies sei aber keine neue Erscheinung gewesen, bereits im Kaiserreich sei die Sparsamkeit der deutschen Hausfrau als Wert etabliert gewesen, an den man nur hätte anknüpfen müssen.[1] Speisereste seien beispielsweise schon zu dieser Zeit an Tiere verfüttert worden und in Berlin-Charlottenburg habe es ab 1907 eine Dreiteilung des Abfalls in Asche und Kehricht, Küchenreste und „gewerbliche Abfälle“ gegeben. Weber stellte heraus, dass die Frauen während des Ersten Weltkrieges – im Gegensatz zur NS-Zeit bzw. dem Zweiten Weltkrieg – nicht Handlanger staatlicher Politik gewesen seien, sondern zuerst selbst die Initiative ergriffen und die Organisation der Wiederverwertung übernommen hätten. Dies stellte sie am Beispiel des Nationalen Frauendienstes in Frankfurt am Main dar. Zuerst hätten lokale Programme der Abfallentsorgung existiert, die sich in die Bereiche trockene Küchenabfälle, Eierschalen und Knochen unterteilen ließen. Die Reste seien zum einen für Viehfutter, zum anderen auch für die Herstellung von Düngemitteln wie Phosphor verwendet worden. Die staatliche Politik sei erst 1916 mit der Reichsgesellschaft für deutsches Milchkraftfutter in die Wiederverwertung der Abfälle eingestiegen. Die Abfallpolitik weist laut Weber eine Kontinuitätslinie bis zur NS-Zeit auf, im Vergleich zum Ersten Weltkrieg hätten aber während des Zweiten Weltkrieges genauere Vorschriften bestanden, das Ziel sei eine „totale Erfassung“ aller Haushalte, Gewerbe und Mülldeponien gewesen.[2] Insbesondere die Hitlerjugend und der Bund deutscher Mädel seien aus erzieherischen Gründen in den Sammelprojekten eingesetzt worden. Zum Schluss des Vortrages stellte Weber heraus, dass die quantitative Bedeutung der Müllentsorgung kaum eingeschätzt werden könne. Wichtiger sei die ideologische Bedeutung der Wiederverwertung, die Mobilisierung an der Heimatfront gewesen, ob ökonomisch sinnvoll oder nicht, habe eine untergeordnete Rolle gespielt. Außerdem habe eine Umdeutung in der Bewertung von Abfall stattgefunden. Hygienische Argumente spielten, so Weber, eine weniger große Rolle, die Möglichkeit der potentiellen Verwertung beispielsweise für Viehfutter, habe an Bedeutung gewonnen.

Ebenfalls die NS-Zeit, aber aus französischer Perspektive, nahm CHAD DENTON (Seoul) in den Blick. Er legte dar, dass sich die französische Abfallwirtschaft bereits vor der Besatzungszeit an der deutschen orientiert habe, beispielsweise habe es 1939 im Elsass bereits einen Aufruf zum Lumpensammeln gegeben. Insbesondere aber während des Vichy-Regimes ab 1940 habe sich die Wiederverwertung in weiten Teilen am deutschen System der Wiederverwertung orientiert, während sie vorher dezentral organisiert gewesen sei. Laut Denton bestand dieses System sogar nach Ende des Kriegs bis 1946 fort. Nachzuweisen sei dies unter anderem an Wiederverwertungsexperten aus Deutschland, die in Frankreich eingesetzt worden seien und eine Totalität der Wiederverwertung propagiert hätten. Insbesondere seien jüdische Bürger in großem Maße aus dem Altstoffhandel verdrängt und die vorher dezentrale Organisation der Abfallverwertung beseitigt worden. Dass die Wurzeln der Récupération in Deutschland lägen, sei der französischen Bevölkerung aber verschwiegen und das Wiederverwerten als patriotischer Akt verkauft worden. Beispielsweise seien Schulklassen in großem Stil zu Sammelaktionen eingesetzt worden. Die Sammlung von Alteisen und Altpapier habe beispielswiese der Bewaffnung dienen sollen. Die Bevölkerung wäre in Filmen und Presseslogans auf den Wert der Abfallwiederverwendung hingewiesen worden.

Während sich die vorangegangenen Vorträge mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigten, nahm ROMAN KÖSTER (München) die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 aus wirtschaftshistorischer Perspektive in den Blick und beschäftigte sich mit der Frage, warum die alte Form des Wiederverwertens in den 1960er-Jahren verschwand und wie in den 1970er-Jahren eine neue Form des Recycelns entstand. Laut Köster gibt es vier Erklärungen für das Verschwinden des Wiederverwertens in den 1960er-Jahren. Erstens nennt er den Wohlstandszuwachs, durch den der wirtschaftliche Nutzen des Recycelns verloren gegangen sei. Zweitens die städtebaulichen Veränderungen, Dörfer seien zu Vorstädten geworden, der vorher zu jedem Haus zugehörige Misthaufen sei aus dem Stadtbild verschwunden. Drittens die Durchsetzung der Selbstbedienung im Einzelhandel und viertens die Technisierung der Hausarbeit („Wegwerfgesellschaft“). Schon Ende der 1960er-Jahre allerdings sei der sorglose Umgang mit Abfall bereits wieder in Frage gestellt worden. In Folge darauf kam es laut Köster in den 1970er-Jahren zu einem Comeback des Recycelns. Das Konzept der „verlorenen Verpackung“ sei zunehmend angeprangert worden. Zur Wiederentdeckung des Recycelns trugen nach Köster vor allem die Verwissenschaftlichung der Abfallwirtschaft, das steigende Umweltbewusstsein der Bürger sowie eine zunehmende Institutionalisierung der Recycling-Infrastruktur (eher „Hol-“ als „Bring-“System) bei. Ökologische und ökonomische Faktoren hätten bei der Etablierung einer dauerhaften Recyclingstruktur eine Rolle gespielt. Köster betonte in seinem Resümee, dass sich das moderne Recycling vom traditionellen durch mehrere Aspekte unterscheide, unter anderem weil es durch internationale Unternehmen geprägt und weniger durch ökonomische Parameter bestimmt sei.

Ebenfalls die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtete CHRISTIAN MÖLLER (Bielefeld), konzentrierte sich aber im Gegensatz zu Köster auf die Abfallwirtschaft in der DDR. Er fragte insbesondere nach den Zäsuren und Wandlungsprozessen der Entsorgungssituation sowie den Akteuren und deren Motive. Die den Vortrag begleitende Frage war, ob die staatlichen Handlungsweisen eher durch ökonomische oder ökologische Paradigmen geprägt waren. In den 1950er-Jahren habe die Altstoffsammlung in der DDR an Bedeutung gewonnen, insbesondere durch den Mangel, der durch die Demontagen hervorgerufen worden sei sowie das einsetzende Wirtschaftswachstum. Beispielsweise sei in diesem Zusammenhang die Volkseigene Handelszentrale Schrott gegründet worden, außerdem habe es sog. „Schrottbeauftragte“ gegeben. An der Altstoffsammlung beteiligten sich laut Möller aber auch private Handelsbetriebe und Schulen. Für die Ablieferung von Altstoffen sei eine Prämie in Aussicht gestellt worden, des Weiteren hätten Altstofflotterien existiert, die zum Sammeln hätten anregen sollen. Zunehmend sei die Verwertung nicht-metallischer Rohstoffe wichtig geworden, die Verwertung sei aber aufgrund der schlechten Trennung schwierig gewesen. Laut Möller waren die Grundprobleme zum einen, dass die Einsicht fehlte, zu Sammeln und zu Verwerten, zum anderen Kompetenzstreitigkeiten zwischen den verschiedenen Ministerien und einzelnen Bezirken. Die Verwertung von Hausmüll habe kaum eine Rolle gespielt, da die Abfallmengen im Vergleich zu Westdeutschland gering gewesen seien. In den 1950er- und 1960er-Jahren habe sich in der DDR zum einen die getrennte Erfassung von metallischen und nichtmetallischen Rohstoffen durchgesetzt, zum anderen hätten sich unterschiedliche Arten der Altstoffsammlung in Industrie und Privathaushalten etabliert. Diese „doppelte Zweiteilung“ bestand, so Möllers These, bis 1990 fort. Trotz Bemühung seitens des Staates ab den 1970er-Jahren (Maßnahmenkataloge), die vielen dezentralen Mülldeponien zu beseitigen, sei die Deponie die wichtigste Art der Entsorgung bis 1990 geblieben. Müllbrände waren, so Müller, das Kennzeichen der DDR, hervorgerufen besonders durch Braunkohle-Abfälle, die leicht entzündbar gewesen seien. Die Herangehensweise des Staats war, laut Möller, durch ökonomische Zielvorstellungen gelenkt. Um den volkswirtschaftlichen Schaden des Abfalls zu verringern, sei die Idee eines Stoffkreislaufes entstanden, der Abfall hätte überflüssig machen sollen. Das Konzept der „geordneten Deponie“ habe sich aber nicht flächendeckend durchsetzen können, da einheitliche Deponiestandards bis in die 1980er-Jahre nur mangelhaft eingehalten worden seien bzw. gar nicht existierten. Erfolge gab es, so Möller, bei der Verwertung von Industrieabfällen durch neue Verwertungsverfahren und neue industrielle Anlagen. Die Haltung der Bevölkerung zu den Deponien sei ambivalent gewesen. Proteste habe es durchaus gegeben, allerdings habe man oftmals eine pragmatische Haltung gegenüber Deponien vorgefunden, da der überall herrschende Mangel zur Wiederverwertung gezwungen habe.

Die Umwelthistorikerin VERENA WINIWARTER (Klagenfurt) plädierte in ihrem Kommentar dafür, Abfall nicht als Randgröße historischer Forschung zu betrachten. Sie merkte zunächst an, die Zusammensetzung des Abfalls genauer zu betrachten, sich also qualitativ mit dem Thema „Müll“ zu befassen insbesondere für die Zeit der Bundesrepublik, in der der Anteil an Kunststoff sehr stark zugenommen habe. Außerdem regte sie an, sich mit Metaphern rund um das Thema Abfallentsorgung näher zu befassen, wie es Heike Weber in ihrem Vortrag bereits getan hatte („Schaffet Werte aus Nichts“). Die dritte Anregung der Kommentatorin bezog sich auf die räumliche Dimension des Themas „Abfall“, also beispielsweise die Relationen zwischen Stadt und Land, die Asphaltierung großer Gebiete und den Transportaufwand. Des Weiteren gab sie zu bedenken, dass in einer Kriegssituation die marktorientierte Logik bei Privathaushalten aufgegeben und durch eine subsistenzorientierte Denkweise ersetzt werde. Generell, aber auch besonders in Kriegszeiten, existieren, so Winiwarter, nationalstaatliche Züge bei der Abfallverwertung, die auch als Wertzuschreibungsprozesse betrachtet werden könnten. Im Blickfeld sollte in jedem Fall die Interaktion zwischen öffentlichen und privaten Akteuren bleiben, wodurch zugleich gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden könnten.

In der Diskussion wurde zunächst die Frage diskutiert, ob sich die Zusammensetzung des Abfalls sozial unterscheide. Heike Weber bejahte diese Frage (dies gelte zumindest für die Zeit vor den 1970er-Jahren, danach habe eine Egalisierung stattgefunden) und betonte, dass sich bürgerliche Frauen in Verbänden engagiert hätten, Arbeiterfrauen sich aber in großem Maße an der Wiederverwertung beteiligt hätten. Des Weiteren wurde gefragt, inwieweit eine ideologische Aufladung des Themas „Wiederverwertung“ nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestanden habe und ob der Umweltbegriff in diesem Zusammenhang eine eigene Bedeutung habe oder eine quasi neue Ideologie darstelle. Die Referenten betonten den Eigenwert des Umweltbegriffs, der sich aus der „Stadthygiene“ entwickelt habe und mit der Zeit eine Eigendynamik entwickelt habe. Inwieweit das Thema Energiekosten mit dem Thema „Abfall“ in Verbindung steht und untersucht werden sollte, konnte nicht mehr abschließend geklärt werden. Betont wurde in der Diskussion ebenso, dass die Kategorie „Wissen“ eine große Rolle spiele. Beispielsweise sei interessant zu erforschen, welche Akteure über lokale „Unorte“ Bescheid wüssten, oder ob ein Bewusstsein darüber bestehe, welcher Abfall gefährlich sei bzw. insbesondere welche Gefahren und Risiken bestünden, von denen man nichts wüsste.

Die Sektion zeigte, wie unterschiedlich die Umgangsweise mit Abfall im 20. Jahrhundert war und aus welchen verschiedenen Blickwinkeln sich die Geschichtswissenschaft mit diesem Thema beschäftigen sollte. Interessant wären ein diachroner Vergleich mit früheren Epochen – die Wiederverwertungskampagnen in den Weltkriegen konnten durchaus an ein bereits zuvor etabliertes Wissen über Abfallverwertung anknüpfen – sowie eine Gegenüberstellung mit anderen nationalen Konzepten der Wiederverwertung. Auch scheint interessant zu sein, in welcher Weise diese Konzepte miteinander verknüpft sind und auf welchen Traditionen sie beruhen. Insgesamt kann man bemerken, dass die Abfallproblematik in der Umweltgeschichte noch nicht erschöpfend betrachtet worden ist, gerade auch im Hinblick auf immer neue Arten von Müll und ihren negativen Folgen für Mensch und Natur (Wissen vs. Nicht-Wissen) und in Verbindung mit dem Begriff Energie(kosten).

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Roman Köster (München) / Heike Weber (Berlin)

Roman Köster (München): Einführung

Heike Weber (Berlin): „Schaffet Werte aus dem Nichts!“: Frauen und die Wiederverwertung von Küchenresten im Ersten Weltkrieg und während der NS-Zeit

Chad Denton (Seoul): Récuperez! – Die französische Recycling-Kampagnen zwischen 1939-1945 und ihre deutschen Ursprünge

Roman Köster (München): Abschied von der „verlorenen Verpackung“. Die Geschichte des Recyclens von Hausmüll in Westdeutschland 1945-1990

Christian Möller (Bielefeld): Abfallwirtschaft in der DDR. Sozialistische Verwertungskonzepte und Entsorgungspraxis zwischen Ökonomie und Ökologie

Verena Winiwarter (Klagenfurt): Kommentar

Anmerkung:

[1] Vgl. Nancy Reagin, Sweeping the german Nation. Domesticity and national Identity in Germany, New York 2007.
[2] Vgl. Klaus Ungewitter, Verwertung des Wertlosen, Berlin 1938.

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Zwischen Knappheit und Überfluss: Abfall als Problem und Ressource in der Geschichte. 25.09.2012–28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 11.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4541>.

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